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Full text of "Christus und die menschliche Seele"

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RUDOLF STEINER GE SAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Christus und die menschliche Seele 

Uber den Sinn des Lebens 
Theosophische Moral 
Anthroposophie und Christentum 

10 Vortrage, gehalten in 
Kopenhagen und Norrkoping 
vom 23. bis 30. Mai 1912 und 12. bis 16. Juli 1914 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/ SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. Auflage besorgten 
Paul G. Bellmann, Johannes Hauri und Margrith Zemann 



1. Aufl age in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1960 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1982 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 155 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf Rudolf Steiners 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1550-9 



*Lu den Verbffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchlufS des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



OBER DEN SINN DES LEBENS 

ErsterVortrag, Kopenhagen, 23. Mai 1912 

Die Frage nach dem Sinn des Daseins. Entstehen und Vergehen in der 
Natur und im Menschenleben, Die hebraische Legende von der Erschaf- 
fung des Menschen. Buddhas Leidenslehre. Die Erde als Leib geistiger 
Wesenheiten und der Zusammenhang des Menschen mit seiner Erden- 
umgebung. Die orientalischen Weltanschauungen bauen auf die durch 
viele Inkarnationen wandelnde Individualitat, auf die Bodhisattvas, die 
abendlandische Kultur baut auf die Personlichkeit. Die Hinzufugung des 
Individuellen zum Personlichen durch die Geisteswissenschaft. Elias, 
Johannes der Taufer und Raffael: in ihnen lebt dieselbe Individualitat als 
Verkiinder des Christus-Impulses. Raffaels Gemalde. Der Einflufi seines 
friih verstorbenen Vaters auf seine kunstlerische Entwickelung. Die Wie- 
derverkorperung Raffaels in Novalis. 

ZweiterVortrag, Kopenhagen, 24. Mai 1912 

Entstehen und Vergehen zahlloser Lebenskeime, die nicht zur Entwicke- 
lungsreife gelangen. Das Reich unermefilicher Visionsmoglichkeiten und 
das Finden derjenigen Bilder, die wirklich eine geistige Realitat zum Aus- 
druck bringen, durch das Sich-Erheben zur Inspiration. Wie diese visiona- 
re Welt sich verbinden mufi mit der Welt draufien, damit die Entwicke- 
lung des Tier- und Pflanzenreiches vorwartsschreken kann. Der Mensch 
als Mitakteur irh Weltprozefi. Das gottliche Bewufitsein. Die fortschrei- 
tende Erdenkultur und der Christus-Impuls. Die Menschenseele als der 
Schauplatz, wo Gotterziele erreicht werden sollen. 

THEOSOPHISCHE MORAL 

E rster V ortrag , Norrkoping ,28. Mai 1912 

Instinktive Moral und moralische Prinzipien. Schopenhauers Ausspruch: 
Moral predigen ist leicht, Moral begriinden schwer. Hinfuhrung zu den 
Quellen der moralischen Impulse. Indische Andacht und nordischer 
Starkmut. Die neuen moralischen Impulse des funften nachatlantischen 
Kulturzeitraumes. «Der arme Heinrich* des Hartmann von Aue. Das mo- 
ralische Wirken des Franz von Assisi. Jugendliche Verschwendungssucht 
und Verschwendung moralischer Krafte. Die Heilwirkung moralischer 
Impulse. 

ZweiterVortrag, Norrkoping, 29. Mai 1912 

Die Kasten-Einteilung der Inder und die Stande-Gliederung der europai- 
schen Bevolkerung. Ursache der Unmoralitat der unteren Schichten der 



europiiischen Volker. Strengste Geheimhaltung des Weisheitsgutes in 
den europiiischen Mysterien. Unterschied 2wischen Rassenentwickelung 
und Seelenentwickelung. Das Aussterben der unteren europiiischen Be- 
volkerungsschichten. Verwesungsdamonen und Aussatz. Die kolchischen 
Mysterien am Schwarzen Meer: Buddha-Impuls und Christus-Impuls. 
Franz von Assisi als Schiiler dieser Geheimschule in einer fruheren Inkar- 
nation. Das Wirken des Christus-Impulses in Franz von Assisi als Ur- 
sprung seiner moralischen Kraft. Uber die physische Vorfahrenschaft der 
Apostel. Die Moralitat im Menschen ist ein urspriinglich gottliches Ge- 
schenk. Unmorahtat als Folge geistiger Verirrungen und ihre Wiedergut- 
machung. Die Tugenden in der Lehre Platos. 

DritterVortrag, Norrkoping, 30. Mai 1912 107 

Das zerstorende Bose in der Menschheitsevolution. Das richtige Verhal- 
ten gegeniiber dem Bosen durch die Herstellung des Gleichgewichtes 
zwischen den beiden Abirrungen der Selbstaufgabe und des Egoismus. 
Die alten instinktiven und die neu zu erringenden Tugenden. Die Tu- 
gend der Empfindungsseele: Instinktive Weisheit wird durch den 
Christus-Impuls umgewandelt in bewufite Wahrhaftigkeit; die Tugend 
der Verstandes- oder Gemiitsseele: Starkmut, Tapferkeit wird in Lie be 
umgewandelt; die Tugend der Bewufitseinsseele: instinktive Miifiigkeit, 
Besonnenheit wird Lebensweisheit. Das Zusammenwirken der morali- 
schen Impulse mit dem Christus-Impuls in der zukunftigen Menschheits- 
evolution. Die zukunftigen Hiillen des Christus-Impulses: die Bildung 
des Astralleibes des Christus durch die Taten des Glaubens und Erstau- 
nens, des Atherleibes durch die Taten der Liebe, des physischen Leibes 
durch die Taten des Gewissens. 



CHRISTUS UND DIE MENSCHLICHE SEELE 

ErsterVortrag, Norrkoping, 12. Juli 1914 141 

Die zwei Zielpunkte der menschlichen Seelenentwickelung auf Erden: 
der freie Wille und die Erfassung des Gottlichen. Die beiden damit in 
Zusammenhang stehenden religiosen Gaben: Siindenfall und Versu- 
chung und das Mysterium von Golgatha. Die vorbereitende Stimmung der 
Menschenseele fur die Aufnahme der Christus-Wesenheit. Der Grund- 
charakter des Alten Testamentes: Wille; der heidnischen Mysterien: 
Weisheit. Die Verfinsterung der Seele und die Forderung zum «Erkenne 
dich selbst*. Der Sinn der Unsterblichkeit und das Hindurchtragen der 
Individualist durch Bewufitheit und Liebe. Die tJberwindung des Todes 
im Mysterium von Golgatha. Uber «christliche» Gegner der Anthropo- 
sophie. 



ZweiterVortrag, Norrkoping, 14. Juli 1914 



161 



Das Vertrauen in die fortdauernde Wirklichkeit der Weltenordnung und 
das Unsichere unserer Ideale. Durch den Christus wird das, was der 
Mensch auf Erden als Weisheit erringt, nicht nur Keim seines eigenen 
Fortschreitens, sondern Saat fiiir die ganze Menschhek, wenn der Mensch 
den Christus im Leben in sich aufgenommen hat. Alle seine Ideale, die er 
dem Christus ubergibt, sind Keime fur die zukunftige Realitat. Das hat 
auch schon fur die Ideale auf Erden Giiltigkeit, insbesondere aber nach 
dem Tode. Das Beispiel Christian Morgensterns und Maria Strauch- 
Spettinis. 

DritterVortrag, Norrkoping, 15. Juli 1914 176 

Uber die Siindenvergebung durch den Christus. Siinde und Schuld als 
individuelle Tatsache und als objektive Weltentatsache. Die iiberirdische 
Christus-Kraft. Tilgung der Schuld durch das Mysterium von Golgatha 
fiir die Erdenentwickelung. 

VierterVortrag, Norrkoping, 16. Juli 1914 195 

Wahrheit als Lebenskraft und als Erkenntniskraft. Warum mufite Chri- 
stus todverwandt werden? Die phantomartige Ausstrahlung des Men- 
schen. Wiederbelebung des Toten durch das Hereindringen des Christus. 
Die Verbindung des Christus mit unseren Erdenresten. Christus, der 
Sundentrager. Die Bekraftigung des Verhaltnisses der Seele zum Christus 
durch die Siindenvergebung. 



Die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft. Anwendung naturwissen- 
schaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben. Der Mensch als Instru- 
ment der Geistesforschung. Vorbereitungen zur Geistesforschung. Ab- 
sonderung des Geistig-Seelischen vom Leiblichen. Das Sich-Erleben aufler- 
halb des Leibes. Das Sichverbinden mit geistigen Wesenheiten. Das Ken- 
nenlernen des eigenen seelischen Wesenskernes, der durch wiederholte 
Erdenleben geht. Die Erforschung der Menschheits- und Schicksals- 
fragen. Die Geisteswissenschaft als Instrument zu einem tieferen Verste- 
hen des Christentums. Die Vereinigung des kosmischen Christus- 
Wesens mit der Erdenmenschheit im Mysterium von Golgatha. Das My- 
sterium von Golgatha als Mittelpunktsereignis des Erdendaseins. 

Hinweise / Namenregister 243/249 

Rudolf Steiner iiber die Vortragnachschriften 251 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 253 



ANTHROPOSOPHIE UND CHRISTENTUM 



OffentlicherVortrag, Norrkoping, 13. Juli 1914 



215 



OBER DEN SINN DES LEBENS 



ERSTER VORTRAG 
Kopenhagen, 23. Mai 1912 



In diesen beiden Abendbetrachtungen mochte ich zu Ihnen sprechen, 
von dem Gesichtspunkte der okkulten Forschung aus, iiber eine oft- 
mals und eindringlich von den Menschen hingestellte Frage, iiber die 
Frage: "Was ist der Sinn des Lebens? Nun werden wir, wenn wir uns 
an diesen beiden Abenden in unseren Betrachtungen nahern wollen 
dem, was gesagt werden kann iiber diesen Sinn des Lebens, uns heute 
erst eine Art von Grundlage, eine Art von Basis schaffen miissen, auf 
die wir dann sozusagen das Gebaude von Erkenntnissen aufbauen 
werden, die, wenn auch kurz und skizzenhaft, uns doch eine Antwort 
geben konnen auf die gestellte Frage. 

"Wenn der Mensch zunachst fur seine Sinneserkenntnis und fur sein 
gewohnliches Leben an sich vortibergehen lafit dasjenige, was ihn um- 
gibt, was er beobachten kann, und wenn er dann auch einen Blick auf 
das eigene Leben wirft, so kommt eigentlich nicht viel mehr dabei 
zustande als hochstens eben eine Fragestellung, eine schwere, bange 
Ratselfrage. Da sieht der Mensch dann entstehen und vergehen die 
Wesenheiten der aufieren Natur. Er kann ja das jedes Jahr betrachten, 
wie im Friihling die Erde ihm schenkt, aufgefordert von den Kraften 
der Sonne und des Kosmos, die Pflanzenwesen, die da griinen und 
spriefien und ihre Fruchte tragen den Sommer hindurch. Gegen den 
Herbst zu, da sieht der Mensch weiter, wie diese "Wesenheiten wieder 
vergehen. Einige bleiben zwar durch Jahre hindurch, zuweilen sogar 
recht, recht lange Jahre, wie zum Beispiel unsere lang andauernden 
Baume. Aber auch von ihnen weifi der Mensch, dafi, wenn sie ihn auch 
manchmal iiberdauern in ihrer Lebenszeit, sie doch vergehen, ver- 
schwinden, hinuntersinken in das, was in der groften Natur das Gebiet 
des Leblosen ausmacht. Insbesondere weifi er, wie, bis in die allergrofi- 
ten Tatsachen des Naturgeschehens hinein, iiberall Entstehen und Ver- 



gehen herrscht, und selbst die Kontinente, die heute den Boden bilden, 
auf dem sich ausbreiten die Kulturentwickelungen, sie waren, wir 
wissen das, zu gewissen Zeiten nicht da. Sie haben sich erst im Laufe 
der Zeit erhoben, und wir wissen genau, daft sie auch wieder in Triim- 
mer gehen werden. 

So sehen wir Entstehen und Vergehen um uns herum. Sie konnen 
es fiir das Pflanzen- und das Mineralreich sowohl wie auch fur das 
Tierreich verfolgen, dieses Entstehen und Vergehen. Was ist nun der 
Sinn des Ganzen ? Immer entsteht, immer vergeht etwas um uns herum. 
Was ist der Sinn dieses Entstehens und Vergehens ? Wenn wir in unser 
eigenes Menschenleben hineinblicken und da sehen, wie wir die Jahre 
und Jahrzehnte hindurch gelebt haben, so haben wir auch in unserem 
eigenen Leben Entstehen und Vergehen gesehen. Wenn wir uns ent- 
sinnen an die friihere Zeit der Jugend: dahingeschwunden ist sie, und 
nur als eine Erinnerung ist sie uns geblieben. Das, was da geblieben ist, 
ist im Grunde nur eine Anregung zu einer bangen Lebensfrage. Wir 
fragen ja, wenn wir dieses oder jenes getan haben: Was ist daraus ge- 
worden, was ist entstanden dadurch, daft wir das oder jenes getan 
haben? Das Wichtigste dabei ist, daft wir selber dabei ein Stikkchen 
weitergekommen sind, daft wir gescheiter geworden sind. Meist ist die 
Sache aber so, daft wir erst dann, wenn die Dinge von uns gemacht 
worden sind, wissen, wie sie hatten gemacht werden sollen. Dann 
wissen wir, daft alles viel besser hatte gemacht werden konnen, wenn 
wir nicht mehr in der Lage sind, es besser zu machen, so daft wir tat- 
sachlich in unser Leben einschlieften all die Fehler, die wir machen. 
Durch unsere Fehler, durch unsere Irrtiimer sammeln wir aber gerade 
unsere weitgehendsten Erfahrungen. 

Eine Frage stellt sich uns dar, und es scheint, als ob das, was wir 
mit Sinnen erfassen und mit dem Verstande begreifen konnen, keine 
Antwort darauf geben konnte. In dieser Lage sind wir Menschen 
heute, daft dasjenige, was um uns herum ist, uns eine bange Lebens- 
frage, namlich die Frage: Was ist der Sinn des ganzen Daseins? auf- 
erlegt und namentlich auch die Frage: Warum sind wir Menschen in 
dieses Dasein so hineingestellt ? Also fiir uns Menschen stellt sich zu- 
nachst diese Frage vor uns hin. 



Eine aufterordentlich interessante Legende des hebraischen Alter- 
tums sagt uns, dafi in diesem hebraischen Altertum ein Bewulksein 
vorhanden war, dafi diese bange Frage, die wir aufgeworfen haben 
uber den Sinn des Lebens und namentlich iiber den Sinn des Menschen, 
eigentlich nicht nur den Menschen, sondern noch ganz anderen "Wesen 
aufgeht. Diese Legende ist aufierordentlich lehrreich und heifit so: Als 
die Elohim daran gehen wollten, den Menschen zu schaffen nach 
ihrem Bilde und Gleichnisse, da fragten die sogenannten Dienst-Engel 
der Elohim, also gewisse Geister von niedrigerer Art, als die Elohim 
selber sind, den Jahve oder Jehova: Warum sollen die Menschen nach 
dem Bilde und Gleichnisse des Gottes geschaffen werden? Da ver- 
sammelte, so geht die Legende weiter, Jahve die Tiere und die Pflan- 
zen, die hervorsprieften konnten schon zu einer Zeit, bevor noch der 
Mensch in seiner Erdengestalt vorhanden war, und dann versammelte 
Jahve oder Jehova auch die Engel, die sogenannten Dienst-Engel, das 
heifit diejenigen, die unmittelbar den Dienst bei Jahve oder Jehova 
verrichteten. Er zeigte diesen nun die Tiere und auch die Pflanzen und 
fragte sie, wie denn diese Pflanzen und diese Tiere heifien, was sie fiir 
Namen haben. Die Engel wufiten nicht die Namen der Tiere und die 
Namen der Pflanzen. Da wurde geschaffen der Mensch so, wie er war 
vor dem Siindenfalle. Und wieder versammelte Jehova oder Jahve die 
Engel, die Tiere und die Pflanzen und fragte darauf vor den Engeln 
den Menschen, wie die Tiere, die er der Reihe nach vor dem Blicke des 
Menschen vorbeigehen Hefi, hiefien, welche Namen sie hatten, und 
siehe da, der Mensch konnte antworten: Dieses Tier tragt diesen Na- 
men, jenes Tier jenen, diese Pflanze hat diesen Namen, jene Pflanze 
hat jenen. Und dann fragte Jehova den Menschen: Welches ist dein 
eigener Name? Da sagte der Mensch: Ich mufi eigentlich Adam hei$en. 
— Adam hangt zusammen mit Adama und heifit: aus Erdenschlamm, 
Erdenwesen; so ist Adam zu iibersetzen. — Und wie soli ich selber 
heiften? fragte dann Jehova den Menschen. Du sollst heifkn Adonai, 
du bist der Herr aller auf der Erde geschaffenen Wesen, antwortete 
der Mensch, und die Engel hatten nun eine Ahnung, welcher Sinn 
verbunden war mit dem menschlichen Dasein auf Erden. 

Religiose Oberlieferungen und religiose Ausdriicke stellen die wich- 



tigsten Lebensratsel oft sehr einfach dar, aber die Sache ist deshalb 
doch schwierig, weil wir erst hinter ihre Einfachheit kommen mussen, 
weil wir erst einsehen mussen, was dahintersteckt. Gelingt uns dies, 
dann enthiillen sich uns grofie Weistiimer, dann enthiillt sich uns ein 
tiefes Wissen. So wird es wohl auch bei dieser Legende sein, die wir 
zunachst nur vor uns hinstellen wollen, denn die beiden Vortrage 
werden uns eine Art von Antwort auf die fur uns in dieser Legende 
liegenden Fragen geben. 

Nun wissen Sie, dafi in einer ganz grandiosen Form eine gewisse 
Religionsstrdmung die Frage nach dem Wert und Sinn des Daseins 
gestellt hat, indem sie ihrem eigenen Religionsstifter in einer iiber- 
waltigend grolSen Form diese Frage in den Mund legte. Sie kennen 
sie alle, die Mitteilungen iiber den Buddha, welche besagen, da&, als 
er aus dem Palaste, in den er hineingeboren war, hinausging und ihm 
gezeigt worden sind die Ereignisse des Lebens, von denen er innerhalb 
seines Palastes in der in Betracht kommenden Inkarnation noch keine 
Ahnung hatte, er im tiefsten bestiirzt war iiber das Leben und das 
Urteil fallte: Leben ist Leiden, das, wie wir wissen, in die vier Glieder 
zerfallt: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, 
Tod ist Leiden, wozu noch hinzugefiigt wird: Vereint sein mit den- 
jenigen, die man nicht liebt, ist Leiden, getrennt sein von denen, die 
man liebt, ist Leiden, nicht erreichen konnen, was man anstrebt, ist 
Leiden. — Dann wissen wir, dafi der Sinn des Lebens innerhalb dieser 
Religionsgemeinschaft dadurch herauskommt, dafi gesagt wird: Einen 
Sinn bekommt das Leben, das Leiden, nur dadurch, dafi es iiber- 
wunden wird, da$ es iiber sich selbst hinausgeht. 

Im Grunde genommen sind alle die verschiedenen Religionsbekennt- 
nisse, auch alle Philosophien und Weltanschauungen, ein Versuch, die 
Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Nun werden wir 
nicht in einer philosophisch-abstrakten Weise an die Frage herangehen, 
sondern einstweilen in einer Art okkulter Form uns etwas vor Augen 
stellen von den Erscheinungen des Lebens, von den Tatsachen des 
Lebens. Wir werden versuchen, in diese Tatsachen etwas tiefer hinein- 
zuschauen, um zu sehen, ob eine tiefere okkulte Lebensbetrachtung 
etwas liefert zur Beantwortung der Frage iiber den Sinn des Lebens. 



Greifen wir die Sache wieder da auf, wo wir schon hingedeutet 
haben auf das jahrliche Entstehen und Vergehen in der sinnenfalligen 
Natur, auf das Leben, auf das Entstehen und Vergehen in der Pflan- 
zenwelt. Der Mensch sieht im Friihling aus der Erde herausspriefien 
die Pflanzen. Was da aus der Erde herausspriefit und sprolk, erweckt 
seine Freude, erweckt seine Lust. Er wird gewahr, dafi sein ganzes 
Dasein zusammenhangt mit der Pflanzenwelt, denn ohne sie konnte 
er nicht da sein. So fiihlt er, wie das, was gegen den Sommer hin aus 
der Erde alles herauskommt, mit seinem eigenen Leben zusammen- 
hangt. Er fiihlt dann auch, daft im Herbste das, was in gewisser Weise 
zu ihm gehort, wieder vergeht. 

Es liegt nahe, dafi der Mensch das, was er da entstehen und ver- 
gehen sieht, mit seinem eigenen Leben vergleicht. Da ist es fur eine 
auftere, rein sinnenfallige und verstandesmafiige Beobachtung auch 
recht naheliegend, das fruhlmgsmafiige Hervorgehen der Pflanzen aus 
der Erde zu vergleichen, sagen wir, mit dem Aufwachen des Menschen 
am Morgen, und das Hinwelken und Vergehen der Pflanzenwelt im 
Herbste zu vergleichen mit dem Einschlafen des Menschen am Abend. 
Aber ein solcher Vergleich ware ganz aufierlich. Er wurde aufier acht 
lassen die eigentlichen Ereignisse, in die wir schon durch die elemen- 
taren Wahrheiten des Okkultismus eindringen konnen. Was geschieht, 
wenn wir des Abends einschlafen? Wir wissen, wir lassen im Bette 
zuriick unseren physischen Leib und unseren Atherleib. Mit unserem 
Astralleibe und unserem Ich Ziehen wir uns aus unserem physischen 
Leibe und unserem Atherleibe heraus. Wir sind dann mit unserem 
Astralleibe und unserem Ich wahrend der Nacht, vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen, in einer geistigen Welt. Wir holen uns aus dieser 
geistigen Welt die Krafte, die wir brauchen. Aber nicht nur unser 
Astralleib und unser Ich, sondern auch unser physischer Leib und unser 
Atherleib machen eine Art Wiederherstellung, eine Art Regeneration 
durch wahrend des nachtlichen Schlafes, wo sie gewohnlich, vom 
Astralleibe und Ich getrennt, im Bette liegen. 

Wenn man hellseherisch herabblickt vom Ich und dem Astralleib 
auf den Ather- und physischen Leib, so sieht man, was durch unser 
Tagesleben zerstort worden ist, sieht, wie das, was sich da in der Er- 



miidung ausdruckt, als Zerstorung vorhanden ist und wahrend der 
Nacht wiederhergestellt wird. In der Tat, das ganze bewulke Leben 
des Tages, wenn wir es ins Auge fassen in seinem Zusammenhang mit 
dem menschlichen BewuBtsein und in seinem Verhaltnis zum physi- 
schen und Atherleib, ist eine Art Zerstorungsprozefi fiir den physischen 
und Atherleib. Wir zerstoren damit immer etwas, und die Tatsache, 
daft wir zerstoren, driickt sich in der Ermiidung aus. Das Zerstorte 
wird in der Nacht dann wiederhergestellt. 

Wenn man nun hinschaut auf das, was da geschieht, wenn wir uns 
mit dem Astralleibe und Ich herausgehoben haben aus dem Ather- und 
physischen Leibe, dann ist es so, wie wenn wir ein verwustetes Feld 
zuriickgelassen hatten. In dem Augenblicke aber, wo wir draufien sind 
aus dem physischen und Atherleibe, fangt es an, sich nach und nach 
wiederherzustellen. Da ist es so, wie wenn die Krafte, die dem phy- 
sischen und Atherleibe angehoren, anfangen wtirden zu bluhen und zu 
sprossen, wie wenn eine ganze Vegetation auf dem Grunde der Zer- 
storung sich erheben wiirde. Je weiter es in die Nacht hineingeht, je 
langer der Schlaf dauert, desto mehr sprofit und spriest es da im 
Atherleibe auf. Je mehr es gegen den Morgen zu geht, je mehr wir mit 
unserem Astralleibe wieder hineingehen in den physischen und Ather- 
leib, desto mehr beginnt wieder mit dem physischen und Atherleibe 
eine Art Verwelken, eine Art Verdorren. 

Kurz, wenn das Ich und der Astralleib am Abend beim Einschlafen 
des Menschen aus der geistigen Welt herabschauen auf den physischen 
und Atherleib, dann sehen sie dieselbe Erscheinung, wie man sie in 
der grofSen Welt draufien sieht, wenn die Pflanzen sprossen und sprie- 
f?en im Friihlinge. Wir mussen daher, wenn wir innerlich vergleichen, 
unser Einschlafen und den Beginn des Schlafzustandes in der Nacht 
in Wahrheit vergleichen mit dem Fruhling in der Natur, und die Zeit 
des Aufwachens, die Zeit des Wiederhineinlebens des Ichs und des 
astralischen Leibes in den physischen und Atherleib vergleichen mit 
dem, was der Herbst drauften in der Natur ist. Vergleichen wir so, dann 
vergleichen wir richtig, nicht aber, wenn wir in umgekehrter Weise 
vergleichen. Umgekehrt vergleichen wir aulSerlich. In uns selbst ent- 
spricht der Fruhling dem Einschlafen und der Herbst dem Aufwachen. 



Wie stellt sich nun die Sache dar, wenn der okkulte Beobachter, 
derjenige, der wirklich in die geistige Welt sehen kann, den Blick 
richtet auf die auftere Natur, wie sie verlauft im Laufe des Jahres? 
Was sich fur einen solchen okkulten Blick ergibt, das lehrt uns, dafi 
wir nicht aufierlich, sondern innerlich vergleichen miissen. Was uns 
die okkulte Beobachtung zeigt, das lehrt uns, dafi ebenso, wie mit dem 
physischen und Atherleibe des Menschen verbunden sind der Astral- 
leib und das Ich, mit der Erde verbunden ist dasjenige, was wir das 
Geistige der Erde nennen. Die Erde ist gleichsam auch ein Leib, ein 
weit ausgedehnter Leib. Wenn wir sie nur betrachten in bezug auf ihr 
Physisches, so ist das so, wie wenn wir den Menschen nur in bezug 
auf das Physische betrachten wiirden. Vollstandig betrachten wir die 
Erde, wenn wir sie betrachten als den Leib von geistigen Wesenheiten, 
in derselben Weise, wie wir auch beim Menschen den Geist als zu dem 
Leibe gehorig betrachten. Ein Unterschied ist jedoch da. Der Mensch 
hat ein einheitliches Wesen, das seinen physischen und atheri- 
schen Leib beherrscht. Ein einheitliches Seelisch-Geistiges entspricht 
dem, was physischer Menschenleib und atherischer Menschenleib 
ist. Viele Geister zunachst entsprechen aber dem Erdenleibe. Was 
also beim Menschen eine Einheit ist mit Bezug auf das Geistig- 
Seelische, bei der Erde ist es eine Vielheit. Das ist der nachste Unter- 
schied. 

Wenn wir diesen Unterschied hinnehmen, dann ist gleich darauf 
alles tibrige in gewisser Beziehung ahnlich. Fur den okkulten Blick 
zeigt es sich im Friihling so, dafi in demselben Mafie, in dem die Pf lan- 
zen aus der Erde herauskommen, in dem das Griin hervorspriefit, die- 
jenigen Geister, die wir als die Erdengeister bezeichnen, von der Erde 
fortgehen. Nur ist es dabei wieder so, dafi sie nicht wie beim Menschen 
absolut fortgehen, sondern sie lagern sich in gewisser Weise in der Erde 
um, sie gehen auf die andere Seite der Erde. Wenn auf der einen Halb- 
kugel der Erde Sommer ist, ist auf der anderen Winter. Bei der Erde 
geschieht das so, dafi dasjenige, was ihr Geistig-Seelisches ist, von der 
nordlichen Halbkugel zur siidlichen bewegt wird, wenn auf der nord- 
lichen Halbkugel Sommer wird. Das andert daran nichts, daft der 
okkulte Blick fur den Menschen, der auf irgendeinem Teil der Erde 



den Friihling erlebt, sieht, daft die Geister der Erde fortgehen. Er sieht, 
wie sie sich erheben und hinausgehen ins weite Weltall. Er sieht sie 
nicht hiniibergehen, sondern fortgehen, ebenso wie er, wenn der 
Mensch e'mschl'Ht, das Ich mit dem Astralleibe fortgehen sieht. Und 
ebenso sieht der Hellseher fortgehen die Geister der Erde von dem, 
womit sie verbunden waren. Wahrend des Winters, als die Erde mit 
Eis und Schnee bedeckt war, da waren die Krafte eben mit der Erde 
in Verbindung. Das Umgekehrte ist der Fall im Herbste. Da sieht der 
okkulte Blick herankommen die Erdengeister, sieht, wie sie sich wieder 
mit der Erde verbinden. Und in der Tat tritt dann fiir die Erde etwas 
Ahnliches ein wie beim Menschen: eine Art Selbstbewufksein. Wah- 
rend des Sommers weift der geistige Teil der Erde nichts von dem, was 
um ihn herum im Weltall vorgeht. Aber im Winter weifi der Geist der 
Erde, was im Weltall rings um ihn vorgeht, so wie der Mensch, wenn 
er aufwacht, dasjenige weifi und schaut, was um ihn herum vorgeht. 
So gilt die Analogie vollstandig, nur mufi sie umgekehrt gemacht wer- 
den als das aufierliche Bewufltsein sie macht. 

Wenn wir allerdings die Sache ganz vollstandig betrachten wollen, 
so diirfen wir nicht nur sagen: Wenn im Friihling aus der Erde heraus- 
spriefien und -sprossen die Pflanzen, dann gehen die Erdengeister fort, 
denn mit den herausspriefienden und -sprossenden Pflanzen kommen 
in der Tat andere, machtigere Geister heraus, wie aus den Untergriin- 
den der Erde, wie aus den Tiefen der Erde, wie aus dem Innern der 
Erde. Deshalb haben die alten Mythologien recht gehabt, wenn sie 
zwischen oberen und unteren Gottern unterschieden haben. Nur wenn 
der Mensch von solchen Gottern gesprochen hat, die im Friihling fort- 
gehen, im Herbst wiederkommen, sprach er von den oberen Gottern. 
Es gab machtigere Gotter, altere Gotter. Die Griechen rechneten sie 
zu den chthonischen Gottern. Die kommen herauf , wenn im Sommer 
alles spriefk und sprolk, und sie senken sich wieder hinunter, wenn 
wahrend des Winters die eigentlichen Erdengeister sich mit dem Leibe 
der Erde vereinigen. 

Das sind die Tatsachen. Nun mochte ich gleich hier bemerken, daft 
ein gewisser Gedanke, der aus der Natur- und okkulten Forschung 
genommen ist, von ungeheurer Bedeutung ist fiir das menschliche 



Leben. Durch diese Forschung zeigt sich ja, daft wir im Grunde ge- 
nommen wirklich, wenn wir den einzelnen Menschen betrachten, 
etwas vor uns haben wie ein Abbild des groften Erdenwesens selber. 
Und was sehen wir, wenn wir den Blick hinrichten auf die Pflanzen, 
die anfangen zu sprossen und sprieften ? Da sehen wir genau dasselbe, 
was der Mensch tut, wenn er in sich lebt im Schlafen. Wir haben genau 
gesehen, daft das eine vollstandig dem andern entspricht. Wie die ein- 
zelnen Pflanzen zu dem Menschenleibe stehen, was sie fur das Men- 
schenleben bedeuten, das kann man nur erkennen, wenn man einen 
solchen Zusammenhang iiberschaut. Denn es ist in der Tat wahr, daft 
man sieht, wenn man genau zuschaut, wie beim Einschlafen des Men- 
schen in seinem physischen und atherischen Leibe alles aufsprieftt und 
sproftt, daft man sieht, wie da eine ganze Vegetation beginnt, sieht, 
wie der Mensch eigentlich ein Baum ist, oder ein Garten, in dem die 
Pflanzen wachsen. 

Wer das mit okkultem Blick verfolgt, sieht, wie das Sprieften und 
Sprossen im Innern der Menschen entspricht dem, was drauften in der 
Natur sprieftt und sproftt. Und so konnen Sie sich einen Begriff ma- 
chen, was da werden kann, wenn man in Zukunft einmal die Geistes- 
wissenschaft, die man heute noch grofttenteils als eine Narretei an- 
sieht, aufs Leben anwenden wird, wenn man sie fruchtbar machen wird. 
Da haben wir zum Beispiel einen Menschen, dem dieses oder jenes 
fehlt in seinen aufleren Tatsachen des Lebens. Beobachten wir nun 
einmal, wenn dieser Mensch einschlaft, welche Pflanzenarten aus- 
bleiben, wenn sein physischer und sein Atherleib ihre Vegetation zu 
entwickeln beginnen. Sehen wir, daft auf der Erde an einer Stelle ganze 
Pflanzengattungen nicht hervorkommen, so wissen wir, dafi da etwas 
nicht ganz stimmt mit dem Wesen der Erde. Ebenso ist es auch mit 
dem Fortbleiben gewisser Pflanzen im physischen und Atherleib des 
Menschen. Um den Fehler beim Menschen nun gutzumachen, brauchen 
wir nur auf der Erde aufzusuchen die in dem betreffenden Menschen 
fehlenden Pflanzen und deren Safte in entsprechender Weise anzu- 
wenden, entweder in diatetischer Form oder als Arzneimittel, und wir 
werden dann, aus deren inneren Kraften, die Beziehung von Arznei 
und Krankheit finden. Daran konnen wir sehen, wie eingreifen wird 



Geisteswissenschaft in das unmittelbare Leben. Wir stehen aber erst 
am Anfange dieser Sache. 

Damit babe ich Ihnen in einem Gleichnis eine Art Naturgedanken 
gegeben iiber den Zusammenbang des Menschen und die Beziehung 
seines ganzen Wesens zu der Umgebung, in der er ja mit seinem Wesen 
selber darinnensteckt. 

Wir wollen jetzt einmal auf einem geistigen Gebiet die Sache ins 
Auge fassen. Da mochte ich gleich aufmerksam machen auf eine Sache, 
die aufterordentlich wichtig ist, namlich, daft unsere geisteswissen- 
schaftliche Weltanschauung, indem sie den Blick vom Standpunkte 
des Okkultismus schweifen laftt iiber die Menschheitsentwickelung, 
um den Sinn des Daseins zu entziffern, nicht etwa irgendeinera Be- 
kenntnisse, irgendeiner Weltanschauung einen aufterlichen Vorzug 
gibt vor irgendeinem anderen Bekenntnisse, vor irgendeiner anderen 
Weltanschauung. Wie oft ist es betont worden innerhalb unserer 
okkulten Stromung, daft wir hinweisen konnen auf dasjenige, was die 
Erdenmenschheit entwickelt und erlebt hat, unmittelbar nachdem die 
grofte atlantische Katastrophe iiber die Erde hereingebrochen war. 
Da erlebten wir als erste grofte nachatlantische Kultur die uralt-heiKge 
indische Kultur. Auch hier, an diesem One, haben wir schon iiber 
diese uralt-heilige indische Kultur gesprochen und betont, daft es eine 
so hohe Kultur war, daft es nur ein Nachklang ist, was in den Veden 
oder schriftlichen Oberlieferungen, die auf uns gekommen sind, noch 
davon vorhanden ist. Die uralteLehre, diehervorgegangen ist aus jener 
Zeit, ist nur in der Akasha-Chronik zu erblicken. Da blicken wir 
auf eine Hohe der Kultur, die seither nicht wieder erklommen wor- 
den ist. 

Die spateren Epochen hatten eine ganz andere Aufgabe. Wir wissen 
auch, daft ein Hinunterstieg stattgefunden hat seit jenen Zeiten. Wir 
wissen aber auch, daft wieder ein Aufstieg stattfinden wird und daft, 
wie wir schon bemerkt haben, Geisteswissenschaft dazu da ist, diesen 
Aufstieg vorzubereiten. Wir wissen, daft im siebenten nachatlantischen 
Kulturzeitraum eine Art Erneuerung der uralt-heiligen indischen Kul- 
tur da sein wird. So ist es also, daft wir nicht einen Vorzug geben 
irgendeiner religiosen Anschauung oder irgendeinem Bekenntnis. Mit 



gleichem Mafie werden sie gemessen, iiberall werden sie charakterisiert, 
iiberall wird der Wahrheitskern gesucht. 

Das aber, worauf es ankommt, ist, daft wir das Wesenhafte ins Auge 
fassen. Wir diirfen uns nicht beirren Iassen in der Betrachtung iiber 
das Wesen jedes einzelnen Religionsbekenntnisses, und wenn wir so an 
die Weltanschauungen herangehen, dann finden wir einen Grund- 
unterschied. Wir finden Weltanschauungen, die mebr orientalisieren- 
der Art sind, und solche, die mehr die Kultur des Abendlandes durch- 
drungen haben. Wenn wir uns nun dies besonders klarmachen, dann 
haben wir etwas, was uns grofte Aufschlusse gibt iiber den Sinn des 
Daseins. Da finden wir, daft die Alten schon etwas hatten, was wir 
uns jetzt erst wieder mit Miihe erobern miissen, namlich die Lehre von 
der Wiederkunft des Lebens. Die orientalisierenden Richtungen hatten 
das wie etwas, was aus den tiefsten Griinden des Lebens heraufstieg. 
Sie sehen noch, wie diese orientalisierenden Richtungen ihr ganzes 
Leben von diesem Gesichtspunkte aus gestalten, wenn Sie das Verhalt- 
nis des orientalischen Menschen zu seinen Bodhisattvas und seinen 
Buddhas ins Auge fassen. Wenn Sie ins Auge fassen, wie es dem Orien- 
talen weniger darauf ankommt, eine einzige Gestalt herauszunehmen 
mit diesem oder jenem bestimmten Namen als die regierende Macht 
der Menschheitsentwickelung, so sehen Sie zugleich, wieviel mehr es 
ihm darauf ankommt, die durch die verschiedenen Leben hindurch- 
gehende Individuality zu verfolgen. 

Die Orientalisten sagen, es gibt soundsoviele Bodhisattvas, hohe 

Wesenheiten, die ausgegangen sind von dem Menschen, aber sich nach 
und nach hinaufentwickelt haben zu jener Hohe, welche wir damit 
bezeichnen, daft wir sagen: Eine Wesenheit ist durch viele Inkarna- 
tionen gegangen und ist dann zu einem Bodhisattva geworden, wie 
Gautama, der Sohn des Konigs Sudhodana, es getan hat. Er war 
Bodhisattva und wurde Buddha. Der Name Buddha aber wird vielen 
gegeben dafiir, daft sie durch viele Verkorperungen hindurchgegangen, 
Bodhisattva geworden und dann zur nachsthoheren Wurde, zur 
Buddhawurde, aufgestiegen sind. Der Name Buddha ist ein General- 
name. Er gibt eine menschliche Wiirde an und ist nicht zu denken, 
ohne daft man auf das Geistig-Seelische blickt, das durch viele Inkar- 



nationen hindurch geht. In dieser Beziehung stimmt der Brahmanismus 
mit dem Buddhismus vollig iiberein, daft er den Blick hauptsachlich 
richtet auf das Individuelle, das durchgeht durch die verschiedenen 
Personlichkeiten, und weniger auf die einzelnen Personlichkeiten, 
denn es kommt auf dasselbe heraus, wenn der Buddhist sagt: EinBodhi- 
sattva ist dazu bestimmt, zu der hochsten menschlichen Wurde auf- 
zusteigen, zu der man aufsteigen kann, und dazu mufi er durch viele 
Inkarnationen hindurchgehen, das Hochste aber sehe ich in dem 
Buddha - oder ob der Anhanger des Brahmanentums sagt: Die Bodhi- 
sattvas sind in der Tat hochentwickelte Wesen und steigen dann zu 
den Buddhas auf, aber sie sind von den Avataren, den hoheren geisti- 
gen Individualitaten, ausgegangen. Sie sehen, die Betrachtung des 
Geistigen, das da durchgeht durch viele Inkarnationen, ist etwas, das 
diesen beiden orientalischen Anschauungen eigen ist. 

Nehmen wir aber nun das Abendland und sehen zu, was da das 
Grofie und Gewaltige war. Um in dieser Beziehung etwas tiefer zu 
schauen, miissen wir die alte hebraische Weltanschauung ansehen, 
miissen die Blicke auf das personliche Element lenken. Wenn wir von 
Plato, von Sokrates, von Michelangelo, von Karl dem Grofien oder 
von sonst jemandem reden, so reden wir immer von einem Person- 
lichen, wir stellen vor die Menschen das abgeschlossene Leben der 
Personlichkeiten hin mit dem, was diese Personlichkeiten fiir die 
Menschheit geworden sind. Wir richten in der abendlandischen Kultur 
nicht den Blick auf das Leben, das von Person zu Person hindurch- 
gegangen ist; denn das war gerade die Aufgabe der abendlandischen 
Kultur, eine Zeitlang den Blick zu richten auf das einzelne Leben. 
Wenn man im Oriente von dem Buddha spricht, dann weift man: Die 
Bezeichnung Buddha ist eine Wiirde, die vielen Personlichkeiten zu- 
geeignet ist. Wenn man dagegen den Namen Plato nennt, so weift 
man, dafi es nur eine einzelne Personlichkeit war. So war die Erziehung 
des Abendlandes. Das Personliche sollte zunachst geschatzt und ge- 
achtet werden. 

Nehmen wir nun unsere eigene Zeit. Wie muft sich diese zu dieser 
ganzen Tatsachenreihe stellen? Die Menschheit ist durch die Kultur 
des Abendlandes eine Weile erzogen worden in dem Hinschauen auf 



das Personliche. Jetzt muftte zu dem Personlichen das Individuelle, 
die Individualitat hinzugefugt werden. Jetzt stehen wir also an dem 
Punkte, uns wieder zu erobern das Individuelle, aber verstarkt, durch- 
kraftet von der Betrachtung des Personlichen. 

Nehmen wir einen bestimmten Fall. Wir richten den Blick in dieser 
Beziehung auf die alte hebraische Weltanschauung, die vorherging 
der abendlandischen. Lenken wir den Blick auf eine so gewaltige Per- 
sonlichkeit wie diejenige des Propheten Elias. "Wir charakterisieren 
ihn zunachst als Personlichkeit. Im Abendlande wird wenig Bedacht 
darauf genommen, ihn anders zu betrachten. Wenn man absieht von 
alien Einzelheiten und die Personlichkeit im groften ins Auge fafit, so 
sieht man, daft Elias im Fortgang der Weltentwickelung etwas Bedeut- 
sames war. Er driickte aus etwas wie eine Vorlauferschaft fur den 
Christus-Impuls. 

Wenn wir zuruckblicken in die Zeit des Moses, so sehen wir, wie 
etwas verkiindigt wird dem Volke, wir sehen, daft dem Menschen ver- 
kiindigt wird der Gott im Menschen: Ich> der Gott, der da war, der 
da ist und der da sein wird. Im Ich mufi er erf aft t werden, aber er 
wird erfaftt im Althebraischen so, wie die Seele des Volkes war. Elias 
geht nun noch weiter. Durch ihn wird noch nicht klar, daft das Ich 
in der einzelnen menschlichen Individualitat lebt als das hftchste Gott- 
liche; aber er konnte es dem Volke seinerzeit noch nicht klarer machen, 
als die Welt es aufzunehmen vermochte. Daher sehen wir da sozusagen 
einen Sprung in der Entwickelung gemacht. Wahrend noch die Moses- 
kultur bei den Althebraern sich klar war dariiber: In dem Ich liegt 
das Hochste — und dieses Ich wurde in dieser Moseszeit in der Volks- 
seele ausgedriickt — , wird bei Elias schon auf die einzelne Seele hin- 
gedeutet. Aber es bedurfte auch hier eines Impulses, und dazu war 
wieder eine Vorlauferschaft da, die wir als die Personlichkeit des 
Johannes des Taufers kennen. Wieder war es ein bedeutsames Wort, 
in dem diese Vorlauferschaft des Johannes des Taufers zum Ausdruck 
kommt. Was driickt uns dieses Wort aus? Eine grofte okkulte Tat- 
sache. Er weist darauf hin, daft die Menschen einmal, als Urmenschen, 
ein altes Hellsehen hatten, so daft sie hineinsehen konnten in die gei- 
stige Welt, in das Gottlich-Wirksame; dann haben sie sich aber mehr 



und mehr dem Materiellen genahert. Es hat sich verschlossen der 
Blick fur die geistige Welt. Darauf weist Johannes der Taufer hin, 
indem er sagt: Andert die Seelenverfassung! Blickt nicht mehr auf 
das, was ihr in der physischen Welt erringen konnt, sondern seid auf- 
merksam, jetzt kommt ein neuer Impuls ! — damit meint er den Chri- 
stus-Impuls — , deshalb sage ich euch, ihr miiftt die geistige Welt suchen 
mitten unter euch. — Da tritt herein das Geistige, mit dem Christus- 
Impuls. Dadurch wurde Johannes der Taufer der Vorlaufer des 
Christus-Impulses. 

Jetzt konnen wir eine andere Personlkhkeit, die merkwiirdige Per- 
sonlkhkeit des Malers Raffael, ins Auge fassen. Diese merkwiirdige 
Personlkhkeit stellt sich einem, wenn man sie betrachtet, sonderbar 
dar. Vor alien Dingen braucht man nur Raffael als Maler der lateini- 
schen Rasse zu vergleichen mit den spateren Malern, meinetwillen mit 
Tizian. Wer einen Blick hat fiir solche Dinge und auch nur die Nach- 
bildungen der Bilder ansieht, wird den Unterschied finden. Werfen 
Sie einen Blick auf die Bilder von Raffael und auch auf die von Tizian. 
Raffael hat so gemalt, daft er die christlichen Ideen in seine Bilder 
legte. Er hat gemalt fiir die europaischen Menschen als Christen des 
Abendlandes. Seine Bilder sind fiir alle Christen des Abendlandes ver- 
standlkh, und sie werden es immer mehr und mehr noch werden. 
Nehmen Sie dagegen die spateren Maler. Die haben fast ausschlkftlich 
fiir die lateinische Rasse gemalt, so daft sogar die kirchlichen Spaltun- 
gen in ihren Bildern zum Ausdruck kommen. 

Welche Bilder sind aber nun Raffael am besten gelungen? Diejeni- 
gen, mit welchen er ankundigen kann, welche Impulse im Christen - 
tum liegen ! Da, wo er den Jesusknaben hinstellen kann in irgendein 
Verhaltnis zur Madonna, da, wo er dieses Christus-Verhaltnis zur 
Madonna wie etwas, was Empfindungsimpuls ist, hinstellen kann, ge- 
lingen ihm die Dinge am besten. Er hat auch im Grunde genommen 
am besten diese Dinge gemalt. Eine Kreuzigung zum Beispiel haben 
wir nicht von ihm, wohl aber eine Verklarung. Da, wo er das Sprie- 
ftende und Sprossende, das Sich-Verkiindigende malen kann, da malt 
er mit Freude und malt seine groftten und besten Bilder. 

Im Grunde genommen geht es auch so mit der Wirkung seiner Bilder. 



Wenn Sie einmal nach Deutschland kommen und in Dresden die 
Sixtinische Madonna anschauen, da werden Sie sehen, daft das Kunst- 
werk — von dem man sagt, daft die Deutschen froh sein konnen, ein 
so bedeutsames Bild in ihrer Mitte zu haben, ja, daft die Deutschen 
dieses Bild als die Bliite der Malerei betrachten diirf en — ein Geheimnis 
des Daseins enthiillt. 

Als Goethe seinerzeit von Leipzig nach Dresden fuhr, da horte er 
etwas anderes iiber das Bild der Madonna. Die Beamten der Galerie 
in Dresden sagten ungefahr so: Da haben wir auch ein Bild von 
Raffael. Es ist aber nichts Besonderes. Es ist schlecht gemalt. Der 
Blick des Kindes, das ganze Kind, alles, was da gemalt ist an dem 
Kinde, ist gemein. Die Madonna selber ebenso. Man kann nur glauben, 
daft sie gemalt worden ist von einem Stumper. Und nun gar noch 
unten die Figuren, von denen man nicht weift, ob es Kinderkopfe oder 
Engel sein sollen. — Dieses grobe Urteii hat Goethe damals gehort. 
Daher hatte er auch zunachst keine richtige Schatzung des Bildes. 
Alles, was wir heute iiber das Bild horen, das lebte sich erst nachher 
ein, und der Umstand, daft Raffaels Bilder in den Nachbildungen 
ihren Siegeszug durch die Welt machten, ist eine Folge dieser besseren 
Einschatzung. Man braucht nur zu erinnern daran, was gerade Eng- 
land fur die Reproduction und Verbreitung der Bilder Raffaels getan 
hat. Was aber bewirkt wurde in England dadurch, daft so gesorgt 
worden ist fur die Reproduktion und Verbreitung Raffaelscher Bilder, 
das wird man erst erkennen, wenn man die Sache vom geisteswissen- 
schaftlichen Standpunkt aus mehr betrachten lernen wird. 

So ist uns Raffael durch seine Bilder wie ein Vorherverkiindiger 
ernes Christentums, das international werden wird. Der spekulative 
Protestantismus sah die Madonna lange Zeit als spezifisch katholisch 
an. Heute ist die Madonna auch in die evangelischen Lander iiberall 
eingedrungen, und man erhebt sich mehr zu der okkulten Auffassung, 
zu einem hoheren, interkonfessionellen Christentum. So wird es immer 
weitergehen. 

Wenn wir diese Wirkungen fur ein interkonfessionelles Christen- 
tum erhoffen diirfen, so wird uns das, was Raffael gemacht hat, auch 
in der Geisteswissenschaft helfen. 



Es ist merkwiirdig — drei Personlichkeiten treten uns so entgegen, 
alle drei haben sie zu tun mit einer Vorlauferschaft fiir das Christen- 
tum. Und jetzt richten wir den okkulten Blick auf diese drei Person- 
lichkeiten. "Was lehrt uns der? Der okkulte Blick lehrt uns, daft es 
dieselbe Individuality ist, die in Elias, die in Johannes dem Taufer, 
die in Raffael lebte. So unmoglich es scheint, es ist doch dieselbe Seele, 
die in Elias, in Johannes und in Raffael gelebt hat. Jetzt aber fragen 
wir uns, wenn der okkulte Blick, der forscht und nicht etwa aufterlich 
verstandesmaftig vergleicht, nun erforscht, daft es dieselbe Seele ist, 
die in Elias, in Johannes dem Taufer und in Raffael vorhanden war: 
Wie kommt es denn, daft Raffael, der Maler, der Trager wird fiir die 
Individuality, die in Johannes dem Taufer gelebt hatte? Kann man 
sich vorstellen, daft diese merkwiirdige Seele des Johannes des Taufers 
in den Kraften lebte, die in Raffael vorhanden waren? Da kommt 
nun wieder die okkulte Forschung, aber nicht so, daft sie bloft Theo- 
rien in die Welt setzt, sondern so, daft sie sagt, wie die Dinge sind, 
wie die Dinge wirklich ins Leben eingepflanzt sind! Wie schreiben 
die Leute heute noch Raffael-Biographien? Sie konnen es uberall 
sehen, auch die besten sind heute so geschrieben, daft sie einfach an- 
geben: Raffael wurde geboren an dem Karfreitage des Jahres 1483. 
Raffael ist nicht umsonst an einem Karfreitage geboren ! Ankiindigend 
schon durch diese Geburt seine Sonderstellung im Christentum, zeigt 
sich bei ihm, daft er mit den christlichen Geheimnissen in der tiefsten 
und bedeutungsvollsten Weise zu tun hat. An einem Karfreitag also 
war Raffael geboren. Sein Vater war Giovanni Santi. Giovanni Santi 
starb, als Raffael elf Jahre alt war. Als Raffael acht Jahre zahlte, 
hatte er ihn in die Lehre zu einem Maler gegeben, der aber nicht so 
hervorragend war. Aber wenn man nimmt, was in dem Giovanni 
Santi, dem Vater Raffaels, war, so hat man einen eigentiimlichen Ein- 
druck, der sich noch erhoht, wenn man die Sache in der Akasha- 
Chronik betrachtet. Da zeigt sich, daft das, was lebte in der Seele des 
Giovanni Santi, viel mehr ist, als eigentlich aus ihm herausgekommen 
war, und man muft der Herzogin recht geben, die bei seinem Tode 
sagte: Ein Mensch voll Licht und Recht und allerbestem Glauben ist 
gestorben. Als Okkultist konnte man sagen, daft in ihm ein viel gro- 



fierer Maler gelebt hat, als aufterlich zur Geltung gekommen war. Aber 
die aufteren Fahigkeiten, die von den physischen und Ather-Organen 
abhangen, die waren bei Giovanni Santi nicht entwickelt. Das war 
die Ursache, weshalb die Fahigkeiten seiner Seele sich nicht durch- 
ringen konnten. Aber in seiner Seele lebte wirklich ein grower Maler. 

Da stirbt er, als Raffael elf Jahre alt war. Wenn man nun verfolgt, 
was da vorliegt, so wird zur "Wahrheit, daft der Mensch zwar den Leib 
verliert, aber das, was seine Sehnsucht war, was die Aspirationen, die 
Impulse seiner Seele waren, das lebt sich aus, wirkt und wirkt in dem, 
womit es am meisten zusammenhangt. 

Zeiten werden kommen, wo man die Geisteswissenschaft fruchtbar 
machen wird fur das Leben, wie diejenigen sie schon fruchtbar machen 
konnen, welche sie lebensvoll beherrschen und nicht blofi theoretisch. 
Ich darf hier etwas einfiigen, bevor ich die Sache mit Raffael fortsetze. 
Ich spreche so, dafi ich in meinen Beispielen nicht etwa Spekulationen 
gebe. Sie sind im Gegenteil immer aus dem Leben genommen. Nehmen 
wir nun an, ich hatte Kinder zu erziehen. Wer achtgibt auf die Fahig- 
keiten, der merkt bei jedem Kinde das Individuelle heraus. Solche 
Erfahrungen kann man aber nur machen, wenn man Kinder erzieht. 
Wenn nun bei einem Kinde die Mutter oder der Vater friih gestorben 
ist und nur der eine Teil des Elternpaares noch lebt, da kann man 
das Folgende erleben. Es zeigen sich da bei dem Kinde gewisse Nei- 
gungen, die vorher nicht vorhanden waren und die man sich somit 
nicht erklaren kann. Als Erzieher mufi man sich aber mit ihnen be- 
schaftigen. Der Erzieher tate nun gut, wenn er sich sagte: Das, was 
in den geisteswissenschaftlichen Buchern steht, betrachten die Men- 
schen zwar als eine Narrheit. Ich will es aber nicht von vornherein als 
Narrheit betrachten. Ich will es untersuchen auf seine Richtigkeit. 
Dann wird er bald sagen konnen: Ich finde, dafi da Krafte sind, die 
friiher schon vorhanden waren, und wieder andere, die hineinwirken 
in diejenigen, welche friiher schon da waren. Nehmen wir an, der 
Vater sei durch die Pforte des Todes gegangen, und jetzt kommen mit 
einer gewissen Starke bei dem Kinde Eigenschaften heraus, welche in 
ihm gelebt haben. Macht man diese Voraussetzung und betrachtet man 
die Sache in dieser Weise, so wendet man die Erkenntnisse, die uns 



durch die Geisteswissenschaft zufliefien, in verniinftiger Weise auf das 
Leben an und kommt dann, wie man bald finden wird, zurecht im 
Leben, wahrend man vorher nicht zurechtgekommen ist. Der durch 
die Pforte des Todes Gegangene bleibt also verbunden mit seinen 
Kraften mit denjenigen, mit welchen er im Leben zusammenhing. 

Die Menschen beobachten nur nicht genau genug, sonst wiirden sie 
haufiger sehen, dafi Kinder bis zum Tode ihrer Eltern ganz anders 
sind als nach demselben. Man lenkt nur nicht den Blick geniigend auf 
die Sachen; aber die Zeit wird noch kommen, wo man das auch noch 
tun wird. 

Wenn man den Blick auf Raffael richtet und sich sagt: Giovanni 
Santi, der Vater, starb, als Raffael elf Jahre alt war; er hatte zwar 
keine besondere Vollendung als Maler erreichen konnen, aber seine 
kraftvolle Phantasie blieb ihm, und diese entwickelte sich nun hinein 
in die Seele des Raffael - so sagen wir nichts Trivialisierendes und 
Verkleinerndes fur Raffael, wenn wir den Blick hinrichten auf Raf- 
faels Seele und sagen: Giovanni Santi lebte in Raffael weiter, und 
daher erscheint dieser uns, als ob er eine voll abgeschlossene Person- 
lichkeit ware; er erscheint uns so, als wenn er keiner Steigerung mehr 
f ahig ware, weil ein Toter seinen Arbeiten Leben gibt. 

Jetzt begreift man, da in dem Menschen Raffael, in seiner eigenen 
Seele, wiedererstanden sind die energischen Krafte des Johannes des 
Taufers und nun aufierdem auch leben in seiner Seele die energischen 
Krafte von Giovanni Santi, daft diese beiden Dinge zusammen das 
Ergebnis in der Seele des Raffael zeitigen konnten, was als Raffael 
vor uns steht. 

Gewift, heute kann uber so aufierordentliche Dinge noch nicht 
offentlich geredet werden. In fiinfzig Jahren wird das vielleicht schon 
moglich sein, weil die Entwickelung schnell voranschreitet und die 
bisherige Anschauung rasch ihrer Dekadenz entgegeneilt. 

Derjenige, der also eingeht auf solche Dinge, sieht, daft wir in der 
Geisteswissenschaft die Aufgabe haben, das Leben von einer neuen 
Seite iiberall zu betrachten. Wie man in der Zukunft heilen wird in 
der Form, wie ich es angedeutet habe, so wird man die eigentiimlichen 
"Wunder des Lebens betrachten, indem man zuhilfe ziehen wird die 



Taten, die aus der Geisterwelt von den Menschen noch kommen, 
welche durch die Pforte des Todes gegangen sind. 

Zwei Dinge mochte ich noch vor Ihre Seele hinstellen, indem ich 
von den Ratseln des Lebens spreche. Das ist etwas, in dem uns so 
recht der Sinn des Lebens aufgehen kann. Es ist, wenn wir die Er- 
scheinung Raffaels ansehen, das Schicksal, dem seine Werke entgegen- 
gehen. Der, welcher heute die Bilder in Reproduktion ansieht, sieht 
nicht das, was Raffael gem alt hat, auch der, welcher nach Dresden 
oder Rom geht, nicht, denn diese Bilder sind auch schon so verdorben, 
daft man nicht sagen kann, daft man die Bilder von Raffael noch sieht. 
Leicht ist es ins Auge zu fassen, was aus denselben werden wird, wenn 
man das Schicksal des Abendmahl-Gemaldes des Leonardo da Vinci 
betrachtet, welches immer mehr und mehr dem Verfall entgegengeht. 
Wer sich dieses iiberlegt, der weift, daft diese Bilder mit der Zeit pul- 
verisiert werden. Er wird die traurige Oberzeugung bekommen, daft 
alles das verschwinden wird, was die grofien Menschen einst geschaf- 
fen haben. Da also diese Dinge verschwinden werden, so konnten wir 
uns fragen: Welcher Sinn liegt denn in dem Entstehen und Vergehen 
derselben? Wir werden sehen, daft im Grunde genommen nichts 
bleibt von dem, was von der einzelnen Personlichkeit geschaffen 
worden ist. 

Und noch eine andere Tatsache mochte ich vor Ihre Seele hinstellen, 
und das ist diese: Wenn wir heute mit der Geisteswissenschaft als 
Instrument das Christentum begreifen wollen und begreifen sollen 
— es wurde von mir schon friiher ausgefuhrt, wie wir ins Auge fassen 
das Christentum als einen Impuls, der wirkt fur die Zukunft — , dann 
brauchen wir gewisse Grundbegriffe, durch die wir wissen, wie der 
Christus-Impuls weiterwirken wird. Das brauchen wir. Nun ist es 
merkwiirdig, daft wir vor der Tatsache hier stehen, daft wir auf ein 
Werden des Christentums hinweisen mtissen; aber wir brauchen dazu 
die Geisteswissenschaft. Nun gibt es auch eine Personlichkeit, bei der 
wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in einer eigenartigen 
Form finden, und zwar in kurzen Satzen dargestellt. Wenn wir heran- 
gehen an diese Personlichkeit, so sehen wir, daft wir bei ihr manches 
finden konnen, was bedeutsam ist fur die Geisteswissenschaft. Diese 



Personlichkeit ist der deutsche Dichter Novalis. Wenn wir seine 
Schriften durchsehen, so fin den wir, daft er die Zukunft des Christen- 
tums aus dessen okkulten Wahrheiten heraus schildert. Die Geistes- 
wissenschaft lehrt uns, daft wir es dabei mit derselben Individuality 
zu tun haben wie bei Raffael, derselben Individuality wie bei Johan- 
nes dem Taufer und Elias. 

Wieder haben wir da eine Vorschau der Fortentwickelung des 
Christentums. Das ist eine Tatsache okkulter Art, denn niemand 
kommt durch Schliisse zu diesem Resultat. 

Stellen wir die einzelnen Bilder nochmals zusammen. Wir haben da 
das Tragische des Unterganges in den Geschopfen und in den Werken 
der einzelnen Personen. Raffael tritt auf und laftt sein interkonfessio- 
nelles Christentum hineinstromen in die Menschenseelen. Aber eine 
Ahnung geht uns auf, daft sein Schaffen zugrunde gehen, seine Werke 
einst pulverisiert sein werden. Es tritt wieder auf Novalis, um die 
Losung der Aufgabe von neuem in Angriff zu nehmen, um fortzu- 
setzen das, was er begonnen, was er gearbeitet hat. 

Jetzt erscheint uns der Gedanke nicht mehr so tragisch, jetzt sehen 
wir, daft, wie die Personlichkeit in ihren Hiillen zerrinnt, auch die 
Werke zerrinnen, daft aber der Wesenskern weiterlebt und weiterfiihrt 
das, was er begonnen hat. Da werden wir hingewiesen also wieder 
zur Individuality. Aber weil wir energisch die abendlandische Welt- 
anschauung und damit die Personlichkeit ins Auge gef aftt haben, wird 
uns erst die Bedeutung der Individuality so recht klar. So sehen wir, 
wie bedeutsam es ist, daft das Morgenland auf die Individuality das 
Auge gerichtet hat, auf die Bodhisattvas, die durch viele Inkarnatio- 
nen hindurchgegangen sind, und wie bedeutsam es ist, daft das Abend- 
land zunachst das Auge gerichtet hat auf die Betrachtung der einzelnen 
Personlichkeit, um dann erst dazu zu kommen, zu erfassen, was die 
Individuality ist. 

Nun glaube ich, daft es viele Theosophen gibt, die sagen werden: 
Nun, das miissen wir eben glauben, wenn so von Elias, von Johannes 
dem Taufer, von Raffael und Novalis gesprochen wird. Fur manche 
wird es in der Hauptsache auch so sein, daft sie es glauben miissen, 
denn es ist ebenso wie mit der Tatsache, daft es viele glauben miissen, 



wenn von wissenschaftlicher Seite behauptet wird, daft dieses oder 
jenes Spektrum sich zeigt, wenn dieses oder jenes Metall oder wenn 
zum Beispiel der Orionnebel vermittelst der Spektralanalyse unter- 
sucht wird. Einige haben es gewift untersucht, aber die andern, die 
Mehrzahl, die glauben es. Darauf kommt es aber im Grunde gar nicht 
an. Es kommt darauf an, daft die Geisteswissenschaft am Anfange 
ihrer Entwickelung stent und immer mehr die Seelen dazu bringen 
wird, solche Dinge, wie sie heute gesagt worden sind, selber einzu- 
sehen. In dieser Beziehung wird die Geisteswissenschaft sehr rasch die 
Menschheitsevolution weiterbringen. 

Ich habe einiges, was sich als okkulte Gesichtspunkte iiber das Leben 
ergeben hat, angefiihrt. Nehmen Sie nur die drei Gesichtspunkte, die 
wir ins Auge gefaftt haben, so sehen Sie, wie man dadurch, daft man 
sieht, wie das Leben zum Erdgeiste steht, der Heilkunst eine neue 
Richtung geben kann, ihr neue Impulse zufuhrt; wie man Raffael 
nicht so betrachtet, daft die Personlichkeit des Raffael allein es ist, 
welche wirksam war, sondern daft auch die Krafte da hineinragten, 
die vom Vater stammen, und wie man so diese Personlichkeit erst 
recht wird verstehen konnen. Das dritte ist, daft wir Kinder erziehen 
konnen, wenn wir wissen, wie die Sache liegt mit den Kraften, die in 
sie hineinspielen. Aufterlich geben die Menschen durchaus zu, daft sie 
selber umrmgt sind von einer Unzahl von Kraften, die fortwahrend 
auf sie einwirken, daft der Mensch von der Luft, von der Temperatur, 
von der Umgebung und den anderen Verhaltnissen des Klimas, in 
denen er lebt, fortwahrend beeinflufit wird. Und daft seine Freiheit 
dadurch nicht beeintrachtigt ist, das weift jeder Mensch. Das sind die 
Faktoren, mit denen wir schon heute rechnen. Daft aber der Mensch 
fortwahrend umgeben ist von geistigen Kraften und daft man diese 
geistigen Krafte zu untersuchen hat, das wird die Menschheit durch 
die Geisteswissenschaft lernen. Sie wird rechnen lernen mit diesen 
Kraften, und sie wird mit ihnen zu rechnen haben in wichtigen Fallen 
von Gesundheit und Krankheit, von Erziehung und Leben. Sie wird 
solcher Einflusse, wie sie aus der Umgebung, aus der iibersinnlichen 
Welt kommen, eingedenk sein miissen, wenn zum Beispiel einem ein 
Freund dahingcstorben ist und er sich dann tragt mit diesen oder jenen 



Sympathien und Ideen, die dem Dahingestorbenen eigen waren. Das, 
was jetzt gesagt worden ist, bezieht sich nicht blofi auf Kinder, son- 
dern auf alle Lebensalter. Die Menschen brauchen durchaus nicht mit 
ihrem Oberbewufitsein zu wissen, wie die Krafte der iibersinnlichen 
Welt tatig sind. Aber ihre gesamte Gemiitsverfassung kann es uns 
zeigen, ja ihre Gesundheits- oder Krankheitszustande konnen es uns 
zeigen. 

Und noch viel weiter gehen die Dinge, die den Zusammenhang des 
Menschen in bezug auf das Leben auf dem physischen Plan mit den 
Tatsachen der iibersinnlichen Welt bedeuten. Ich mochte eine einf ache 
Tatsache vor Sie hinstellen, die Ihnen zeigen wird, wie dieser Zu- 
sammenhang ist, eine Tatsache, die nicht blofi ausgedacht ist, sondern 
in vielen Fallen beobachtet wurde: Ein Mensch merkt in einer be- 
stimmten Zeit, dafi er Empfindungen hat, die er friiher nicht hatte, 
dafi Sympathien und Antipathien auftreten bei ihm, die er friiher 
nicht kannte, dalS ihm das oder jenes leicht gelingt, was ihm friiher 
nur schwer gelungen ist. Er kann sich das nicht erklaren. Seine Um- 
gebung kann es ihm nicht erklaren. Die Tatsachen des Lebens selber 
geben ihm auch nicht die Erklarung. Bei einem Menschen, bei welchem 
wir solches beobachtet haben, wird man erfahren konnen, wenn man 
aufmerksam zu Werke geht — man mu& allerdings auch einen Blick 
fiir solche Dinge haben — , da£ er jetzt Dinge weifi und kann, iiber 
die er friiher nichts gewufit, die er friiher nicht gekannt hat. Geht 
man der Sache weiter nach, wenn man durch die Lehren des Okkultis- 
mus und der Geisteswissenschaft durchgegangen ist, so wird man von 
ihm ungefahr folgendes horen konnen: Ich komme mir jetzt ganz 
merkwiirdig vor. Ich traume jetzt etwas von einer Personlichkeit, die 
ich nie im Leben gesehen habe. Sie spielt in meine Traume hinein, ob- 
gleich ich mich nie mit ihr beschaftigte. — Verfolgt man die Sache 
nun, so wird man finden, daJS er bisher keine Veranlassung gehabt hat, 
sich mit ihr zu beschaftigen. Nun starb aber die Person, und nun erst 
tritt sie an ihn heran in der geistigen Welt. Als sie ihm geniigend nahe 
gekommen war, zeigte sie sich ihm noch als Traumgestalt in einem 
Traume, der mehr war als Traum. Von dieser Person, die er vorher 
im Leben nicht gekannt hat, die aber, nachdem sie gestorben war, 



Einfluft auf sein Leben gewann, kamen die Impulse, die er vorher 
nicht gehabt hatte. 

Es kommt nicht darauf an, zu sagen: Es ist ja nur ein Traum, der 
hier vorliegt. Es kommt vielmehr auf das an, was er enthalt. Es kann 
etwas sein, was zwar in Traumform erscheint, aber der Wirklichkeit 
viel naher ist als das auftere Bewufttsein. Kommt es denn etwa darauf 
an, ob Edison im Traume oder bei hellem Tagbewufttsein eine Er- 
findung machte ? Es kommt darauf an, ob die Erf indung wahr, brauch- 
bar ist. So kommt es auch nicht darauf an, ob ein Erlebnis im Traum- 
bewufttsein oder im aufteren physischen Bewufttsein stattfindet, son- 
dern darauf, ob das Erlebnis wahr oder nicht wahr ist. 

Fassen wir zusammen, was wir uns klarmachen konnten aus dem, 
was jetzt gesprochen worden ist, so konnen wir sagen: Wir konnten 
uns klarmachen, daft, wenn wir die okkulten Erkenntnisse zugrunde 
legen, das Leben sich uns in einem ganz anderen Zusammenhang dar- 
stellt, als wenn wir diese okkulten Erkenntnisse nicht haben. In dieser 
Beziehung sind die in materialistischer Denkweise gescheiten Leute 
wirklich recht kuriose Kinder. Man kann sich jede Stunde davon 
iiberzeugen. Als ich heute mit der Bahn zu Ihnen hierher fuhr, hatte 
ich eine Broschiire zur Hand genommen, die ein deutscher Physiologe 
geschrieben hat und die jetzt in zweiter Auflage erschienen ist. Darin 
sagt er, daft man nicht sprechen konne von einer aktiven Aufmerk- 
samkeit in der Seele, von einem Hinlenken der Seele auf etwas, son- 
dern daft alles abhange von der Funktion der einzelnen Gehirngan- 
glien, und weil da von den Gedanken die Bahnen gemacht werden 
miissen, sei alles davon abhangig, wie die einzelnen Gehirnzellen funk- 
tionieren. Keine Intensitat der Seele konne da eingreifen, es hinge eben 
lediglich davon ab, ob diese oder jene Verbindungsfaden in unserem 
Gehirn gezogen sind oder nicht gezogen sind. Es sind wirklich rechte 
Kinder, diese materialistischen Gelehrten. Wenn man so etwas in die 
Hand bekommt, muft man sich folgendes denken: Arglos sind diese 
Herren, denn in derselben Broschiire findet sich der Satz, daft man 
in neuester Zeit gefeiert habe den hundertsten Geburtstag von Darwin 
und daft dabei Berufene und Unberufene gesprochen hatten. Natiir- 
lich halt sich der Verfasser der Broschiire fiir einen ganz besonders 



Berufenen. Und dann kommt die ganze Gehirnzellen-Theorie und ihre 
Verwendung. Wie stent es aber mit der Logik der Sache ? Wenn man 
gewohnt ist, die Dinge in Wahrheit zu betrachten und dann ins Auge 
faftt, was diese groften Kinder den Menschen iiber den Sinn des Lebens 
bieten, da kommt man auf den Gedanken, daft es eigentlich dasselbe 
ist, wie wenn jemand sagen wiirde, es sei einfach Unsinn, daft irgend- 
einmal ein menschlicher Wille eingegriffen hatte in die Art und Weise, 
wie iiber die Flache Europas hin die Eisenbahnen gehen. Denn es ist 
doch ganz dasselbe, wenn man in einem gewissen Zeitpunkte alle 
Lokomotiven in ihren Teilen und Funktionen ins Auge fassen und 
sagen wiirde: Die Lokomotiven sind soundso eingerichtet und fahren 
nach soundso vielen Richtungen, es begegnen sich aber die verschie- 
denen Richtungen an gewissen Knotenpunkten und somit kann man 
alle Lokomotiven nach alien Richtungen hin ableiten. — Was dadurch 
geschehen wiirde, ware ein groftes Durcheinanderwirbeln der Loko- 
motiven und Ziige auf den europaischen Eisenbahnen. Ebensowenig 
aber kann man erklaren, daft das, was in den Gehirnzellen sich abspielt 
als menschliches Gedankenleben, lediglich von der Beschaffenheit der 
Zellen abhangt. "Wenn solche Gelehrten dann einmal unvorbereitet 
einen Vortrag iiber Okkultismus oder Geisteswissenschaft zu horen 
bekommen, so sehen sie das, was da gesagt wird, als den heillosesten 
Unsinn an. Sie sind fest iiberzeugt, daft niemals ein Wille eingreifen 
kann in die Art und Weise, wie die europaischen Lokomotiven gehen, 
sondern daft es abhangt davon, wie sie geheizt und gerichtet sind. 

So sehen wir, wie wir in der Gegenwart vor der Frage nach dem 
Sinn des Lebens stehen. Auf der einen Seite wird sie in uns stark ver- 
dunkelt, auf der anderen Seite drangen sich uns aber auf die okkulten 
Tatsachen. Wenn wir zusammenfassen, was heute mitgeteilt worden 
ist, dann werden wir mit dieser Grundlage die Frage vor unsere Seele 
so hinstellen, wie man sie sich im Okkultismus stellen kann, namlich: 
Welches ist der Sinn des Lebens und des Daseins, insbesondere des 
menschlichen Lebens und des menschlichen Daseins? 



ZWEITER VORTRAG 
Kopenhagen, 24. Mai 1912 



Es ware ein schwerer Irrtum, wenn man glauben wollte, da£ die Frage 
nach dem Sinn des Lebens und des Daseins einfach so aufgeworfen 
werden konnte, daft man sagt: Welches ist der Sinn des Lebens und 
des Daseins? und dafi irgend jemand dann eine einfache Antwort 
geben konnte in ein paar Worten, indem er vielleicht sagt: Dieses ist 
der Sinn des Lebens und des Daseins oder jenes. Auf diese Art wiirde 
niemals eine wirkliche Empfindung entstehen konnen, niemals eine 
Vorstellung zustande kommen von dem Groftartigen, Majestatischen 
und Gewaltigen, das sich verbirgt hinter dieser Frage nach dem Sinn 
des Lebens. 

Allerdings, man konnte auch eine abstrakte Antwort geben, und 
Sie werden durchfuhlen, durch das, was ich nachher werde zu sagen 
haben, wie wenig befriedigend eine solche abstrakte Antwort ware. 
Man konnte sagen: Der Sinn des Lebens besteht eigentiich darinnen, 
dafi diejenigen geistigen Wesenheiten, zu denen wir hinaufschauen 
als gottlichen Wesenheiten, den Menschen allmahlich dazu gelangen 
lassen, mitzuarbeiten an der Entwickelung des Daseins, so daft der 
Mensch gleichsam im Beginne seiner Entwickelung unvollkommen 
ware, nicht mitarbeiten konnte an dem ganzen Bau des Weltalls und 
im Laufe der Entwickelung allmahlich immer mehr und mehr heran- 
gezogen wiirde, an dieser Entwickelung mitzuarbeiten. 

Das ware aber eine abstrakte Antwort, die uns aufierordentlich 
wenig sagen wiirde. Wir mtissen vielmehr, um eine Antwort auf eine 
so bedeutungsvolle Frage auch nur zu ahnen, uns vertiefen in gewisse 
Geheimnisse des Daseins und des Lebens. Da wollen wir von den Be- 
trachtungen ausgehen, die sich uns auf der Grundlage derjenigen er- 
geben, die wir schon gestern angestellt haben. Wir wollen uns heute 
sozusagen nur noch etwas intensiver hineinarbeiten in diese Geheim- 



nisse des Daseins. Wir konnen uns eigentlich nicht bloft daran genugen 
lassen, wenn wir die Welt urn uns herum betrachten, Entstehen und 
Vergehen zu sehen. Wir haben schon gestern darauf aufmerksam ge- 
macht, wie ratselvoll dieses Entstehen und Vergehen an unsere Seele 
herankommt, wenn wir uns fragen nach dem Sinn, der da ist in all 
diesem Entstehen und Vergehen. Aber es gibt etwas, was uns eine noch 
schwierigere Ratselfrage vorlegt. 

Wenn wir uns dieses Entstehen und Vergehen einmal genauer be- 
trachten, wird die Sache noch ratselvoller. Wir sehen dann schon im 
Entstehen sozusagen etwas hochst Merkwiirdiges, etwas hochst Son- 
derbares, das uns tragisch, traurig stimmen konnte, wenn wir es nur 
oberflachlich betrachten. Tun wir einen Blick mit den Erkenntnissen, 
die wir haben aus der physischen Welt, sehen wir in die Weiten des 
Weltmeeres oder in die Weiten irgendeiner anderen Daseinsform, so 
wissen wir, daft unzahlige Lebenskeime entstehen und daft wenige 
von diesen Lebenskeimen wirklich zu voll ausgebildeten Wesen wer- 
den. Denken Sie sich nur einmal, wieviel Keime von verschiedenen 
Fischen alljahrlich im Meere abgelegt werden, die nicht ihr Ziel, nam- 
lich ausgebildete Wesen zu werden, erreichen, sondern vorher wieder 
verschwinden, und wie nur eine kleine Anzahl dieser Keime das Ziel, 
ausgebildete Wesen zu werden, erreichen kann ! 

Gestern haben wir den Blick hingewendet auf die Tatsache, daft 
alles, was entsteht, sozusagen wieder zugrunde geht. Nun aber drangt 
sich uns die andere Tatsache auf, daft aus einem unbegrenzten Reiche 
unermeftlicher Moglichkeiten nur wenige Wirklichkeiten auftauchen, 
daft also schon im Entstehen etwas Ratselvolles liegt, indem das, was 
da scheint sich zum Dasein zu ringen, gar nicht einmal so recht zur 
Entstehung kommen kann. 

Betrachten wir einen konkreten Fall. Wenn wir ein Ackerfeld be- 
saen, auf dem meinetwillen Weizen oder Korn gedeiht, da sehen wir 
hervorsprieften eine grofte Anzahl Weizen- oder Kornahren. Wir wis- 
sen ganz gut, daft aus jedem einzelnen Korn dieser Kornahren wieder 
eine neue Weizen- oder Kornahre entstehen kann. Und nun fragen wir 
uns: Wieviele der Korner der Ahren, die wir da iiberschauen auf dem 
Saatfelde, erreichen dieses Ziel? Lassen wir einmal den Gedanken 



schweifen zu den unendlich vielen Kornern, die einen ganz anderen 
Weg gehen als den, der das Ziel der Korner ist, namlich wiederum zur 
Ahre zu werden; da haben wir, was wir bei alien Lebenskeimen sehen, 
in einem konkreten Falle vor uns. So dafi wir sagen miissen: Das 
Lebendige, das uns umgibt, entsteht schon als solches nur dadurch, 
dafi es in seinem Entstehen unermeftliche Lebenskeime wie in den 
Abgrund des Ziellosen hmunterzudrangen scheint. 

Halten wir das fest, halten wir fest, dafi rund in unserer Umgebung 
das, was da ist, sich auf einem Unterboden der reichsten, unermefilich 
reichen Moglichkeiten erhebt, die nie zu Wirklichkeiten werden im 
gewohnlichen Sinne des Wortes. Halten wir fest, dafi auf einem sol- 
chen Boden der Moglichkeiten sich erheben die Wirklichkeiten, und 
betrachten wir es als die eine Seite des ratselvollen Lebensdaseins, die 
sich unserem Auge darbietet. 

Jetzt woilen wir einmal nach der anderen Seite ausblicken, die auch 
da ist, die aber allerdings nur durch Vertiefung in die okkulten Wahr- 
heiten uns bewufit werden kann. Die andere Seite ist diese, die sich 
dem Menschen darbietet, wenn er den Weg zur okkulten Erkenntnis 
geht. Dieser Weg zur okkulten Erkenntnis wird zuweilen, wie Sie 
wissen, als etwas Gefahrliches geschildert. Und warum? Einfach aus 
dem Grunde, weil wir, wenn wir den Pfad zur okkulten Erkenntnis 
gehen wollen, eintreten in ein Reich, das keineswegs so ohne weiteres, 
so, wie es sich uns darbietet, hingenommen werden darf. 

Nehmen wir an, ein Mensch gehe mit den Mitteln, die Ihnen bekannt 
sind und die Sie finden in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?», den okkulten Pfad und kame so weit, 
dafi sich aus den Untergriinden seiner Seele erhobe dasjenige, was wir 
Imaginationen nennen. Wir wissen, was das fiir Gebilde sind. Es sind 
visionare Bilder, die dem Menschen, wenn er den okkulten Pfad ge- 
gangen ist, als eine ganz neue Welt gegeniibertreten. Wenn ein Mensch 
wirklich ernsthaft diesen okkulten Pfad geht, so gelangt er dazu, dafi 
sich die ganze physische Welt, die um ihn herum ist, verdunkelt. An 
Stelle dieser physischen Welt tritt eine Welt auf- und abwogender 
Bilder auf, auf- und abwogender Eindriicke tonartiger, geruchs- 
artiger, geschmacksartiger, lichtartiger Natur. Das dringt und wirbelt 



in unseren okkulten Gesichtskreis herein, und wir machen die Erfah- 
rungen, die wir nennen konnen die Erfahrungen der imaginativen 
Visionen, die uns von alien Seiten dann umgeben, die unsere Welt 
sind, in der wir mit unserer Seele leben und weben. 

Nehmen wir nun an, ein Mensch wiirde sich verlassen darauf, dafi 
er in dieser visionaren "Welt, in die er auf diese Art eintritt, eine voile 
Wirklichkeit vor sich hatte; dieser Mensch wiirde sich in einem 
schweren, sehr schweren Irrtum befinden. Und hier stehen wir an dem 
Punkte, wo die Gefahr beginnt. Unermefilich ist das Reich des visio- 
naren Lebens, solange wir uns nicht von der Imagination, die uns eine 
visionare Welt vorzaubert, erheben zu der Inspiration. Diese erst sagt 
uns: Nach diesem einen Bilde mufit du dich hinwenden, dahin mulk 
du deinen okkulten Blick richten, dann wirst du eine Wahrheit er- 
leben, und unzahlige andere Bilder, die rings um dieses herum sind, 
miissen verschwinden in ein wesenloses Nichts. Dann wird dieses eine 
Bild aus unermefilich vielen hervorgehen und sich dir bewahren als 
ein Ausdruck der Wahrheit. 

Also, wir treten, wenn wir uns auf dem okkulten Pfade befinden, 
in ein Reich unermeftlicher Visionsmoglichkeiten und miissen uns da- 
zu entwickeln> sozusagen herauszugliedern, auszuwahlen aus diesem 
Reiche der unermelSlichen Visionsmoglichkeiten diejenigen, welche 
wirklich eine geistige Realitat zum Ausdrucke bringen. Es gibt keine 
andere Moglichkeit der Sicherung als die eben angedeutete, denn wenn 
jemand kame und sagte: Man tritt also ein in ein Reich unermefllich 
reicher Visionen, welche sind wahr, welche sind falsch? Kannst du 
mir nicht eine Regel geben, wodurch ich die wahren von den falschen 
unterscheide ? — so wiirde diese Fragen kein Okkultist mit einer Regel 
beantworten. Jeder Okkultist mulke antworten: Wenn du unter- 
scheiden lernen willst, dann muftt du dich weiterentwickeln. Dann 
aber tritt auch fiir dich die Moglichkeit ein, daft du den Blick hinrich- 
test auf dasjenige, was deinem Anblicke standhalt. Denn diejenigen, 
welche standhalten, sind solche, die auf deinem Standpunkte sind, 
diejenigen aber, welche von dir ausgeloscht werden, sind blofi Neben- 
bilder. 

Die Gefahr liegt nun darin, da£ viele Menschen sich aulkrordent- 



lich wohi und wohlig befinden in dem Reiche der Visionen und, wenn 
sie eine visionare Welt vor sich haben, gar nicht weiter sich entwickeln, 
gar nicht weiterstreben wollen, da ihnen diese visionare Welt au&er- 
ordentlich gefallt. Man kann sich nicht zur Wahrheit entwickeln im 
geistigen Leben, wenn man sich dieser Seligkeit, sozusagen dem 
Schwelgen in der visionaren Welt, einfach hingibt. Man kann sich 
dann nicht erheben zur Realitat, zur Wahrheit. Man mufi mit alien 
Mitteln, die uns zur Verfugung stehen, weiterstreben. Dann sondert 
sich wirklich aus der unermefilichen Moglichkeit der Visionen das 
Geistig-Wirkliche heraus. 

Und nun vergleichen Sie die zwei Dinge, die ich Ihnen charakte- 
risiert habe. Auf der einen Seite draufien die Welt, die unzahlige 
Moglichkeiten der Lebenskeime aus sich hervorgehen und nur wenige 
davon an ihr Ziel gelangen lafk, und auf der anderen Seite die innere 
Welt, zu der uns der Erkenntnispfad fuhrt: eine unermejBliche Welt 
von Visionen, zu vergleichen mit der Welt der Moglichkeiten der 
Lebenskeime. Wenige davon sind solche Visionen, zu denen wir zu- 
letzt kommen, die zu vergleichen sind mit dem, was aus den vielen 
Lebenskeimen als das wenige wirkliche Leben sich erhebt. Diese zwei 
Dinge entsprechen einander vollstandig in der Welt, diese zwei Dinge 
gehoren durchaus in der Welt zusammen. 

Nun aber wollen wir den Gedanken ein wenig fortsetzen. Wir 
wollen fragen: Hat derjenige Mensch recht, der nun kleinmiitig und 
traurig 1st iiber das Leben und das Dasein, weil dieses Leben draufien 
unzahlige Keime sozusagen nur halb entstehen und nur wenige davon 
ans Ziel gelangen lafk? Haben wir die Moglichkeit, zu trauern dar- 
iiber, haben wir die Moglichkeit zu sagen: Drauften ist ein wiitender 
Kampf urns Dasein, dem nur wenige zuf allig entkommen ? Betrachten 
Sie unser konkretes Beispiel von dem Saatfelde, dem Korn- oder 
Weizenfelde. Nehmen wir an, es wiirden alle Weizenkorner, welche 
entstehen, wirklich an ihr Ziel gelangen und wieder Ahren werden. 
Was ware da die Folge? Es ware einfach die Welt nicht moglich, denn 
die Wesenheiten, die sich vom Korn oder Weizen ernahren miissen, 
hatten keine Nahrung! Damit diejenigen Wesenheiten, die wir nur 
allzugut kennen, hinaufkommen konnten auf die jetzige Stufe der 



Entwickelung, muftten hmter ihrem Ziele zuriickbleiben die Wesen- 
heiten, die wir eben angefuhrt haben, die sozusagen in den Abgrund 
hinuntersinken miissen gegeniiber der Sphare ihres eigenen Zieles. 
Wir haben aber trotzdem keinen Grund zur Trauer, wenn wir nicht 
sagen wollen, es liegt uns Uberhaupt nichts an der Welt; denn wenn 
uns an der Welt etwas liegt, wenn uns daran liegt, daft sie besteht — 
und die Welt besteht nur aus Wesenheiten — , so miissen diese Wesen- 
heiten sich ernahren konnen. Wenn sie sich ernahren sollen, dann 
miissen andere Wesenheiten sich opfern. Daher konnen auch nur 
wenige von den Lebenskeimen wirklich an ihr Ziel gelangen. Die 
anderen miissen andere Wege gehen. Sie miissen deshalb andere Wege 
gehen, weil die Welt bestehen soil, weil wirklich nur dadurch die Welt 
weise eingerichtet sein kann. 

Wir sind also nur dadurch umgeben von einer Welt, wie wir sie 
haben, daft sich gewisse Wesenheiten opfern, bevor sie zu ihrem Ziele 
gelangen. Wenn wir den Weg der sich opfernden verfolgen, so finden 
wir sie in den anderen Wesen, die iibergeordnet sind, in den Wesen, 
die dieses Opfer brauchen, damit sie da sein konnen. Da haben wir 
sozusagen an einer Ecke erfaftt den Sinn auch des scheinbar so ratsel- 
vollen Daseins, das entstehen und auch in die Vernichtung hinunter- 
sinken kann. Und dennoch haben wir entdeckt, daft gerade darin sich 
Weisheit im Dasein enthiillt, also Sinn enthiillt, und daft nur unser 
Nachdenken zu kurz ist, wenn wir jammern daruber, daft so vieles 
scheinbar ziellos in den Abgrund hinuntersinken muft. 

Jetzt gehen wir wieder zu der anderen, zu der geistigen Seite. 
Nehmen wir einmal das, was wir die unermeftliche Welt der Visionen 
genannt haben. Da miissen wir allerdings darauf eingehen, was diese 
unermeftliche Welt der Visionen eigentlich bedeutet. Sie ist nicht ein- 
fach in dem Sinne falsch, diese unermeftliche Welt der Visionen, daft 
man sagt: Das ist falsch, was da hinuntersinkt, und das, was da zuletzt 
bleibt, ist richtig. Nicht in dem Sinne ist diese Welt falsch. Das ist ein 
ebenso kurzsichtiges Urteil, wie wenn man glaubte, das waren keine 
Lebenskeime, die nicht zum Leben kommen, und das waren keine 
richtigen Imaginationen, die fur uns im Unermeftlichen untergehen. 
Geradeso, wie es uns im aufteren, realen Leben entgegentritt, daft nur 



wenige Wesen ihr Ziel erreichen, so kann auch von dem unermefi- 
lichen Geistesleben nur weniges in unseren Horizont hineintreten. 
Und warum? 

Diese Frage nach dem Warum wird aufierordentlich lehrreich fiir 
uns sein. Nehmen wir an, der Mensch wiirde sich den in unermefilicher 
Mannigfaltigkeit in ihn einstromenden Visionen einfach hingeben. 
Wem einmal die visionare Welt eroffnet ist, in den stromen fort- 
wahrend Visionen ein, da kommt und geht eine nach der anderen und 
wogt und webt eine in der anderen. Man kann sich gar nicht erwehren 
der Bilder und Eindriicke, die da im Geistigen, auf- und abwogend, 
uns umpulsen. Aber wenn wir genau zusehen, dann finden wir bei so 
jemandem, der sich einfach dieser visionaren Welt hingibt, etwas 
hochst Eigentiimliches. Erstens finden wir, wenn uns so jemand ent- 
gegentritt, der sich nicht weiterentwickeln, sondern beim Visionaren 
stehenbleiben will, dafi er dieses oder jenes erfahren, dafi er dieses 
oder jenes Erlebnis gehabt hat. Gut, sagen wir, du hast geistige Er- 
lebnisse gehabt, du hast das erlebt, fiir dich sind es Wirklichkeiten. 
Schon, das ist eine Kundgebung aus der geistigen Welt. Aber wir 
werden sehr bald merken, dafi, wenn ein anderer kommt und iiber 
dieselbe Sache seine Visionen uns mitteilt und er auch nicht weiter ist 
als der erstere, seine Visionen iiber dieselbe Sache eine ganz andere 
Gestalt haben, so daf$ zwei verschiedene Aussagen vorliegen konnen 
iiber dieselbe Sache. Ja, wir werden noch schlimmere Erfahrungen 
machen konnen. Wir werden finden, dafi solche Menschen, welche 
stehenbleiben wollen bei der blofi visionaren Welt, selber iiber ein 
und dieselbe Sache zu verschiedenen Zeiten verschiedene Aussagen 
machen, einmal dieses erzahlen, das andere Mai jenes. Es ist eben 
schlimm, dafi Visionare gewohnlich ein schlechtes Gedachtnis haben 
und gewohnlich nicht mehr wissen, was sie das erstemal erzahlt haben. 
Sie sind sich nicht bewufit dessen, was sie da erzahlt haben. 

Kurz, wir haben es zu tun mit einer unermefilichen Mannigfaltig- 
keit der Erscheinungen. Wollten wir als Menschen mit unserem 
jetzigen Erden-Ich dies alles, was sich uns in der visionaren Welt 
darbietet, richtig beurteilen, dann mitfken wir unendlich vieles ver- 
gleichen. Dabei wiirde aber gar nichts herauskommen. Als Grundsatz 



mufi gelten, daft zunachst diese visionare Welt allerdings eine Offen- 
barung des Geistes ist, daft sie aber als Aussage zunachst gar nichts 
wert ist. Mogen noch so viele Visionen an uns herankommen — sie 
sind Kundgebungen der geistigen Welt, aber Wahrheiten sind es 
nicht. Wenn sie Wahrheiten werden sollen, rniilke man erst die ver- 
schiedenen Visionen des einzelnen und mannigfaltiger anderer Men- 
schen miteinander vergleichen. Das kann aber nicht sein. Ein Ersatz 
dafiir wird geschaffen durch die Weiterentwickelung nach der Inspi- 
ration hin. Dann aber tritt das Folgende auf : Wir erfahren dann, daft, 
wenn die Menschen zu dem Standpunkte der Inspiration sich erheben, 
bei alien die Aussagen gleich sind. Da gibt es keine Verschiedenheiten 
mehr, nichts, was fur den einen sich anders darstellt als fur den an- 
deren. Da sind die Erfahrungen bei alien, die die gleiche Entwicke- 
lungsstufe erreicht haben, tatsachlich gleich. 

Nun gehen wir zu der anderen Frage, die ihr auch in gewisser 
Weise entspricht: zu dem, was sich uns in der aufteren Welt darge- 
boten hat. Da werden die wenigen ans Ziel gelangten Lebenskeime in 
Vergleich gesetzt mit den vielen, die in den Abgrund schon hinunter- 
gesunken sind. Wir wissen, damit die auftere Welt bestehen kann, ist 
dieser Untergang notwendig. Wie ist es aber mit der geistigen Welt, 
mit diesen Visionen und Inspirationen ? Da miissen wir vor alien 
Dingen uns klar sein, daft dasjenige, was wir da vor uns haben, wenn 
wir die Visionen auswahlten, dann wirklich als geistige Realitaten 
vor uns steht, daft wir damit nicht etwa blofte Bilder vor uns haben, 
die uns nur Erkenntnisse im gewohnlichen Sinne liefern. So ist es 
nicht, und die Tatsache, daft es nicht so ist, will ich Ihnen an etwas 
sehr Bedeutungsvollem klarmachen. Ich will Ihnen klarmachen, wie 
es mit den ausgewahlten Visionen steht im Verhaltnis zur Welt, so 
wie wir uns zuerst klargemacht haben, wie es mit den ausgewahlten, 
ans Ziel gelangten Lebenskeimen im Verhaltnis zu den Lebenskeimen 
iiberhaupt steht. Diese werden eben als Nahrung beniitzt von den 
anderen. Wie ist es nun aber mit den ausgewahlten Visionen, mit dem, 
was im Menschen wirklich als reale Vision lebt? 

Auf einiges mull ich hier aufmerksam machen. Sie diirfen nicht 
glauben, daft derjenige, der es zum Hellsehen gebracht hat, das er- 



reicht hat, dafi in ihm jetzt die Welt des Geistes lebt und in anderen 
nicht. Sie diirfen sich das Hellsehen nicht so vorstellen, daft Sie sich 
etwa sagen: Da ist der Hellseher und da ist der andere Mensch, in der 
Seele des Hellsehers lebt der Ausdruck geistiger Wirklichkeit, in der 
Seele des anderen nicht. Das ware nicht richtig. Sie mufiten vielmehr 
so sagen, wenn Sie es richtig ausdrikken wollten: Da stehen zwei 
Menschen. Der eine ist ein Hellseher, der andere nicht. Dasjenige, 
was der Hellseher sieht, lebt in beiden. In dem Nichthellseher sowohl 
wie in dem Hellseher leben dieselben Dinge, dieselben geistigen Im- 
pulse. Diese sind auch in der Seele des Nichthellsehers vorhanden. Der 
Hellseher unterscheidet sich von dem Nichthellseher nur dadurch, 
dafi er sie sieht, wahrend der andere sie nicht sieht. Der eine tragt sie 
in sich und sieht sie, der andere tragt sie auch in sich und sieht sie 
nicht. — Wer glauben wiirde, dafi der Hellseher etwas in sich hat, 
was der andere nicht in sich hat, der wiirde sich einem grofien Irrtum 
hingeben. So wie das Dasein zum Beispiel einer Rose nicht davon ab- 
hangt, ob der Mensch sie sieht oder nicht sieht, ebenso ist es auch mit 
dem Hellsehen: es lebt die Realitat in der Seele des Hellsehers und in 
der Seele des Nichthellsehers, obgleich der letztere sie nicht sieht. Der 
Unterschied besteht nur darin, dafi der eine sie sieht und der andere 
sie nicht sieht. Es ist also so, daft in der Tat in den Seelen der Men- 
schen der Erde all die Dinge leben, die der Hellseher durch sein Hell- 
sehen eben wahrnimmt. Dies wollen wir uns einmal recht gut in die 
Seele schreiben. 

Jetzt aber wollen wir auf ein scheinbar ganz anderes Betrachtungs- 
gebiet iibergehen, welches uns mit dem, was wir gesagt haben, spater 
wieder vereinigen wird. Jetzt richten wir den Blick, sagen wir, auf 
die Tierwelt. Die Tierwelt umgibt uns in den mannigfaltigsten ein- 
zelnen Formen, in den Formen der Lowen, Baren, Wolfe, Lammer, 
Haifische, Walfische und so weiter. Der Mensch unterscheidet diese 
Tierformen, indem er sich aufiere Begriffe davon macht, indem er 
sich den Begriff des Lowen, des Wolfes, des Lammes und so weiter 
bildet. Nun darf man aber nicht verwechseln dasjenige, was der 
Mensch als Begriff bildet, mit dem, was der Lowe, der Wolf in Wirk- 
lichkeit ist. Sie wissen, darauf brauche ich nur aufmerksam zu ma- 



chen, dafi wir in der Geisteswissenschaft sprechen von den sogenann- 
ten Gruppenseelen. Alle Lowen haben eine gemeinsame Lowen-Grup- 
penseele, alle Wolfe eine Wolf-Gruppenseele. Gewisse abstrakte Phi- 
losophen sagen zwar, das Gemeinsame der Tiere existiere nur im 
Begriffe, es existiere die Wolfheit nicht draufien in der Welt. Das ist 
aber nicht richtig. Wer das glaubt, dafi die Wolfheit als solche, also 
das, was objektiv in der geistigen Welt die Gruppenseele ist, nicht 
aufier unserem Begriffe existiert, der braucht sich nur das Folgende 
zu iiberlegen. Aufier uns, draufien in der Welt, gibt es Wesen, die wir 
Wolf nennen. Nehmen wir nun an, das Seelische, das Charakteri- 
stische des Wolfes sei eine Folgeerscheinung der Beschaffenheit der 
Materie, aus welcher der Wolf besteht. Wir wissen, dafi sich die Ma- 
terie des Korpers eines tierischen Wesens fortwahrend andert. Ein 
Tier nimmt neue Materie auf und gibt die alte ab. Dadurch andert 
sich der Bestand der Materie fortwahrend. Worauf es aber ankommt, 
das ist die Tatsache, dafi etwas im Wolfe vorhanden ist, was die auf- 
genommene Materie in Wolfsmaterie umwandelt. Nehmen wir an, 
man hatte durch alle Finessen der Naturwissenschaft herausgebracht, 
wieviel Zeit der Wolf braucht, um alle Materie zu erneuern. Nehmen 
wir ferner an, man sperrte ihn ebensolange ein und fiitterte ihn mit 
lauter Lammern, so dafi er, solange er braucht, um seine Materie, 
seinen sinnlichen Korper ganz auszutauschen, mit lauter Lamm- 
Materie gefiittert worden ware. Wenn der Wolf nichts anderes ware 
als die physische Stofflichkeit, aus der sein Korper aufgebaut ist, so 
mufite er jetzt ein Lamm geworden sein. Aber Sie werden nicht glau- 
ben, dafi der Wolf dadurch, dafi er so lange Zeit Lammer gefressen 
hat, jetzt auch ein Lamm geworden sein mufi. Sie werden sehen, dafi 
den Begriffen, die wir uns bilden von den verschiedenen Tierformen, 
Realitaten entsprechen, die etwas Ubersinnliches sind gegeniiber dem, 
was in der sinnlichen Welt draufien ist. 

So ist es nun bei alien Tieren. Die Gruppenseele, das, was der 
ganzen Tiergattung zugrunde liegt, das macht es, dafi das eine Tier 
Wolf, das andere Lamm, das eine Lowe, das andere Tiger ist. Die 
Gruppenseele aber macht sich der Mensch klar in seinem Begriffe. 
Die Begriffe, die sich der Mensch nun gewohnlich bildet, gerade von 



der Tierwelt, sind eigentlich recht unvollkommen. Daft sie unvoll- 
kommen sind, das riihrt davon her, daft der Mensch in seiner gegen- 
wartigen Beschaffenheit recht wenig tief in die Realitaten eindringt, 
daft der Mensch eigentlich nur an der Oberflache der Wesenheiten 
haftet. Wiirde er tiefer gelangen, so wiirde er, indem er sich den 
Begriff des Wolfes bildet, in seiner Seele nicht nur haben den ab- 
strakten Begriff, sondern er wiirde den Gemiitszustand haben, der 
diesem Begriffe entspricht. Mit dem Begriffe wiirde sich ein Gemuts- 
zustand bilden, und der Mensch wiirde, indem er sich den Begriff 
des Wolfes bildet, das durchmachen, was das Wolfsdasein ist. Er 
wiirde die Blutgierigkeit des Wolfes fiihlen und auch fiihlen die Ge- 
duld des Lammes. 

Wenn das heute nicht so ist, so riihrt das davon her — ich kann es 
nur symbolisch sagen, denn sonst wiirde es zu weit fiihren, die ent- 
sprechende Realitat wissen Sie ja bereits — , daft der Mensch, nachdem 
die luziferischen Einfliisse stattgefunden hatten, abgehalten wurde 
von den Gottern, zu der Erkenntnis auch noch das Leben zu haben. 
Er sollte nicht essen von dem Baume des Lebens. Er hat daher also 
nur die Erkenntnis und kann nicht das Wirkliche des Lebens nach- 
leben. Das kann er nur dann, wenn er Okkultist ist, wenn er in 
okkulter Weise eindringt in dieses Gebiet. Dann hat er nicht nur den 
abstrakten Begriff, sondern dann lebt er in dem, was wir mit den Aus- 
drucken «dieBlutgier des Wolf es»,«die Geduld desLammes» bezeichnen. 

Jetzt werden Sie begreifen, wie grofi der Unterschied ist zwischen 
diesen beiden Dingen. Das bekampft sich alles in uns, da die Begriffe 
durchdrungen sind von dem innersten Wesen der Seelensubstanz. 
Aber diese Begriffe muft sich der Okkultist und Hellseher machen, 
er muft zu diesen Begriffen aufsteigen. Wenn der Hellseher zu diesen 
Dingen aufgestiegen ist, dann kann man sagen: Da lebt jetzt schon 
etwas davon in ihm. Und tatsachlich, ein lebendiges Bild der ganzen 
tierischen Welt draufien lebt in ihm. — Wie gut hat es doch der andere 
Mensch, der nicht Hellseher geworden ist, konnte man da sagen. Aber 
ich habe ja gerade schon vorhin darauf hingewiesen, daft der Hell- 
seher sich in dieser Beziehung nicht unterscheidet von den anderen 
Menschen ! Das, was in dem einen ist, ist auch in dem anderen. Der 



Unterschied besteht nur darin, dafi der eine es sieht, wahrend der 
andere es nicht sieht. Die ganze Welt, von der ich gesprochen habe, 
ist in Wirklichkeit in der Seele eines jeden Menschen, nur sieht sie der 
gewohnliche Mensch nicht. Das ist dasjenige, was aus den verborgenen 
Untergriinden der Seele heraufspielt, was den Menschen in sich un- 
ruhig macht, was den Menschen in Zweifel hineinreifk, ihn da- und 
dorthin zieht, das, was das Spiel seiner Begierden und Instinkte aus- 
macht. Dasjenige, was sich nicht iiber eine gewisse Schwelle herauf- 
drangt, sich nur in Schwachen ausdriickt und auslebt, ist doch vor- 
handen. Wer eine derartige Gemiitsveranlagung hat, der hangt so 
zusammen mit der Welt, daft ihn diese Gefuhle erfiillen, ergreifen im 
Kampfe und im Leben und ihn in schwerwiegende Verhaltnisse zu 
Wesen und Menschen bringen. Das ist einmal so. Und warum? 

Wenn das nicht so ware, dann ware in gewisser Beziehung die Ent- 
wickelung unserer Erde mit dem Tierischen am Ende angekommen. 
Dann ware das Tierreich so, wie es ist, eine Art von Ende. Es konnte 
nicht weiterkommen. Die ganzen Gruppenseelen der Tiere, die da 
um uns herum lebcn, wiirden sich nicht in die folgenden Verkorpe- 
rungen unserer Erde hinuberentwickeln konnen. Das ware eine son- 
derbare Sache. Diese Gruppenseelen der Tiere waren in der Lage — 
verzeihen Sie mir den Vergleich, aber er wird Ihnen klarmachen, was 
gemeint ist — eines Amazonenstaates, in den nie ein Mann hinein 
diirfte. Er wiirde notwendig aussterben ohne mannliche Wesenheit. 
Er wiirde zwar geistig nicht aussterben, denn die Seelen wiirden in 
andere Reiche iibergehen, aber als Amazonenstaat stande ihm dieses 
Schicksal bevor. So wiirde auch der Staat der tierischen Gruppen- 
seelen aussterben, wenn nichts anderes da ware als er. Das namlich, 
was in den tierischen Gruppenseelen lebt, das mulS befruchtet werden 
und kann nicht anders iiber die Klippe in der Erdenentwickelung, 
in die nachste Erdenverkorperung, das Jupiterdasein, hinwegkom- 
men — kann nicht hiniibergelangen, wenn es nicht befruchtet wird 
von dem, was ich geschildert habe. Dadurch gehen die Formen der 
Erdentiere zugrunde, sie sterben aus, die Gruppenseelen aber werden 
befruchtet und erscheinen auf dem Jupiter als fur ein hoheres Dasein 
ausgebildet, sie gelangen also zu ihrer nachsten Stufe des Daseins. 



Was geschieht also durch den Menschen, indem er da unten die 
lebendigen Formen der Gruppenseelen abbildet? Er bildet dadurch 
aus die Befruchtungskeime fiir die Gruppenseelen, die sich sonst nicht 
weiterentwickeln konnten. Wenn wir dies ins Auge fassen, dann 
konnen wir uns das Folgende sagen: Also sehen wir schon im tieri- 
schen Reiche, dafi der Mensch in sich entwickelt, auf auftere Anregung 
hin, indem er das Tierreich anschaut, gewisse innere Impulse, die 
Befruchtungskeime sind fiir die tierische Gruppenseele. Diese Im- 
pulse, die da im Leben als Befruchtungskeime fiir die tierische Grup- 
penseele entstehen, entstehen auf aufiere Anregung. Nicht auf auftere 
Anregung entstehen die Visionen des Hellsehers und auch nicht die- 
jenige, welche ausgewahlt wird als reale Vision. Die ist nur da in der 
geistigen Welt und lebt in den Seelen der Menschen. 

Glauben Sie nur ja nicht, dafS, wenn von einer Anzahl Getreide- 
korner soundsoviele verzehrt werden, wahrend nur wenige sich 
wieder zur Ahre entwickeln konnen, dafi da nichts vorgeht in der 
geistigen Welt! Wahrend die Korner aufgezehrt werden, geht das 
Geistige, das mit den Getreidekornern verbunden ist, in den Menschen 
iiber. Das zeigt sich am besten fiir den hellseherischen Blick, wenn 
er hinschaut auf ein Meer, wo soundsoviele Fischkeime enthalten 
sind, und beobachtet, wie wenige sich zu vollgiiltigen Fischen ent- 
wickeln. Diejenigen, die zu vollgiiltigen Fischen sich entwickeln, 
zeigen in ihrem Innern kleine Flammchen, diejenigen aber, die sich 
physisch nicht entwickeln, die physisch in den Abgrund hinunter- 
gehen, entwickeln machtige Flammen-Lichtbildungen. Da ist das 
Geistige um so bedeutsamer. So ist es auch mit denjenigen Getreide- 
und Weizenkornern, die gegessen werden. Das Materielle davon wird 
gegessen; indem es zermiirbt wird, tritt aus diesen nicht zu ihrem 
Ziele gelangten Weizenkornern heraus eine geistige Kraft, die unseren 
Umkreis erfullt. Das ist fiir den Hellseher ebenso, wenn er einen 
Menschen ansieht, der Reis oder ahnliches ilk. Wahrend der Mensch 
das Materielle in sich aufnimmt, mit sich vereinigt, spriihen in Stro- 
men die geistigen Krafte heraus, die mit dem Korne verbunden waren. 
Das alles ist keine so einfache Sache fiir den okkulten Blick, ganz be- 
sonders nicht, wenn die Nahrung keine Pflanze war. Aber darauf will 



ich heute nicht eingehen, da die Geisteswissenschaft nicht agitieren soil 
fur irgendeine Parteirichtung, also auch nicht fur den Vegetarismus. 

Es schliefien sich also zusammen die geistigen Wesenheiten. Alles, 
was scheinbar zugrunde geht, gibt ab an die Umgebung das Geistige. 
Dieses Geistige, das abgegeben wird an die Umgebung, das vereinigt 
sich tatsachlich mit dem, was im Menschen drinnen, wenn er Hell- 
seher wird oder auch sonst, in seiner visionaren Welt lebt. Und die 
nach der Inspiration ausgewahlten Visionen sind dasjenige, was das, 
ich mochte sagen, aus den nicht zum Ziele gekommenen Lebenskeimen 
ausgeprefite Geistige befruchtet und weiter zur Evolution bringt. 

So stent unser Inneres durch dasjenige, was es da innerlich ent- 
wickelt, in einem fortwahrenden Verhaltnisse zu der aufieren Welt, 
wirkt zusammen mit dieser aufieren Welt. Diese au/Sere Welt ware 
dem Verderben anheimgegeben, konnte sich nicht weiterentwickeln, 
wenn wir nicht entgegenbrachten die befruchtenden Keime. Drauften 
in der Welt ist auch eine Geistigkeit, aber sozusagen nur eine halbe 
Geistigkeit. Damit sie Nachwuchs habe, diese Geistigkeit draufien, 
mufi die andere Geistigkeit zu ihr hinzutreten, die innerhalb uns selbst 
lebt. Was in uns lebt, ist keineswegs nur ein erkenntnismafiiges Ab- 
bild des Aufieren, sondern das, was dazu gehort. Es tritt mit dem, 
was aufier uns ist, zusammen und entwickelt sich weiter. Geradeso 
wie Nord- und Sudpol als Magnetismus oder Elektrizitat zusammen- 
treten miissen, damit etwas geschieht, so mufi zusammentreten das- 
jenige, was sich in unserem Innern ausbildet in der Welt der Visionen, 
mit dem, was draufien aufspriiht von dem scheinbar Zugrundege- 
gangenen. Wunderbare Ratsel, die sich aber allmahlich aufklaren, 
die uns zeigen, wie Inneres mit dem AuJfteren zusammenhangt. 

Nun werfen wir einen Blick auf das, was uns drauften umgibt, und 
auf das, was wir als ausgewahlte Visionen haben, auf das, was sich 
aussondert von den unermeftlichen Moglichkeiten der Visionen. Das- 
jenige, was wir so erheben zu einer fur uns giiltigen Vision, dient zu 
unserer inneren Entwickelung. Was dann hinuntersinkt, wenn wir das 
ganze unermefiliche Feld des visionaren Lebens iiberblicken, was da 
einzeln hinuntersinkt, das versinkt nicht in nichts, sondern es dringt 
in die Aufienwelt und befruchtet dieselbe. Was wir ausgewahlt haben 



von den Visionen, das dient zu unserer Weiterentwickelung. Die 
anderen, die gehen von uns weg und vereinigen sich mit dem, was 
um uns ist, mit dem nicht zum Ziele gelangten Leben. 

So wie das Lebewesen zu seiner Ernahrung aufnehmen mufi das- 
jenige, was nicht zum Leben gekommen ist, so miissen wir aufnehmen 
dasjenige, was wir nicht abgeben an die Aufienwelt zur Befruchtung 
der Aufienwelt. Das hat also seinen Zweck. Und ersterben miifite 
alles in der Welt, was geistig fortwahrend entsteht, wenn wir unsere 
Visionen nicht fallen liefien und nicht nur auswahlten diejenigen, 
welche sich nach der Inspiration ergeben. 

Jetzt kommen wir zum zweiten Punkte, der Gef ahr des visionaren 
Lebens. Was tut derjenige, welcher alle die unermefilich vielen und 
mannigfaltigen Visionen einfach als Wahrheit bezeichnet und nicht 
auswahlt das fur ihn Richtige, nicht tilgt die weitaus grofiere Zahl 
der Visionen? Was tut der? Der tut geistig dasselbe, was ein Mensch 
tun wiirde — wenn Sie es sich ins Physische iibersetzen, dann werden 
Sie gleich sehen, was er tut — , der einem Saatfelde gegeniibersteht und 
nicht einen grofien Teil zur Nahrung verwendete, sondern alle Korner 
wieder zum Aussaen beniitzte. Es wiirde nicht lange dauern, so reichte 
die Erde nicht mehr hin, um all das Korn zu tragen. Das ginge also 
nicht so weiter, denn alles andere wiirde aussterben, es wiirde nichts 
mehr Nahrung haben. So ist es auch mit dem Menschen, der alles als 
Wahrheit betrachtet, der keine Vision tilgt und alles in sich darinnen 
behalt. Da wirkt er in sich so, wie wenn er alle Weizenkorner ein- 
sammeln und wieder aussaen wiirde. So wie die Welt bald mit lauter 
Weizenfeldern und Weizenkornern uberschuttet sein wiirde, so wiirde 
sich der Mensch iiberschutten mit Visionen, der nicht unter den 
Visionen auswahlte. 

Ich habe Ihnen die Umgebung geschildert, sowohl physisch wie 
geistig, die Tiere, sowie auch die Begriffe, die der Mensch sich dafiir 
bildet. Aber ich habe auch gezeigt, wie der Mensch seinen Visionen 
das Ziel zu geben hat und wie diese visionare Welt sich verbinden 
mufi mit der Welt draufien, damit die Entwickelung vorwartsschrei- 
ten kann. Wie ist es aber, wenn wir den Menschen nun ins Augefassen? 
Er steht einem Tiere gegenuber, betrachtet dessen Gruppenseele, sagt 



Wolf, das heiftt, er hat sich den Begriff Wolf gemacht, und indem er 
Wolf sagt, ist in ihm aufgeschossen das Bild, von dem allerdings der 
Nichthellseher die Gemiitssubstanz nicht hat, sondern nur den ab- 
strakten Begriff. Was in der Gemiitssubstanz lebt, das verbindet sich 
mit der Gruppenseele und befruchtet sie, wenn der Mensch den 
Namen Wolf ausspricht. Wenn er den Namen nicht aussprechen 
wiirde, so wiirde das Tierreich als solches ersterben. Und dasselbe 
gilt auch von dem Pflanzenreiche. 

Das, was ich charakterisiert habe von dem Menschen, gilt nur fiir 
den Menschen. Was ich charakterisiert habe, gilt nicht fiir die Tiere 
und auch nicht fiir die Engel und so weiter. Die haben ganz andere 
Aufgaben. Der Mensch allein ist dazu da, sein Wesen der Auftenwelt 
gegeniiberzustellen, damit Befruchtungskeime entstehen, die sich im 
«Namen» zum Ausdruck bringen. Damit ist in des Menschen Inneres 
die Moglichkeit zur Fortentwickelung des Tier- und Pflanzenreiches 
gelegt. 

Gehen wir jetzt zu dem Ausgangspunkte zuriick, den wir gestern 
gewahlt haben. Jahve oder Jehova wurde gefragt von den Dienst- 
Engeln, warum er durchaus den Menschen schaffen wollte. Die Engel 
konnten es nicht begreifen. Da versammelte Jehova die Tiere und 
Pflanzen und fragte die Engel, welches die Namen dieser Wesen sind. 
Sie wuftten es nicht. Sie haben andere Aufgaben als die Befruchtung 
der Gruppenseelen. Der Mensch aber konnte die Namen sagen. Damit 
zeigt Jahve, daft er den Menschen braucht, weil sonst die Schopfung 
ersterben wiirde. Im Menschen entwickelt sich dasjenige weiter, was 
in der Schopfung bis zum Ende gekommen ist und was neu angefacht 
werden muft, damit die Entwickelung weitergehe. Daher muftte zur 
Schopfung hinzukommen der Mensch, damit die Befruchtungskeime 
entstehen konnten, die sich im «Namen» zum Ausdruck bringen. 

So sehen wir, daft wir mit unserem Leben nicht unnotig hineinge- 
stellt sind in die Schopfung. Denken wir den Menschen hinweg, so 
wiirden sich die "Dbergangsreiche nicht weiterentwickeln konnen. Sie 
wiirden dem Schicksale verf alien, welchem verf alien wiirde eine 
Pflanzen welt, die nicht befruchtet wird. Einzig und allein dadurch, 
daft der Mensch hineingestellt ist ins Erdendasein, wird die Briicke 



geschaffen zwischen der Welt, die friiher war, und derjenigen, die 
spater ist, und der Mensch selber nimmt dasjenige fiir sich, fur seine 
Entwickelung, was in der Unsumme von Wesen als Name lebt, und 
bewirkt dadurch, daft er mit der ganzen Entwickelung aufsteigt. 

Da haben wir, nicht in einfacher, abstrakter Weise, die Frage be- 
an twortet: Welches ist der Sinn des Lebens? obwohl im Grunde ge- 
nommen die abstrakte Antwort darinnenliegt. Der Mensch ist ge- 
worden ein Mithelfer der geistigen Wesenheiten. Er ist es geworden 
durch sein ganzes Wesen. Was in ihm ist, ist geworden der Befruch- 
tungskeim fiir die ganze Schopfung. Er muft da sein, und ohne ihn 
konnte die Schopfung nicht da sein. So fiihlt sich der Mensch, indem 
er sich darinnenstehend weift in der Schopfung, als ein Teilnehmer 
an dem gottlich-geistigen Schaffen. 

Jetzt weift er auch, warum er in sich ein solches Leben fiihrt, warum 
drauften die Welt der Sterne, der Wolken, der Naturreiche ist, mit 
alledem, was geistig dazugehort, und in ihm eine Welt des Seelen- 
lebens vorhanden ist. Denn jetzt sieht der Mensch: Diese zwei Welten 
gehoren zusammen, und nur indem sie gegenseitig aufeinander wirken, 
geht die Entwickelung vorwarts. Drauften breitet sich im Raume die 
unermefiliche Welt aus. Da drinnen in uns ist unsere Seelenwelt. Wir 
merken es nicht, daft das, was in uns lebt, hinausspruht und sich ver- 
bindet mit dem, was drauften lebt. Wir merken es nicht, daft wir der 
Schauplatz der Verbindung sind. Das, was in uns ist, ist sozusagen 
der eine Pol, und das, was drauften ist in der Welt, das ist der andere 
Pol, die beide sich zum Fortgange der Weltentwickelung miteinander 
verbinden miissen. Und der Sinn, der Sinn des Menschen, liegt dar- 
innen, daft wir dabei sein durfen. 

Die gewohnliche Erkenntnis des normalen Bewufttseins weift nicht 
viel von diesen Dingen. Aber indem wir in der Erkenntnis dieser 
Dinge fortschreiten, werden wir immer mehr bewuftt, daft in uns 
gleichsam der Ort ist, wo Nord- und Siidpol der Welt — wenn ich es 
damit vergleichen darf — ihre entgegengesetzten Krafte austauschen, 
sich miteinander vereinigen, so daft die Weiterentwickelung vor sich 
gehen kann. Wir lernen durch die okkulte Wissenschaft, daft in uns 
der Schauplatz ist fiir den Ausgleich der Krafte der Welt. Wir fiihlen, 



wie in uns wie in einem Zentrum die gottlich-geistige Welt lebt, wie 
sie sich mit der Auftenwelt verbindet und wie die beiden so sich gegen- 
seitig befruchten. 

Wenn wir uns so als Schauplatz fiihlen und wissen, wir sind dabei, 
dann stellen wir uns richtig hinein in das Leben, erfassen den ganzen 
Sinn des Lebens und erkennen, daft das, was zunachst unbewuftt ist, 
dadurch, daft wir in der Geisteswissenschaft weiterdringen, uns im- 
mer mehr bewuftt werden wird. Darauf beruht alle Entwickelung der 
hoheren Geisteskrafte. Wahrend esdem normalen Bewufttsein entzogen 
ist, zu wissen: Da vereinigt sich in dir etwas mit dem, was da drauften 
ist, ist es dem hoheren Bewufttsein erlaubt, zuzuschauen. Dieses ent- 
wickelt wirklich dasjenige, was zur Auftenwelt dazu gehort. Daher 
ist es notwendig, daft ein gewisser Reifezustand eintritt, daft man 
nicht in wilder Weise vermischt das, was drinnen ist, und das, was 
drauften ist. Denn sobald wir zu einem hoheren Bewufttsein auf- 
steigen, ist das eine Wirklichkeit, was in uns lebt. Schein ist es so 
lange, als man im gewohnlichen, normalen Bewufttsein lebt. 

Teilnehmen werden wir an dem Gottlich-Geistigen. Warum aber 
werden wir so teilnehmen? Hat denn das Ganze iiberhaupt einen 
Sinn, wenn wir sozusagen nur eine Art Ausgleichs-Apparat fur die 
entgegengesetzten Krafte smd ? Konnten diese Krafte sich nicht auch 
ohne uns ausgleichen? Eine sehr einfache Uberlegung zeigt uns, wie 
die Sache steht. Nehmen Sie an, es ist das eine Kraftmasse (es wird 
gezeichnet). Der eine Teil lebt innen, der andere drauften. Daft diese 
Teile einander gegeniiberstehen, das ist ohne uns zustande gekommen. 
Wir halten sie zunachst auseinander. Daft sie aber iiberhaupt zusam- 
menkommen, das hangt von uns ab. Wir bringen sie zusammen in uns. 
Dieser Gedanke ist ein Gedanke, der die allertiefsten Geheimnisse in 
uns aufregt, wenn wir ihn richtig iiberlegen. Als eine Dualitat stellen 
uns die Gotter die Welt gegeniiber: drauften die objektive Wirklich- 
keit, in uns das Seelenleben. Wir stehen dabei und sind diejenigen, die 
den Strom gleichsam schlieften und so die beiden Pole zusammen- 
bringen. Das geschieht in uns, geschieht auf dem Schauplatze unseres 
Bewufttseins. 

Da tritt nun ein dasjenige, was fur uns die Freiheit ist. Damit 



werden wir selbstandige Wesenheiten. In dem ganzen Weltenbau 
haben wir nicht bloft einen Schauplatz, sondern ein Feld der Mit- 
arbeit zu sehen. Damit ist allerdings ein Gedanke angeregt, den die 
Welt nicht so leicht versteht, nicht einmal, wenn man ihn ihr philo- 
sophisch vorfiihrt, denn ich habe das vor Jahren versucht in meinem 
Bikhelchen «Wahrheit und Wissenschaft», indem ich dargestellt habe, 
daft zunachst die Sinnestatigkeit da ist und dann die innere Welt, 
daft aber das Zusammensein, das Zusammenwirken notwendig ist. 
Da ist der Gedanke philosophisch durchgefiihrt. Ich versuchte damals 
noch nicht die okkulten Geheimnisse dahinter zu zeigen, aber die 
Welt hat nicht einmal das Philosophische verstanden in jener Zeit. 

Nun sehen wir, wie wir den Sinn unseres Lebens zu denken haben. 
Es kommt Sinn hinein: Wir werden zu Mitakteuren gemacht im Welt- 
prozeft. Was in der Welt ist, wird in zwei entgegengesetzte Lager 
getrennt, und wir werden hineingestellt, um diese zusammenzu- 
bringen. Dabei ist die Sache keineswegs so, daft wir uns vorzustellen 
haben, diese Arbeit ware eine engbegrenzte. Ich kenne einen spaftigen 
Herrn in Deutschland, der viel fiir deutsche Zeitschriften schreibt. 
Er schrieb neulich in einer Zeitung, daft es notwendig ware fiir die 
Weltenentwickelung, daft der Mensch immerfort auf dem Stand- 
punkte bleibe, die gewohnlichen Weltenratsel nicht losen zu konnen, 
und daft es nicht richtig ware, wenn der Mensch dazu kame, dieselben 
verstandesmaftig zu durchdringen, zu losen. Denn wenn der Mensch 
die Verstandesratsel gelost hatte, dann waren keine mehr da, und es 
ware nichts mehr fiir ihn zu tun. — Also miissen immer iiber die Ver- 
standesratsel Zweifel da sein, und es miissen immer unvollkommene 
Dinge geschehen! Dieser Mann hat namlich keine Ahnung davon, 
daft, wenn das normale Bewufttsein an seinem Ende angekommen ist, 
dann das Bewufttsein selber fortschreitet, und daft da erne neue Po- 
laritat auftritt, die eine neue Aufgabe darstellt und wieder zu ver- 
einigen ist. Wie lange zu vereinigen? So lange, bis der Mensch tat- 
sachlich erreicht hat, daft sich in seinem Bewufttsein wiederholt hat 
das gottliche Bewufttsein. 

Jetzt konnen wir uns, nachdem wir uns erne Ahnung verschafft 
haben von der ganz unermeftlichen Grofte des Ratsels, zu der ab- 



strakten Antwort erheben, jetzt, da wir wissen, daft in uns aufleben 
die Befruchtimgskeime fur eine geistige "Welt, die nicht ohne uns vor- 
wartsgehen kann. Jetzt wollen wir auch sehen, wie es stent mit dem 
Sinn des Lebens, denn jetzt arbeiten wir auf breiter Unterlage. Jetzt 
ist es so, daft wir uns sagen miissen: Einstmals war in der Evolution 
das gottliche Bewufttsein. Das war in seiner Unermeftlichkeit. Damit 
stehen wir im Beginne des Daseins. Dieses gottliche Bewufttsein bildet 
zunachst Abbilder. Wodurch unterscheiden sich nun diese Abbilder 
von dem gottlichen Bewufttsein? Dadurch, daft sie viele waren, wah- 
rend das gottliche Bewufttsein nur eins ist. Dadurch ferner, daft sie 
leer waren, wahrend das gottliche Bewufttsein voll Inhalt war, so 
daft die Abbilder erst als Vielheit vorhanden sind, dann aber auch 
leer, so, wie wir das leere Ich hatten gegeniiber dem von einer ganzen 
Welt erfullten gottlichen Ich. Aber dieses leere Ich wird zum Schau- 
platze gemacht, wo sich fortwahrend verbinden die gottlichen In- 
halte, die in zwei entgegengesetzte Lager geteilt werden. Und in dem 
das leere Bewufttsein fort und fort Ausgleiche schafft, erfullt es sich 
immer mehr mit dem, was urspriinglich im gottlichen Bewufttsein 
war. Es geht also die Evolution so vorwarts, daft das einzelne Bewuftt- 
sein erfullt wird mit dem, was im Beginne das gottliche Bewufttsein 
an Inhalt hatte. Durch den fortwahrenden Ausgleich in den Indivi- 
dualitaten geschieht das. 

Braucht das gottliche Bewufttsein das zu seiner Entwickelung ? So 
fragen viele, die den Sinn des Lebens nicht ganz verstehen konnen. 
Braucht das gottliche Bewufttsein dies zu seiner eigenen Vollkommen- 
heit, zu seiner eigenen Entwickelung? Nein, das gottliche Bewufttsein 
braucht das nicht. Es hat alles in sich. Aber das gottliche Bewufttsein 
ist nicht egoistisch. Es gonnt einer unermeftlich groften Zahl von 
Wesen denselben Inhalt, den es selber hat. Dafiir miissen diese Wesen 
aber erst das Ganze erwerben, so daft sie das gottliche Bewufttsein in 
sich haben und das gottliche Bewufttsein dadurch vermannigfaltigt 
wird. In grofter Zahl erscheint dann, was einst in Einheit war im 
Beginne der Weltentwickelung, was in der Folge aber wieder abfallt 
auf dem Wege der Durchgottlichung der Einzel-Bewufttseine. 

Diese Entwickelung, wie sie hier geschildert wird, war fiir den 



Menschen im Grunde genommen immer so. Sie war so wahrend der 
Saturnzeit, sie war ahnlich wahrend der Sonnen- und Mondenzeit. 
Fur die Erdenzeit haben wir sie heute klar entwickelt. Fur die Saturn- 
zeit macht die erste Anlage des physischen Leibes diese Entwickelung 
durch und befruchtet anderseits nach auften, fiir die Sonnenzeit die 
Anlage des Atherleibes und so weiter. Der Vorgang ist derselbe, wird 
nur immer geistiger und geistiger. Immer weniger und weniger bleibt 
zuletzt drauften iibrig, was noch zu befruchten ist. Indem die Men- 
schen sich weiterentwickeln, wird immer mehr und mehr in ihnen 
leben und immer weniger drauften sein, was noch zu befruchten ist. 
Daher wird er am Ende das, was drauften ist, immer mehr in seinem 
Innern haben. Die Auftenwelt wird zu seinem Innern werden. Ver- 
innerlichung ist die andere Seite der Vorwartsentwickelung. 

Vereinigung des Inneren mit dem Aufteren, Verinnerlichung des 
Aufteren, das sind die zwei Punkte, nach denen sich die Menschen 
vorwartsentwickeln. Sie werden immer ahnlicher werden dem Gott- 
lichen und zuletzt immer innerlicher. Bei der Vulkanentwickelung 
wird dann alles befruchtet sein. Alles Auftere wird Inneres geworden 
sein. Vergottlichung ist Verinnerlichung. Verinnerlichung ist Vergott- 
lichung. Das ist das Ziel und der Sinn des Lebens. 

Aber wir kommen hinter die Sache erst dann, wenn wir sie uns 
nicht so vorstellen, daft wir damit nur abstrakte Begriffe hinpfahlen, 
sondern indem wir wirklich auf die Einzelheiten eingehen. DerMensch 
mufi sich in die Sache vertiefen und so in die Einzelheiten eingehen, 
daft, wenn er den Namen der Tiere und Pflanzen bildet, in seinem 
Innern etwas entsteht, was das, was im Worte ist, verbindet mit dem, 
was dem Tier- oder Pflanzenkeime zugrunde liegt und dann in der 
geistigen Welt weiterlebt. Eine Aufbesserung in der Entwickelung 
braucht schon unsere Weltanschauung, denn was hat denn der Dar- 
winismus in dieser Richtung geleistet? Er spricht vom Kampfe urns 
Dasein. Er beriicksichtigt aber nicht, daft auch das einer Fortent- 
wickelung unterliegt, was bei ihm besiegt wird und zugrunde geht. 
Der Darwinist sieht nur die Wesen, die das Ziel erreichen, und die 
anderen, die zugrunde gehen. Die zugrunde gehen, die spriihen aber 
das Geistige aus, so daft sich nicht nur das entwickelt, was im physi- 



schen Kampfe siegt. Das, was scheinbar zugrunde geht, macht die 
Entwickelung im Geistigen durch. Das ist das Bedeutsame. 

So dringen wir in den Sinn des Lebens ein. Nichts, auch nicht das 
Besiegte, auch nicht das Aufgegessene, geht zugrunde, sondern wird 
geistig befruchtet, sprieEt geistig wieder hervor. Vieles ist in dem 
Ganzen der Erden- und Menschheitsentwickelung zugrunde gegangen, 
ohne daft der Mensch direkt etwas dazu tun konnte. Nehmen wir die 
ganze vorchristliche Entwickelung. Wir wissen, wie sie war, diese 
vorchristliche Entwickelung. Der Mensch ist von der geistigen "Welt 
ausgegangen im Beginne. Allmahlich ist er dann hinuntergestiegen in 
die physisch-sinnliche Welt. "Was er anfangs besessen, was in ihm ge- 
lebt hat, das ist verschwunden, ebenso wie verschwunden sind die 
Lebenskeime, die nicht ihr Ziel erreicht haben. Von dem Stamme der 
menschlichen Entwickelung sehen wir Unzahliges hinuntersinken in 
einen Abgrund. Wahrend Unzahliges hinuntersinkt in der aulteren 
Entwickelung der menschlichen Kultur, des menschlichen Lebens, 
entwickelt sich oben der Christus-Impuls. So wie im Menschen der 
befruchtende Keim sich fiir seine Umwelt entwickelt, so entwickelt 
sich fiir das, was im Menschen scheinbar zugrunde geht, der Christus- 
Impuls. Dann tritt das Mysterium von Golgatha ein. Das ist die Be- 
fruchtung dessen, was zugrunde gegangen ist, von oben herunter. Da 
tritt tatsachlich mit dem, was scheinbar von dem Gottlichen abge- 
fallen und in den Abgrund gesunken ist, eine Veranderung ein. Der 
Christus-Impuls tritt ein und befruchtet es. Und von dem Mysterium 
von Golgatha an sehen wir im weiteren Verlaufe der Erdenentwicke- 
lung ein Wiederaufbluhen und ein Sich-wieder-Fortsetzen durch die 
empfangene Befruchtung mit dem Christus-Impulse. 

So haben wir das, was wir erkannt haben von der Polaritat, auch 
bei diesem grofken Ereignisse der Erdenentwickelung bewahrheitet. 
Es kommen heraus in unserem Zeitalter die in der alten agyptischen 
Kultur zugrundegegangenen Kulturkeime. Denn sie sind in der Erden- 
entwickelung enthalten. Der Christus-Impuls ist nun da hineinge- 
fallen und hat sie befruchtet, und, indem er sie befruchtete, trat bei 
uns die Wiederholung der agyptisch-chaldaischen Kultur auf . In der 
Kultur, die der unsrigen folgen wird, tritt die urpersische Kultur auf, 



befruchtetvon dem Christus-Keim. Im siebenten Zeitraume tritt auf die 
urindischeKultur, die hohe spirituelle Kunst, die von den heiligen Rishis 
gekommen ist, befruchtet von dem Christus-Keime, in neuer Gestalt. 

So sehen wir auch in dieser fortlaufenden Entwickelung, daft das- 
jenige, was wir beim Menschen kennengelernt haben, werden kann 
zu einer Gegenseitigkeit: Inneres und Aufteres, Seelisches und Phy- 
sisches, die sich gegenseitig befruchten. So ist oben der Christus-Im- 
puis und unten die Befruchtung mit dem Christus-Keime vorhanden. 
Unten die fortschreitende Erdenkultur, von oben, durch das Myste- 
rium von Golgatha einfallend, der Christus-Impuls. 

Jetzt sehen wir auch den Sinn des Christus-Erlebens ein: Miterleben 
soil die Erde die Weltgeheimnisse, wie miterleben soil der einzelne 
Mensch die gottlichen Geheimnisse. Dadurch wurde die Polaritat in 
den Menschen gelegt, so wie in die Erde. 

Wie zwei entgegengesetzte Pole hat sich entwickelt die Erde und 
das, was dariiber ist, das, was sich erst vereinigt hat mit der Erde 
durch das Mysterium von Golgatha. Christus und die Erde gehoren 
zusammen. Sie muftten sich, damit sie sich vereinigen konnten, zuerst 
getrennt voneinander als Polaritaten entwickeln. So sehen wir, daft 
es notwendig ist, damit iiberhaupt in der Wirklichkeit die Dinge sich 
ausleben, daft sie sich in Polaritaten differenzieren, und die Polari- 
taten vereinigen sich dann wieder zum Fortschritte des Lebens. Das 
ist der Sinn des Lebens. 

Nun ist es nur zu wahr: Wenn wir diese Sache so iiberblicken, dann 
fiihlen wir uns darinnenstehend in der Welt, fuhlen, daft die "Welt 
ohne uns iiberhaupt nichts ware. Ein so tiefer Mystiker wie Angelus 
Silesius hat den merkwiirdigen Ausspruch getan, der zunachst die 
Menschen verdutzt machen konnte: «Ich weifi, daft ohne mich Gott 
nicht ein Nu kann leben, werd' ich zunicht, er mufi von Not den Geist 
aufgeben.» Konfessionelle Christen konnen wettern iiber einen solchen 
Ausspruch. Sie bedenken aber dabei nicht einmal das Geschichtliche, 
namlich daft Angelus Silesius, schon bevor er katholisch geworden 
ist, um ganz auf dem Boden des Christentums zu stehen nach seiner 
Meinung, ein recht frommer Mann war und dennoch diesen Aus- 
spruch getan hat. Wer Angelus Silesius kennt, der wird nicht zugeben, 



daft dieser Ausspruch aus Gottlosigkeit geschehen ist. Was in der Welt 
ist, stellt sich eines dem andern entgegen, wie Polaritiiten, die nicht 
zusammenkommen konnen, wenn der Mensch hinweggedacht wird. Der 
Mensch stent mitten dazwischen und gehort dazu. Wenn der Mensch 
denkt, denkt die Welt in ihm. Er ist der Schauplatz, er bringt nur die 
Gedanken zusammen. Wenn der Mensch fiihlt und will, so ist es ebenso. 

Jetzt konnen wir ermessen, was es heiftt, wenn wir den Blick hin- 
ausrichten in die Raumesweiten, wenn wir sagen: Es ist das Gottliche, 
das ihn erfullt, und das Gottliche ist das, was sich mit dem Erdenkeim 
vereinigen mui?. In mir ist der Sinn des Lebens, kann der Mensch 
sagen. Die Gotter haben sich Ziele gesetzt. Aber sie haben auch den 
Schauplatz ausgewahlt, wo diese Ziele erreicht werden sollen. Die 
Menschenseele ist der Schauplatz. Daher, wenn die Menschenseele nur 
tief genug in sich hineinschaut, nicht blofi die Ratsel im weiten Raume 
losen will, dann findet sie da drinnen etwas, wo die Gotter ihre Taten 
verrichten und der Mensch dabei ist. Das versuchte ich auszudrikken 
in den Worten, die in meinem letzten Mysterienspiele «Die Priifung 
der Seele» stehen, wie da im Menscheninnern die Gotter wirken, wie 
der Sinn der Welt sich in der Menschenseele auslebt und wie der Sinn 
der Welt leben wird in der Menschenseele. Was ist der Sinn des 
Lebens? Es ist der, daft dieser Sinn im Menschen selber leben wird. 
Das suchte ich auszudriicken in den Worten, die die Seele in sich 
selber sagen kann: 

«In deinem Denken leben Weltgedanken, 

In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte, 

In deinem Willen wirken Weltenwesen. 

Verliere dich in Weltgedanken, 

Erlebe dich durch Weltenkrafte, 

Erschaffe dich aus Willenswesen. 

Bei Weltenfernen ende nicht 

Durch Denkenstraumesspiel ; 

Beginne in den Geistesweiten 

Und ende in den eignen Seelentiefen: — 

Du findest Gotterziele 

Erkennend dich in dir.» 



Wenn man etwas sagen will, was wahr ist, nicht etwas, was einem 
blofi eingef alien ist, so mufi es immer aus den okkulten Geheimnissen 
heraus gesagt sein. Das ist aufterordentlich wichtig. Daher diirfen 
Sie die Worte, die in okkulten Werken gebraucht sind, gleichgultig, 
ob sie in Form von Prosa oder in Form von Dichtung auftreten, nicht 
in demselben Stile denken, in dem andere, auftere Dichtwerke ent- 
standen sind. Solche Werke, die wirklich der Wahrheit, der Welt und 
ihren Geheimnissen entsprungen sind, sind so entstanden, daft die 
Seele in sich wirklich sprechen laftt die Weltgedanken, sich wirklich 
befeuern laftt von den Weltgefiihlen, nicht von den eigenen person- 
lichen Gefuhlen, und sich wirklich geschaffen hat aus Willenswesen 
heraus. 

Das ist etwas, was zur Mission unserer Geistes-Bewegung gehort, 
daft man unterscheiden lernt zwischen dem, was aus den Weltgeheim- 
nissen herausstromt, und dem, was willkurliche Phantasie der Men- 
schen erfunden hat. Immer mehr und mehr wird sich die Kultur- 
entwickelung so erheben, daft an die Stelle des willkiirlichen Erfindens 
dasjenige treten wird, was in der menschlichen Seele so lebt, daft es 
die andere Polaritat ist des entsprechenden Geistigen. Solche Dinge, 
die so geschaffen werden, sind selbst wieder befruchtende Keime, die 
sich verbinden mit dem Geistigen. Die sind zu etwas da im Welten- 
prozeft. Das ist etwas, was uns ein ganz anderes Verantwortungsge- 
fiihl gibt gegeniiber den Dingen, die wir selber machen, wenn wir 
wissen, daft das, was wir machen, Befruchtungskeime und nicht 
sterile Keime sind, die einfach verpuffen. Dann miissen wir diese 
Keime auch aus den Tiefen der Weltenseele heraus entstehen 
lassen. 

Nun konnen Sie fragen: Ja, wie gelangt man dazu? Durch Geduld. 
Indem man immer mehr und mehr dazu kommt, einen jeglichen Ehr- 
geiz personlicher Art in sich abzutoten. Der personliche Ehrgeiz ver- 
fiihrt uns immer mehr und mehr dazu, dasjenige, was nur personlich 
ist, produzieren zu konnen und nicht zu uns sprechen zu lassen das, 
was Ausdruck des Gottlichen in uns ist. Wodurch konnen wir wissen, 
daft das Gottliche in uns spricht? Ertoten miissen wir alles dasjenige, 
was nur aus uns kommt, und vor alien Dingen miissen wir ertoten ein 



jegliches ehrgeiziges Streben. Das erzeugt dann die richtige Polaritat 
in uns, das gibt wirkliche befruchtende Keime in der Seele. — Unge- 
duld ist der schlimmste Lebensfiihrer. Sie ist dasjenige, was die Welt 
verdirbt. — Gelingt uns das, dann werden Sie sehen, wie das ausein- 
andergesetzt worden ist, daft der Sinn des Lebens erreicht wird auf die 
angezeigte Art, durch die Befruchtung des Aufteren mit dem Innern. 
Dann wird uns aber auch klar sein, daft, wenn unser Inneres nicht das 
richtige ist, wir unrichtige Befruchtungskeime in die Welt hinaus- 
streuen. Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, daft Miftge- 
burten in der Welt entstehen. Unsere gegenwartige Kultur ist reich an 
solchen Miftgeburten. In aller Herren Landern wird heute zum Bei- 
spiel, mit Dampfkraft, konnte man sagen, bald wird es mit Luft- 
ballons gehen, gedichtet und geschrieben, wahrend ein beriihrnter 
Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts schon geschrieben hat: 
Ein einziges Land erzeugt heute fiinfmal soviel Biicher, als die Erde 
zu ihrem Wohle notig hat. Und heute ist es noch viel schlimmer ge- 
worden. Das sind Dinge, welche die gegenwartige Kultur umgeben 
mit geistigen Wesenheiten, die nicht lebensfahig sind, die nicht ent- 
stehen sollten und nicht entstehen wiirden, wenn die Menschen die 
entsprechende Geduld hatten. Das wird auch, wie eine Art anderer 
Pol, in der Menschenseele entstehen: Geduld, daft die Menschenseele 
nicht bloft draufloswutet, was nur Ausfluft von Ehrgeiz und Egois- 
mus ist. 

Das ist nicht aufzufassen als Form einer moralischen Predigt, son- 
dern als die Wiedergabe einer Tatsache. Es ist eine Tatsache, daft 
durch ehrgeizige Produktionen in unserer Seele solche Befruchtungs- 
keime entstehen, woraus Miftgeburten in der geistigen Welt hervor- 
gehen. Diese zuriickzudrangen, allmahlich auch umzugestalten, ist 
eine fruchtbare Aufgabe fur eine feme Zukunft. Das ist die Mission 
der Geisteswissenschaft, diese Aufgabe zu losen, und das ist der Sinn 
des Lebens, daft die geisteswissenschaftliche Weltanschauung damit 
sich einreiht in den ganzen Sinn des Lebens, daft iiberall uns Sinn im 
Leben entgegenstromt, daft iiberall im Leben alles sinnvoll ist. Das 
ist es, was der Okkultismus den Menschen lehren will, daft wir mitten 
im Sinn darinnenstehen und wir es wirkKch so sagen konnen: 



«In deinem Denken leben Weltgedanken, 
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte, 
In deinem Willen wirken Weltenwesen. 
Verliere dich in Weltgedanken, 
Erlebe dich durch Weltenkrafte, 
Erschaffe dich aus Willenswesen. 
Bei Weltenfernen ende nicht 

Durch Denkenstraumesspiel ; 

Beginne in den Geistesweiten 

Und ende in den eignen Seelentiefen: — 

Du findest Gotterziele 

Erkennend dich in dir.» 

Das, meine lieben Freunde, ist der Sinn des Lebens, so, wie ihn der 
Mensch zunachst zu verstehen notig hat. 

Das ist es, was ich mit Ihnen habe besprechen wollen. Machen wir 
es uns ganz verstandlich, ganz zu eigen, dann werden die Seelen, die 
gottlich geworden sind, es in Ihrer Seele wirken lassen. 

Schreiben Sie das Schwerverstandliche dieser Ausftthrungen dem 
Umstande zu, daft das Karma es mit sich brachte, daft wir eine so 
wichtige Angelegenheit, wie den Sinn des Lebens, in zwei kurzen 
Vortragen erschopfen muftten und daft manches bloft angedeutet wer- 
den konnte, was erst in der eigenen Seele sich ausleben kann. Betrach- 
ten Sie es auch als eine Polaritat, daft eine Anregung gegeben werden 
mufi, die meditierend weiter verarbeitet werden soil, daft durch diese 
Weiterarbeit all unser Zusammenwirken Sinn bekommen, Inhalt be- 
kommen, so sinnvoll werden soli, daft unsere Seelen ineinanderspielen. 
Und das ist das Wesen wirklicher Liebe. Das ist auch ein Ausgleich 
von Polaritaten. Da, wo theosophische Gedanken zu Seelen dringen 
sollen, sollen sie die anderen Pole anregen, sollen sich an diesem Pol 
ausgleichen. Das ist es, was wie eine theosophische Spharenmusik 
wirken kann. Wenn wir in dieser Weise mit Harmonie in der geistigen 
"Welt wirken, dann werden wir, wenn wir im theosophischen Leben 
wirklich sind, im theosophischen Leben auch vereinigt sein. 

So hatte ich es gern, daft wir auffassen unser heutiges Zusammen- 



sein. Diese geistigen Angelegenheiten waren ein Ausdruck des Geistes 
der Liebe und sind gewidmet dem Geiste der Liebe unter uns Theo- 
sophen. So wird diese Liebe, durch den Ziindstoff, den wir haben, 
dazu beitragen, die gegenseitigen geistigen Inhalte auszutauschen, so 
wird diese Liebe etwas sein, durch die wir immer mehr und mehr 
nicht nur erhalten, sondern immer mehr angefacht werden zu theo- 
sophischem Streben, und die Geisteswissenschaft wird dann werden 
eine Verbreiterin dieser das Innerste der Menschenseele beriihrenden 
Liebe. Dann lebt sie weiter, diese Liebe. Dann erlangen wir als Men- 
schen, die raumlich voneinander getrennt sein miissen, innerhalb der 
Theosophischen Gesellschaft auch das, daft diese Liebe vorhalten 
wird, von den Zeiten, durch die wir durch Karma zusammengefuhrt 
worden sind, auch iiber die Zeiten hin, in denen wir raumlich auf dem 
physischen Plane getrennt sind. So bleiben wir zusammen und be- 
trachten als die rechte Veranlassung, immer zusammenzubleiben mit 
dem Besten, was wir in unseren Seelen haben, daft wir uns mit unseren 
besten geistigen Fahigkeiten zu gottlich-geistigen Hohen zusammen 
hinaufgeschwungen haben. Und so, meine lieben Freunde, wollen wir 
auch weiter zusammenbleiben. 



THEOSOPHISCHE MORAL 



ERSTER VORTRAG 
Norrkoping, 28. Mai 1912 



Wir haben, folgend einem Impulse, der sich mir ergeben hat, und 
iiber den vielleicht noch weiter zu sprechen sein durfte, in diesen 
Tagen zu betrachten eines der wichtigsten, eines der bedeutendsten 
Gebiete unserer theosophischen Lebensanschauung. Es ist ja nicht 
selten, dafi uns der Vorwurf gemacht wird, dafi wir uns so gerne 
erheben in der Betrachtung weit entfernt liegender kosmischer Ent- 
wickelungen in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen, dafi wir 
uns in die Gebiete geistiger Welten gern erheben, indem wir so ent- 
fernte Ereignisse der Vergangenheit und so weit ausblickende Per- 
spektiven der Zukunft allzuoft nur betrachten, und fast aufier acht 
lassen dasjenige Gebiet, welches den Menschen am allernachsten liegen 
miifke: das Gebiet menschlicher Moral und menschlicher Ethik. 

An dem, was da so oftmals gesagt wird, wenn uns der Vorwurf 
gemacht wird, dafi wir dieses wichtigste Gebiet menschlichen Seelen- 
und menschlichen sozialen Lebens weniger beriihrten als jenes eben 
weiter abliegende Gebiet, an dem ist richtig, dafi dieses Gebiet, das 
Gebiet menschlicher Moral, uns das allerwesentlichste sein mulS. Was 
aber gesagt werden muft gegeniiber diesem Vorwurfe, das ist, dafi wir 
uns diesem Gebiete, gerade wenn wir die ganze Bedeutung und Trag- 
weite theosophischen Lebens und theosophischer Gesinnung in uns 
empfinden, nur in heiligster Scheu nahern diirfen, so dafi wir uns 
bewufit sind, dafi, wenn es im richtigen Sinne betrachtet sein will, es 
den Menschen so nahe beriihrt als nur irgend moglich und die ernst- 
lichste, die allerwiirdigste Vorbereitung erfordert. 

Der Vorwurf, der gegen uns von jener Seite in der eben charakteri- 
sierten Art erhoben wird, konnte vielleicht in die folgenden Worte 
gekleidet werden. Es konnte gesagt werden: Wozu lange Weltbe- 
trachtungen? "Wozu Erzahlungen iiber viele Reinkarnationen vieler 



Wesen, iiber die komplizierten Verhaltnisse des Karma, wenn doch 
das Allerwichtigste im Leben dasjenige ist, was ein auf der Hohe 
dieses Lebens angekommener Weiser seinen Bekennern immer und 
immer wiederholte, als er nach einem reichen Weisheitsleben, schon 
krank und schwach, sich tragen lassen muftte: Kinder, liebet einander. 
So sprach bekanntlich der Apostel, der Evangelist Johannes im hoch- 
sten Alter, und oft und oft ist es betont worden, daft mit diesen drei 
Worten: Kinder, liebet einander! der Extrakttiefster sittlicherLebens- 
weisheit gegeben ist. Und es konnte da mancher sagen: Wozu also 
alles andere, wenn das Gute, wenn die hehren sittlichen Ideale in einer 
so einfachen Weise erfiillt werden konnen, wie es im Sinne dieser 
Worte des Evangelisten Johannes ist? 

Eines beriicksichtigt man nicht, wenn man aus der ganz richtigen, 
oben angefuhrten Tatsache die Behauptung herleitet, daft es fiir die 
Menschen geniigte zu wissen, daft sie einander lieben sollen. Eines 
beriicksichtigt man dabei nicht, namlich den Umstand, daft derjenige, 
der so als ein Zeuge angefiihrt wird fiir diese Worte, diese eben am 
Ende eines reichen Weisheitslebens gesprochen hat, am Ende eines 
Lebens, welches in sich faftte die Niederschrift des tiefsten, bedeu- 
tungsvollsten Evangeliums, und daft der, der sie gesprochen hat, diese 
Worte, erst dann sich das Recht gab sie zu sprechen, nachdem er dieses 
reiche Weisheitsleben, das zu so groften und gewaltigen Ergebnissen 
gefiihrt hat, hinter sich hatte. Ja, wer ein Leben wie er hinter sich hat, 
der darf alles dasjenige, was Menschenseelen fiihlen konnen bei den 
tiefen Weisheiten, die im Johannes-Evan gelium stehen, zusammen- 
fassen in die eben angefuhrten Worte als seiner Weisheit letzten 
Schluft, der aus unergriindlichen Seelentiefen hineinflieftt in die Tiefen 
auch anderer Herzen und anderer Seelen. Wer aber nicht in einer 
solchen Lage ist, der muft sich eben das Recht, in so einfacher Weise 
die hochsten sittlichen Wahrheiten auszusprechen, erst dadurch holen, 
daft er sich in die Griinde der Weltgeheimnisse vertieft. So trivial der 
viel wiederholte Satz ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es doch 
nicht dasselbe, er gilt in ganz besonderem Mafte fiir das eben Ange- 
fiihrte. Wenn irgend jemand, der einfach ablehnen will, etwas iiber 
die Weltgeheimnisse zu wissen und von ihnen zu verstehen, sagt: Es 



ist doch so einfach, das hochste moralische Leben zu charakterisieren, 
und die Worte gebraucht: Kinder, liebet einander, so ist das eben 
etwas anderes, als wenn der Evangelist Johannes diese Worte sagt, 
und noch dazu am Ende eines so reichen Weisheitslebens. Deshalb 
sollte gerade derjenige, der diese Worte des Evangelisten Johannes 
versteht, einen ganz anderen Schlufi daraus ziehen, als gewohnlich 
daraus gezogen wird. Er sollte den Schluft daraus ziehen, daft man 
zunachst iiber solch tief bedeutsame Worte zu schweigen hat, und 
daft man sie erst aussprechen darf, wenn man die notige Vorbereitung, 
die notige Reife dazu sich erworben hat. 

Aber nun, nachdem wir dieses wie eine ganz gewift manchem doch 
recht zu Herzen gehende Aussage gemacht haben, wird sich etwas 
ganz anderes in unserer Seele ergeben, was von einer unendlich tief- 
greifenden Bedeutung ist. Der Mensch wird sich sagen: Ja, es mag 
schon so sein, daft die moralischen Prinzipien in ihrer tiefsten Be- 
deutung erst am Ende aller Weisheit begriffen werden konnen, brau- 
chen tut sie der Mensch aber immer. Wie konnte es denn dann in der 
Welt uberhaupt moglich sein, irgendeine moralische Gemeinschaft, 
ein soziales Werk zu fordern, wenn man warten miiftte mit der Er- 
kenntnis der hochsten moralischen Prinzipien bis ans Ende des Weis- 
heitsstrebens. Das Notwendigste fiir das menschliche Zusammenleben 
ist die Moral, und nun behauptet da jemand, daft die moralischen 
Prinzipien erst am Ende des Weisheitsstrebens zu erlangen sind. Da 
konnte allerdings mancher sagen, daft er verzweifeln mochte an der 
weisheitsvollen Einrichtung der Welt, wenn das so ware, wenn das, 
was man am notwendigsten braucht, erst am Ende des menschlichen 
Strebens erreicht werden konnte. 

Die Antwort auf das, was hiermit charakterisiert worden ist, geben 
uns reichlich die Tatsachen des Lebens. Sie brauchen nur zwei Tat- 
sachen des Lebens zusammenzustellen, die Ihnen zweifellos recht gut 
in der einen oder anderen Form bekannt sind, und Sie werden gleich 
sehen, daft sowohl das eine richtig sein kann, daft wir zu den hochsten 
moralischen Prinzipien und ihrem Verstandnis erst beim Abschluft 
des Weisheitsstrebens gelangen, wie auch das andere, daft die Sachen, 
die eben angedeutet worden sind, moralische und soziale Gemein- 



schaften und Werke, ohne Moral nicht bestehen konnen. Sie werden 
das gleich einsehen, wenn Sie sich zwei Tatsachen vor die Seele riicken, 
die Ihnen in der einen oder anderen Form ganz gewift bekannt sind. 
Oder wer hatte nicht schon gesehen, wie ein intellektuell hoch ent- 
wickelter Mensch, vielleicht sogar ein solcher, der nicht bloft auftere 
Wissenschaftlichkeit mit einem klugen und intellektuellen Erfassen 
in sich aufgenommen hat, sondern der auch theoretisch und praktisch 
viel von okkulten und von spirituellen Wahrheiten begriffen hat, gar 
kein besonders moralischer Mensch ist. Wer hatte nicht schon gesehen, 
daft kluge, geistig hoch entwickelte Menschen auf moralische Abwege 
gekommen sind? Und wer hatte die andere Tatsache nicht erlebt, 
an der wir so unendlich viel lernen konnen, daft er zum Beispiel eine 
Kinderfrau kennengelernt hat mit eng begrenztem Horizonte, mit ge- 
ringer Intellektualitat und wenigen Erkenntnissen, die nicht etwa 
ihre eigenen Kinder, sondern, in fremden Diensten stehend, anderer 
Leute Kinder, eines nach dem anderen, erzog von den ersten Wochen 
des physischen Daseins an, mitgewirkt hat an deren Erziehung und 
bis vielleicht zu ihrem Tode alles, was sie hatte, fur diese Kinder ge- 
opfert hat in einer absolut liebevollen Weise, in der selbstlosesten Hin- 
gabe, die sich nur denken laftt. Und ware irgend jemand an die Frau 
herangekommen mit moralischen Prinzipien, gewonnen an den aller- 
hochsten Weisheitsschatzen, wahrscheinlich hatte sie sich gar nicht 
besonders fur diese moralischen Prinzipien interessiert. Wahrschein- 
lich wurde sie sie hochst unverstandlich und nutzlos gefunden haben. 
Aber, was sie moralisch gewirkt hat, das bewirkt mehr als eine blofie 
Anerkennung, das bewirkt oft in einem solchen Falle, daft wir uns in 
Ehrfurcht beugen vor dem, was aus dem Herzen ins Leben stromt 
und unendlich viel Gutes schafft. 

Tatsachen solcher Art beantworten Ratsel des Lebens oft viel 
klarer als theoretische Auseinandersetzungen, denn wir sagen uns, daft 
die weisheitsvolle Schopfung, die weisheitsvolle Evolution nicht ge- 
wartet hat, bis die Menschen die moralischen Prinzipien erfunden 
haben, um moralisches Handeln, moralisches Wirken der Welt mit- 
zuteilen. Deshalb mussen wir sagen: Es ist eben zunachst, wenn wir 
absehen von den unmoralischen Handlungen, deren Grund wir noch im 



Laufe dieser Vortrage kennen lernen werden, doch etwas vorhan- 
den, was als ein gottliches Erbteil in der menschlichen Seele liegt, 
gegeben als urspriingliche Moralitat, die man nennen konnte in- 
stinktive Moralitat, und die es der Menschheit schon moglich macht 
zu warten, bis die moralischen Prinzipien ergrundet werden kon- 
nen. 

Aber es ist vielleicht ganz unndtig, sich viel Sorge zu machen wegen 
der Ergriindung der moralischen Prinzipien. Konnte man denn nicht 
vielleicht sagen, daft es am besten sei, wenn die Menschen sich ihren 
urspriinglichen moralischen Instinkten uberlassen und sich nicht ver- 
wirren durch theoretische Auseinandersetzungen iiber die Moral ? Daft 
auch dieses nicht der Fall ist, das sollen gerade diese Vortrage zeigen; 
sie sollen zeigen, daft wir zum mindesten in demjenigen Menschheits- 
zyklus, in dem wir uns gegenwartig befinden, theosophische Moral 
suchen miissen, daft theosophische Moral eine Aufgabe sein mulS, 
welche sich ergibt als eine Frucht unseres gesamten theosophischen 
Strebens und unserer theosophischen Wissenschaft. 

Ein neuzeitlicher Philosoph, der gewift auch im Norden nicht un- 
bekannte Schopenhauer, hat neben manchem recht Irrtiimlichen, das 
seine Philosophic enthalt, einen sehr richtigen Satz ausgesprochen ge- 
rade in bezug auf die Prinzipien der Moral, namlich: Moral predigen 
ist leicht, Moral begriinden schwer. Recht wahr ist dieser Ausspruch, 
denn es gibt eigentlich kaum etwas Leichteres, als in einer Weise, die 
zu den allernachsten Prinzipien des menschlichen Fiihlens und Emp- 
findens geht, auszusagen, was der Mensch tun oder lassen soil, damit 
er ein guter Mensch sei. Zwar beleidigt es sogar manche Seele, wenn 
behauptet wird, daft das leicht sei. Aber es ist einmal leicht, und 
derjenige, der das Leben, der die "Welt kennt, wird auch nicht be- 
zweifeln, daft wohl kaum iiber irgend etwas so viel gesprochen wor- 
den ist als iiber die richtigen Grundsatze des sittlichen Handelns. Und 
insbesondere das eine ist auch wahr, daft man im Grunde genommen 
die allermeiste Zustimmung bei seinen Mitmenschen findet, wenn man 
von diesen allgemeinen Grundsatzen sittlichen Handelns spricht. Es 
tut so wohl, mochte man sagen, den zuhorenden Gemiitern und man 
fiihlt so sehr, daft man da unbedingt ubereinstimmen kann mit dem, 



was der Redner sagt, wenn er die allerallgemeinsten Grundsatze mo- 
ralischen Verhaltens des Menschen vorbringt. 

Aber mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten ist noch 
keine Moral begriindet. Wirklich nicht. Wenn namlich mit morali- 
schen Lehren, mit moralischen Predigten Moral iiberhaupt begriindet 
werden konnte, dann gabe es heute sicherlich keine unmoralischen 
Handlungen mehr; dann miifite die ganze Menschheit von moralischen 
Handlungen, man mochte schon sagen, nur so triefen, denn es hat ja 
jeder ganz zweifellos oft und oft und immer wieder Gelegenheit ge- 
habt, die schonsten moralischen Grundsatze zu horen, insbesondere 
deshalb zu horen, weil sie so gern gepredigt werden. Aber zu wissen, 
was man tun soli, was das moralisch Richtige ist, das ist das Aller- 
wenigste auf moralischem Boden. Das Allerwichtigste auf morali- 
schem Boden dagegen ist, daft in uns Impulse leben konnen, welche 
durch ihre innere Starke, ihre innere Gewalt in moralische Hand- 
lungen sich umsetzen, welche also nach aufien hin moralisch sich aus- 
leben. Das tun bekanntlich moralische Predigten oder die Resultate 
moralischer Predigten durchaus nicht. Das aber heiftt Moral begriin- 
den, wenn der Mensch hingefuhrt wird zu den Quellen, aus denen er 
jene Impulse nehmen mufi, aus denen ihm die Krafte zuteil werden, 
die zum moralischen Handeln fiihren. 

Wie schwer diese Krafte zu finden sind, das zeigt uns die einfache 
Tatsache, daft es eigentlich wirklich unzahlige Male versucht worden 
ist, von philosophischer Seite zum Beispiel eine Ethik, eine Moral 
zu begriinden. Wieviel verschiedene Antworten gibt es nicht in der 
Welt auf die Frage: Was ist das Gute? oder: Was ist die Tugend? 
Schreiben Sie sich einmal zusammen, was gesagt haben die Philo- 
sophen, von Plato und Aristoteles angefangen, durch die Epikuraer, 
die Stoiker, die Neuplatoniker, die ganze Reihe herauf bis in die neu- 
zeitlichen philosophischen Anschauungen hinein; schreiben Sie sich 
einmal all das zusammen, was da gesagt worden ist, ich will nur sagen 
von Plato bis Herbert Spencer, iiber die Natur und das Wesen des 
Guten und der Tugend, und Sie werden sehen, wieviel verschiedene 
Ansatze gemacht worden sind, um zu den Quellen des moralischen 
Lebens, zu den Quellen der moralischen Impulse vorzudringen. 



Die Vortrage, die ich hier halten will, sollen Ihnen zeigen, daft in 
der Tat erst die okkulte Vertiefung des Lebens, das Eindringen in die 
okkulten Geheimnisse des Lebens es moglich macht, nicht bloft zu 
moralischen Lehren, sondern zu moralischen Impulsen, zu den mora- 
lischen Quellen des Lebens vorzudringen. 

Da allerdings zeigt uns ein einziger Blick, daft dies Moralische in 
der "Welt durchaus nicht immer so einfach sich darlebt, als man von 
einem gewissen bequemen Standpunkte aus glauben mochte. Lassen 
wir fur einige Zeit dasjenige, was man heute unter dem Moralischen 
anspricht, zunachst aufter acht und betrachten wir das Leben der 
Menschen einmal auf solchen Gebieten, auf denen wir vielleicht fiir 
eine moralische Lebensanschauung viel gewinnen konnen. 

Unter den mancherlei Dingen, die uns der Okkultismus schon ge- 
bracht hat, wird die Erkenntnis, daft bei den verschiedenen Volkern 
in den verschiedenen Erdgebieten die mannigfaltigsten Anschauungen, 
die mannigfaltigsten Impulse sich geltend gemacht haben, nicht das 
Geringste sein. Vergleichen wir einmal zwei zunachst weit vonein- 
ander abstehende Menschheitsgebiete. Gehen wir zuriick in das ehr- 
wurdige Leben des alten Indiens und betrachten wir, wie es sich nach 
und nach entwickelt hat bis in die neuesten Zeiten herauf; denn Sie 
wissen ja, fiir keines der Gebiete des eigentlichen Lebens auf der Erde, 
die uns bekannt sind, gilt in so hohem Mafte wie fiir Indien die Tat- 
sache, daft dasjenige, was Charakteristikum uralter Zeiten war, sich 
erhalten hat bis in die neuesten Zeiten herauf. Fiir kein Gebiet gilt 
das mehr als fiir das Leben innerhalb der indischen und einiger an- 
deren asiatischen Kulturen. Bis in die neuesten Zeiten herauf haben 
sich die Gefiihle, die Empfindungen, die Gedanken, die Anschauungen 
erhalten, die wir schon finden in diesen Volksgebieten in ururalten 
Zeiten. Das ist das Eindrucksvolle, daft sich in diesen Kulturen er- 
halten hat ein Abglanz uralter Zeiten, daft, wenn wir das betrachten, 
was sich bis in unsere Zeit herein erhalten hat, wir sozusagen in die 
alten Zeiten zugleich hineinschauen. 

Nun kommen wir aber mit konkreten, bestimmten Volksgebieten 
nicht weit, wenn wir etwa von vornherein nur unseren eigenen mo- 
ralischen Maftstab anlegen. Deshalb wollen wir heute das, was man 



uber die moralischen Dinge dieser Zeiten sagen konnte, zunachst aus- 
geschlossen sein lassen und nur fragen: Was hat sich herausgebildet 
aus diesen charakteristischen Eigentiimlichkeiten der uralten, ehr- 
wiirdigen indischen Kultur? 

Zunachst finden wir da, aufs hochste verehrt, aufs hochste geheiligt, 
dasjenige, was man nennen kann die Andacht, die Hingabe an das 
Geistige. Und um so mehr geheiligt und gewiirdigt finden wir diese 
Hingabe an das Geistige, je mehr der Mensch in der Lage ist, in sich 
selbst Einkehr zu halten, still in sich zu leben und das Beste, was in 
ihm ist, abgesehen von aller Wirksamkeit in der aufieren Welt, ab- 
gesehen von allem, was der Mensch sein kann auf dem physischen 
Plane, hinzulenken zu den Urgriinden der geistigen Welten. Als 
hochste Pflicht sehen wir diese andachtige Hinlenkung der Seele zu 
den Urgriinden des Daseins bei denjenigen, welche zur obersten Kaste 
des indischen Lebens gehort haben oder gehoren, bei den Brahminen. 
Alles, was sie tun, alle ihre Impulse sind hingeordnet nach dieser An- 
dacht; und es gibt nichts, was das sittliche Empfinden und Fiihlen 
dieser Menschen tiefer beeindruckt, als diese Hinlenkung nach dem 
Gottlich-Geistigen in einer alles Physische vergessenden Andacht, in 
einer intensiv tiefen Selbstbeobachtung und Selbstentaufterung. Und 
wie das sittliche Leben dieser Menschen von dem eben Bezeichneten 
durchdrungen wird, das konnen Sie aus der anderen Tatsache ersehen, 
dal$ diejenigen, welche, namentlich in alteren Zeiten, anderen Kasten 
angehort haben, es als selbstverstandlich ansehen, daft die Kaste der 
Andacht, die Kaste des rehgiosen und rituellen Lebens als etwas Ehr- 
wiirdiges und Ausgesondertes betrachtet wird. So war das ganze 
Leben durchzogen von diesen eben charakterisierten Impulsen der 
Hinlenkung auf das Gottlich-Geistige. Das ganze Leben stand in dem 
Dienste dieser Hinlenkung, und mit allgemeinen Moralprinzipien, die 
irgendeine Philosophic begriindet, kann man das nicht verstehen, um 
was es sich hier handelt. Man kann es nicht verstehen aus dem Grunde, 
weil in den Zeiten, in denen im alten Indien sich diese Dinge ent- 
wickelt haben, sie zunachst bei anderen Volkern unmoglich gewesen 
sind. Diese Impulse brauchten das Temperament, den Grundcharakter 
gerade dieses Volkes, damit sie sich in dieser Intensitat entwickeln 



konnten. Dann gingen sie im Verlaufe der aufieren Kulturstromung 
von da aus und verbreiteten sich iiber die iibrige Erde hin. Wenn wir 
das, was unter dem Gottlich-Geistigen gemeint ist, verstehen wollen, 
so miissen wir zu dieser Urquelle gehen. 

Und jetzt wenden wir den Blick weg von diesem Volkstum und 
wenden ihn zu einem anderen. Wenden wir ihn nach dem europaischen 
Gebiete. Lenken wir den Blick zu den europaischen Volkern in den 
Zeiten, als noch nicht das Christentum eingedrungen war in die euro- 
paische Kultur, als es eben anfing einzudringen. Ihnen alien ist be- 
kannt, dafi gleichsam dem Christentum, das von Osten und Suden 
her nach Europa eindrang, sich entgegenlegte das europaische Volks- 
tum mit ganz bestimmten Impulsen, mit ganz bestimmten inneren 
Werten und Kraf ten. Und wer die Geschichte der Einf iihrung des Chri- 
stentums in Europa, in Mitteleuropa und auch hier im Norden, studiert, 
namentlich wer sie mit okkulten Mitteln studiert, der weifi, was es auf 
dem einen oder anderen Gebiete gekostet hat, um mit diesem oder 
jenem christlichen Impulse den Ausgleich zu finden mit dem, was von 
Nord- und Mitteleuropa dem Christentum entgegengebracht worden ist. 

Und fragen wir jetzt, wie wir gefragt haben beim indischen Volks- 
tum, welches die hervorragendsten sittlichen Impulse waren, was da 
von den Volkern, deren Nachkommen die gegenwartige europaische 
Bevolkerung namentlich des Nordens, Mitteleuropas und Englands 
ist, als moralisch Gutes, als moralisches Erbstiick entgegengebracht 
worden ist dem Christentum. Wir brauchen nur eine einzige der 
Haupttugenden zu nennen, und sogleich wissen wir, dafi wir etwas 
recht Charakteristisches fiir diese nordische Bevolkerung, fur die 
mitteleuropaische Bevolkerung sagen. Wir brauchen nur das Wort 
Tapferkeit, Starkmut zu sagen, das Eintreten mit der ganzen person- 
lichen Menschenkraft, um in der physischen Welt zu verwirklichen, 
was der Mensch aus seinen innersten Impulsen heraus wollen kann, 
dann haben wir die allerhauptsachlichsten Tugenden genannt, die 
entgegengebracht wurden von den Europaern dem Christentum. Und 
die anderen Tugenden sind im Grunde genommen — wir finden dieses 
um so mehr, je weiter wir in die alten Zeiten zuriickgehen — die 
Folgen dieser Tugenden. 



Betrachten wir den eigentlichen Starkmut, die eigentliche Tapf erkeit 
nach einigen ihrer Grundeigenschaften, so finden wir, daft sie besteht 
aus einer inneren Lebensfiille, die ausgeben kann. Das ist es, was uns 
in alten Zeiten, gerade bei den europaischen Volkern am meisten auf- 
fallt. Solch ein Mensch, wie er der alten europaischen Bevolkerung 
angehort, hat in sich mehr, als er fur seinen personlichen Gebrauch 
bedarf. Aber er gibt aus das Mehr, weil er den Impuls dazu hat, das 
auszugeben. Er folgt ganz instinktiv dem Impulse, das, was er zuviel 
hat, auszugeben. Man mochte sagen: Mit nichts mehr war der alte 
europaische Norden verschwenderischer als mit seinem moralischen 
Oberfluft, mit seiner Tiichtigkeit, seiner Tauglichkeit, Lebensimpulse 
in den physischen Plan hinausstromen zu lassen. Es war wirklich so, 
wie wenn die Menschen der europaischen Urzeit, jeder einzelne, mit- 
bekommen hatte eine ganz bestimmte Fiille von Kraft, die mehr be- 
deutete, als der Mensch fur seinen personlichen Gebrauch bedurfte, 
von der er ausstromen hat konnen, mit der er verschwenderisch hat 
sein konnen, die er hat verwenden konnen zu seinen kriegerischen 
Taten, zu den Taten jener uralten Tugend, welcher die neuere Zeit 
unter den Untugenden zu nennenden menschlichen Eigenschaften 
einen Platz gegeben hat; die er verwendet hat zum Beispiel zu dem, 
was man bezeichnet hat als Groftmut. Handeln aus Groftmut, das ist 
wieder etwas, was so charakteristisch ist fur die uralte europaische 
Bevolkerung, wie charakteristisch ist das Handeln aus Andacht fur 
die uralt indische Bevolkerung. 

Mit Prinzipien, mit theoretischen Moralgrundsatzen hatte man der 
europaischen Bevolkerung der Urzeiten nicht dienen konnen, denn 
sie hatte wenig Verstandnis dafiir bewiesen. Einem Menschen der 
europaischen Urzeit moralische Predigten zu halten, das ware so ge- 
wesen, wie wenn man einem Menschen, der das Rechnen nicht liebt, 
den Rat geben wollte, er solle mit aller Prazision aufschreiben seine 
Einnahmen und Ausgaben. Wenn er das nicht liebt, dann bedarf es 
nur des einzigen Umstandes, daft er das Aufschreiben nicht notig hat, 
daft er also genug besitzt, um ausgeben zu konnen. Dann kann er das 
sorgfaltige Rechnungfiihren vermeiden, wenn er einen unerschopf- 
lichen Quell hat. Es ist ein nicht unerheblicher Umstand, er gilt theo- 



retisch durchaus mit Beziehung auf das, was der Mensch fiir das 
Leben wert halt, mit Beziehung auf die personliche Tiichtigkeit, auf 
das personliche Eintreten. Fiir die Einrichtung der Welt gilt das von 
den moralischen Gefiihlen der alten europaischen Bevolkerungen. 
Jeder hatte sozusagen sein gottliches Erbstiick mitbekommen, fiihlte 
sich voll davon und gab aus, gab aus im Dienste des Stammes, im 
Dienste der Familie, im Dienste auch grojSerer Volkszusammenhange. 
So wurde gewirkt, so wurde gewirtschaftet, so wurde gearbeitet. 

Nun haben wir hier zwei Menschheitsgebiete bezeichnet, die recht 
sehr voneinander verschieden sind, denn das Andachtsgefiihl, wie es 
beim Indier zu Hause war, das fehlte der europaischen Bevolkerung 
absolut. Deshalb war es dem Christentum so schwer, dieses Andachts- 
gefiihl der europaischen Bevolkerung zu bringen. Ganz andere Vor- 
aussetzungen waren da. 

Und nun, nachdem wir diese Dinge vor unsere Augen hingestellt 
haben, fragen wir uns einmal, abgesehen von alien Einwendungen 
eines moralischen Begriffs, nach dem moralischen Effekt. Da bedarf 
es nicht vieler Uberlegung, um zu wissen, da$ dieser moralische Effekt 
da, wo die beiden Weltanschauungen und Gesinnungsrichtungen in 
ihrer reinsten Form sich getroffen haben, ein unendlich grower war. 
Unendliches ist der Welt gegeben worden durch dasjenige, was nur 
hat errungen werden konnen dadurch, dafi ein Volkstum vorhanden 
war wie das alte indische, mit der Hinordnung alles Empfindens 
nach der Andacht, mit der Hinlenkung zum Hochsten. Aber Unend- 
liches ist auch der Welt gegeben worden, das konnte man mit Einzel- 
heiten belegen, durch das, was die Tapferkeit, der Starkmut der euro- 
paischen Menschen der alteren vorchristlichen Zeit bewirken sollte. 
Beide Dinge mufiten zusammenwirken, und beide Dinge gaben den 
moralischen Effekt, von dem wir sehen werden, wie er heute noch 
fortwirkt und wie er heute nicht nur einem Teile der Menschheit, 
sondern der ganzen Menschheit von beiden Seiten zugute gekommen 
ist, wie er lebt in allem, was die Menschheit als Hochstes betrachtet, 
sowohl der Effekt aus dem Indiertum als auch der Effekt aus dem 
uralten Germanentum. 

Konnen wir so ohne weiteres nun sagen, dasjenige, was diesen mo- 



ralischen Effekt fur die Menschheit hat, sei das Gute? Das diirfen 
wir ohne Zweifel sagen. In beiden Kulturstromungen mul$ es das Gute 
sein, und es mufi irgendein Ding sein, was wir als das Gute bezeichnen 
konnen. Aber wenn wir sagen sollen: Was ist das Gute? so stehen wir 
wieder vor einer Ratselfrage. Was ist das Gute, das gewirkt hat in 
dem einen und in dem anderen Falle? 

Ich mochte Ihnen nicht moralische Predigten halten, denn das be- 
trachte ich nicht als meine Aufgabe. Ich betrachte es vielmehr als 
meine Aufgabe, die Tatsachen Ihnen vorzufiihren, welche zu einer 
theosophischen Moral fiihren. Daher habe ich Ihnen zunachst zwei 
Systeme bekannter Tatsachen angefuhrt, von denen ich nichts anderes 
zu beriicksichtigen bitte, als dafi die Tatsache der Andacht und die 
Tatsache der Starkmut moralische Effekte fur die Kulturentwicke- 
lung der Menschheit haben. 

Nun wenden wir den Blick zu noch anderen Zeiten. Sie werden, 
wenn Sie unser gegenwartiges Leben mit seinen sittlichen Impulsen in 
Betracht ziehen, sich selbstverstandlich sagen: Wir konnen heute 
nicht so sein, wenigstens nicht in Europa, wie das reinste Ideal des 
Indiertums es erfordert, denn man kann nicht europaische Kultur mit 
indischer Andacht pflegen. Aber ebensowenig ware es moglich, das- 
jenige, was heute unsere Kultur ist, mit der alten, aufs hochste zu 
preisenden Starkmut-Tugend der europaischen Bevolkerung zu er- 
reichen. Und ohne weiteres zeigt sich uns, daft in den Tiefen der mo- 
ralischen Empfindung der europaischen Bevolkerung noch etwas an- 
deres liegt. Wir mtissen also noch etwas anderes aufsuchen, um be- 
an tworten zu konnen die Frage: Was ist das Gute? Was ist die 
Tugend ? 

Ich habe ofter darauf hingewiesen, dafi wir zu unterscheiden haben 
diejenige Epoche, die wir den griechisch-lateinischen, den vierten 
nachatlantischen Kulturzeitraum nennen, und diejenige, die wir nen- 
nen den fiinften nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir gegen- 
wartig leben. Eigentlich soil das, was ich zu sagen habe in bezug auf 
das moralische Wesen, die Entstehung des fiinften nachatlantischen 
Kulturzeitraums charakterisieren. Beginnen wir mit einer Sache, die 
Sie zunachst fur anfechtbar halten konnen, da sie aus der Welt der 



Dichtung, der Welt der Sage genommen ist. Aber sie ist doch bezeich- 
nend fur die Art und Weise, wie neue moralische Impulse wirksam 
geworden sind, wie sie hineingeflossen sind in die Menschen, als nach 
und nach die Entwickelung unseres fiinften nachatlantischen Kultur- 
zeitraums einsetzte. 

Es gab einen Dichter, der gelebt hat Ende des zwolften und Anfang 
des dreizehnten Jahrhunderts. Er starb im Jahre 1213 und heiftt 
Hartmann von Aue. Dieser Dichter hat ganz aus der Denkweise und 
den Tatsachen der damaligen Zeit heraus seine bedeutendste Dichtung 
geschaffen, und zwar aus der Anschauung heraus, die dazumal im 
Volke iiberall gelebt hat: die Dichtung «Der arme Heinrich». Diese 
Dichtung driickt im eminentesten Sinne aus, wie man in gewissen 
Kreisen und Volksgebieten dazumal iiber gewisse moralische Impulse 
dachte. In dieser Dichtung ist folgendes enthalten: Da lebte der arme 
Heinrich als ein reicher Ritter, denn urspriinglich war er kein armer 
Heinrich, sondern ein wohlbestallter Rittersmann, der aber aufter 
acht lieft, daft die sinnenfalligen Dinge des physischen Planes hin- 
fallig, verganglich sind, der also in den Tag hineinlebte und dadurch 
sich so schnell als moglich schlimmes Karma schaffte. Daher wird er 
befallen von dem, was man damals nannte die Miselsucht, eine Art 
Aussatz, und da er zu den beruhmtesten Arzten der ganzen damaligen 
Welt geht und keiner ihm helfen kann, so gibt er sein Leben verloren 
und verkauft seine Giiter. Unter die Menschen konnte er mit seiner 
Krankheit nicht gehen. Er lebte daher abseits von ihnen einsam auf 
einem Meierhofe, treu gepflegt von einem alten ergebenen Diener, der 
den Wirtschaftshof fiihrte, und dessen Tochter. Eines Tages wird der 
Tochter und iiberhaupt der Familie des ganzen Wirtschaftshofes die 
Kunde zuteil, daft nur eines helfen kann dem Ritter, der dieses Schick- 
sal hat. Kein Arzt, keine Arznei kann ihm helfen, nur wenn eine reine 
Jungfrau in Liebe ihr Leben fur ihn opfert, sollte eine Gesundung 
wieder moglich sein. Trotz aller Ermahnungen der Eltern und des 
Ritters Heinrich selber kommt etwas iiber die Tochter, das sie glauben 
macht, daft sie es ware, die sich opfern miisse. Da begibt sich die Toch- 
ter nach Salerno, der beruhmtesten medizinischen Schule der dama- 
ligen Zeit. Nicht schreckt sie zuriick vor dem, was die Arzte von ihr 



verlangen. Sie ist bereit, ihr Leben zu opfern. Der Ritter laftt es aber 
nicht so weit kommen, er verhindert es und zieht mit ihr nach Hause. 
Aber die Dichtung erzahlt uns, daft der Ritter, als er nach Hause kam, 
wirklich nach und nach gesund zu werden begann und daft er dann 
mit derjenigen, die seine Erloserin hat werden wollen, noch lange Zeit 
lebte und einen glucklichen Lebensabend hatte. 

Ja, Sie konnen sagen: Zunachst ist das eine Dichtung, und wir 
brauchen nicht wortlich an die Tatsachen, die da mitgeteilt sind, zu 
glauben. Aber die Sache wird schon anders, wenn wir das, was Hart- 
mann von Aue, der mittelalterliche Dichter, dazumal in seinem 
«Armen Heinrich» gedichtet hat, vergleichen mit etwas, was wirklich 
geschehen ist, wie wir gut wissen, mit dem Leben eines Ihnen wohl- 
bekannten Menschen und den Taten desselben. Ich meine, wenn wir 
das, was darstellen hat wollen Hartmann von Aue, vergleichen mit 
dem Leben des damals in Italien lebenden, im Jahre 1182 geborenen 
Franz von Assist. 

Nun lassen wir einmal, urn zu charakterisieren, was da, wie kon- 
zentriert in der einen Personlichkeit des Franz von Assisi, an Mora- 
lisch-Personlichem vor sich geht, die Sache so vor unserer Seele vor- 
iiberziehen, wie sie sich dem Okkultisten darstellt, selbst wenn wir 
fiir narrisch und aberglaubisch gehalten werden sollten. Nehmen wir 
die Dinge ernst, weil sie in jener Obergangszeit auch so ernst gewirkt 
haben. 

Wir wissen, daft Franz von Assisi der Sohn des italienischen, in 
Frankreich viel herumreisenden und Geschafte treibenden Kaufmanns 
Bernardone und seiner Frau war. Wir wissen auch, daft der Vater des 
Franz von Assisi ein auf aufterliches Ansehen viel gebender Mensch 
war. Die Mutter war eine den frommen Tugenden und f einen Cha- 
raktereigenschaften des Herzens zugangliche, andachtige, ihren reli- 
giosen Empfindungen lebende Frau. Die Dinge, die nun umspielen in 
Form von Sagen die Geburt des Franz von Assisi und sein Leben, 
entsprechen durchaus okkulten Tatsachen. Wenn auch okkulte Tat- 
sachen haufig von der Geschichte in Bilder und Legenden gehullt 
werden, so entsprechen diese Legenden aber doch okkulten Tatsachen. 
So ist es durchaus wahr, daft einer ganzen Anzahl von Personen, 



bevor Franz von Assisi geboren wurde, wie eine visionare Offen- 
barung, wie ein Wissen, eine Erkenntnis zugekommen ist, daft eine 
wichtige Personlichkeit werde geboren werden. Herausgehoben ist 
von der aufieren Geschichte aus der grofien Anzahl von Personen, 
die das getraumt haben, das heiftt die in prophetischer Vision gesehen 
haben, daft eine wichtige Personlichkeit geboren werden wird, heraus- 
gehoben ist da die heilige Hildegard. - Ich betone hier nochmals die 
Wahrheit der aus den Erforschungen der Akasha-Chronik zu recht- 
fertigenden Tatsachen. — Sie traumte, daft ihr erschien ein Weib mit 
einem zerschundenen, blutiiberstromten Antlitz und daft dieses "Weib 
zu ihr sagte: Die Vogel haben ihre Nester hier auf der Erde, die Fuchse 
haben ihre Hohlen auf der Erde, ich aber habe in der Gegenwart 
nichts, nicht einmal einen Stab, auf den ich mich stiitzen kann. Als 
Hildegard erwachte von diesem Traume, da wuftte sie, daft die wahre 
Gestalt des Christentums mit dieser Personlichkeit gemeint ist. Und 
so traumten noch viele anderePersonlichkeiten. Diese Personlichkeiten 
sahen dazumal aus dem, was sie wissen konnten, daft die auftere Ein- 
richtung und Institution der Kirche nicht ein Behalter, eine Hulle fur 
das wirkliche Christentum sein konnte. Das sahen sie ein. 

Ein Pilger, wieder haben wir eine wahre Tatsache vor uns, kehrte 
einstmals, als der Vater des Franz von Assisi in Handelsgeschaften in 
Frankreich war, in dem Hause von Donna Pica, der Mutter des Franz 
von Assisi, ein und sagte ihr direkt: In diesem Hause, wo Uberfluft 
ist, darfst du das Kind, das du erwartest, nicht zur Welt bringen! Du 
muftt es gebaren im Stalle, denn es muft liegen auf Stroh, urn seinem 
Meister nachzufolgen ! Diese Aufforderung ist wirklich an die Mutter 
des Franz von Assisi ergangen, und es ist keine Legende, sondern 
Wahrheit, daft die Mutter, weil der Vater auf Geschaftsreisen in 
Frankreich war, dieses auch ausfiihren konnte, so daft die Geburt des 
Franz von Assisi sichtatsachlich im Stalle und auf Stroh vollzogen hat. 

Und auch das andere ist wahr: In den keineswegs so bevolkerten 
Ort kam, nachdem das Kind einige Zeit alt war, ein sonderbarer 
Mensch, ein Mann, der niemals vorher gesehen worden war und nie- 
mals spater in dem Orte wiedergesehen wurde. Er zog wiederholt 
durch die Straften und sagte: Ein wichtiger Mensch ist in dieser Stadt 



geboren worden. In jener Zeit haben die Leute, die noch ein gutes 
visionares Leben fiihren konnten, auch Glocken lauten gehort wah- 
rend der Geburt des Franz von Assisi. 

Eine ganze Reihe von Erscheinungen konnte noch angefuhrt wer- 
den. Wir begniigen uns aber mit diesen, die nur dazu angefuhrt wer- 
den, um zu zeigen, wie bedeutsam alles aus der geistigen Welt heraus 
konzentriert war gegeniiber der Erscheinung einer einzelnen Person- 
lichkeit der damaligen Zeit. Besonders interessant wird uns das alles, 
wenn wir noch etwas anderes betrachten. Die Mutter hatte den be- 
sonderen Gedanken: Johannes soil das Kind heiften. Daher wurde ihm 
auch der Name Johannes beigelegt. Erst als der Vater von Frankreich 
zuriickkam, gab er, aus seiner Gesinnung heraus, weil er gute Ge- 
schafte dort gemacht hatte, seinem Sohn den Namen Franziskus. Ur- 
spninglich hieft das Kind aber Johannes. 

Nun brauchen wir nur einzelnes hervorzuheben aus dem Leben 
dieses sonderbaren Menschen, vor alien Dingen seine Jugendzeit. Was 
tritt uns in Franz von Assisi fur ein Mensch entgegen, wenn wir ihn 
als Knaben betrachten ? Es tritt uns, wie uns das bei den vielen Volker- 
mischungen nach den Einwanderungen von Norden her nicht aufzu- 
f alien braucht, ein Mensch entgegen, der sich ausnimmt wie ein Nach- 
komme des alten germanischen Rittertums. Tapfer, kriegerisch, von 
dem Ideale erfiillt, mit den Kriegswaffen Ruhm und Ehre zu erwer- 
ben, das war es, was sich wie ein Erbstuck bei ihm ergab, was wie 
eine Rasseneigenschaft in der einzelnen Personlichkeit des Franz von 
Assisi vorhanden war. Mehr aufterlich, mochte man sagen, treten bei 
ihm diejenigen Eigenschaften auf, die in einer mehr seelischen, herz- 
haften Art im alten Germanentum da waren; denn nichts anderes 
wurde da Franz von Assisi als das, was man einen Verschwender 
nennt. Verschwenderisch verfuhr er mit den reichen Giitern des 
Vaters, des damaligen reichen Handelsherrn. Wohin er ging, die 
Giiter, die Friichte der Arbeit seines Vaters, verschwendete er reich- 
lich. Er hatte alle Hande voll iibrig fur alle seine Kameraden und 
seine Spielgenossen. Kein Wunder, daft er bei den kindlichen Kriegs- 
ziigen von seinen Kameraden immer zum Anfiihrer gewahlt wurde 
und daft er dann so heranwuchs, daft man in ihm etwas sah wie einen 



richtigen kriegerischen Knaben. Als solcher war er auch in der ganzen 
Stadt bekannt. Zwischen den Knaben der Ortschaften Assisi und 
Perugia gab es allerlei Streitigkeiten. Daran nahm er nun auch Anteil, 
und es ereignete sich, daft er mit seinen Kameraden gefangen ge- 
nommen und gefangen gehalten wurde. Er war es nun, der nicht nur 
die Gefangenschaft ritterlich ertrug, sondern auch alle anderen auf- 
munterte, auszuhalten in ritterlicher Weise, bis sie nach einem Jahre 
wieder nach Hause gehen konnten. Und als ein im Dienste der Ritter- 
lichkeit notwendiger Kriegszug gegen Neapel unternommen werden 
sollte, da ereignete es sich, dafi diesem jungen Menschen eine Traum- 
vision erschien. Er sah einen grofien Palast. Darinnen waren iiberall 
Schilder und Waffen. Er sah etwas von einem Gebaude, in welchem 
iiberall Stiicke von Waffen aufbewahrt waren. Diesen Traum hatte 
er, der nur allerlei Tuche im Geschafte und im Hause seines Vaters 
gesehen hatte. Er sagte sich daher: Das ist die Aufforderung an dich, 
ein Kriegsmann zu werden! und er entschlofi sich daraufhin, sich 
dem Kriegszuge gegen Neapel anzuschliefien. Schon auf dem Hin- 
wege, und noch mehr als er sich dem Kriegszuge angeschlossen hatte, 
bekam er spirituelle Eindriicke, spirituelle Impressionen. Er horte 
etwas wie eine Stimme, die sprach: Nun gehe nicht weiter, du hast 
das fiir dich bedeutsame Traumbild falsch gedeutet. Gehe zuriick 
nach Assisi, und du wirst vernehmen, wie du es richtig zu deuten hast. 

Er folgte diesen Worten, ging zuriick nach Assisi, und siehe da, er 
hatte etwas wie ein inneres Zwiegesprach mit einem Wesen, das spi- 
rituell zu ihm sprach und ihm sagte: Nicht im aufteren Dienst hast 
du zu suchen deine Ritterschaft. Du bist bestimmt, alle Krafte, welche 
du anwenden kannst, umzugestalten zu Kraften des Seelischen, urn- 
zugestalten als Waffen, die du seelisch gebrauchen sollst. Alle Waffen, 
die dir erschienen sind im Palaste, bedeuten dir seelisch-geistige Waf- 
fen des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe. Alle Schilder bedeuten 
dir die Vernunft, die du anzuwenden hast, um festzustehen gegeniiber 
den Miihsalen eines in Erbarmen, Mitleid und Liebe zugebrachten 
Lebens. — Nachher folgte eine kurze, wenn auch nicht ungefahrliche 
Krankheit, von der er aber genas. Danach ergab sich fiir ihn etwas 
wie eine Riickschau auf das ganze friihere Leben, in der er mehrere 



Tage lebte. Wie umgeschmiedet war der ganze Rittersmann, der in 
seinen kiihnsten Traumen sich nur danach gesehnt hatte, ein Kriegs- 
held zu werden, zu einem Marine, der nun alle moralischen Impulse 
des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe bis in das letzte hinein suchte. 
AlleKrafte, die er imDienste des physischen Planes verwenden wollte, 
waren umgewandelt zu moralischen Impulsen des inneren Lebens. 

Da sehen wir, wie gewissermaften in einer einzelnen Personlichkeit 
ein moralischer Impuls ausgelost wird. Es ist nicht bedeutungslos, 
dafi wir gerade einen grofien moralischen Impuls betrachten, denn 
wenn auch der einzelne nicht immer zu den hochsten Hohen der 
moralischen Impulse sich aufschwingen kann, lernen kann man von 
ihnen doch nur da, wo die Impulse sich radikal aussprechen und wo 
wir sie wirken sehen in ihrer grolken Macht. Gerade wenn wir unsere 
Aufmerksamkeit richten auf das Radikale, und das Kleine in dem 
Lichte betrachten, das uns aus dem Radikalen, dem Groften erscheint, 
kommen wir zu einer richtigen Anschauung liber die moralischen 
Impulse des Lebens. 

Aber, was ist nun mit Franz von Assisi geschehen? Es ist unnotig, 
die Kampfe auseinanderzusetzen, die er mit seinem Vater gehabt hat, 
als er zu einer ganz anderen Art, zu einer ganz anderen Methode der 
Verschwendung iiberging. Die Verschwendung, bei der auch das Haus 
des Vaters zur Geltung kam, weil es durch diese Verschwendung des 
Sohnes zur Beriihmtheit und zum Ansehen gekommen war, die ver- 
stand der Vater noch; nicht aber verstand er, daft der Sohn nach 
seiner Umwandlung seine besten Kleider von sich warf bis auf das 
Notwendigste und sie dem gab, der sie brauchte. Er konnte es nicht 
begreifen, als seinen Sohn die Anwandlung iiberkam, in der er sich 
sagte: Merkwurdig, wie wenig geachtet diejenigen sind, durch welche 
die christlichen Impulse im Abendlande so Grofies erhalten haben. 
Danach pilgerte Franz von Assisi nach Rom und eine grofie Summe 
Geldes legte er nieder an den Grabern der Apostel Petrus und Paulus. 
Diese Dinge verstand der Vater nicht. Ich brauche nicht zu schildern 
die Kampfe, die es da gab, ich brauche nur anzudeuten, daft sich fur 
Franz von Assisi darin zusammengedrangt haben die ganzen mora- 
lischen Impulse. Die so zusammengedrangten Impulse hatten dann in 



Seelisches umgewandelt die Tapferkeit. Sie hatten sich so entwickelt, 
daft sie eine besondere Verstarkung erfuhren in den Meditationen 
und ihm erschienen als das Kreuz mit dem Crucif ixus daran. In diesen 
Zustanden fiihlte er eine innere, personliche Beziehung zu dem 
Kreuze und zu dem Christus, und davon kamen ihm dann die Krafte, 
durch die er so ins Unermefiliche steigern konnte die moralischen 
Impulse, die ihn jetzt durchstromten. 

Eine merkwiirdige Verwertung fand er fur das, was jetzt in ihm 
sich entwickelte. In der damaligen Zeit waren namlich die Schrecken 
des Aussatzes tatsachlich iiber viele europaische Lander hereinge- 
brochen. Das aufiere Kirchenbekenntnis fand fur diese Aussatzigen, 
die damals so zahlreich waren, eine merkwiirdige Art von Heilungs- 
prozeft. Es liefi namlich der Priester diese Aussatzigen zu sich kom- 
men und sagte dann zu ihnen: Du bist nun einmal mit dieser Krank- 
heit geschlagen in diesem Leben; aber gerade dadurch, dafi du jetzt 
fiir das Leben verloren bist, bist du fur Gott gewonnen, du bist gott- 
geweiht. Dann aber wurde er hinausgeschickt in von Menschen ent- 
fernte Statten, wo er in der angedeuteten Weise einsam und verlassen 
sein Leben beschliefien muftte. 

Ich will keinen Tadel aussprechen iiber diese Kur. Man wufite keine 
andere, keine bessere. Aber Franz von Assisi wuftte eine bessere. Und 
aus diesem Grunde wird es erwahnt, weil es uns aus den unmittelbaren 
Erfahrungen heraus leiten wird zu den moralischen Quellen. Sie wer- 
den schon sehen in den nachsten Tagen, warum wir diese Dinge 
durchnehmen. Nun, sie fuhrten Franz von Assisi gerade dazu, alle 
die Aussatzigen iiber all aufzusuchen, nichts zu scheuen im Umgang 
mit diesen Leuten. Und tatsachlich, was nichts von all den Mitteln 
der damaligen Zeit heilen konnte, was notwendig machte, dafl man 
die Leute aus der menschlichen Gesellschaft ausstiefi, das heilte in 
zahlreichen Fallen Franz von Assisi, weil er sich an diese Leute heran- 
machte, allerdings mit den Kraften, die er hatte in seinen moralischen 
Impulsen, die ihn vor nichts zuriickschrecken liefien, ihm vielmehr 
den Mut gaben, nicht nur sorgfaltig zu reinigen die einzelnen wunden 
Stellen, die an solchen Menschen vorhanden waren, sondern mit den 
letzteren zu leben, sie intensiv zu pflegen, ja sie zu kiissen und sie zu 



durchstromen mit seiner Liebe. — Es ist nicht blofi eine Dichtung, wie 
die Heilung des arm en Heinrich durch die Tochter des treuen Dieners; 
es ist damit ausgedriickt, was in der damaligen Zeit in zahlreichen 
Fallen geschehen ist durch die historisch wohlbekannte Personlichkeit 
des Franz von Assisi. Und legen Sie sich zurecht dasjenige, was da 
geschehen ist. Geschehen ist, da£ in einem Menschen wie Franz von 
Assisi vorhanden war ein ungeheurer Fonds psychischen Lebens als 
etwas, was wir gefunden haben in der alten europaischen Bevolkerung 
als Starkmut und Tapferkeit, die sich umgewandelt haben in Geistig- 
Seelisches und die hinterher geistig-seelisch gewirkt haben. Wie in 
den alten Zeiten das, was da gewirkt hatte als Groftmut und Tapfer- 
keit, zur personlichen Verschwendung gefiihrt hatte und sich noch 
bei Franz von Assisi in seiner jugendlichen Verschwendungssucht 
zeigte, so fiihrte es ihn jetzt dazu, dafi er ein Verschwender an mora- 
lischen Kraften wurde. Er strotzte von moralischer Kraft, und es ging 
in der Tat iiber dasjenige, was er in sich hatte, auf diejenigen, denen 
er seine Liebe zuwandte. 

Fiihlen Sie ganz, daft darin eine Realitat ist, eine ebensolche Reali- 
tat, wie sie in der Luft ist, die wir einatmen und ohne die wir nicht 
leben konnen, Eine ebensolche Realitat ist es, was durch alle Glieder 
des Franz von Assisi und von da in alle Herzen stromte, denen er sich 
widmete, denn Franz von Assisi verschwendete eine Fiille von Kraf- 
ten, die von ihm ausstromten. Und es ist dieses etwas, was in das 
ganze, reife Leben von Europa ein- und zusammengestromt ist, was 
sich in Seelisches verwandelt hat und so gleichsam gewirkt hat in der 
Wirklichkeit draufien. 

Versuchen Sie iiber diese Tatsachen, die vielleicht zunachst schein- 
bar nichts mit den aktuellen moralischen Fragen zu tun haben, nach- 
zudenken. Versuchen Sie zu erfassen, was in dem liegt, was indische 
Andacht und nordischer Starkmut ist. Versuchen Sie die Heilwirkung 
solcher moralischen Krafte, die von Franz von Assisi angewendet 
wurden, einmal zu iiberdenken. Dann werden wir morgen sprechen 
konnen iiber das, was reale moralische Impulse sind, und wir werden 
sehen, dafi es nicht nur Worte, sondern Realitaten sind, die in der 
Seele schaffen und Moral begriinden. 



ZWEITER VORTRAG 
Norrkoping, 29. Mai 1912 



Ich habe bereits gestern bemerkt, daft dasjenige, was hier wird zu 
sagen sein iiber theosophische moralische Grundsatze und Impulse, 
gestiitzt werden soil auf Tatsachen, und deshalb war es, daft wir ver- 
sucht haben, einige Tatsachen vor uns hinzustellen, welche im emi- 
nenten Sinne moralische Impulse zeigen konnen. 

Es war wohl am auffallendsten, am einleuchtendsten, daft bei einer 
solchen Personlichkeit wie Franz von Assisi starke, gewaltige mora- 
lische Impulse gewirkt haben miissen, damit diese Personlichkeit hat 
zu ihren Taten gelangen konnen. Denn was sind das fur Taten, meine 
lieben theosophischen Freunde? Es sind das bei Franz von Assisi 
Taten, welche das Moralische im allerhochsten Sinne des Wortes 
zeigen. Umgeben war zunachst Franz von Assisi von Menschen mit 
sehr schweren Krankheiten, fiir welche die iibrige Welt dazumal keine 
Hilfe hatte. Bei ihm wirkten seine moralischen Impulse nicht nur so, 
daft viele von diesen schwer Kranken in ihrer Seele eine moralische 
Stiitze, einen groften Trost hatten. Das war gewift fiir viele allein zu 
erreichen. Aber es war fiir manche immerhin auch zu erreichen, daft 
die moralischen Impulse, die moralischen Krafte, die ausstromten 
von Franz von Assisi, sogar heilende, gesundheitbringende Wirkung 
hatten, wenn der Glaube, das Vertrauen der Kranken hinlanglich 
groft war. 

Nun miissen wir, damn wir noch tiefer eindringen konnen in die 
Frage: Woher stammen die moralischen Impulse? gerade bei einer 
solch ausgezeichneten Personlichkeit wie Franz von Assisi uns fragen: 
"Woher kam es, daft er solche moralischen Krafte entwickeln konnte? 
Was war mit ihm eigentlich geschehen ? "Wir werden uns etwas weiter 
umblicken miissen, wenn wir verstehen wollen, was eigentlich in der 
Seele dieses aufierordentlichen Menschen gewirkt hat. Erinnern Sie 



sich, dal5 die uralte indische Kultur im Zusammenhange stand mit 
einer gewissen Einteilung der Menschen, mit einer Eintellung in vier 
Kasten, und daft die hochste Kaste bei den Indern die der Brahminen, 
die der Pfleger der Weisheit war. Es war die Absonderung der Kasten 
im alten Indien eine so starke, daft zum Beispiel die heiligen Biicher 
nur gelesen werden durften von den Brahminen und nicht etwa von 
den Mitgliedern der anderen Kasten. Die zweite Kaste, die Krieger, 
durften sie nur horen, die Lehren, welche in den Veden enthalten 
waren oder in dem Auszug aus den Veden, in der Vedanta. Erklaren 
irgendeine Stelle aus den Veden, also eine Meinung haben iiber das, 
was die Veden bedeuten, das durften nur die Brahminen. Den anderen 
Menschen war es strenge verboten, eine Meinung zu haben iiber das- 
jenige, was als Weisheitsschatz in den heiligen Buchern enthalten war. 

Die zweite Kaste waren diejenigen Menschen, welche das Kriegs- 
handwerk und die Verwaltung des Landes zu besorgen hatten. Dann 
gab es eine dritte Kaste, die Handel und Gewerbe zu treiben hatte, 
und eine vierte, eigentlich arbeitende Kaste; endlich aber eine ganz 
verachtete Bevolkerungsschicht, die Parias, welche so wenig geachtet 
wurde, daft zum Beispiel ein Brahmine sich schon verunreinigt fiihlte, 
wenn er nur auf den Schatten trat, der geworfen wurde von einem 
Paria. Er muftte sich sogar gewissen Reinigungsmaftregeln unter- 
ziehen, wenn er auf den Schatten eines solchen verunreinigten Men- 
schen, wofiir die Parias gehalten wurden, getreten war. So sehen wir, 
wie merkwiirdig hier die Menschen eingeteilt sind in vier sozusagen 
anerkannte Kasten und in eine ganz und gar nicht anerkannte Kaste. 
Wenn wir uns nun fragen: Wurden solche strengen Regeln im alten 
Indien auch eingehalten? - so mussen wir antworten: In einer volligen 
Strenge wurden sie eingehalten. Und es hatte gewift in der Zeit, in 
welcher in Europa schon die griechisch-lateinische Kultur waltete, 
kein Angehoriger der Kriegerkaste in Indien es gewagt, eine eigene 
Meinung zu haben iiber dasjenige, was in den heiligen Buchern, in 
den Veden stand. 

Wodurch war es nun geschehen, daft eine solche Gliederung der 
Menschen eingetreten war? Warum war diese Gliederung der Men- 
schen eigentlich in die "Welt gekommen? Es ist doch merkwiirdig, 



daft wir diese Gliederung der Menschen finden gerade bei dem aller- 
hervorragendsten Volke der menschlichen Urzeit, bei demjenigen 
Volke, welches aus der alten Atlantis schon in verhaltnismaftig fruher 
Zeit nach Asien heriibergewandert war, welches sich bewahrt hatte 
die groftten Weisheiten und Wssensschatze aus der alten atlantischen 
Zeit. Das scheint merkwiirdig zu sein. Wie konnen wir so etwas ver- 
stehen, wie konnen wir es begreifen ? Es scheint ja fast, als ob es aller 
Weisheit und Giite der Weltenordnung, der Weltenlenkung wider- 
sprechen wiirde, daft ausgesondert wurde eine Gruppe von Menschen, 
die das hochste eingesehene Gut allein bewahren sollte, und daft die 
anderen Menschen zu untergeordneten Stellungen von vornherein 
durch ihre Geburt bestimmt werden sollten. 

Begreifen kann man dies nur, wenn man in die Geheimnisse des 
Daseins einen Blick wirft, denn das Dasein, die Entwickelung ist nur 
moglich durch Differenzierung, durch Gliederung. Und wenn zu jener 
Ausbildung von Weisheit, zu welcher es gekommen war in der Kaste 
der Brahminen, hatten alle Menschen kommen wollen, dann hatte gar 
keiner dazu kommen konnen. Man darf namlich nicht sagen: Es 
widerspricht der gottlichen Weltenordnung, der gottlichen Welten- 
lenkung, daft nicht alle Menschen in gleicher Weise zur hochsten 
Weisheit gelangen, denn das wiirde nicht mehr Sinn haben, als wenn 
jemand fordern wiirde von der unendlich weisen und unendlich 
machtigen Gottheit, daft sie ein Dreieck aus vier Ecken bilde. Keine 
Gottheit konnte ein Dreieck anders als aus drei Ecken machen. Das, 
was innerlich, was im Geiste geordnet und bestimmt ist, das muft ein- 
gehalten werden auch von der gottlichen Weltenregelung, und ein 
ebenso strenges Gesetz der Entwickelung, wie es das Gesetz fur die 
Raumesgrenzen ist, namlich, daft ein Dreieck nur drei Ecken haben 
kann, ist es, daft die Entwickelung durch Differenzierung geschehen 
muft, daft gewisse Gruppen von den Menschen abgesondert werden 
miissen, damit eine besondere Eigenschaft der menschlichen Entwicke- 
lung Platz greifen kann. Da miissen zunachst fiir eine gewisse Zeit 
die anderen Menschen ausgeschlossen sein. Das ist nicht nur ein Ge- 
setz fiir die Entwickelung des Menschen im groften, sondern das ist 
ein Gesetz fiir die Entwickelung iiberhaupt. Betrachten Sie die mensch- 



liche Gestalt. Sie werden ohne weiteres sich gestehen, daft die vor- 
ziiglichsten, die am meisten schatzbaren Teile an der menschlkhen 
Gestalt die Kopfknochen sind. Aber wodurch konnten die Kopf- 
knochen nur Kopfknochen und die Umhiiller des edlen Organes des 
Gehirns werden? Der Anlage nach kann jeder Knochen, den der 
Mensch an sich hat, Kopfknochen werden. Darm't einige Knochen 
von dem gesamten Knochensystem diese Hohe der Entwickelung 
durchmachen konnen, Vorder- oder Hinterhaupthiille zu sein, muftten 
die Hiiftknochen oder die Gelenkknochen zuriickbleiben auf einer 
untergeordneten Stufe der Entwickelung, denn jeder Hiiftknochen 
oder Gelenkknochen hat in sich die Anlage, geradeso Kopfknochen 
zu werden, wie diejenigen, die es geworden sind. So ist es iiberhaupt 
in der Welt: nur dadurch, daft das eine zuriickbleibt, das andere vor- 
riickt und sogar iiber einen gewissen Punkt der Entwickelung hinaus- 
rtickt, ist eine Fortentwickelung moglich. So daft man sagen kann: 
Die Brahminen sind iiber einen gewissen mittleren Punkt der Ent- 
wickelung hinausgeriickt, die niedersten Kasten dagegen sind dahinter 
wieder zurikkgeblieben. 

Als die atlantische Katastrophe eingetreten war, da wanderten von 
der Atlantis, von jenem alten Kontinente, welcher an der Stelle war, 
wo heute der Atlantische Ozean ist, die Menschen allmahlich nach 
Osten hiniiber und bevdlkerten die Lander, welche heute unter dem 
Namen Europa, Asien und Afrika bekannt sind. Wir sehen ab davon, 
dafi einige westwarts zogen, deren Nachkommen dann von den Ent- 
deckern Amerikas in Amerika aufgefunden worden sind. Als nun die 
atlantische Katastrophe hereingebrochen war, da waren es nicht bloft 
die vier Kasten, welche in Indien sich niederliefkn, die da auswan- 
derten. Es wanderten nicht nur die vier Kasten aus, die allmahlich in 
Indien sich differenzierten, sondern es waren sieben Kasten, welche 
von der alten Atlantis nach Osten wanderten, und die vier Kasten, 
welche sich in Indien geltend machten, das sind schon die vier hoheren 
Kasten. Es gibt aufter der fiinften, die schon ganz verachtet war und 
die in Indien gleichsam eine Zwischensubstanz der Bevolkerung bil- 
dete, es gibt also au£er diesen Parias noch andere Kasten, welche nur 
nicht mitzogen nach Indien, welche zuriickblieben an den verschie- 



denen Statten in Europa, Vorderasien und namentlich auch in Afrika. 
Es lag also die Sache so, dafi nur die auserlesensten Kasten nach Indien 
hinuberzogen und in Europa zuriickgeblieben waren diejenigen, wel- 
che ganz andere Eigenschaften hatten als die Menschen, welche bis 
nach Indien hingezogen waren. 

Ja, man versteht dasjenige, was spater in Europa vorgegangen ist, 
nur dann, wenn man weifi, dafi die dazumal vorziiglichsten Teile der 
Menschheit eben nach Asien vorgeruckt waren, und in Europa als 
grofie Masse der Bevolkerung zuriickgeblieben waren diejenigen Men- 
schen, welche die Moglichkeit fur ganz besondere Inkarnationen ab- 
gaben. Wenn wir verstehen wollen, was fur ganz besondere Verkor- 
perungen von Seelen in den uraltesten Zeiten Europas bei der groften 
Masse der Bevolkerung gewesen sind, dann miissen wir uns an ein 
eigentumliches Ereignis der atlantischen Zeit erinnern. In einer ge- 
wissen Zeit der alten atlantischen Entwickelung war es namlich vor- 
gekommen, dafi grofte Geheimnisse des Daseins, grofSe Wahrheiten 
des Daseins, Wahrheiten, die viel bedeutsamer sind als alle diejenigen, 
zu denen sich die nachatlantische Bevolkerung noch aufgeschwungen 
hat, nicht, wie es damals notwendig gewesen ware, geheim gehalten 
worden sind in engen Zirkeln, in engen Schulen, sondern verraten 
wurden an grofie Massen der atlantischen Bevolkerung. Diese grofien 
Massen der atlantischen Bevolkerung bekamen dadurch ein Wissen 
von Mysterien und okkulten Wahrheiten, fiir das sie nicht reif waren. 
Ihre Seelen wurden damals in hohem Grade hineingetrieben in einen 
Zustand, welcher ein moralischer Niedergang war, so dafi nur die- 
jenigen geblieben waren auf der Bahn des Guten, auf der Bahn des 
Moralischen, welche dann spater hiniiber nach Asien zogen. 

Aber auch das diirfen wir uns nicht so vorstellen, als ob nun etwa 
die gesamte europaische Bevolkerung nur aus solchen Menschen be- 
standen hatte, in deren Seelen solche Individuen waren, welche unter 
der Verfiihrung der atlantischen Zeit eine moralische Niederlage er- 
litten hatten, sondern es waren uberall hineingestreut in diese euro- 
paische Bevolkerung andere, welche zuriickgeblieben waren bei der 
grofien Wanderung nach Asien, aber eine leitende, eine fiihrende Rolle 
hatten. Die Sache war also so, daft wir weit, weit iiber Europa, Vor- 



derasien und Afrika hin Menschen haben, die einfach sozusagen zu 
solchen Kasten oder Rassen gehorten, die es gestatteten, dafi verfiihrte 
Seelen in deren Korpern lebten. Dann aber waren auch andere zu- 
ruckgeblieben, die nicht mitgingen nach Asien, welche aber die Fiih- 
rung ubernehmen konnten und welche besser, hoher entwickelte 
Seelen waren. 

Die besten Orte fur diese Seelen, die die Fiihrung zu ubernehmen 
hatten, waren dazumal in den alten Zeiten, in den Zeiten, wahrend 
welcher sich die indische und die persische Kultur entwickelten, die 
mehr nordlichen Gegenden Europas, diejenigen Gegenden, in denen 
auch die altesten Mysterien Europas gewesen sind. Da gab es nun eine 
Art Schutzeinrichtung gegeniiber dem, was in der alten Atlantis friiher 
geschehen war. In der alten Atlantis war ja fur die charakterisierten 
Seelen dadurch eine Versuchung eingetreten, dafi man ihnen Weis- 
heiten, Mysterien, okkulte Wahrheiten gegeben hatte, fur die sie nicht 
reif waren. Daher mufke in den europaischen Mysterien umsomehr 
das Weisheitsgut geschikzt und gehiitet werden. Diejenigen, die daher 
in der nachatlantischen Zeit die eigentlichen Weisheitsfuhrer in Eu- 
ropa waren, hielten sich ganz zuruck, bewahrten wie ein strenges 
Geheimnis dasjenige, was sie erhalten hatten. So dafi man sagen kann: 
Es gab auch innerhalb Europas solche Menschen, welche sich ver- 
gleichen lassen mit den Brahminen Asiens. Aber diese europaischen 
Brahminen waren von niemandem aufterlich als solche gekannt. Sie 
hielten im strengsten Sinne des Wortes in den Mysterien abgeschlossen 
die heiligen Geheimnisse, damit dasjenige sich nicht wiederholen 
konnte, was mit der Bevolkerung, unter welche eben diese Fiihrer 
hineingestreut waren, schon einmal in der atlantischen Zeit geschehen 
war. Nur dadurch, dafi das Weisheitsgut in der allerernstesten Weise 
geschiitzt und gehiitet wurde, kam es zustande, dalS die Seelen sich in 
gewisser Weise heben konnten. Denn die Differenzierung geschieht 
nicht so, dafi von vornherein irgendein Menschheitsteil bestimmt 
ware, einen niedrigeren Rang einzunehmen als ein anderer, sondern 
was erniedrigt wird zu einer bestimmten Zeit, soil wieder in die Hohe 
sich entwickeln zu einer anderen Zeit. 

Dazu miissen aber die Bedingungen geschaffen werden. Daher kam 



es, daft in Europa vorhanden waren versuchte Seelen, welche den 
moralischen Zusammenhalt verloren hatten, und daft unter ihnen 
wirkte eine Weisheit aus tief verborgenen Quellen heraus. Aber auch 
die anderen Kasten, die nach Indien gezogen waren, hatten Ange- 
horige zuriickgelassen in Europa. Die Angehorigen der zweiten in- 
dischen Kaste, der Krieger, das waren diejenigen, welche in Europa 
vorzugsweise jetzt zur Macht gelangten. Wahrend sich die Weisen, 
also diejenigen, die den Brahminen in Indien entsprechen, ganz zu- 
riickhielten und von verborgenen Statten aus ihre Ratschlage gaben, 
zogen jene in das Volk hinaus, um es zu verbessern nach den Rat- 
schlagen jener uralten europaischen Priester. Es zogen in das Volk 
hinaus diejenigen, die kriegerischen Sinn hatten. Diese zweite Kaste 
hatte die grofite Macht in den uralten Zeiten in Europa, aber sie 
lebten so, daft sie ihre Fuhrung von den verborgen bleibenden Weisen 
erhielten. So kam es, daft gerade die tonangebenden, die wichtigsten 
Personlichkeiten in Europa diejenigen waren, die durch solche Eigen- 
schaften glanzten, wie sie gestern besprochen wurden, durch Stark- 
mut und Tapferkeit. Wahrend also in Indien die Weisheit aufs 
hochste glanzte bei den Brahminen, dadurch, daft sie auslegten die 
heiligen Schriften, war es in Europa so, daft der Starkmut, die Tapfer- 
keit am meisten geschatzt wurde und die Menschen nur wuftten, wo 
sie die gottlichen Geheimnisse zu holen hatten, von denen sie dann die 
Tapferkeit, den Starkmut durchstromen lassen mufiten. 

So sehen wir Jahrtausende und Aberjahrtausende die Kultur Eu- 
ropas dahinflieflen und sehen, wie die Seelen nach und nach verbessert 
und emporgehoben werden. Nun konnte sich aber innerhalb Europas, 
wo Seelen existierten, welche im Grunde genommen Nachkommen 
waren jener Bevolkerung, die die Versuchung durchgemacht hatte, 
kein reenter Sinn fur das Kastenwesen Indiens entwickeln. Die Seelen 
kamen durcheinander. Eine Gliederung, eine Differenzierung in Ka- 
sten, wie sie in Indien war, trat nicht ein. Vielmehr trat nur eine 
Gliederung ein in solche, die fiihrend waren, in einen oberen Stand, 
einen leitenden Stand, was spater sich in den verschiedensten Rich- 
tungen als die fiihrenden Stande kundgab, und in solche, die ge- 
fiihrt wurden, in den gefiihrten Stand. Der gefiihrte Stand be- 



stand hauptsachlich aus solchen Seelen, welche sich emporzuringen 
hatten. 

Wenn wir solche Seelen suchen, welche sich nach und nach aus 
diesem mederen Stande emporgerungen haben, welche sich aus ver- 
suchten Seelen entwickelt haben hinauf zu hoheren, dann finden wir 
sie vorzugsweise in derjenigen europaischen Bevolkerung, von der 
heute die Geschichte wenig meldet, von der nicht viel in den Ge- 
schichtsbiichern steht. Jahrhunderte und Aberjahrhunderte hindurch 
entwickelte diese Bevolkerung sich, um hinauf zukommen auf eine 
hohere Stufe, um sich sozusagen wieder zu erholen von dem Schlage, 
den sie in der alten atlantischen Zeit erlitten hatte. In Asien driiben 
hatte man es mit einem kontinuierlichen Fortlaufen der Kultur zu 
tun, in Europa dagegen hatte man es zu tun mehr mit einer Besserung, 
mit einem Umschlag der moralischen Niederlage in eine allmahliche 
moralische Besserung. So war es lange Zeit geblieben, und nur dadurch 
ist diese Besserung zustande gekommen, daft in den Menschenseelen 
ein aufierordentlicher Nachahmungstrieb vorhanden ist und dafi die- 
jenigen, die als tapfere Menschen unter dem Volke gewirkt haben, 
als die Ideale und Musterbilder angesehen wurden, als die Ersten, als 
diejenigen, die man die Fursten nennt, denen dann nachgeahmt haben 
die anderen, so dalS eben durch diese Menschenseelen, welche sich so 
als Fuhrer unter das Volk gemischt haben, die Moralitat von ganz 
Europa gehoben worden ist. 

Dadurch aber war noch etwas anderes notwendig geworden in der 
europaischen Entwickelung. Wir mtissen, wenn wir das verstehen 
wollen, genau unterscheiden zwischen der Rassenentwickelung und 
der Seelenentwickelung. Diese beiden diirfen durchaus nicht mitein- 
ander verwechselt werden. Eine Menschenseele kann sich so ent- 
wickeln, dafi sie in einer Inkarnation in einer bestimmten Rasse sich 
verkorpert. Wenn sie sich da bestimmte Eigenschaften erwirbt, so 
kann sie sich in einer spateren Inkarnation in einer ganz anderen 
Rasse wieder verkorpern, so dafi wir durchaus erleben konnen, daft 
heute innerhalb der europaischen Bevolkerung solche Seelen verkor- 
pert sind, die in ihrer friiheren Inkarnation in Indien, Japan oder 
China verkorpert waren. Die Seelen bleiben durchaus nicht bei den 



Rassen. Die Seelenentwickelung ist etwas ganz anderes als die Rassen- 
entwickelung. Die Rassenentwickelung geht ihren ruhigen Gang vor- 
warts. Nun war es bei der alten europaischen Entwickelung so, daft 
die Seelen versetzt waren in europaische Rassen, weil sie nicht in die 
asiatischen Rassen hinuber konnten; deshalb waren die Seelen in jener 
Zeit immer wieder gezwungen, sich in europaischen Rassen zu ver- 
korpern. Aber sie wurden immer besser und besser, und das fiihrte 
dann dazu, daft die Seelen allmahlich in hohere Rassen iibergingen, 
daft also Seelen, die in ganz untergeordneten Rassen friiher verkorpert 
waren, auf eine hohere Stufe hinauf sich entwickelten und sich spater 
verkorpern konnten in den leiblichen Nachkommen der fiihrenden 
Bevolkerung Europas. Die leiblichen Nachkommen der fiihrenden 
Bevolkerung Europas vermehrten sich, wurden zahlreicher als sie ur- 
sprunglich waren, weil die Seelen nach dieser Richtung sich vermehr- 
ten. Da verkorperten sie sich also, nachdem sie besser geworden waren, 
in der fiihrenden Bevolkerung Europas, und die Entwickelung ge- 
schah nun so, daft iiberhaupt als physische Rasse die leibliche Gestalt, 
in welcher sich die alteste europaische Bevolkerung urspriinglich ver- 
korpert hatte, ausstarb, daft also gleichsam die Seelen verlieften be- 
stimmt geformte Leiber, die dann ausstarben. Das war der Grund, 
daft in den untergeordneten Rassen immer weniger Nachkommen 
waren, in den iibergeordneten immer mehr und mehr. Nach und nach 
starben dann die untersten Schichten der europaischen Bevolkerung 
ganz aus. 

So etwas 1st eben ein ganz bestimmter Vorgang, den wir verstehen 
miissen. Die Seelen entwickeln sich weiter, die Leiber sterben dahin. 
Deshalb miissen wir so genau unterscheiden zwischen Seelen- und 
Rassenentwickelung. Die Seelen erscheinen dann in den Korpern, die 
von hoheren Rassen abstammen. Solch ein Vorgang geschieht nicht 
ohne Wirkung. Wenn namlich so etwas geschieht, daft iiber grofte 
Gebiete hin etwas gleichsam verschwindet, so verschwindet es nicht 
im Nichts, sondern es lost sich auf und ist dann in einer anderen Form 
vorhanden. Sie werden verstehen, als was es geblieben ist, wenn Sie 
ins Auge fassen, daft im Grunde genommen in den Urzeiten bei dem 
Aussterben der Schlechteren der Bevolkerung, von denen ich hier 



gesprochen habe, sich allmahlich das ganze Gebiet mit damonischen 
Wesen anfiillte, welche die Auflosungsprodukte, die Verwesungspro- 
dukte dessen darstellten, was da ausgestorben war. 

Es war also ganz Europa und auch Vorderasien angefullt von den 
vergeistigten Verwesungsprodukten der ausgestorbenen Schlechteren 
der Bevolkerung. Diese Verwesungsdamonen hatten eine lange Dauer 
und sie wirkten spater auf die Menschen ein, und so war es gekommen, 
dafi diese Verwesungsdamonen, die da gleichsam in der geistigen At- 
mosphere enthalten waren, einen Einflu£ auf die Menschen gewannen 
und bewirkten, daft die Gefuhle und die Empfindungen, die spater 
die Menschen hatten, von ihnen durchsetzt wurden. Das zeigt sich 
am besten darin, dafi, als von Asien spater grofte Volkermassen nach 
Europa heriiberkamen zur Zeit der Volkerwanderung, unter ihnen 
Attila mit seinen Scharen, und die Leute in Europa in grofien Schreck 
versetzten, dieser Schrecken die Menschen geeignet machte, in Be- 
ziehung zu kommen mit dem, was von friiher her noch vorhanden 
war als damonische Wesenheiten. Nach und nach entwickelten sich 
durch diese damonischen Wesenheiten als eine Folge von dem Schrek- 
ken, der durch die heriiberkommenden Scharen aus Asien entstanden 
war, das, was als die Seuche des Mittelalters auftrat, als die Misel- 
sucht, als der Aussatz. Diese Krankheit war nichts anderes als die 
Folge der Schreckens- und Furchtzustande, die die Menschen damals 
durchmachten. Die Schreckens- und Furchtzustande konnten zu die- 
sem Ziele aber nur fiihren bei solchen Seelen, welche ausgesetzt waren 
den damonischen Kraften von ehemals. 

Jetzt habe ich Ihnen geschildert, wodurch die Menschen ergriffen 
werden konnten von einer Sucht, die spater aus Europa in der Haupt- 
sache wieder ausgerottet worden ist, und warum sie gerade in der 
gestern bezeichneten Zeit in so hohem Grade vorhanden war. So sehen 
wir zwar, wie jetzt in Europa ausgestorben waren die Schichten, die 
aussterben sollten, weil sie sich nicht nach oben entwickelt hatten, 
wie wir aber jetzt noch die Nachwirkung in Form von Krankheiten 
haben, die an den Menschen herantreten konnen. Die betreffende 
Krankheit, die sogenannte Miselsucht oder der Aussatz, stellt sich uns 
dar als die Folge von geistig-seelischen Ursachen. 



Dieser ganzen Sache sollte nun entgegengewirkt werden. Sie konnte 
nur dann eine weitere Entwickelung erfahren, wenn das, was jetzt 
geschildert worden ist, sozusagen von der europaischen Entwickelung 
ganz hinweggenommen wurde. Ein Beispiel, wie sie hinweggenommen 
wurde, haben wir gestern geschildert, indem wir zeigten, wie, wah- 
rend auf der einen Seite die Nachwirkungen des Unmoralischen als 
Krankheitsd'amonen da sind, auf der anderen Seite die starken mo- 
ralischen Impulse auftreten wie in Franz von Assisi. Dadurch, daft er 
die starken moralischen Impulse hatte, hat er wieder andere um sich 
versammelt, die, wenn auch im minderen Mafie, doch in seinem Sinne 
wirkten. Eigentlich waren es recht viele, die in seinem Sinne damals 
gewirkt haben. Es hat nur nicht lange gedauert. 

"Wie war nun wieder in Franz von Assisi hineingekommen eine 
solche Seelenkraft? Da wir nicht versammelt sind, um auftere Wissen- 
schaft zu treiben, sondern um die menschliche Moral aus den okkulten 
Untergriinden heraus zu verstehen, so mussen wir uns auf einige 
okkulte Wahrheiten einlassen, mussen einige okkulte Wahrheiten ins 
Auge fassen. Da mussen wir uns schon einmal fragen: Woher kam 
denn eigentlich eine solche Seele wie die des Franz von Assisi? Ver- 
stehen konnen wir eine solche Seele, wie wir sie in Franz von Assisi 
vor uns haben, nur dann, wenn wir ein wenig in sie hineinschauen, 
wenn wir uns bekummern um das, was in ihren verborgenen Tiefen 
war. Da mui5 ich Sie daran erinnern, daft die alte Kasteneinteilung 
Indiens eigentlich ihren ersten Stofi, ihre erste Erschiitterung erfahren 
hat durch den Buddhismus, denn der Buddhismus hat unter mancher- 
lei, was er hineingebracht hat in das Leben Asiens, auch das gebracht, 
daft er die Kasteneinteilung nicht als etwas Berechtigtes anerkannte, 
daft er, soweit es fur Asien moglich war, die Anwartschaft eines jeden 
Menschen zu dem Hochsten, was der Mensch erreichen kann, aner- 
kannt hat. Wir wissen auch, daft dies nur moglich war durch die her- 
vorragend grofte und gewaltige Personlichkeit des Buddha, und wir 
wissen auch, daft der Buddha ein Buddha geworden ist in jener In- 
karnation, von der uns gewohnlich erzahlt wird, daft er friiher ein 
Bodhisattva war, was die nachstuntergeordnete Wurde unter dem 
Buddha darstellt. Dadurch, daft jener Konigssohn des Sudhodana im 



neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens durchmachte, in sich ftihlte 
die grofie Wahrheit vom Leben und Leiden, dadurch hatte er die 
Grofte sich errungen, das zu verkiindigen innerhalb der Welt Asiens, 
was wir kennen als den Buddhismus. 

Nun war aber etwas anderes, was wir nicht aus dem Auge verlieren 
diirfen, verbunden mit dieser Hinaufentwickelung des Bodhisattva 
zu dem Buddha. Das war namlich die Tatsache, daft diejenige In- 
dividualitat, welche durch viele Inkarnationen hindurchgegangen war 
als Bodhisattva und dann zu der Buddhawiirde aufstieg, nun, als sie 
Buddha geworden war, zum letztenmal im physischen Leibe auf der 
Erde zu verweilen hatte. Derjenige also, der vom Bodhisattva zum 
Buddha erhoben wird, ist damit in eine Inkarnation eingetreten, die 
die letzte fur ihn ist. Von da ab wirkt eine solche Individualitat nur 
noch von geistigen Hohen herunter, wirkt nur noch geistig. So haben 
wir also die Tatsache vor uns, daft die Individualitat des Buddha 
nach dem funften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nur noch 
aus den geistigen Hohen heruntergewirkt hat. 

Aber der Buddhismus findet seine Fortsetzung. Der Buddhismus 
findet die Moglichkeit, in einer gewissen Weise nicht nur das Leben 
Asiens, sondern das geistige Leben der ganzen damals bekannten Welt 
zu beeinflussen. Wie der Buddhismus sich in Asien ausgebreitet hat, 
Sie wissen es. Sie wissen, wie grofi die Zahl der Bekenner ist, die er in 
Asien gefunden hat. Aber in einer mehr verborgenen und verschleier- 
ten Gestalt findet derselbe auch seine Ausbreitung innerhalb des 
europaischen Geisteslebens; und wir haben vor alien Dingen darauf 
hinzuweisen, dafi jener Teil der groften Lehre des Buddha, der sich 
bezog auf die Gleichheit der Menschen, in ganz besonderem Mafie 
geeignet war, von der europaischen Bevolkerung aufgenommen zu 
werden, weil eben die europaische Bevolkerung nicht hingeordnet war 
auf eine Kasteneinteilung, sondern mehr auf eine Unterschiedslosig- 
keit und Gleichheit der Menschen. 

An den Ufern des Schwarzen Meeres wurde in den Jahrhunderten, 
die noch weit in die christlkhe Zeit hineingingen, eine Art Geheim- 
schule begriindet. Diese Geheimschule wurde geleitet von Menschen, 
welche vorzugsweise den eben charakterisierten Teil der Buddha- 



Lehre sich zum hochsten Ideal gesetzt hatten. Aber sie hatten die 
Moglichkeit, in dieser Geheimschule dasjenige, was der Buddha den 
Menschen gebracht hatte, gleichsam bescheinen zu lassen, mit einem 
neuen Lichte versehen zu lassen in den nachchristlichen Jahrhunder- 
ten dadurch, dafi sie den christlichen Impuls zugleich in sich aufge- 
nommen hatten. Wenn ich Ihnen schildern wollte, wie der Okkultist 
sie ansieht - und Sie werden mich am besten verstehen, wenn ich das 
tue -, so mufi ich die Geheimschule am Schwarzen Meere in der f olgen- 
den Weise schildern: 

Da fanden sich Menschen zusammen, welche zunachst aufterlich 
Lehrer auf dem physischen Plane hatten. Da wurden sie unterrichtet 
in den Lehren und Grundsatzen, wie sie vom Buddhismus ausge- 
gangen sind, die aber durchzogen waren von den Impulsen, wie sie 
durch das Christentum in die Welt gekommen sind. Dann, wenn sie 
in gehoriger Weise vorbereitet waren, wurden sie dazu gebracht, dafi 
die defer in ihnen liegenden Krafte, die tieferen Weisheitskrafte aus 
ihnen herauf- und herausgeholt werden konnten, so daft sie zu einem 
hellseherischen Erschauen der geistigen Welt gebracht wurden, dafi 
sie hineinzuschauen vermochten in die geistigen Welten. Das erste, 
was die Schiiler dieser Geheimschule erlangten, war, dafi sie zum 
Beispiel, nachdem die auf dem physischen Plan verkorperten Lehrer 
sie daran gewohnt hatten, auch diejenigen erkennen konnten, welche 
nicht mehr auf den physischen Plan herunterkamen. So zum Beispiel 
den Buddha. Diese Geheimschuler lernten also wirklich, wenn man 
das Geistige von ihm so nennen darf, von Angesicht zu Angesicht 
vorzugsweise den Buddha kennen. Auf diese Weise wirkte er geistig 
fort in den Geheimschulern, und so wirkte er durch seine Kraft her- 
unter auf den physischen Plan, da er selber nicht mehr auf den phy- 
sischen Plan zur physischen Verkorperung herunterstieg. 

Nun gruppierten sich diejenigen, die in dieser Geheimschule waren, 
in zwei Abteilungen, je nach ihrem Reifezustand. Es wurden ja nur 
diejenigen gewahlt, die eine Art grofierer Vorbereitung, eine Art 
grofterer Reife hatten. Daher konnten auch die meisten dieser Schiiler 
es dazu bringen, wirklich so hellsichtig zu werden, dafi sie ein Wesen, 
das mit alien seinen Kraften dahin strebte, seine Impulse durchzu- 



bringen bis zum physischen Plan, trotzdem es selber nicht in die phy- 
sische Welt hinunterstieg, daft sie den Buddha in alien seinen Geheim- 
nissen und in alledem, was er wollte, kennenlernen konnten. Eine ge- 
wisse groftere Anzahl von diesen Schiilern blieben solche Hellseher, 
andere aber hatten ganz besonders neben den Eigenschaften des Er- 
kennens, neben den Eigenschaften der psychischen Hellsichtigkeit, 
das spirituelle Element ausgebildet, das nicht zu trennen ist von einer 
gewissen Demut, von einer gewissen hochentwickelten Andachtsf ahig- 
keit. Diese gelangten dann dazu, daft sie gerade in dieser Geheim- 
schule in hervorragendem Mafie den Christus-Impuls empfangen 
konnten. Sie konnten auch hellsichtig in der Weise werden, daft sie 
die besonders auserlesenen Nachfolger des Paulus wurden und den 
Christus-Impuls unmittelbar im Leben empfingen. Aus dieser Schule 
gingen also sozusagen zwei Gruppen hervor: eine Gruppe, die den 
Impuls hatte, uberall hineinzutragen die Lehren des Buddha, wenn 
sie auch dessen Namen dabei nicht nannten, und eine zweite Gruppe, 
die noch dazu den Christus-Impuls empfing. 

Nun zeigte sich der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen 
nicht so stark in der einen Inkarnation, sondern erst in der nachsten. 
Diejenigen Schiiler, welche den Christus-Impuls nicht empfangen 
hatten, aber bis zum Buddha-Impuls gekommen waren, die wurden 
Lehrer jener Gleichheit und Briiderlichkeit der Menschen. Diejenigen 
Schiiler aber, welche den Christus-Impuls empfangen hatten, waren 
in der nachsten Inkarnation so, daft dieser Christus-Impuls in ihrer 
physischen Inkarnation weiterwirkte, so daft sie nicht nur lehren 
konnten und dies auch nicht als ihre Hauptaufgabe betrachteten, 
sondern daft sie durch ihre moralische Kraft namentlich wirkten. Ein 
solcher Schiiler der genannten Geheimschule am Schwarzen Meer 
wurde spater in seiner nachsten Inkarnation als Franz von Assisi ge- 
boren. Kein Wunder also, daft in ihm die Weisheit, die er empfangen 
hatte, die Weisheit von der menschlichen Verbriiderung, von der 
Gleichheit aller Menschen, von der Notwendigkeit, alle Menschen 
gleich zu lieben, lebte, daft diese Lehre seine Seele durchpulste und 
diese Seele durchkraftet wurde mit dem Christus-Impulse. Wie wirkte 
nun dieser Christus-Impuls in seiner nachsten Inkarnation weiter? 



Er wirkte so in dieser nachsten Inkarnation weiter, daft, als Franz 
von Assisi hineinversetzt wurde in eine Bevolkerung, in welcher ganz 
besonders wirkten die alten Krankheitsdamonen, von welchen wir 
vorhin gesprochen haben, dafi dieser Christus-Impuls an die Krank- 
heitsdamonen durch ihn herankam und das, was schlechte Substanz 
an den Krankheitsdamonen war, aufsog, an sich zog und von den 
Menschen hinwegnahm. Bevor er das tat, verkorperte er sich in dieser 
Substanz so, dafi der Christus-Impuls in Franz von Assisi zuerst 
Vision wurde in jener Vision, wo ihm der Palast erschien, und in 
jener Vision, wo er aufgefordert wurde, die Last der Armut auf sich 
zu nehmen. Da war in ihm der Christus-Impuls wieder lebendig ge- 
worden, und er stromte aus ihm heraus und ergriff diese Krankheits- 
damonen. Dadurch wurden seine moralischen Krafte so stark, dafi sie 
wegnehmen konnten die geistigen schadlichen Stoffe, welche die 
charakterisierte Krankheit nach sich gezogen hatte. Dadurch allein 
war die Moglichkeit geschaffen, dasjenige, was ich Ihnen geschildert 
habe als Nachwirkung des alten atlantischen Elementes, zu einer 
hoheren Entwickelung zu bringen, wegzufegen von der Erde die 
schlimmen Substanzen, zu reinigen die europaische Welt von diesen 
Substanzen. 

Sehen Sie sich das Leben von Franz von Assisi an: beachten Sie, wie 
eigentiimlich es verlauft. Im Jahre 1182 ist er geboren. Wir wissen, 
daft die ersten Lebensjahre eines Menschen hauptsachlich der Ent- 
wickelung des physischen Leibes dienen. Im physischen Leibe ent- 
wickelt sich vorzugsweise das, was durch auftere Vererbung zutage 
tritt. Daher tritt in ihm auf, was von der aufteren Vererbung der 
europaischen Bevolkerung stammt. Die Eigenschaften kommen all- 
mahlich heraus dadurch, daft er vom siebten bis zum vierzehnten 
Jahre, wie jeder Mensch, seinen Atherleib entwickelt. Aus diesem 
Atherleib tritt vorzugsweise die Eigenschaft zutage, die als Christus- 
Impuls direkt in ihm gewirkt hatte in den Mysterien am Schwarzen 
Meere. Als dann sein astralisches Leben zutage trat vom vierzehnten 
Jahre an, da wurde insbesondere dadurch die Christus-Kraft in ihm 
lebendig, daft dasjenige, was mit der Atmosphare der Erde verbunden 
geblieben war seit jenem Ereignisse des Mysteriums von Golgatha, 



selbst in den astralischen Leib einzog. Denn Franz von Assisi war eine 
solche Personlichkeit, die auch durchsetzt wurde von der aufieren 
Christus-Kraft, weil sie in der vorigen Inkarnation nach der Christus- 
Kraft da gesucht hatte, wo sie zu finden war: in jener besonderen 
Einweihungsstatte. 

So sehen wir, wie die Differenzierungen in der Menschheit wirken. 
Es mufi Differenzierung eintreten. Dasjenige aber, was durch die 
friiheren Ereignisse in die Untergriinde hinuntergedrangt worden ist, 
wird durch ganz besondere Ereignisse im Verlaufe der menschlichen 
Entwickelung wieder heraufgeholt. An einer anderen Stelle ist schon 
einmal ein ganz besonderes Heraufholen geschehen, ein Heraufholen, 
das exoterisch immer unbegreiflich bleiben wird. Daher haben die 
Menschen in Wahrheit es eigentlich auch aufgegeben, dariiber nach- 
zudenken. Esoterisch kann dasselbe aber durchaus seine Aufklarung 
finden. Diejenigen, welche sich am schnellsten hinaufentwickelt haben 
aus jenen Schichten der westlichen Bevolkerung, die iiberwunden 
haben nach und nach den Durchgang durch die untersten Schichten, 
aber nicht sehr weit in der intellektuellen Entwickelung hinaufge- 
kommen sind, sondern verhaltnismaftig schlichte und einfache Men- 
schen geblieben sind — gleichsam die Auserlesensten davon, die nur 
durch einen kraftigen Impuls, der sich in ihnen spiegelte, hinaufge- 
hoben werden konnten zu bestimmter Zeit, das waren diejenigen, 
welche uns als die zwolf Apostel des Jesus geschildert sind. Das war 
der verschlagene Extrakt der unteren Kasten, die nicht nach Indien 
gekommen sind. Aus ihnen mufite die Substanz fur die Jiinger des 
Christus- Jesus genommen werden. — Damit soil nichts gesagt sein iiber 
vorhergehende oder nachfolgende Inkarnationen der Apostel-Indivi- 
dualitaten, sondern lediglich iiber die physische Vorfahrenschaft der- 
jenigen Korper, in welchen die Apostel-Personlichkeiten inkarniert 
waren. Man mufi iiberall die Inkarnationslinie und die physische Ver- 
erbungslinie auseinanderhalten. 

So haben wir sozusagen den Ursprung der moralischen Kraft bei 
jener auserlesenen Personlichkeit, bei Franz von Assisi gefunden. 
Sagen Sie nicht, daft es den gewohnlichen menschlichen Regeln gegen- 
iiber unangemessen hoch ware, bei einer solchen Person die Ideale zu 



suchen, wie sie bei Franz von Assisi vorhanden waren. GewiE wird 
das nicht aus dem Grunde gesagt, weil etwa irgend jemandem emp- 
fohlen werden sollte, ein Franz von Assisi zu werden. Das ist durchaus 
nicht gemeint. Man wollte nur an einem besonders hervorragenden 
Punkte zeigen, wie moralische Kraft in den Menschen hineinkommt, 
woher sie stammen kann, wie sie als etwas ganz Besonderes, im Men- 
schen ttrspriinglich Vorhandenes aufgefafit werden mufi. Aber aus 
dem ganzen Geiste dessen, was ich bisher vorgetragen habe, konnen 
Sie das eine entnehmen, was wir in bezug auf andere Entwickelungs- 
krafte des Menschen schon hervorgehoben haben, namlich, dafi die 
Menschheit durchgemacht hat einen Abstieg und nun wieder einen 
Aufstieg unternommen hat. 

Wenn wir zuriickgehen in der Menschheitsentwickelung, so kom- 
men wir durch die nachatlantische Zeit bis zur atlantischen Kata- 
strophe, kommen dann in die atlantische Zeit hinein, kommen dann 
weiter hinauf bis zur lemurischen Zeit. Wenn wir dann zum Aus- 
gangspunkt der Erdenmenschheit kommen, so kommen wir nicht nur 
in eine Zeit, in welcher die Menschen in bezug auf ihre geistigen 
Eigenschaften noch naher der Gottheit gestanden haben, sich erst 
herausentwickelt haben aus dem geistigen Leben, sondern auch aus 
der Moralitat, so daft wir im Anfange der Erdenentwickelung nicht 
etwa Unmoralitat zu verzeichnen haben, sondern Moralitat. Die 
Moralitat ist ein urspriinglich gottliches Geschenk und liegt urspriing- 
lich in der menschlichen Natur, so wie die geistige Kraft, als der 
Mensch noch nicht so weit heruntergestiegen war, iiberhaupt in der 
menschlichen Natur lag. Im Grunde genommen ist ein grower Teil des 
Unmoralischen gerade auf die geschilderte Weise in die Menschheit 
hineingekommen, namlich durch den Verrat hoherer Geheimnisse in 
der alten atlantischen Zeit. 

So ist die Moral etwas, von dem man nicht so sprechen kann, als 
ob es in der Menschheit erst ausgebildet worden sei, sondern etwas, 
was auf dem Grunde der menschlichen Seele liegt, was nur durch die 
spatere Kultur verdeckt, hinuntergedrangt worden ist. Wenn wir die 
Sache im richtigen Lichte besehen, so konnen wir nicht einmal sagen, 
daft die Unmoralitat in die "Welt gekommen ist durch Dummheit. 



Sie ist vielmehr in die Welt gekommen dadurch, daft die Menschen, 
als sie noch unreif waren, die Geheimnisse der Weisheit verraten er- 
hielten. Gerade dadurch sind die Menschen versucht worden, sind 
unterlegen und heruntergekommen. Es bedarf daher zum Hinauf- 
gehen vor alien Dingen desjenigen - und das konnen Sie auch entneh- 
men der heutigen Darstellung -, welches alles, was sich gegen die 
moralischen Impulse in der menschlichen Seele vorgelagert hat, hin- 
wegraumt. Sagen wir das in etwas anderer Form. 

Nehmen wir an, wir hatten einen Verbrecher vor uns, einen Men- 
schen, den wir im eminentesten Sinne unmoralisch nennen, so diirfen 
wir durchaus nicht glauben, daft in diesem unmoralischen Menschen 
keine moralischen Impulse sind. Die sind in ihm, und wir werden sie 
finden, wenn wir ihm auf den Grund seiner Seele gehen. Es gibt keine 
Menschenseele — mit Ausnahme von Schwarzmagiern, die uns hier 
nichts angehen — , in welcher nicht die Grundlage des moralisch Guten 
ware. Wenn ein Mensch schlecht ist, so ist er es dadurch, daft das- 
jenige, was als geistige Verirrung im Laufe der Zeit eingetreten ist, 
sich iiber das moralisch Gute dariiberlagert. Nicht die menschliche 
Natur ist schlecht. Sie war urspriinglich wirklich gut, und gerade 
eine konkrete Betrachtung der Menschennatur zeigt uns, daft sie im 
tiefsten Wesen gut ist, und daft die geistigen Verirrungen es waren, 
die den Menschen von dem moralischen Pfade abgebracht haben. Da- 
her miissen die moralischen Verirrungen im Laufe der Zeit bei den 
Menschen wieder gut gemacht werden. Die Verirrungen selber und 
auch ihre Wirkungen miissen wieder gut gemacht werden. Wo aber 
so starke Nachwirkungen des moralisch Bosen da sind, daft schon 
Krankheitsdamonen existieren, da miissen auch iibermoralische Krafte 
wirken, wie es diejenigen des Franz von Assisi gewesen sind. 

Aber iiberall ist das Bessermachen eines Menschen darin begriindet, 
daft wir seine geistige Verirrung wegschaffen. Und wessen bedarf es 
dazu? Fassen Sie jetzt dasjenige, was ich Ihnen erzahlt habe, in eine 
Grundempfindung zusammen. Lassen Sie die Tatsachen sprechen, 
lassen Sie sprechen Ihre Gefuhle und Ihre Empfindungen, und ver- 
suchen Sie dieselben in einer Grundempfindung zusammenzufassen, 
dann werden Sie sich sagen: Was braucht der Mensch dem Menschen 



gegentiber zu seinem Verhalten? Das ist es gerade, daft er den Glau- 
ben braucht an das ursprtinglich Gute des Menschen und emer jeg- 
lichen menschlichen Natur ! Das ist das Erste, was wir sagen miissen, 
wenn wir iiberhaupt in Worten von Moral sprechen wollen, daft es 
ein unermefilich Gutes ist, was auf dem Grunde der Menschennatur 
vorhanden ist. Das sagte sich Franz von Assisi. Und wenn ihm dann 
entgegentraten einige derjenigen, die mit der charakterisierten schreck- 
lichen Krankheit behaftet waren, dann sagte sich Franz von Assisi als 
guter Christ der damaligen Zeit etwa das Folgende: Eine solche 
Krankheit ist in gewisser Beziehung Folge der Siinde, aber weil Siinde 
geistige Verirrung ist, weil die Krankheit Folge geistiger Verirrung 
ist, daher mufi sie durch eine starke und groEe entgegengesetzte Kraft 
aufgehoben und weggeschafft werden. Daher sah Franz von Assisi 
an dem Sunder, wie in gewisser Beziehung die Strafe der Siinde sich 
aufterlich zeigt. Er sah aber auch das Gute der Menschennatur, sah, 
was an gottlich-geistigen Kraften auf den Grund jeder Menschen- 
natur gelegt ist. Der grandiose Glaube an das Gute in jeder Menschen- 
natur, auch der gestraften Menschennatur, das war es, was Franz von 
Assisi ganz besonders auszeichnete. 

Dadurch war es moglich, daf$ die entgegengesetzte Kraft auftrat in 
seiner Seele, und dieses ist die Kraft moralisch gebender, moralisch 
helfender, ja sogar heilender Liebe. Und niemand kann, wenn er 
wirklich den Glauben an das urspriinglich Gute der Menschennatur 
zum vollen Impulse entwickelt, zu etwas anderem kommen als dazu, 
diese Menschennatur als solche zu lieben. 

Diese zwei Grundimpulse sind es zunachst, welche ein wirklich 
moralisches Leben begriinden konnen: Erstens der Glaube an das 
Gottliche auf dem Grunde einer jeden Menschenseele, zweitens die 
aus diesem Glauben hervorspriefiende mafilose Liebe zum Menschen. 
Denn nur diese maftlose Liebe war es, die Franz von Assisi hinfuhren 
konnte zu den Siechen, den Gebrechlichen, den Seuchenbehafteten. 
Ein Drittes, das noch dazukommt, das notwendig sich auf diesen zwei 
Grundlagen aufbaut, ist, dafi ein solcher Mensch, der die Grundlagen 
des Glaubens an das Gute der menschlichen Seele und die Liebe zu 
der menschlichen Natur hat, nicht anders kann als sich sagen: Das- 



jenige, was wir aus dem Zusammenwirken des urspriinglich guten 
Grundes der menschlichen Seele und der werktatigen Liebe hervor- 
gehen sehen, das berechtigt zu einer Perspektive fur die Zukunft, die 
sich dahin aussprechen kann, daft eine jegliche Seele, auch wenn sie 
noch so weit herabgestiegen ist aus der Hohe des geistigen Lebens, 
fur dieses geistige Leben wiedergefunden werden kann. Das ist der 
dritte Impuls, das ist die Hoffnung fur jede Menscbenseele, daft sie 
den Weg wieder zuriickfinden kann zu dem Gottlich-Geistigen. Diese 
drei Impulse, wir konnen sagen, daft sie Franz von Assisi unendlich 
oft hat aussprechen horen, daft sie ihm unendlich oft vor Augen ge- 
treten sind wahrend seiner Einweihung in die kolchischen Mysterien. 
Wir konnen aber auch sagen, daft er in dem Leben, das er als Franz 
von Assisi zu fiihren hatte, wenig predigte von Glauben, von Liebe, 
daft er aber selber die Verkorperung war dieses Glaubens und dieser 
Liebe. In ihm waren sie gleichsam verleiblicht. In ihm traten sie wie 
ein lebendiges Sinnbild vor die damalige Welt. In der Mine von allem 
steht natiirlich doch dasjenige, was wirkte. Es wirkte nicht der Glaube, 
es wirkte nicht die Hoffnung. Die muft man zwar haben, aber wirk- 
sam ist nur die Liebe. Sie steht mitten darinnen, sie ist dasjenige, was 
die wirkliche Weiterentwickelung der Menschheit zum Gottlichen im 
Sinne des Moralischen eigentlich getragen hat in der einzelnen In- 
karnation bei Franz von Assisi. 

Wie haben wir diese Liebe, von der wir wissen, daft sie ein Ergebnis 
seiner Einweihung in die kolchischen Mysterien war, an ihn heran- 
kommen sehen, wie haben wir sie sich entwickeln sehen? Wir haben 
gesehen, daft in ihm die ritterlichen Tugenden des alten europaischen 
Geistes zutage getreten sind. Er war ein ritterlicher Knabe. Starkmut, 
Tapferkeit haben sich umgewandelt in seiner Individuality, die von 
dem Christus-Impulse durchpulst war, in wirksame, werktatige Liebe. 
So sehen wir gleichsam wieder auferstehen die alte Tapferkeit, den 
alten Starkmut in der Liebe, wie sie uns bei Franz von Assisi entgegen- 
tritt. Vergeistigte alte Tapferkeit ins Spirituelle umgesetzt, Starkmut 
ins Spirituelle umgesetzt ist Liebe ! 

Interessant ist es, einmal zu sehen, wie sehr das, was jetzt gesagt 
worden ist, auch dem aufteren historischen Verlaufe der Menschheits- 



entwickelung entspricht. Gehen wir ein paar Jahrhunderte zuriick in 
die vorchristliche Zeit. Da finden wir bei demjenigen Volke, das vor- 
zugsweise den Namen gegeben hat dem vierten nachatlantischen Zeit- 
raume, also bei den Griechen, den Philosophen Plato. Plato hat unter 
anderen Dingen geschrieben auch iiber die Moral, iiber die Tugend 
des Menschen, und er hat so iiber die Tugend geschrieben, dafi wir 
darin erkennen konnen, dafi er zwar mit den hochsten Dingen, den 
eigentlichen Geheimnissen zuruckgehalten hat, daft er aber das, was 
er hat sagen diirfen, seinem Sokrates in den Mund gelegt hat. Da 
schildert nun Plato, also fur eine Zeit der europaischen Entwickelung, 
in welcher der Christus-Impuls noch nicht gewirkt hatte, die hochsten 
Tugenden, die er anerkannte, die Tugenden, die der Grieche als die- 
jenigen angesehen hat, die der moralische Mensch vor alien Dingen 
haben soli. Nun schildert Plato zunachst vorzugsweise drei Tugenden. 
Eine vierte werden wir noch kennen lernen. Drei Tugenden schildert 
Plato. Die erste ist die der Weisheit. Weisheit als solche sieht Plato als 
Tugend an. Wir haben sie in der verschiedensten Weise gerechtfertigt 
als dem moralischen Leben zugrunde liegend. In Indien lag zugrunde 
dem Menschenleben die Weisheit der Brahminen. In Europa trat sie 
zwar zuriick, aber sie lebte in den nordischen Mysterien, wo die euro- 
paischen Brahminen das wieder gut zu machen hatten, was durch 
jenen Verrat in der alten atlantischen Zeit schlecht gemacht worden 
war. Weisheit steht, wie wir morgen sehen werden, hinter aller Mo- 
ralitat. Und als Tugend schildert Plato, seinen Mysterien entspre- 
chend, auch den Starkmut, also dasjenige, was uns iiberhaupt bei der 
europaischen Bevolkerung entgegentritt. Als dritte der Tugenden be- 
zeichnet er die Besonnenheit oder die Maftigkeit, das heilk den Gegen- 
satz des leidenschaftlichen Pflegens der niederen menschlichen Triebe. 
Das sind die drei Haupttugenden Platons: Weisheit, Starkmut oder 
Tapferkeit, und Maftigkeit oder Besonnenheit — das ist die Ziigelung 
der sinnlichen Triebe, die im Menschen wirken. Dann schildert Plato 
als vierte der Tugenden den harmonischen Ausgleich der drei genann- 
ten Tugenden, was er die Gerechtigkeit nennt. 

Da haben Sie geschildert von einem der hervorragendsten euro- 
paischen Geister der vorchristlichen Zeit dasjenige, was man dazumal 



als das Wichtigste ansah der menschlichen Natur. Der Starkmut, die 
Tapferkeit wird durchzogen fiir die europaische Bevolkerung von 
dem Christus-Impulse und von dem, was wir unser Ich nennen. Der 
Starkmut, der bei Plato auftritt als Tugend, wird hier durchgeistigt, 
und es wird die Liebe daraus. Das ist das Wichtigste, dafi wir sehen, 
wie die moralischen Impulse in das Menschengeschlecht eintreten, wie 
das, was friiher so angesehen worden ist, wie es heute geschildert 
wurde, zu etwas ganz anderem wird. Wir diirfen, wenn wir nicht ins 
Gesicht schlagen wollen der christlichen Moral, die Tugenden nicht 
so aufzahlen: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit, 
denn man konnte uns antworten: Wenn ihr alle diese Tugenden 
hattet und ihr hattet die Liebe nicht, ihr wiirdet niemals in die Reiche 
der Himmel kommen. 

Halten wir fest die Zeit, in welcher, wie wir gesehen haben, aus- 
gegossen worden ist in die Menschheit eine solche Stromung, ein sol- 
cher Impuls, daft Weisheit und Starkmut spirituell geworden sind 
und uns als Liebe wiedererscheinen. Wir wollen aber noch an die 
Frage herantreten: Wie sind gebildet worden Weisheit, Mafiigkeit 
oder Besonnenheit, und Gerechtigkeit, und dadurch wird sich uns 
dann zeigen, was die besondere moralische Mission der theosophischen 
Bewegung in der Gegenwart ist. 



DRITTER VORTRAG 
Norrkoping, 30. Mai 1912 



In dem, was gestern gesagt worden ist, lag die Anerkennung der mo- 
ralischen Impulse in der Menschennatur, so daft wir versuchten, die 
Behauptung zu erharten, zu beweisen aus den vorher angefuhrten 
Tatsachen, daft eigentlich der Grand des Moralischen, der Grund des 
Guten auf dem Boden der menschlichen Seelennatur liegt, und daft 
eigentlich der Mensch nur im Laufe der Evolution, in seinem Gange 
von Inkarnation zu Inkarnation, abgeirrt ist von den urspriinglichen, 
man mochte sagen, instinktiv guten Anlagen und dadurch das Bose, 
das Unrichtige, das Unmoralische erst in die Menschheit hineinge- 
kommen ist. 

Wenn das aber so ist, so miissen wir erst recht verwundert dariiber 
sein, daft das Bose iiberhaupt moglich ist, daft es entstehen kann, und 
eine Antwort erheischt die Frage: Wie ist das Bose im Laufe der Evo- 
lution moglich geworden ? 

Eine griindliche Antwort erhalt man eigentlich nur, wenn man 
hinblickt zu dem moralischen Elementarunterricht, der schon in alten 
Zeiten den Menschen gegeben worden ist. Die Schiiler der Mysterien, 
die als ihr hochstes Ideal anstrebten, allmahlich zu den vollen spiri- 
tuellen Wahrheiten und Erkenntnissen vorzudringen, muftten iiberall 
da, wo zu Recht gearbeitet wurde im Mysteriensinne, aus einer mo- 
ralischen Grundlage heraus arbeiten, so daft die Eigentiimlichkeit der 
moralischen Natur des Menschen gerade den Mysterienschulern in 
einer ganz besonderen Weise gezeigt wurde. 

Wenn wir kurz charakterisieren wollen, wie das geschah, so konnen 
wir sagen: Es wurde dem Mysterienschuler gezeigt, dafi die mensch- 
liche Natur nach zwei Seiten hin Verheerungen, Ubles anrichten kann, 
und daft nur dadurch der Mensch in der Lage ist, einen freien Willen 
zu entwickeln, daft er nach zwei Seiten hin imstande ist, Obles anzu- 



richten; daft ferner das Leben in richtigem, in giinstigem Sinne nur 
dann verlaufen kann, wenn man diese zwei Seiten der Abirrung be- 
trachtet wie zwei Waagschalen, von denen bald die eine, bald die 
andere hinauf- und hinuntergeht. Das richtige Gleichgewicht ist nur 
dann vorhanden, wenn der Waagebalken horizontal liegt. 

So wurde den Mysterienschiilern gezeigt, daft das richtige Verhalten 
des Menschen gar nicht in der Weise aufgezeigt werden kann, daft 
man sagt: Dies ist richtig, und das ist unrichtig. Das richtige Verhalten 
kann nur dadurch gewonnen werden, daft der Mensch in jedem Augen- 
blicke seines Lebens in die Lage kommt, sowohl nach der einen als 
audi nach der anderen Seite gezogen zu werden, und daft er selbst 
das Gleichgewicht, die Mitte herstellen muft zwischen diesen beiden. 

Nehmen wir die Tugenden, von denen wir gesprochen haben: die 
Tapferkeit, den Starkmut. Die eine Seite, nach der die menschliche 
Natur dabei ausschlagen kann, ist die Seite der Tollkiihnheit, das ist 
das ziigellose Drauflosarbeiten in der Welt mit den Kraften, die einem 
zur Verfugung stehen, und das Anspannen derselben aufs aufterste. 
Das ist die eine Seite, die der Tollkiihnheit. Die andere Seite, die 
andere Waagschale, ist die der Feigheit. Nach beiden Seiten kann der 
Mensch sozusagen ausschlagen, und es wurde den Schiilern in den 
Mysterien gezeigt, daft der Mensch sich verliert, daft der Mensch sein 
Selbst ablegt und von den Radern des Lebens zerrieben wird, wenn er in 
Tollkiihnheit ausartet. Das Leben zerfetzt ihn, wenn er nach der Seite 
der Tollkiihnheit ausschlagt. Wenn er dagegen nach der Seite der 
Feigheit abirrt, dann verhartet er sich und reiftt sich heraus aus dem 
Zusammenhange der Dinge und Wesenheiten. Dann wird er ein in 
sich abgeschlossenes Wesen, das herausfalit aus dem Zusammenhang, 
da er seine Taten und Handlungen nicht in Einklang bringen kann 
mit dem Ganzen. Das wurde den Mysterienschiilern gezeigt mit Bezug 
auf alles, was der Mensch tun kann. Er kann so ausarten, daft er zer- 
fetzt, verradert wird von der objektiven Welt, weil er dadurch sein 
Selbst verliert, und er kann nach der anderen Seite, nicht bloft bei der 
Tapferkeit, sondern bei jeder Tat, so ausarten, daft er in sich selbst 
verhartet. Daher stand iiber dem Moralkodex der Mysterien iiberall 
geschrieben das bedeutungsvolle Wort: Du muftt die Mitte finden, 



so daft du dich durch deine Taten nicht an die Welt verlierst und daft 
auch die Welt nicht dich verliert. 

Das sind die zwei moglichen Dinge, in die der Mensch hineinge- 
raten kann: Entweder kann er verloren gehen fiir die Welt, die Welt 
ergreift ihn, zermurbt ihn, wie bei der Tollkiihnheit, oder die Welt 
kann verloren gehen fiir ihn, weil er sich verhartet in seinem Egoismus, 
wie es bei der Feigheit der Fall ist. So sagte man den Schiilern in den 
Mysterien: Es kann uberhaupt kein Gutes geben, das als ein ein- 
maliges, ruhiges Gutes bloft angestrebt zu werden braucht, vielmehr 
entsteht ein Gutes nur dadurch, daft der Mensch fortwahrend, wie ein 
Pendel, nach zwei Seiten ausschlagen kann und durch seine innere 
Kraft die Moglichkeit des Gleichgewichts, des mittleren Maftes findet. 

Sehen Sie, da haben Sie alles, was Sie in die Moglichkeit versetzt, 
die Freiheit des Willens und die Bedeutung der Vernunft und Weis- 
heit im menschlichen Handeln zu verstehen. Wenn es dem Menschen 
angemessen ware, ewige Moralprinzipien einzuhalten, dann brauchte 
er diese Moralprinzipien sich nur anzueignen und er konnte gleichsam 
mit gebundener Marschroute durch das Leben gehen. So ist das Leben 
aber niemals. Die Freiheit des Lebens besteht vielmehr darinnen, daft 
der Mensch immer die Moglichkeit hat, nach zwei Seiten abzuirren. 
Dadurch ist dann auch die Moglichkeit des Schlechten, die Moglich- 
keit des Bosen gegeben. Denn was ist denn das Bose? Das Bose ist 
dasjenige, was entsteht, wenn der Mensch sich entweder an die Welt 
verliert oder wenn die Welt den Menschen verliert. In der Vermei- 
dung von beiden besteht dasjenige, was wir das Gute nennen konnen. 
Dadurch ist das Bose im Laufe der Evolution, indem der Mensch von 
Inkarnation zu Inkarnation ging, moglich geworden, daft die Men- 
schen einmal nach der einen Seite, einmal nach der anderen Seite ab- 
irrten, und weil sie nicht immer das Gleichgewicht fanden, genotigt 
waren, in einer zukiinftigen Zeit karmisch den Ausgleich zu schaffen. 
Was eben nicht erreicht werden kann in einem Leben, weil man nicht 
immer die Mine trifft, das wird erreicht im Laufe der Evolution, 
■indem der Mensch einmal nach der einen Seite abirrt, dann aber ge- 
zwungen wird, im nachsten Leben vielleicht nach der anderen Seite 
wiederum auszuschlagen und so den Ausgleich zu schaffen. 



Das, was ich Ihnen erzahlt habe, ist eine goldene Regel der alten 
Mysterien gewesen. Wie so vielfach, finden wir auch in diesem Falle 
bei den Philosophen des Altertums noch einen Nachklang von diesem 
Mysteriengrundsatz, und wir finden bei Aristoteles, da wo er von der 
Tugend spricht, einen Ausspruch, den wir nicht anders verstehen 
konnen, als wenn wir wissen, dafi das, was jetzt gesagt worden ist, 
ein alter Mysteriengrundsatz war, den Aristoteles iiberliefert bekom- 
men und seiner Philosophic einverleibt hat. 

Daher die merkwiirdige Definition des Aristoteles von der Tugend, 
die da heiftt: Tugend ist eine von verniinftigen Einsichten geleitete 
menschliche Fertigkeit, die mit Bezug auf den Menschen die Mitte 
halt zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. 

Damit ist in der Tat von Aristoteles gegeben die Definition der 
Tugend, wie sie von keiner Philosophic spater wieder erreicht worden 
ist. Weil Aristoteles die Tradition aus den Mysterien hatte, daher 
vermochte er wirklich das Richtige zu treffen. Das ist also die be- 
riihmte Mitte, die eingehalten werden muft, wenn der Mensch wirk- 
lich tugendhaft sein soil, wenn moralische Kraft die Welt durch- 
pulsen soil. 

Aber jetzt konnen wir uns auch die Frage beantworten, warum 
iiberhaupt Moral da sein soil. Was ist denn dann der Fall, wenn keine 
Moral da ist, wenn das Schlechte geschieht, wenn das Zuviel oder 
das Zuwenig, das Sichverlieren des Menschen an die Welt durch das 
Zermalmen oder das Verlieren des Menschen von seiten der Welt ge- 
schieht? In jedem dieser Falle wird immer etwas zerstort. Jedes 
Schlechte, jedes Unmoralische ist eine Zerstorung, ein Zerstorungs- 
prozeft, und in dem Augenblicke, wo der Mensch einsieht, dafi er gar 
nicht anders kann, als etwas zerstoren, als der Welt etwas nehmen, 
wenn er das Schlechte tut, wirkt das Moment des Guten in iiber- 
waltigendem Sinne auf den Menschen ein. Dies aber ist besonders die 
Aufgabe der theosophischen Weltanschauung, die jetzt eigentlich erst 
beginnt in die Welt ihren Einzug zu halten: klar zu machen, daft alles 
Bose einen Zerstorungsprozeft bewirkt, etwas hinwegnimmt aus der 
Welt, auf das gerechnet ist. 

Wenn wir nun im Sinne unserer theosophischen Weltanschauung 



uns halten an dieses Prinzip, das wir eben geltend gemacht haben, so 
fiihrt uns dasjenige, was wir wissen iiber die Natur des Menschen, zu 
einer besonderen Ausgestaltung des Guten und auch des Bosen. Wir 
wissen, daft die Empfindungsseele sich vorzugsweise entwickelt hat 
in der alten chaldaischen Entwickelungsepoche, im dritten nachatlan- 
tischen Zeitraume. Was diese Entwickelungsepoche damals war, da- 
von hat das heutige Leben wenig Ahnung. Kaum gelangt man in der 
aufteren Geschichte weiter zuriick als in die agyptische Zeit. Wir 
wissen, daft die Verstandes- oder Gemiitsseele in dem vierten Zeit- 
raume, in der griechisch-lateinischen Zeit sich entwickelt hat, und daft 
wir jetzt in unserer Zeit dabei sind, die Bewufttseinsseele zu ent- 
wickeln. Das Geistselbst wird erst im sechsten Zeitraum der nach- 
atlantischen Entwickelung zur Geltung kommen. 

Fragen wir uns zunachst einmal: Wie kann die Empfindungsseele 
nach der einen oder anderen Seite abirren von dem Richtigen? Die 
Empfindungsseele ist dasjenige, was den Menschen in die Lage ver- 
setzt, die Welt der Dinge zu empfinden, sie in sich aufzunehmen, An- 
teil zu nehmen an den Dingen, nicht durch die Welt zu gehen und 
unwissend zu bleiben beziiglich der Dinge, sondern so, daft wir ein 
Verhaltnis zu denselben bekommen. Das alles bewirkt die Empfin- 
dungsseele. Die eine Seite, nach der der Mensch abirren kann, werden 
wir finden fur die Empfindungsseele, wenn wir uns fragen: Was ist 
es denn uberhaupt, was es dem Menschen moglich macht, zu den 
Dingen rings herum eine Beziehung zu haben? Was dem Menschen 
eine Beziehung zu den Dingen rings herum verschafft, ist dasjenige, 
was wir nennen konnen das Interesse an den Dingen. Mit diesem Wort 
Interesse ist etwas in moralischem Sinne ungeheuer Bedeutungsvolles 
ausgesprochen. Es ist viel wichtiger, daft man die moralische Bedeu- 
tung des Interesses ins Auge faftt, als daft man sich hingibt an tausend 
und abertausend schone, wenn auch vielleicht nur scheinheilige, klein- 
liche Moralgrundsatze. Unsere moralischen Impulse werden in der 
Tat durch nichts besser geleitet, als wenn wir ein richtiges Interesse 
nehmen an den Dingen und Wesenheiten. Machen Sie sich das nur 
einmal klar. Wir haben im tieferen Sinne von der Liebe als Impuls 
im gestrigen Vortrage so gesprochen, daft wir nicht miftverstanden 



werden konnen, wenn wir jetzt das Folgende sagen: Selbst das ge- 
wohnliche oftere Deklamieren von Liebe und Liebe und Liebe kann 
nicht ersetzen den moralischen Impuls, der in dem liegt, was man mit 
dem Worte Interesse bezeichnen kann. 

Nehmen wir an, wir haben ein Kind vor uns. Was ist die Vorbe- 
dingung, daft wir uns dem Kinde widmen, was ist die Vorbedingung 
dazu, daft wir das Kind vorwarts bringen? Die Vorbedingung ist, 
daft wir Interesse an seinem Wesen nehmen. Es gehort schon eine 
Ungesundheit der menschlichen Seele dazu, wenn der Mensch sich 
zuriickzieht vor etwas, woran er Interesse nehmen soli. Immer mehr 
und mehr wird man es erkennen, daft der Impuls des Interesses ein ganz 
besonders goldener Impuls in moralischem Sinne ist, je weiter man 
vorschreiten wird zu den wirklichen moralischen Grundlagen und 
nicht bloft moralische Predigten halten will. Daft wir unser Interesse 
erweitern, daft wir die Moglichkeit finden, uns verstandnisvoll hinein- 
zuversetzen in die Dinge und Wesen, das ruft unsere Krafte im Innern 
auf, auch den Menschen gegeniiber. 

Selbst das Mitleid wird in entsprechend richtiger Weise wachge- 
rufen, wenn wir Interesse an einem Wesen haben. Und wenn wir als 
Theosophen uns die Aufgabe stellen, unser Interesse immer mehr und 
mehr zu erweitern, unseren Horizont immer grofter und grofter zu 
machen, dann wird auch die allgemeine menschliche Briiderlichkeit 
dadurch gehoben werden. Nicht durch Predigen von allgemeiner 
Menschenliebe konnen wir vorwarts kommen, sondern dadurch, daft 
wir unsere Interessen immer weiter und weiter treiben, so daft wir es 
immer mehr dazu bringen, uns fur Seelen mit den verschiedensten 
Temperamenten, mit den verschiedensten Charakteranlagen, Rassen- 
eigentiimlichkeiten, Nationaleigentumlichkeiten, mit den verschieden- 
sten religiosen und philosophischen Bekenntnissen zu interessieren 
und ihnen Verstandnis entgegenzubringen. Das richtige Verstandnis, 
das richtige Interesse ruft aus der Seele heraus die richtige moralische 
Tat. 

Hier ist es auch so, daft der Mensch sich in der Mitte zwischen zwei 
Extremen halten muft. Das eine Extrem ist der Stumpfsinn, der an 
allem vorbeigeht und das ungeheure moralische Ungliick in der Welt 



anrichtet, der nur in sich selber lebt und eigensinnig auf seinen Prin- 
zipien besteht, der nur immer sagt: Das ist mein Standpunkt. Das 
Standpunkthaben ist in moralischer Beziehung iiberhaupt etwas 
Schlimmes. Ein offenes Auge haben fur alles, was uns umgibt, das ist 
das Wesentliche fur uns. Stumpfsinn hebt uns heraus aus der Welt, 
wahrend das Interesse uns in dieselbe hineinversetzt. Die Welt verliert 
uns durch unseren Stumpfsinn und wir werden unmoralisch. So sehen 
wir, daft Stumpfsinn und Interesselosigkeit an der Welt im hochsten 
Grade moralische Obel sind. 

Nun ist die Theosophie aber gerade eine solche Sache, die den Geist 
immer reger und reger macht, die uns hilft, das Geistige besser zu 
denken, es in uns aufzunehmen. So wahr es ist, daft Warme entsteht 
aus Feuer, wenn wir im Ofen einheizen, so wahr ist es, daft Interesse 
an allem Menschlichen und an alien Wesen entsteht, wenn wir uns 
theosophische Weisheit aneignen. Weisheit ist das Heizmaterial fur 
das Interesse, und wir konnen einf ach sagen, wenn es auch nicht gleich 
sichtbar ist, daft die Theosophie, wenn sie jene entfernteren Dinge, 
die Lehre von Saturn, Sonne und Mond, von Karma und so weiter 
studiert, in uns dann wiedererstehen laftt dieses Interesse. Es geschieht 
wirklich so, daft das Interesse es ist, was als Umwandlungsprodukt 
ersteht aus den theosophischen Erkenntnissen, wahrend aus materia- 
listischen Erkenntnissen dasjenige entsteht, was wir heute leider so 
bliihen sehen und was in radikaler Art als der Stumpfsinn bezeichnet 
werden muft, der, wenn er allein gelten wiirde in der Welt, ungeheures 
Unheil anrichten miiftte. 

Sehen Sie einmal, wie viele Menschen durch die Welt gehen, wie 
sie diesen oder jenen Menschen begegnen, aber im Grunde genommen 
die Menschen nicht kennen lernen, denn sie sind ganz in sich beschlos- 
sen, diese Menschen. Wie oft erfahren wir es, daft zwei Menschen seit 
langerer Zeit Freundschaft geschlossen haben und es dann plotzlich 
zu einem Bruche kommt. Das riihrt daher, daft die Impulse zu der 
Freundschaft materialistischer Art waren, und nach langerer Zeit stellt 
sich dann erst fur die Beteiligten heraus, daft sie die gegenseitigen 
unsympathischen Charaktereigenschaften bis jetzt nicht bemerkt 
hatten. Die wenigsten Menschen haben ein offenes Auge heute fur 



das, was von Mensch zu Mensch spricht. Gerade das ist es aber, was 
die Theosophie bewirken soli: unseren Sinn dahin zu erweitern, daft 
wir ein offenes Auge und eine offene Seele bekommen fiir alles, was 
Menschliches urn uns herum ist, damit wir nicht stumpf, sondern mit 
richtigem Interesse durch die Welt gehen. 

Das andere Extrem vermeiden wir auch hier, indem wir unter- 
scheiden zwischen dem wirklichen, richtigen Interesse und dem fal- 
schen, und dabei die richtige Mitte halten. Sich jedem Wesen, das sich 
darbietet, sogleich in die Arme werfen, ist leidenschaftliches Sich- 
selbstverlieren an die Wesen und kein wirkliches Interesse. Wenn wir 
das tun, dann verlieren wir uns an die Welt. Durch den Stumpfsinn 
verliert die Welt uns, durch sinnlose Leidenschaftlichkeit, die sich 
benebelt in der Hingabe, verlieren wir uns an die Welt. Durch das 
gesunde Interesse stehen wir moralisch fest auf dem Standpunkt der 
Mitte, des Gleichgewichts. 

Sehen Sie, in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, also in 
der agyptisch-chaldaischen Zeit, da war eine gewisse Kraft noch in 
der Majoritat der Erdenbevolkerung vorhanden, die man nennen kann 
den Impuls zur Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Stumpfsinn 
und leidenschaftlich sich betaubender Hingabe an die Welt; und das 
ist es, was man in alten Zeiten und auch noch bei Plato und Aristoteles 
genannt findet: die Weisheit. Aber die Menschen sahen das als Gabe 
ubermenschlicher Wesen an, denn es waren bis in jene Zeiten hinein 
regsam die alten Impulse der Weisheit. Daher konnen wir von diesem 
Gesichtspunkte aus, namentlich in bezug auf die moralischen Impulse, 
die dritte nachatlantische Kulturepoche diejenige Epoche nennen, wo 
die Weisheit instinktiv wirkt. Daher, wenn wir zuriickgehen in diesen 
Zeitraum, sprechen wir auch so, daft wir empfinden: Es ist wahr, was 
in ganz anderer Absicht im vorigen Jahre dargestellt worden ist in 
den Kopenhagener Vortragen, deren Inhalt vorliegt in dem Biichel- 
chen: «Die geistige Fuhrung des Menschen und der Menschheit»; es 
ist wahr, was wir dadurch ausdriickten, daft die Menschen damals 
noch naher standen den gottlich-geistigen Machten. Und wodurch 
die Menschen noch naher standen den gottlich-geistigen Machten, das 
war fiir die dritte nachatlantische Epoche die instinktive Weisheit. 



Es war also eine Gottergabe dazumal, zu finden die richtige Mitte 
im Handeln, der damaligen Zeit angemessen, zwischen Stumpfsinn 
und sinnlos leidenschaftlicher Hingabe. Dieser Ausgleich, dieses 
Gleichgewicht wurde durch die aufieren Einrichtungen in jener Zeit 
noch aufrecht erhalten. Es war noch nicht jenes vollige Unterein- 
andermischen der Menschheit vorhanden, das im vierten Zeitraum 
der nachatlantischen Entwickelung durch den Volkerwanderungs- 
prozefi eingetreten ist. Es waren die Menschen noch abgeschlossen in 
Volker- und Stammessysteme. Da waren die Interessen von Natur 
aus weisheitsvoll geregelt und so weit rege, daft die richtigen mora- 
lischen Impulse durchdringen konnten; und auf der anderen Seite 
war durch das Gegebensein der Blutsbruderschaft bei den Stammen 
ein Riegel vorgeschoben der sinnlosen Leidenschaft. Sie werden es 
schon bei der Betrachtung des Lebens zugeben, daft man am leichte- 
sten, auch in unserer Zeit noch, ein Interesse innerhalb dessen findet, 
was Blutsverwandtschaft oder Abstammung betrifft. Da ist aber auch 
nicht vorhanden, was man sinnlose Leidenschaft nennt. Weil aber die 
Menschen auf einem kleineren Gebiete vereinigt waren in der agyp- 
tisch-chaldaischen Zeitperiode, war die weisheitsvolle Mitte leicht da. 
Das ist aber der Sinn der Vorwartsentwickelung der Menschheit, daft 
das, was urspriinglich instinktiv, was nur gottlich-geistig war, all- 
mahlich verschwindet, und daft die Menschen selbstandig werden 
gegeniiber den gottlich-geistigen Machten. 

Daher sehen wir, daft schon in der vierten nachatlantischen Kultur- 
periode, im griechisch-lateinischen Zeitraume, die Philosophen Plato 
und Aristoteles, aber auch die offentliche Meinung in Griechenland, 
die Weisheit als etwas betrachteten, was errungen werden muft, als 
etwas, was nicht mehr Gottergabe ist, sondern erstrebt werden muft. 
Die erste Tugend bei Plato ist die Weisheit, und derjenige ist un- 
moralisch bei Plato, der nicht Weisheit anstrebt. 

Wir sind jetzt im fiinften nachatlantischen Kulturzeitraum. Da 
sind wir noch weit entfernt von dem Punkte, wo die Weisheit, die 
wie ein gottlicher Impuls der Menschheit instinktiv eingepflanzt ist, 
derselben wieder bewuftt sein wird. Daher ist in unserer Zeit ganz 
besonders die Moglichkeit vorhanden, daft von den Menschen abgeirrt 



wird nach den beiden angefiihrten Richtungen. Daher besteht auch 
besonders in unserer Zeit die Notwendigkeit, daft den groften Ge- 
fahren, die in diesem Punkte zu finden sind, entgegengearbeitet wird 
durch eine spirituelle, durch eine theosophische Weltanschauung, da- 
mit das, was die Menschen einstmals als instinktive Weisheit gehabt 
haben, jetzt zur bewuftten Weisheit werden kann. Das ist das Wesen 
der theosophischen Bewegung, daft das, was die Menschen friiher in- 
stinktiv hatten, jetzt errungen wird als bewufttes Weisheitsgut. "Was 
ist es anderes, als daft die Gotter der unbewuftten Menschenseele die 
Weisheit einst als etwas wie Instinktives gegeben haben, wahrend wir 
jetzt die Weisheiten iiber den Kosmos und iiber die Menschheitsent- 
wickelung uns erst aneignen miissen? Die alten Sitten waren ja auch 
nach den Gedanken der Gotter gemacht. Wir sehen die Theosophie 
im richtigen Sinne an, wenn wir sie als die Erforschung der Gotter- 
gedanken ansehen. Dazumal waren sie instinktiv in die Menschen ein- 
geflossen; heute miissen wir sie erforschen, zu unserem Wissen er- 
heben. In dieser Beziehung mufi uns also Theosophie etwas Gottliches 
sein. Wir miissen in einer ehrfurchtigen Stimmung sein konnen dar- 
iiber, daft die Gedanken, die uns durch die Theosophie vermittelt 
werden, wirklich etwas Gottliches sind, etwas, was wir Menschen 
denken diirfen, was wir nachdenken diirfen, nachdem es die gottlichen 
Gedanken waren, nach denen die Welt eingerichtet worden ist. Wenn 
uns Theosophie das ist, dann stehen wir den Dingen so gegeniiber, 
daft wir begreifen: sie sind uns gegeben zur Ausfiihrung unserer Mis- 
sion. Wenn wir studieren das, was uns mitgeteilt worden ist iiber die 
Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, iiber Reinkarnation, 
iiber die Entwickelung einzelner Rassen und so weiter, so werden uns 
gewaltige Aufschliisse zuteil werden. Aber nur dann stellen wir uns in 
der richtigen Weise dem gegeniiber, wenn wir uns sagen: Die Gedan- 
ken, die wir suchen, sind die Gedanken, nach denen die Gotter die 
Evolution geleitet haben. Wir denken die Evolution der Gotter. Ver- 
stehen wir das richtig, dann kommt aber auch iiber uns etwas tief 
Moralisches. Das kann nicht ausbleiben. Dann sagen wir uns: In alten 
Zeiten haben die Menschen von den Gottern instinktive Weisheit ge- 
habt. Die Gotter haben ihnen die Weisheit, nach denen sie die Welt 



gestaltet haben, mitgegeben. Dadurch war moralisches Handeln mog- 
lich. Nun aber verschaffen wir uns die Weisheit bewuftt in der Theo- 
sophie. Also diirfen wir auch das Vertrauen haben, daft diese Weisheit 
sich umsetzen wird in uns in moralische Impulse, so daft wir auf- 
nehmen nicht bloft theosophische Weisheit, sondern mit der Theo- 
sophie auch moralische Impulse. 

In was fiir moralische Impulse wird sich nun umsetzen das theo- 
sophische Streben, gerade auf dem Gebiete des Weisheitsdaseins ? Da 
miissen wir nun einen Punkt beriihren, dessen Entwickelung aller- 
dings der Theosoph voraussehen kann, dessen tiefe moralische Be- 
deutung, dessen moralisches Gewicht der Theosoph sogar voraussehen 
soli, einen Punkt der Entwickelung, der weit entfernt ist von dem, 
was heute iiblich ist, namlich das, was Plato noch nannte das Weis- 
heitsideal. Weil er es nannte mit den Worten, die iiblich sind da, wo 
Weisheit noch instinktiv in den Menschen drinnen lebte, so tun wir 
gut, diesen Ausdruck durch ein anderes Wort zu ersetzen. Wir tun 
gut, es zu ersetzen durch das Wort Wahrhaftigkeit, weil wir indivi- 
dueller geworden sind, weil wir uns entfernt haben von dem Gott- 
lichen und daher wieder zu ihm zuriickstreben miissen. Wir miissen 
lernen, das voile Gewicht des Wortes Wahrhaftigkeit zu empfinden, 
und es wird dies in moralischer Beziehung ein Ergebnis theosophischer 
Weltanschauung und theosophischer Gesinnung werden. Die Men- 
schen werden die Wahrhaftigkeit durch die Theosophie empfinden 
lernen. 

Die Theosophen von heute aber werden verstehen, wie notwendig 
es ist, dieses Moralische der Wahrhaftigkeit vollstandig zu fiihlen in 
einer Zeit, wo es der Materialismus dahin gebracht hat, daft man von 
der Wahrhaftigkeit zwar noch reden kann, daft aber das allgemeine 
Kulturleben weit davon entfernt ist, das Richtige dabei zu empfinden, 
das Richtige zu verspiiren. Das kann heute nicht anders sein. Wahr- 
heit ist etwas, was der gegenwartigen Kultur im hohen Mafte fehlen 
muft, wegen einer bestimmten Eigenschaft, die die gegenwartige Kul- 
tur erhalten hat. Ich frage: Was findet ein Mensch heute noch dabei, 
wenn er in einer Zeitung oder in einer Druckschrift bestimmte Mit- 
teilungen findet, und es stellt sich nachher heraus, daft es einfach nicht 



wahr ist, was da gesagt wird? Ich bitte sehr, denken Sie nach dar- 
iiber. Man kann nicht sagen, daft es auf Schritt und Tritt geschieht, 
sondern man mufi sagen, daft es sogar auf Viertelschritt und Viertel- 
tritt passiert. Uberall, wo es modernes Leben gibt, ist die Unwahr- 
haftigkeit eine Eigenschaft unserer gegenwartigen Kulturepoche ge- 
worden, und es ist unmoglich, daft Sie die Wahrhaftigkeit als eine 
Eigenschaft unserer Epoche nennen konnen. 

Nehmen Sie einen Menschen, von dem Sie wissen, daft er selber 
etwas Falsches geschrieben oder gesagt hat, und halten Sie ihm das 
vor. Sie werden finden, daft er heme in der Regel gar keine Empfin- 
dung dafiir hat, daft das Unrecht ist. Er wird sofort die Ausrede 
gebrauchen: Ja, ich habe es im guten Glauben gesagt. Die Theosophen 
diirfen es nicht als moralisch ansehen, wenn jemand sagt, daft er 
etwas Unrichtiges im guten Glauben gesagt hat. Die Menschen werden 
immer mehr verstehen lernen, daft man dazu kommen muft, zu wissen, 
daft das auch wirklich geschehen ist, was man behauptet. Man darf 
also nur dann etwas sagen oder mitteilen, nachdem man die Ver- 
pflichtung gefiihlt und ausgefiihrt hat, zu priifen, ob es auch so ist, 
zu vergleichen mit den Mitteln, die zu benutzen moglich sind. Erst 
wenn man dieser Verpflichtung inne wird, kann man die Wahrhaftig- 
keit als moralischen Impuls empfinden. Dann wird aber niemand 
mehr sagen, wenn er etwas Unrichtiges in die Welt gesetzt hat: Ich 
habe es so gemeint, ich habe es im guten Glauben gesagt. Denn er 
wird lernen, daft man nicht bloft verpflichtet ist, zu sagen, was man 
als richtig zu erkennen glaubt, sondern daft man verpflichtet ist, nur 
das zu sagen, was wahr ist, was richtig ist. Das wird nicht anders 
gehen, als daft in gewisser Beziehung eine radikale Anderung nach 
und nach in unserem Kulturleben eintreten muft. Die Schnelligkeit 
des Verkehrs, die Sensationslust der Menschen, iiberhaupt alles, was 
ein materialistisches Zeitalter im Gefolge hat, sind Gegner der Wahr- 
haftigkeit. Auf moralischem Gebiete wird die Theosophie eine Er- 
zieherin der Menschheit zur Pflicht der Wahrhaftigkeit sein. 

Es ist heute nicht meine Aufgabe, davon zu sprechen, inwiefern 
die Wahrhaftigkeit heute schon in der Theosophischen Gesellschaft 
verwirklicht ist, aber es ist zu sagen, daft dasjenige, was heute aus- 



gesprochen worden ist, im Prinzip ein hohes theosophisches Ideal sein 
mufi. Genug wird die moralische Evolution innerhalb der theosophi- 
schen Bewegung zu tun haben, wenn nach alien Richtungen durch- 
dacht, durchfiihlt und empfunden werden wird das moralische Ideal 
der Wahrhaftigkeit. 

Dieses moralische Ideal der "Wahrhaftigkeit wird heute dasjenige 
sein, was die Tugend in der Empfindungsseele des Menschen in der 
richtigen Weise bewirkt. 

Das zweite Seelenglied, das wir in der Theosophie aufzahlen 
miissen, ist das, was wir gewohnlich nennen die Verstandes- oder 
Gemiitsseele. Sie wissen, daft es besonders in der vierten nachatlan- 
tischen Kulturepoche, in der griechisch-lateinischen Zeit seine Geltung 
gefunden hat. Die Tugend, die da besonders maftgebend ist fiir dieses 
Seelenglied, haben wir schon ofter angefuhrt, es ist der Starkmut, die 
Tapferkeit, das Mutvolle. Sie haben zu ihren Extremen die Tollkiihn- 
heit und die Feigheit. Das Mutvolle, der Starkmut, die Tapferkeit ist 
in der Mitte zwischen Tollkiihnheit und Feigheit. Das Wort der ger- 
manischen Sprache, das im Deutschen heiftt Gemiit, driickt schon im 
Wortanklang aus, daft es in Beziehung dazu steht. Mit dem Worte 
Gemiit wird gerade der mittlere Teil der menschlichen Seele gemeint, 
das, was darin das Mutvolle, das Starke, das Kraftige ist. Das war 
auch die mittlere Tugend bei Plato und Aristoteles. Das war diejenige 
Tugend, die in der vierten nachatlantischen Kulturperiode noch als 
ein gottliches Geschenk bei den Menschen vorhanden war, wahrend 
die Weisheit eigentlich nur noch in der dritten nachatlantischen Kul- 
turperiode wie instinktiv da war. Instinktive Tapferkeit und Stark- 
mut, das konnen Sie aus den ersten Vortragen entnehmen, war wie 
ein Gottergeschenk vorhanden bei den Menschen, die als Angehorige 
der vierten nachatlantischen Kulturperiode entgegengekommen sind 
der Ausbreitung des Christentums nach Norden. Sie zeigten, daft die 
Tapferkeit noch ein Gottergeschenk bei ihnen war. Wahrend bei den 
Chaldaern die Weisheit, das weisheitsvolle Eindringen in die Geheim- 
nisse der Sternenwelt wie ein Gottergeschenk, als etwas Inspiriertes 
vorhanden war, so war bei den Menschen des vierten nachatlantischen 
Kulturzeitraumes Tapferkeit und Starkmut vorhanden, namentlich 



bei den Griechen und Romern, und auch bei den Volkern, denen die 
Ausbreitung des Christentums iibergeben war. Diese Tapferkeit ist 
spater verloren gegangen als die Weisheit. 

Wenn wir uns jetzt umsehen im fiinften nachatlantischen Kultur- 
zeitraum, dann miissen wir sagen: Wir sind in bezug auf diese Tapfer- 
keit und diesen Starkmut in einer Lage, wie die Griechen mit Bezug 
auf die Weisheit es waren den Chaldaern und Agyptern gegeniiber. 
Wir sehen zuriick auf dasjenige, was ein Gottergeschenk im unmittel- 
bar vorhergehenden Zeitraum war und was wir in gewisser Weise 
wieder anstreben konnen. Aber nun haben uns ja gerade die zwei 
vorangegangenen Vortrage gezeigt, daft bei diesem Anstreben in ge- 
wisser Beziehung eine Umwandlung vor sich gehen mufi. Von dem, 
was als Starkmut und Tapferkeit als ein Gottergeschenk einen aufier- 
lichen Charakter hat, haben wir die Umwandlung gesehen bei Franz 
von Assisi. Wir haben die Umwandlung gesehen als Folge einer inne- 
ren moralischen Kraft, die wir gestern als die Kraft des Christus- 
Impulses erkannt haben. Die Umwandlung von Starkmut und Tapfer- 
keit ergibt dann dasjenige, was echte Liebe ist. Diese echte Liebe mufi 
aber geleitet werden von der anderen Tugend, von dem Interesse, von 
der Teilnahme an demjenigen Wesen, auf das wir die Liebe anwenden. 
Shakespeare hat in seinem «Timon von Athen» gezeigt, wie auch Liebe 
oder Gutherzigkeit, wenn sie leidenschaftlich auftritt, wenn sie bloft 
als Eigenschaft der menschlichen Natur erscheint, ohne von Weisheit 
und Wahrhaftigkeit geleitet zu werden, Schaden anrichtet. Wir fin- 
den da eine Personlichkeit geschildert, die nach alien Seiten Giiter 
verschwendet. Freigebigkeit ist eine Tugend; aber Shakespeare zeigt 
uns auch, dafi lauter Parasiten geschaffen werden durch das, was da 
verschwendet wird. 

So miissen wir also sagen: Wie die alte Tapferkeit und der Stark- 
mut geleitet wurden aus den Mysterien heraus von den europaischen 
Brahminen, von den sich zuriickgezogen haltenden W'eisen, so mufi 
auch in der menschlichen Natur eine Leitung, ein Zusammenklingen 
der Tugend stattfinden mit dem Interesse. Das Interesse, das uns in 
der richtigen Weise mit der Auftenwelt zusammenfiihrt, das mufi uns 
leiten und lenken, wenn wir uns mit unserer Liebe an die Aufienwelt 



wenden. Im Grunde geht auch das aus dem charakteristischen, wenn 
auch radikalen Beispiele des Franz von Assisi hervor. Es war bei 
Franz von Assisi nicht ein Mitleid fur die Menschen, das leicht auch 
etwas Aufdringliches und Beleidigendes haben kann, denn auch solche 
Menschen sind durchaus nicht immer von den richtigen moralischen 
Impulsen beseelt, die die anderen Menschen uberschiitten wollen mit 
ihrem Mitleide. Wieviele Menschen gibt es, die sich durchaus nichts 
aus Mitleid geben lassen wollen. Verstandnisvolles Entgegenkommen 
ist aber etwas, das nichts Beleidigendes hat. Bemitleidet werden ist 
unter Umstanden etwas, was der Mensch zuruckweisen mufi. Ver- 
standnis finden fur sein Wesen ist etwas, das kein gesunder Mensch 
zuruckweisen kann. Daher kann auch das Verhalten eines anderen 
Menschen nicht getadelt werden, der sich diesem Verstandnis ent- 
sprechend in seinem Handeln verhalt. Dieses Verstandnis ist es, das 
uns leiten kann in bezug auf die zweite Tugend: die Liebe. Sie ist 
dasjenige, was durch den Christus-Impuls namentlich die Tugend der 
Verstandes- oder Gemutsseele geworden ist; sie ist diejenige Tugend, 
die wir als die von menschlichem Verstandnis begleitete, menschliche 
Liebe bezeichnen konnen. 

Das Mitleid, die Mitfreude ist diejenige Tugend, welche in Zukunft 
die schonsten und herrlichsten Bliiten im menschlichen Zusammen- 
leben treiben mu(5, und in gewisser Weise werden bei demjenigen, 
welcher den Christus-Impuls in der richtigen Weise versteht, dieses 
Mitgefiihl und diese Liebe, dieses Mitleiden und diese Mitfreude in 
entsprechender "Weise entstehen, denn es wird daraus ein Gefiihl wer- 
den. Gerade durch das theosophische Begreifen des Christus-Impulses 
wird diese Tatsache eintreten, dafi es ein Gefiihl werden wird. 

Der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha herabgestiegen 
in die Erdenentwickelung. Seine Impulse, seine Wirkungen sind da. 
Uberall sind sie da. Warum ist er nun herabgestiegen auf diese Erde? 
Damit durch das, was er der Welt zu geben hat, die Evolution im 
richtigen Sinne vorwarts gehe, damit die Evolution der Erde mit dem 
aufgenommenen Christus-Impuls sich in der richtigen Weise voll- 
ziehen kann. Zerstoren wir jetzt, nachdem der Christus-Impuls in 
der Welt ist, etwas durch das Unmoralische, durch das interesselose 



Vorbeigehen an unseren Mitmenschen, dann nehmen wir aus der 
Welt, in die der Christus-Impuls hineingeflossen ist, einen Teil her- 
aus. Wir zerstoren also an dem Christus-Impulse direkt etwas, weil 
er nun einmal da ist. Indem wir aber dasjenige der "Welt geben, was 
durch die Tugend, die schaffend ist, der Welt gegeben werden kann, 
bauen wir auf. Wir bauen auf eben dadurch, daft wir hingeben. Es 
ist nicht umsonst gesagt worden oft und oft, daft der Chrisms zu- 
nachst gekreuzigt worden ist auf Golgatha, daft er aber fort und fort 
immer wieder gekreuzigt wird durch die Taten der Menschen. Da der 
Christus-Impuls durch die Tat auf Golgatha eingeflossen ist in die 
Erdenentwickelung, so beteiligen wir uns jederzeit durch das Un- 
moralische, das wir durch Lieblosigkeit, Interesselosigkeit und so 
weiter veriiben, an den Leiden und Schmerzen, die dem auf die Erde 
gekommenen Christus zugefiigt werden. Daher ist es immer und 
immer wieder gesagt worden: Stets aufs neue wird der Christus ge- 
kreuzigt, solange Unmoralitat, Lieblosigkeit und Interesselosigkeit 
bestehen; da der Christus-Impuls die Welt durchdrungen hat, so ist 
es dieser, dem das Leid zugefiigt wird. 

Ebenso wie es wahr ist, daft wir durch das zerstorende Bose dem 
Christus-Impuls etwas entziehen und gleichsam die Kreuzigung auf 
Golgatha weiter fortsetzen, so ist es auch wahr, wenn wir in Liebe 
handeln, daft wir iiberall da, wo wir diese Liebe gebrauchen, dem 
Christus-Impulse Geltung verschaffen, ihm zum Leben verhelfen. 
«Was ihr einem der Geringsten meiner Bruder getan habt, das habt 
ihr mir getan» (Matthaus 25, 40), das ist das bedeutungsvollste Wort 
der Liebe, und dieses Wort muft der tiefste moralische Impuls werden, 
wenn es einmal theosophisch verstanden wird. Das tun wir, wenn 
wir verstandnisvoll unseren Mitmenschen gegeniiberstehen und ihnen 
dieses oder jenes zufugen, was aus dem Verstandnisse ihres Wesens 
heraus unsere Handlungen, unsere Tugenden, unser Verhalten zu 
ihnen bedingt. Wir verhalten uns, insofern wir gegeniiber dem Mit- 
menschen uns verhalten, gegeniiber dem Christus-Impulse selber. 

Das ist ein starker, moralischer Impuls, das ist etwas, was wirklich 
Moral begriindet, wenn wir fiihlen: Das Mysterium von Golgatha 
hat sich fur alle Menschen vollzogen, und es ist ausgestreut von da 



em Impuls in die ganze Welt. Stehst du deinen Mitmenschen gegen- 
iiber, so versuche sie zu verstehen in alien ihren Unterschieden, sei es 
nach Rasse, Farbe, Nationalist, sei es nach Religionsbekenntnis, 
Weltanschauung und so weiter. Stehst du ihnen gegeniiber und tust 
ihnen dieses oder jenes, so tust du es dem Christus. Was du auch dem 
Mitmenschen tust, du tust es in der gegenwartigen Erdenentwickelung 
dem Christus. Dieses Wort «Was ihr einem meiner Briider getan habt, 
das habt ihr mir getan» wird fiir den, der die fundamental Bedeu- 
tung des Mysteriums von Golgatha versteht, zugleich zu einem kraf- 
tigen moralischen Impulse. So dafi wir sagen konnen: Wahrend die 
Gotter der vorchristlichen Zeit dem Menschen gegeben haben instink- 
tive Weisheit, instinktiven Starkmut und instinktive Tapferkeit, stromt 
herunter von dem Symbolum des Kreuzes die Liebe, jene Liebe, die auf- 
gebaut ist auf dem gegenseitigen Interesse von Mensch zu Mensch. 

Dadurch wird dieser Christus-Impuls in machtiger Weise in der 
Welt wirken. Wenn einmal nicht nur der Brahmine den Brahminen, 
der Paria den Paria, der Jude den Juden, der Christ den Christen 
lieben und verstehen wird, sondern wenn der Jude den Christen, der 
Paria den Brahminen, der Amerikaner den Asiaten als Mensch zu 
verstehen und sich in ihn zu versetzen vermag, dann wird man auch 
wissen, wie tief christlich empfunden es ist, wenn wir sagen: Ohne 
Unterschied eines jeglichen aufieren Bekenntnisses mufi Briiderlichkeit 
unter den Menschen sein. Gering soil man achten dasjenige, was uns 
sonst verbindet. Vater, Mutter, Bruder, Schwester, selbst das eigene 
Leben sollen wir geringer achten als dasjenige, was von Menschenseele 
zu Menschenseele spricht. Wer nicht in diesem Sinne gering achtet, 
was die Zugehorigkeit zu dem die menschlichen Unterschiede aus- 
gleichenden Christus-Impuls beeintrachtigt, wer nicht gering achtet 
die Differenzierungen, der kann nicht mein Junger sein. Das ist der 
Impuls der Liebe, der ausstromt von dem Mysterium von Golgatha, 
den wir in dieser Beziehung wie eine Erneuerung dessen empfinden, 
was als urspriingliche Tugend dem Menschen gegeben worden ist. 

Wir haben jetzt nur noch zu betrachten das, was wir als Tugend 
der Bewufitseinsseele ansprechen konnen: die Mafligkeit, die Beson- 
nenheit. Insofern wir im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum uns 



befinden, sind diese Tugenden noch immer instinktiv. Plato und Ari- 
stoteles haben sie genannt die hauptsachlichsten Tugenden der Be- 
wufitseinsseele, indem sie sie wiederum als Gleichgewichtszustande 
aufgefaflt haben, als die Mitte von dem, was so in der Bewufttseins- 
seele vorhanden ist. Die Bewulkseinsseele besteht dadurch, daft sich 
der Mensch durch seine Korperlichkeit der Aufienwelt bewuftt wird. 
Der sinnliche Leib ist zunachst das Werkzeug der Bewufkseinsseele, 
und der sinnliche Leib ist es auch, durch den der Mensch sogar zum 
Ich-Bewufitsein kommt. Der sinnliche Leib muft daher erhalten wer- 
den. Wiirde der sinnliche Leib des Menschen fur die Erdenmission 
nicht erhalten werden, dann konnte die Erdenmission nicht erfullt 
werden. 

Aber eine Grenze besteht auch hier. Wenn der Mensch alle Krafte, 
die er in sich hat, nur beniitzte, um zu geniefien, dann schlosse er sich 
in sich ab, dann wiirde ihn die Welt verlieren. Der blofte Genuft- 
mensch, der alle Kraft, die er in sich hat, nur dazu gebraucht, so 
meinen Plato und Aristoteles, um sich Geniisse zu verschaffen, der 
schliefSt sich von der Welt ab, die Welt verliert ihn. Der Mensch, 
welcher sich alles versagt, macht sich immer schwacher und schwacher 
und wird endlich ergriffen von dem aufieren Weltprozeft, er wird 
zermiirbt von dem aulSeren Weltengang. Der, welcher hinausgeht 
iiber die Krafte, die ihm als Mensch zugemessen sind, sie iibertreibt, 
wird von dem Weltenprozefi ergriffen und verliert sich an die Welt. 
Das also, was der Mensch entwickelt hat zur Ausbildung der Bewufit- 
seinsseele, kann zermiirbt werden, so dafi er in die Lage kommt, die 
Welt zu verlieren. Die Tugend, welche diese beiden Extreme ver- 
meidet, ist die Maftigkeit. Maftigkeit ist also weder Askese noch 
Schwelgerei, sondern die richtige Mitte zwischen beiden. Und das ist 
die Tugend der Bewufitseinsseele. 

In bezug auf diese Tugend sind wir auch noch nicht iiber den in- 
stinktiven Standpunkt hinausgekommen. Ein leichtes Nachdenken 
wird Sie lehren konnen, daft im Grunde die Menschen gar sehr auf 
das Probieren, auf das Hin-und-her-Pendeln zwischen den Extremen 
angewiesen sind. Wenn Sie absehen von den wenigen Menschen, die 
sich heute schon bemiihen, eine Bewufitheit auf diesem Gebiete anzu- 



streben, so werden Sie finden, daft die grofte Mehrzahl der Menschen 
gar sehr nach einem bestimmten Muster lebt, das man in Mitteleuropa 
oft damit bezeichnet, daft man sagt: Es gibt in Berlin gewisse Men- 
schen, welche den ganzen Winter hindurch schwelgen und immer 
wieder schwelgen und sich vollpfropfen mit allerlei Delikatessen und 
Leckereien, und dann im Sommer nach Karlsbad gehen, um das da- 
durch hervorgerufene Obel nach der Methode des anderen Extrems 
zu beseitigen. Da haben Sie das Ausschlagen der Waagschale nach 
der einen und nach der anderen Seite hin. Das ist nur ein radikaler 
Fall. Wenn das Geschilderte auch nicht iiberall in diesem Mafte statt- 
findet, dieses Pendeln zwischen Genuft und Entziehung ist iiberall 
vorhanden. Das ist hinlanglich klar. Daft das Obermaft nach der 
einen Seite eintritt, dafur sorgen die Menschen selber, und sie lassen 
sich dann von den Arzten sogenannte Entziehungskuren vorschreiben, 
das heiftt das andere Extrem, damit das Falsche wieder gutgemacht 
werde. 

Sie sehen daraus, daft die Menschen auf diesem Gebiete noch recht 
sehr in einem instinktiven Zustande sind und daft wir sagen miissen: 
Es liegt eine Art Gottergeschenk bei dem Menschen vor, der ja ein 
instinktives Gefuhl dafiir hat, nicht zuviel nach der einen und nicht 
zuviel nach der anderen Seite zu tun. Aber ebenso, wie die anderen 
instinktiven Eigenschaften des Menschen verloren gegangen sind, 
wird auch diese verloren gehen beim Obergange von dem fiinften in 
den sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum. Als Naturanlage wird 
das verloren gehen, und jetzt werden Sie ermessen konnen, wie sehr 
theosophische Weltanschauung und Gesinnung dazu wird beitragen 
miissen, Bewufttsein auf diesem Gebiete nach und nach zu entwickeln. 

Wir haben heute noch wenige, vielleicht selbst entwickelte Theo- 
sophen, denen es einleuchtet, daft die Theosophie das Rezept ist, um 
auch auf diesem Gebiete die richtige Bewufitheit zu erzielen. Wenn 
die Theosophie auf diesem Gebiete mehr zur Geltung kommt, dann 
wird sich namlich einstellen, was ich nur in folgender Weise werde 
schildern konnen: Die Menschen werden allmahlich immer mehr und 
mehr Sehnsucht haben nach den groften geistigen Wahrheiten. Wenn 
auch heute die Theosophie noch verspottet wird, sie wird es nicht 



immer werden. Sie wird sich ausbreiten, wird besiegen alle auftere 
Gegnerschaft und auch alles iibrige, was ihr noch entgegensteht, und 
die Theosophen werden sich nicht damit begniigen, bloft allgemeine 
Menschenliebe zu predigen. Die Menschen werden begreifen, daft man 
ebensowenig an einem Tage sich Theosophie aneignen kann, wie sich 
der Mensch an einem Tage fur sein ganzes Leben zu nahren vermag, 
und daft es dazu gehort, immer Weiteres und Weiteres von der Theo- 
sophie sich anzueignen. Es wird immer seltener werden innerhalb der 
theosophischen Bewegung, daft die Menschen sagen: Das sind unsere 
Grundsatze, und wenn wir diese Grundsatze haben, dann sind wir 
eben Theosophen. Das Immer-darin-Stehen in der Gemeinschaft, das 
Lebendige der Theosophie fuhlen und erleben, das Zusammenerleben 
wird immer weiter und weiter sich ausbreiten. Indem aber die Men- 
schen die eigentumlichen Gedanken, die eigentumlichen Empfindun- 
gen und Impulse, wie sie von der theosophischen "Weisheit kommen, 
in sich verarbeiten, was geschieht denn da? Nicht wahr, es ist uns 
alien bekannt, daft die Theosophen niemals eine materialistische An- 
schauung haben konnen. Sie haben gerade das Gegenteil der mate- 
rialistischen Anschauung. Materialistisch denkt jemand, der sagt: 
Wenn der Mensch diesen oder jenen Gedanken hat, so geht eine Be- 
wegung der Gehirnmolekule oder Atome vor sich, und weil diese Be- 
wegung vor sich geht, deshalb hat der Mensch den Gedanken. Der 
Gedanke geht gleichsam wie ein feiner Rauch aus dem Gehirn hervor, 
ahnlich wie die Flamme aus der Kerze. So ist die materialistische 
Anschauung. Die entgegengesetzte ist die theosophische. Da sind es 
die Gedanken, die seelischen Erlebnisse, welche das Gehirn, das Ner- 
vensystem in Bewegung bringen. Die Art und Weise, wie unser Gehirn 
sich bewegt, hangt davon ab, welche Gedanken wir denken. Das ist 
aber gerade das Umgekehrte von dem, was der Materialismus meint. 
Willst du wissen, wie das Gehirn eines Menschen beschaffen ist, so 
muftt du erforschen, welche Gedanken er gedacht hat; denn geradeso, 
wie die Schriftziige nichts anderes sind als die Folge der Gedanken, 
so sind auch die Bewegungen des Gehirns nichts anderes als die Folge 
der Gedanken. 

Miissen Sie so nicht dazu kommen, zu sagen, die Gehirne werden 



anders bearbeitet jetzt in diesem Momente, wo Sie theosophische 
Gedanken durchleben, als in einer Gesellschaft, die Karten spielt? 
Andere Vorgange spielen sich ab in diesen Ihren Seelen, wenn Sie 
theosophischen Gedanken folgen, als wenn Sie sich in einer Gesell- 
schaft befinden, welche Karten spielt oder der Vorstellung in einem 
Kinematographentheater folgt. Im menschlichen Organismus ist aber 
nichts, das isoliert, das einzeln dasteht. Alles ist im Zusammenhang; 
es wirkt eines auf das andere. Die Gedanken wirken auf das Gehirn 
und das Nervensystem; dieses steht mit unserem gesamten Organis- 
mus in Verbindung. Ist es auch noch jetzt fiir viele Menschen verdeckt 
— wenn einmal die vererbten Eigenschaften, die heute noch in den 
Leibern stecken, iiberwunden sein werden, so wird das Folgende ein- 
treten. Die Gedanken werden vom Gehirne aus sich mitteilen, sie 
werden auf den Magen iibergehen, und die Folge davon wird sein, 
daft die Dinge, welche heute noch den Menschen schmecken, den- 
jenigen, die theosophische Gedanken aufgenommen haben, nicht mehr 
schmecken werden. Dafiir sind die Gedanken, welche die Theosophen 
aufgenommen haben, Gottesgedanken. Diese bearbeiten den ganzen 
Organismus so, daft er das Richtige schmeckt. Was nicht fiir ihn 
passend ist, das riecht und empfindet der Mensch dann als unsym- 
pathisch. Eine eigentiimliche Perspektive, eine Perspektive, die viel- 
leicht materialistisch genannt werden kann. Sie ist aber gerade das 
Gegenteil davon. Diese Art von Appetit, daft Sie das eine lieben und 
beim Essen bevorzugen, das andere hassen und nicht werden essen 
wollen, das wird sich als eine Folge des theosophischen Arbeitens er- 
geben. Sie konnen das an sich selber beurteilen, wenn Sie beobachten, 
daft Sie heute vielleicht einen Ekel haben vor gewissen Dingen, wel- 
chen Sie nicht hatten in Ihrer vortheosophischen Zeit. 

Das wird sich immer mehr und mehr verbreiten, wenn der Mensch 
in selbstloser Weise an seiner Hoherentwickelung so arbeiten wird, 
daft die Welt das Richtige von ihm haben kann. Man darf mit den 
Worten Selbstlosigkeit und Egoismus nur nicht Verstecken spielen. 
Man kann tatsachlich sehr leicht diese Worte miftbrauchen. Es ist 
nicht bloft selbstlos, wenn der Mensch sagt: «Ich will nur tatig sein 
in der Welt und fiir die Welt; was liegt an meiner eigenen geistigen 



Entwickelung ? Ich will nur arbeiten, nicht egoistisch streben . . .» Es 
ist nicht Egoismus, wenn der Mensch sich hoher entwickelt, weil der 
Mensch sich dadurch doch tauglicher macht, an der Weiterentwicke- 
lung der Welt tatig teilzunehmen. Wenn man die eigene Weiterent- 
wickelung versaumt, macht man sich untauglich fiir die Welt; man 
entzieht der Welt seine Kraft. Es raulS namlich auch fiir diese das 
Richtige getan werden, urn das, was die Gottheit mit uns beabsichtigt 
hat, an uns selber zur Entwickelung zu bringen. 

So wird ein Menschengeschlecht durch die Theosophie, oder sagen 
wir besser, ein Kern der Menschheit durch die Theosophie entwickelt 
werden, der nicht bloft instinktiv die Mafiigkeit als leitendes Ideal 
empfindet, sondern auch bewufite Sympathie zu dem hat, was den 
Menschen in wiirdiger Weise zu einem Baustein der gottlichen Welt- 
ordnung macht, und bewulke Abneigung hat gegen das, was den 
Menschen zerstort als Baustein der Weltordnung. 

So sehen wir, wie auch in dem, was an dem Menschen selber ge- 
arbeitet wird, die moralischen Impulse vorhanden sind, und so finden 
wir dasjenige, was wir nennen konnen die Lebensweisheit, als die urn- 
gestaltete Maftigkeit. Das fiir die nachste, sechste nachatlantische 
Kulturperiode in Anspruch zu nehmende Ideal der «Lebensweisheit» 
wird diejenige ideale Tugend sein, die Plato nennt die «Gerechtig- 
keit». Das ist die harmonische Zusammenstimmung dieser Tugenden. 
Indem die Tugenden sich etwas verschoben haben in der Menschheit, 
ist auch anders geworden dasjenige, was in der vorchristlichen Zeit 
als Gerechtigkeit angesehen worden ist. Eine solche einzelne Tugend, 
welche das Zusammenstimmen bewirkt, ist in jener Zeit nicht da. Die 
Zusammenstimmung steht als Ideal fernster Zukunft vor den Augen 
der Menschen. Starkmut, von ihm haben wir gesehen, dafi er sich um- 
gewandelt hat in die Liebe als moralischer Impuls. Wir haben auch 
gesehen, daft Weisheit geworden ist zur Wahrhaftigkeit. Wahrhaftig- 
keit ist zunachst dasjenige, was als Tugend auftritt, die den Menschen 
hineinstellen kann in wiirdiger Weise und in richtiger Beziehung in 
das auftere Leben. Wenn wir aber zur Wahrhaftigkeit kommen wollen 
den geistigen Dingen gegeniiber, wie konnen wir dann das den gei- 
stigen Dingen gegeniiber einrichten? Wir kommen zur Wahrhaftig- 



keit, wir kommen zu demjenigen, was unsere Empfindungsseele als 
Tugend durchgliihen kann, durch das richtige Verstandnis, das rich- 
tige Interesse, die entsprechende Teilnahme. Was ist nun diese Teil- 
nahme gegeniiber der geistigen Welt ? Wenn wir der physischen Welt, 
und zwar zunachst dem Menschen, uns gegeniiberstellen wollen, dann 
miissen wir uns ihm gegeniiber offnen, wir miissen ein offenes Auge 
fiir sein Wesen haben. Wie gewinnen wir aber der geistigen Welt 
gegeniiber ein offenes Auge? Wir gewinnen der geistigen Welt gegen- 
iiber ein offenes Auge dann, wenn wir eine ganz bestimmte Gefuhlsart 
entwickeln, eine Gefuhlsart, die auch aufgetaucht ist, als die alte 
Weisheit, die instinktive Weisheit, hinuntergesunken war in die Tie- 
fen des Seelenlebens. Es ist diejenige Gefuhlsart, die wir oftmals bei 
den Griechen bezeichnen horen durch das Wort: Alles philosophische 
Denken beginnt mit dem Verwundern, mit dem Erstaunen. Mit dem 
Verwundern und Erstaunen als Ausgangspunkt unseres Verhaltnisses 
zur iibersinnlichen Welt ist in der Tat auch etwas bedeutungsvoll 
Moralisches gesagt. Der wilde, unkultivierte Mensch ist zunachst 
durch die groften Erscheinungen der Welt wenig in Verwunderung zu 
setzen. Gerade durch die fortschreitende Vergeistigung kommt der 
Mensch dazu, Ratsel zu finden in den alltaglichen Erscheinungen und 
ein Geistiges hinter denselben zu ahnen. Die Verwunderung ist es, die 
unsere Seele hinauflenkt in die geistigen Gebiete, damit wir in die 
Erkenntnisse derselben eindringen, und nur dann konnen wir in diese 
Erkenntnisse eindringen, wenn unsere Seele angezogen wird durch die 
zu erkennenden Gegenstande. Diese Anziehung ist es, die die Ver- 
wunderung, das Erstaunen, den Glauben auslost. Eigentlich ist es 
immer diese Verwunderung und dieses Erstaunen, welche uns hin- 
lenken zu dem Obersinnlichen, und es ist zugleich auch dasjenige, 
was man gewohnlich als Glaube bezeichnet. Glaube, Verwunderung 
und Erstaunen sind die drei Seelenkrafte, welche uns iiber die ge- 
wohnliche Welt hinausfiihren. 

Wenn wir dem Menschen gegeniiber in Erstaunen stehen, so suchen 
wir sein Verstandnis. Durch das Verstandnis seines Wesens kommen 
wir zu der Tugend der Bruderlichkeit, und diese werden wir dann 
am besten verwirklichen, wenn wir dem Menschen mit Ehrfurcht 



gegeniibertreten. Wir werden dann sehen, daft Ehrfurcht zu etwas 
wird, was wir jedem Menschen entgegenbringen miissen. Tun wir 
das, dann werden wir dazu kommen, immer wahrhafter und wahr- 
hafter zu werden. Wahrheit wird uns etwas werden, wozu wir uns 
verpflichtet fiihlen. Die iibersinnliche Welt wird uns etwas werden, 
wozu wir, wenn wir sie ahnen, uns hinneigen, und durch das Wissen 
werden wir erlangen das, was als iibersinnliche Weisheit schon hin- 
untergegangen ist in die unterbewuftten Seelengebiete. Erst als die 
iibersinnliche Weisheit hinuntergesunken war, trat das Wort auf, das 
besagt, daft die Philosophic beginne mit dem Erstaunen und dem 
Verwundern. Dieses Wort kann Ihnen klarmachen, daft Erstaunen 
und Verwunderung erst hereingetreten sind in die Weltenentwicke- 
lung in der Zeit, als der Christus-Impuls in die Welt gekommen war. 

Nun blicken wir, da wir schon die zweite der Tugenden als die 
Liebe angefuhrt haben, einmal zu dem, was wir als Lebensweisheit fur 
die kommenden Zeiten, und fur die gegenwartigen Zeiten noch als 
instinktive Maftigkeit angefuhrt haben. In diesen Tugenden steht der 
Mensch sich selbst gegeniiber. Da handelt er sozusagen so, daft er 
durch die Handlungen, die er in der Welt ausfiihrt, fiir sich sorgt. 
Daher ist es notig, daft fiir ihn ein objektiver Wertmaftstab gewonnen 
wird. 

Nun sehen wir etwas heraufkommen, was sich entwickelt immer 
mehr und mehr, und wovon ich auch schon in anderem Zusammen- 
hange ofter gesprochen habe, etwas, was auch in der griechischen 
Zeit, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode zuerst aufgeht. 
Wir konnen geradezu nachweisen, wie in der alten griechischen Dra- 
matik, wie zum Beispiel bei Aeschylos, die Erinnyen und Furien eine 
Rolle spielen, die sich dann umgewandelt zeigen bei Euripides in das 
Gewissen. Daraus ersehen wir, daft in den alteren Zeiten iiberhaupt 
noch nicht vorhanden war, was wir Gewissen nennen. Gewissen ist 
insbesondere das, was wie ein Normativ fiir unsere eigenen Hand- 
lungen da steht, wo wir in unseren Anspriichen zu weit gehen, zu sehr 
unseren eigenen Vorteil suchen. Als Normativ wirkt da das Gewissen, 
das zwischen unsere Antipathien und Sympathien sich hineinstellt. 

Damit gewinnen wir sozusagen dasjenige, was mehr objektiv ist, 



was mehr nach auften hin wirkt, gegeniiber der Tugend der Wahr- 
haftigkeit, der Liebe und der Lebensweisheit. Liebe steht hier in der 
Mitte, und die wirkt wie etwas, was alles Leben, auch alles soziale 
Leben, regelnd durchdringen mufi. Ebenso wirkt sie regelnd auf das, 
was der Mensch als innere Impulse entwickelt hat. Das aber, was der 
Mensch als Wahrhaftigkeit entwickelt hat, wird sich zeigen in dem 
Glauben an ein ubersinnliches Wissen. Lebensweisheit, das, was auf 
uns selbst zuriickgeht, miissen wir wie einen gottlich-geistigen Regu- 
lator fiihlen, der sicher fiihrt den Weg der richtigen Mitte, in ahn- 
licher Weise wie das Gewissen. 

Es ware natiirlich aufierordentlich leicht, den verschiedenen Ein- 
spriichen, die an dieser Stelle gemacht werden konnen, zu begegnen, 
wenn wir Zeit dazu hatten. Nur auf einen wollen wir etwas naher 
eingehen. Es konnte zum Beispiel gesagt werden: Da behauptet je- 
mand, dafi Gewissen und Erstaunen etwas sind, was in die Menschheit 
erst eingetreten ist, wahrend es doch ewige Eigenschaften der mensch- 
lichen Natur sind. Das sind sie eben nicht. Wer behaupten wollte, daft 
sie ewige Eigenschaften der menschlichen Natur sind, der zeigte damit 
nur, daft er die einschlagigen Verhaltnisse nicht kennt. Es wird immer 
mehr sich herausstellen, daft in den alten Zeiten die Menschen noch 
nicht so weit heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, daft 
sie noch mehr zusammenhingen mit den gottlichen Impulsen, daft der 
Mensch in einem Zustande war, den er bewuftt wieder anstreben wird, 
wenn er mehr beherrscht sein wird von Wahrhaftigkeit, Liebe und 
Lebenskunst in bezug auf den physischen Plan, und in bezug auf das 
geistige Erkennen, wenn er beherrscht sein wird von dem Glauben an 
die ubersinnliche Welt. Es braucht kein Glaube zu sein, der in die 
iibersinnliche Welt unmittelbar hinauffuhrt. Er wird sich aber zuletzt 
in ein ubersinnliches Wissen verwandeln. 

Wie mit dem Glauben, so ist es auch mit der Liebe, die aufterlich 
wirkt. Das Gewissen ist dasjenige, was in die Bewufttseinsseele regelnd 
eingreifen wird. Glaube, Liebe, Gewissen, diese drei Krafte werden 
die drei Sterne der moralischen Krafte sein, die insbesondere durch 
die theosophische Weltanschauung in die Menschenseelen einziehen 
werden. Die moralische Perspektive der Zukunft kann sich nur den- 



jenigen eroffnen, die die genannten Tugenden sich immer mehr und 
mehr gesteigert denken. Die theosophische Weltanschauung wird das 
sittliche Leben in das Licht dieser Tugenden stellen, und diese werden 
aufbauende Krafte sein in die Zukunft hinein. 

Etwas, was nur in langeren Auseinandersetzungen gewift werden 
konnte, was ich daher nur mitteilen kann, soil unsere Betrachtung 
abschlieften. Wir sehen den Christus-Impuls einziehen in die Mensch- 
heitsevolution durch das Mysterium von Golgatha. Wir wissen, daft 
dazumal mit dem Ereignisse des Mysteriums von Golgatha ein 
menschlicher Organismus, bestehend aus physischem Leib, aus dem 
Atherleibe und dem Astralleib, den Ich-Impuls von oben herunter, 
als Christus-Impuls, aufgenommen hat. Dieser Christus-Impuls war 
es, der von der Erde aufgenommen worden und in das Erdenkultur- 
leben eingeflossen ist. Er war jetzt darinnen als das Ich des Christus. 
Wir wissen ferner, daft geblieben sind bei Jesus von Nazareth der 
physische Leib, der Atherleib und der Astralleib. Der Christus-Impuls 
war ja wie das Ich darinnen. Jesus von Nazareth trennte sich von 
dem Christus-Impulse auf Golgatha, der dann einfloft in die Erden- 
entwickelung. Dieser Impuls bedeutet in seiner Entwickelung die 
Erdenentwickelung selber. 

Nehmen Sie ernst diejenigen Dinge, die oft erwahnt werden, so daft 
der Mensch sie leichter einsehen kann. Die Welt ist Maja oder Illusion, 
wie wir oft gehort haben. Der Mensch muft aber nach und nach zu 
der Wahrheit, dem Realen dieser aufteren Welt kommen. Die Erden- 
entwickelung besteht nun im Grunde darin, daft in bezug auf alle 
aufteren Dinge in der zweiten Periode der Erdenentwickelung, in der 
wir jetzt sind, alles sich auflost, was in der ersten sich gebildet hat, 
so daft alles, was wir aufterlich physisch sehen, von der Menschheits- 
entwickelung abfallen wird, wie von dem Menschen sein physischer 
Leib abfallt. 

Was bleibt dann da noch iibrig? - so konnte man fragen. Die Krafte, 
die als reale Krafte den Menschen einverleibt werden durch den Ent- 
wickelungsprozeft der Menschheit auf der Erde. Und der realste Im- 
puls darin ist der, welcher durch den Christus eingeflossen ist in die 
Erdenentwickelung. Dieser Christus-Impuls findet nun aber auf der 



Erde nichts, womit er sich bekleiden konnte. Er mufi daher erst durch 
die weitere Entwickelung der Erde eine Hiille bekommen, und wenn 
die Erde an ihrem Ende angekommen sein wird, dann wird der voll- 
entwickelte Christus der Endmensch sein, wie Adam der Anfangs- 
mensch war, um den sich die Menschheit in ihrer Vielheit gruppiert hat. 

In dem Worte «Was ihr einem meiner Bruder getan habt, das habt 
ihr mir getan » liegt ein bedeutungsvoller Hinweis fiir uns. "Was ist 
denn da getan worden fiir den Christus? Die Handlungen, die ver- 
richtet werden im Sinne des Christus-Impulses unter dem Einflusse 
des Gewissens, unter dem Einflusse des Glaubens und im Sinne der 
Erkenntnis, sie gliedern sich heraus aus dem bisherigen Erdenleben, 
und indem der Mensch durch seine Handlungen und sein moralisches 
Verhalten seinen Briidern etwas gibt, gibt er zugleich dem Christus. 
Wie eine Richtschnur soli es hier aufgestellt werden: Alles, was wir 
an Kraften, an Handlungen des Glaubens und Vertrauens, an Hand- 
lungen, die durch Verwunderung und Erstaunen getan werden, er- 
schaffen, das ist, indem wir es damit zugleich hingeben an das Chri- 
stus-Ich, etwas, was sich wie eine Hiille um den Christus schliefk, die 
zu vergleichen ist mit dem astralischen Leibe des Menschen. Wir for- 
men den astralischen Leib zu dem Christus-Ich-Impulse hinzu durch 
alle moralischen Handlungen der Verwunderung, des Vertrauens, der 
Ehrfurcht, des Glaubens, kurz durch alles, was zur iibersinnlichen 
Erkenntnis den Weg griindet. Wir fordern durch alle diese Hand- 
lungen die Liebe. Das ist schon im Sinne des angefiihrten Ausspruches: 
«Was ihr einem meiner Bruder tut, das habt ihr mir getan. » 

Wir formen den Atherleib dem Christus durch die Handlungen der 
Liebe, und wir formen durch das, was durch die Impulse des Ge- 
wissens gewirkt wird in der Welt, dasjenige fiir den Christus-Impuls, 
was dem physischen Leibe des Menschen entspricht. Wenn die Erde 
einst an ihrem Ziele angelangt sein wird, wenn die Menschen ver- 
stehen werden die richtigen moralischen Impulse, durch die alles Gute 
bewirkt wird, dann wird gelost sein, was durch das Mysterium von 
Golgatha als Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung einge- 
flossen ist wie ein Ich. Er wird dann umhiillt sein von einem Astral- 
leibe, der gebildet ist durch den Glauben, durch alle Taten der Ver- 



wunderung und des Erstaunens der Menschen, von etwas, was wie 
ein Atherleib ist, der gebildet ist durch die Taten der Liebe, von etwas, 
was um ihn ist wie ein physischer Leib, der gebildet ist durch die Taten 
des Gewissens. 

So wird die zukiinftige Menschheitsevolution sich vollziehen durch 
das Zusammenarbeiten der moralischen Impulse der Menschen mit 
dem Christus-Impulse. "Wie eine ganz grofie organische Gliederung 
sehen wir perspektivisch vor uns die Menschheit. Indem die Menschen 
verstehen werden, ihre Handlungen diesem grofien Organismus ein- 
zugliedern, ihre Impulse durch ihre eigenen Taten wie Hiillen darum 
zu formieren, so werden die Menschen durch die Erdenentwickelung 
die Grundlage bilden fur eine grofSe Gemeinschaft, die durch und 
durch von dem Christus-Impulse durchzogen, durchchristet sein kann. 

So sehen wir, dafi Moral nicht gepredigt zu werden braucht, dafi 
sie wohl aber begriindet werden kann, indem man zeigt, was wirklich 
geschieht, was wirklich geschehen ist und was wahr macht solche 
Dinge, wie sie besonders geistig veranlagte Naturen empfinden. Es 
wird einen immer eigentiimlich beriihren, wenn man ins Auge fafk, 
wie Goethe y nachdem er seinen Freund, den Herzog Karl August, ver- 
loren hatte, in Dornburg bei Jena in einem langeren Briefe allerlei 
Dinge schreibt, und dann an demselben Tage - es war im Jahre 1828, 
dreieinhalb Jahre vor seinem Tode, sozusagen am Ende seiner Lebens- 
bahn - ein wunderbar merkwiirdiges Wort niederschreibt: «Die ver- 
niinftige Welt ist als ein grofies unsterbliches Individuum zu betrachten, 
welches unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar 
iiber das Zuf allige zum Herrn erhebt.» Wie konnte ein solcher Gedanke 
mehr an Konkretheit gewinnen als dadurch, da£ wir uns dieses Indi- 
viduum unter uns wirkend und schaffend vorstellen und uns mit dem- 
selben wirkend und schaffend verbunden denken? Durch das Myste- 
rium von Golgatha ist das grofite Individuum eingezogen in die mensch- 
liche Entwickelung, und die Menschen werden sich, indem sie vorsatz- 
lich ihr Leben so einrichten, wie es vorhin geschildert worden ist, 
herumgliedern um den Christus-Impuls, so dafi um ihn etwas gebil- 
det wird, was wie eine Hiille um das Wesen, um den Kern sein 
wird. 



Vieles hatte ich noch zu sagen iiber dasjenige, was von der Theo- 
sophie her als Tugend sich ergibt. Insbesondere konnten ja lange und 
wichtige Betrachtungen iiber jene Wahrhaftigkeit noch angekniipft 
werden, die sich ergeben wiirde mit Beziehung auf das Karma. Durch 
die theosophische Weltanschauung wird die Karma-Idee immer mehr 
und mehr in die Menschheitsentwickelung einziehen miissen. Immer 
mehr und mehr wird der Mensch dadurch auch lernen miissen, sein 
Leben so anzusehen und so einzurichten, dafi seine Tugenden dem 
Karma entsprechen. Auch das wird der Mensch erkennen lernen miis- 
sen durch die Karma-Idee, daf$ er durch seine folgenden Taten nicht 
verleugnen darf seine vorhergehenden Taten. Eine gewisse Konse- 
quenz des Lebens, ein Auf-uns-Nehmen dessen, was wir getan haben, 
das wird sich noch aus der Menschheitsentwickelung ergeben miissen. 
Wie weit entfernt noch der Mensch davon ist, das sehen wir, wenn 
wir die Menschen naher betrachten. Dafi ein Mensch sich entfaltet an 
den Dingen, die er vollbracht hat, ist eine bekannte Tatsache. Wenn 
es nun scheint, dafi die Folge einer Tat nicht mehr da ist, dann wird 
doch getan, was man eigentlich nur tun diirfte, wenn man die erste 
Tat nicht getan hatte. Dafi der Mensch sich verantwortlich fiihlt fiir 
das, was er getan hat, dafi er Karma auch in sein Bewulksein auf- 
nimmt, das ist etwas, was sich noch als Gegenstand der Betrachtung 
ergeben konnte. 

Vieles werden Sie aber noch durch die angegebenen Richtlinien 
dieser drei Vortrage selber finden; Sie werden finden zum Beispiel, 
wie fruchtbar diese Ideen werden konnen, wenn Sie sie weiter aus- 
fiihren. Daft der Mensch fiir den Rest der Erdenentwickelung in 
immer erneuten Inkarnationen leben wird, das liegt in der Aufgabe: 
alles dasjenige, was in bezug auf die geschilderten Tugenden nach der 
einen oder der anderen Seite versehen wurde, durch freie Gestaltung, 
durch Gestaltung nach seinem freien Willen zu andern, so dafi das 
Gleichgewicht, der mittlere Zustand, eintreten und damit allmahlich 
das Ziel erreicht werden kann, das charakterisiert worden ist mit der 
Schilderung der Hiillenbildung gegeniiber dem Christus-Impulse. 

So sehen wir vor uns nicht blofl ein abstraktes Ideal allgemeiner 
menschlicher Briiderlichkeit, das zwar auch starke Impulse bekommt, 



wenn wir die theosophische Weltanschauung zugrunde legen, sondern 
wir sehen, daft in unserer Erdenentwickelung etwas Reales steckt, 
daft darin ein Impuls steckt, der durch das Mysterium von Golgatha 
in die Welt gekommen ist. Wir sehen uns dann aber auch in die Not- 
wendigkeit versetzt, so auf die Empfindungsseele, auf die Verstandes- 
und Bewufttseinsseele einzuwirken, daft diese ideale Wesenheit wirk- 
lich wird und wir verbunden sind mit diesem Wesen wie mit einem 
groften unsterblichen Individuum. Der Gedanke, daft nur darin die 
Moglichkeit der weiteren Evolution, die Moglichkeit der Erreichung 
der Erdenmission liegt, mit diesem groften Individuum zusammen ein 
Ganzes zu bilden, der verwirklicht sich in dem zweiten moralischen 
Grundsatz: Was du tust so, wie wenn es herausgeboren ware allein 
aus dir, das schiebt dich weg, entfernt dich von dem groften Indivi- 
duum, dadurch zerstorst du etwas; dasjenige aber, was du tust, um 
aufzubauen dieses grofte unsterbliche Individuum in der vorhin an- 
gefuhrten Weise, das tust du zur Fortentwickelung, zum Fortleben 
des ganzen Weltenorganismus. 

Das sind zwei Gedanken, die wir uns nur vorzulegen brauchen, um 
als Wirkung zu sehen, daft sie die Moral nicht nur predigen, sondern 
sie begriinden. Denn schreckens- und schauervoll und alle entgegen- 
gesetzten Geliiste hinunterdrangend ist der Gedanke: Du zerstorst 
durch deine Taten dasjenige, was du aufbauen sollst. Befeuernd aber 
zu guten Taten, sogar zu intensiv moralischen Impulsen, ist der Ge- 
danke: Du baust auf an diesem unsterblichen Individuum, du machst 
dich zum Gliede dieses unsterblichen Individuums. Damit ist nicht 
nur Moral gepredigt, sondern es ist damit auf Gedanken hingewiesen, 
die selber moralische Impulse sein konnen, auf Gedanken, die Moral 
zu begriinden vermogen. 

Eine solche Moral wird um so schneller theosophische Weltan- 
schauung und theosophische Gesinnung werden, je mehr die Wahr- 
haftigkeit gepflegt werden wird. Dies auszusprechen in diesen drei 
Vortragen, habe ich mir zur Aufgabe gesetzt. Manches hat zwar nur 
angedeutet werden konnen, aber Ihre eigenen Seelen werden manchen 
Gedanken, der in diesen drei Abenden angeschlagen worden ist, weiter 
ausbilden. So werden wir auch den allermeisten Zusammenhalt haben 



iiber die Erde hin. Wenn wir uns zusammenfinden, wie wir das jetzt 
als mitteleuropaische Theosophen und als Theosophen des Nordens 
getan haben, in gemeinsamer Betrachtung, und wenn wir weiter in 
uns dasjenige nachklingen lassen, was als Gedanken uns bei solchen 
Zusammenkiinften aufgestiegen ist, so werden wir am allerbesten es 
wahrmachen, daft Theosophie begriinden soli, auch schon in der 
Gegenwart, wirklich spirituelles Leben. Wenn wir auch wieder aus- 
einandergehen miissen, wir wissen doch, daft wir am meisten beiein- 
ander sind in unseren theosophischen Gedanken, und dieses Wissen 
ist zugleich auch ein moralischer Impuls. Zu wissen, unter denselben 
Idealen vereint zu sein mit Menschen, die in der Regel raumlich weit 
voneinander entfernt sind, mit denen man aber ab und zu bei beson- 
deren Gelegenheiten zusammenkommen kann, ist ein starkerer mora- 
lischer Impuls als das stete Beisammensein. 

Daft wir so denken iiber unser Zusammensein, daft wir unsere ge- 
meinsamen Betrachtungen so auffassen, das erfiillt insbesondere am 
Schlusse dieser Vortrage auch meine Seele als etwas, womit ich sozu- 
sagen Ihnen den Abschiedsgruft sagen mochte, und von dem ich iiber- 
zeugt bin, wenn es im richtigen Lichte verstanden wird, daft es das 
sich so entwickelnde theosophische Leben auch spirituell begriinden 
wird. Mit diesem Gedanken, mit diesen Gefuhlen wollen wir diese 
Betrachtungen heute abschlieften. 



CHRISTUS 
UND DIE MENSCHLICHE SEELE 



ERSTER VORTRAG 
Norrk6ping,12.Julil914 



Die Freunde aus Norrkoping haben gewiinscht, dafi ich bei dieser 
Anwesenheit, bei deren Beginn ich Sie, meine lieben Freunde, herz- 
lichst begrtifie, iiber ein Thema spreche, das in Beziehung stent zu 
jener Wesenheit, die uns ja auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft 
vor alien Dingen naheliegt und nahegeht: zur Wesenheit des Christus. 
Und ich habe versucht, diesem Wunsche dadurch nachzukommen, daf$ 
ich mir vorgenommen habe, zu sprechen iiber das Aufleben und die 
Bedeutung dieses Auflebens der Christus-Wesenheit in der mensch- 
lichen Seele. Wir werden gerade bei diesem Thema Gelegenheit haben, 
von dem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus gewissermafien 
iiber die menschlichste, iiber die uns am meisten zu Herzen gehende 
Bedeutung des Christentums zu sprechen. 

Diese menschliche Seele! Wir haben, insofern wir geisteswissen- 
schaftlich sprechen, ein kurzes Wort, welches zwar nicht alles umf alk, 
was menschliche Seele uns bedeutet, welches aber doch auf dasjenige 
hindeutet, was gewissermafien fur uns Erdenmenschen das Seelische 
in seinen weiten Grenzen ausfiillt und durchdringt — wir haben das 
kurze Wort Ich. Unsere Ich -Wesenheit geht so weit, insofern wir 
Erdenmenschen sind, als unser Seelisches. Indem wir nun den Namen 
der Ich-Wesenheit aussprechen, erinnern wir uns ja sogleich, dai$ wir 
mit dieser Ich-Wesenheit eines der vier uns zunachstliegenden Glie- 
der der Menschenwesenheit bezeichnen. Wir sprechen von vier Glie- 
dern der Menschenwesenheit zunachst: von dem physischen Leibe, 
dem Atherleibe, dem Astralleibe und dem Ich. Und wir brauchen uns 
nur einiges ins Gedachtnis zu rufen, um Ausgangspunkte zu gewinnen 
fur die Betrachtung, die wir in diesen Tagen anstellen wollen. Wir 
brauchen uns nur ins Gedachtnis zu rufen, dal$ wir des Menschen 
physischen Leib nicht so ansehen, als ob fur uns seine Gesetze — das 



Wesenhafte, das er enthalt — zu erkennen waren aus demjenigen, was 
unsere Erdenumgebung zunachst darbietet. Wir wissen, dafi wir, 
wenn wir den physischen Menschenleib verstehen wollen, zuruckgehen 
mussen zu drei vorhergehenden Verkorperungen unserer Erde, zur 
Saturn-, Sonnen- und Mondenverkorperung; wir wissen, daft in urfer- 
ner Vergangenheit, wahrend der Saturnverkorperung unserer Erde, der 
physische Leib bereits seine Veranlagung gewonnen hat; wir wissen 
dann, dafi wahrend der Sonnenverkorperung der Atherleib seine Ver- 
anlagung erfahren hat, und wahrend der Mondenverkorperung der 
Astralleib. Und was ist im Grunde genommen unsere Erdenentwicke- 
lung anderes, als in alien ihren Phasen, in alien ihren Epochen das- 
jenige, was dem Ich die Moglichkeit gibt, sich in alien seinen Weiten 
zu verwirklichen ! 

Wir konnen sagen: So wie der physische Leib auf einer gewissen, 
fiir ihn bedeutungsvollen Stufe seiner Entwickelung angelangt war 
am Ende der Saturnentwickelung, wie der Atherleib ebenso auf einer 
fiir ihn bedeutungsvollen Stufe angelangt war am Ende der Sonnen- 
entwickelung, und der Astralleib ebenso am Ende der Mondenent- 
wickelung, so wird unser Ich am Ende der Erdenentwickelung an 
einem bedeutungsvollen Punkte seiner Entwickelung angelangt sein. 
Und wir sprechen davon, dafi unser Ich sich hindurchentwickelt durch 
drei seelische Glieder: durch die Empfindungsseele, die Verstandes- 
oder Gemiitsseele und die Bewufitseinsseele. Alle die Weiten, die um- 
schlossen sind von diesen drei Seelengliedern, haben auch mit unserem 
Ich etwas zu tun. Diese drei Seelenglieder sind es, welche im Verlauf 
unserer Erdenentwickelung sich zuerst die drei aufieren leiblichen 
Glieder, den physischen Leib, den Atherleib und den Astralleib zu- 
bereitet haben, durch lange Erdenzeiten hindurch zubereitet haben, 
und die nun in aufeinanderfolgenden Kulturepochen der nachatlan- 
tischen Zeit in gewisser Weise sich weiterentwickeln, die in zukiinf- 
tigen Erdenzeiten sich wieder anpassen werden an Astralleib, Ather- 
leib und physischen Leib, so dafi die Erde sich bereiten kann, zur 
Jupiterentwickelung hinuberzugehen. 

Wit konnten geradezu auch, wenn wir den Ausdruck umfassend 
genug nehmen, die Erdenentwickelung des Menschen seine Seelenent- 



wickelung nennen. Man konnte sagen: Als die Erde begonnen hat, 
da begann auch im Menschen das Seelische gesetzmafiig sich zu regen. 
Es arbeitete zunachst an den aufieren Hiillen, dann arbeitete es sich 
selbst heraus und bereitet sich nunmehr vor, wiederum an den aufie- 
ren Hiillen zu arbeiten, damit die Jupiterentwickelung vorbereitet 
werden konne. Nun miissen wir uns vor Augen halten, was der Mensch 
wahrend der Erdenentwickelung in seiner Seele werden soil. Er soil 
werden dasjenige, was man bezeichnen konnte mit dem Ausdruck 
Personlichkeit. Diese Personlichkeit bedarf erstens dessen, was man 
nennen kann den freien Willen; aber sie bedarf auf der anderen Seite 
auch der Moglichkeit, in sich den Weg zu finden zu dem Gottlichen 
in der Welt. Freier Wille auf der einen Seite, die Moglichkeit zu wah- 
len zwischen dem Guten und dem Bosen, zwischen dem Schonen und 
dem Hafilichen, dem Wahren und dem Falschen, dieser freie Wille 
auf der einen Seite, und die Erfassung des Gottlichen so, dafi es in 
unsere Seele eindringt und wir uns innerlich erfiillt wissen, frei erfiillt 
wissen mit dem Gottlichen auf der andern Seite, das sind die zwei 
Zielpunkte der menschlichen Seelenentwickelung auf Erden. 

Diese menschliche Seelenentwickelung auf Erden hat nun, man 
mochte sagen, zu diesen zwei Zielpunkten zwei religiose Gaben emp- 
fangen. Die eine religiose Gabe ist dazu bestimmt, in die menschliche 
Seele hineinzuverlegen die Krafte, die zur Freiheit, zur Unterschei- 
dung von Wahr und Falsch, von Schon und Hafilich, von Gut und 
Bose fiihren. Und auf der anderen Seite hat eine andere religiose Gabe 
dem Menschen werden miissen wahrend seiner Erdenentwickelung, 
um in die Seele hineinzulegen jenen Keim, durch den die Seele das 
Gottliche in sich, mit sich vereinigt fuhlen kann. 

Die erste religiose Gabe ist dasjenige, was uns im Beginn des alten 
Testamentes als das grandiose Bild von dem Sundenfall, von der Ver- 
suchung, entgegentritt. Die zweite religiose Gabe ist das, was uns ent- 
gegentritt in alledem, was wir umschliefien mit dem Wort Mysterium 
von Golgatha. 

Ebenso wie Sundenfall und Versuchung es zu tun haben mit dem, 
was in den Menschen hineinpflanzte Freiheit, Unterscheidungsgabe 
zwischen Gut und Bose, Schon und Haftlich, Wahr und Falsch, so hat 



das Mysterium von Golgatha es damit zu tun, daft die Seele des Men- 
schen den Weg wiederfinden konne zu dem Gottlichen, dafi sie wissen 
konne: in ihr kann das Gottliche leuchten, es kann das Gottliche sie 
durchdringen. Gewissermaften ist in diese zwei religiosen Gaben ein- 
geschlossen alles Wichtigste der Erdenevolution, alles dasjenige aus 
der Erdenevolution heraus, was zu tun hat mit dem, was die Seele in 
ihren tiefsten Tiefen erleben kann, was zusammenhangt im tiefsten 
mit Wesen und Werden der Menschenseele. 

Inwiefern hangt dasjenige, was mit diesen beiden religiosen Gaben 
bezeichnet worden ist, und Wesen und Werden der Menschenseele, 
inneres Erleben der Menschenseele zusammen? 

Nun, ich mochte nicht blofi abstrakt Ihnen schildern, was ich zu 
sagen habe, ich mochte ausgehen zunachst von einer ganz konkreten 
Betrachtung. Ausgehen mochte ich davon, wie uns eine gewisse Szene 
des Mysteriums von Golgatha in geschichtlicher Uberlieferung vor 
Augen steht, so wie sie sich eingepragt hat und noch viel mehr ein- 
pragen sollte in die Herzen und in die Seelen der Menschen. Setzen 
wir einen Augenblick voraus, dafi wir vor uns haben in dem Christus 
Jesus diejenige Wesenheit, die wir ofter im Verlauf unserer geistes- 
wissenschaftlichen Betrachtungen besprochen und charakterisiert ha- 
ben; setzen wir voraus, dafi wir in dem Christus Jesus dasjenige vor 
dem geistigen Auge haben, was uns Menschen im ganzen Weltenall 
als das Wichtigste erscheinen mufi. Und dann stellen wir gegeniiber 
dieser Empfindung, diesem Gefuhl, das Schreien, das Wiiten der auf- 
geregten Menge von Jerusalem vor der Kreuzigung, bei der Verur- 
teilung. Stellen wir uns vor das geistige Auge die Tatsache, daft der 
Hohe Rat in Jerusalem vor alien Dingen es fur sehr wichtig halt, an 
den Christus Jesus die Frage zu stellen nach dem, wie er es mit dem 
Gottlichen hake, ob er sich bekenne als den Sohn des Gottlichen. Und 
fassen wir ins geistige Auge, daft der Hohe Rat dieses fur die groftte 
Lasterung halt, die der Christus Jesus hat aussprechen konnen. Halten 
wir uns weiter vor Augen, daft eine Szene vor uns steht, geschichtlich, 
in der das Volk schreit und wiitet nach dem Tode des Christus Jesus. 
Und versuchen wir nun einmal, uns zu vergegenwartigen, was dieses 
Schreien und Wuten des Volkes historisch eigentlich bedeutet. Fragen 



wir uns einmal: Was hatte denn dieses Volk erkennen sollen in dem 
Christus Jesus? 

Erkennen hatte es sollen in dem Christus Jesus diejenige Wesenheit, 
die dem Erdenleben Sinn und Bedeutung gibt. Erkennen hatte es sollen 
in dem Christus Jesus diejenige Wesenheit, die zu vollbringen hat die 
Tat, ohne welche die Erdenmenschheit den Weg zum Gottlichen nicht 
wiederfinden kann. Erkennen hatte es sollen, dafi der Sinn des Erden- 
menschen nicht da ist ohne diese Wesenheit. Ausstreichen hatten die 
Menschen miissen von der Erdenentwickelung das Wort «Mensch», 
wenn sie hatten ausstreichen wollen das Christus-Ereignis. 

Nun stellen wir uns vor, dafi diese Menge diejenige Wesenheit ver- 
urteilt, iiber diejenige Wesenheit wiitet, welche den Menschen auf 
Erden eigentlich zum Menschen macht, welche der Erde ihr Ziel und 
ihren Sinn geben soli. Was liegt darinnen? Liegt darinnen nicht, dafi 
die Menschheit in ihrer Erdenentwickelung damals angekommen war 
an einem Punkt, gegenuber dem man sagen kann: In denjenigen, die 
dazumal in Jerusalem die Vertretung der menschlichen Erkenntnis 
iiber das wahre Wesen der Menschen hatten, war verdunkelt die Er- 
kenntnis des Menschen, die wufiten nicht, was der Mensch ist, was 
der Mensch soli auf der Erde. Nichts Geringeres ist uns gesagt, als 
dafi die Menschheit an einem Punkt angekommen war, wo sie sich 
selbst verloren hatte, wo sie dasjenige verurteilte, was ihr Sinn und 
Bedeutung in der Erdenentwickelung gibt. Und aus dem Schreien der 
aufgeregten Menge konnte man heraushoren das, was allerdings nicht 
aus Weisheit, sondern aus Torheit gesprochen ist: Wir wollen nicht 
mehr Mensch sein, wir wollen von uns stofien, was uns weiter Sinn 
gibt als Menschen. 

Wenn man dies alles so bedenkt, dann steht uns doch in einer etwas 
anderen Weise als sonst vor dem geistigen Auge das, was man zum 
Beispiel im Sinne des paulinischen Christentums «das Verhaltnis des 
Menschen zur Siinde und zur Schuld» nennt. Dafi der Mensch im 
Verlauf seiner Entwickelung in Siinde und Schuld verf alien konnte, 
die er nicht selbst von sich wiederum wegwaschen konnte, das meint 
ja Paulus. Und dafi es dem Menschen moglich werde, Siinde und 
Schuld und damit alles dasjenige, was fur ihn mit Siinde und Schuld 



zusammenhangt, von sich abzuwaschen, dazu mufite der Christus auf 
die Erde kommen. Das ist des Paulus Meinung. Und man mochte 
sagen: Braucht diese Meinung irgendeinen wirklichen Beleg, so ist die- 
ser Beleg gegeben in dem Wiiten und Schreien derjenigen, die da rufen: 
«Kreuziget ihn!» Denn in diesem Rufe liegt, dafi die Menschen nicht 
wuftten, was sie selbst auf Erden zu bedeuten haben, dafi ihre friihere 
Entwickelung dahin gezielt war, Finsternis zu verbreiten uber ihr 
Wesen. 

Damit sind wir aber auch bei dem angekommen, was man nennen 
konnte «die vorbereitende Stimmung der Menschenseele zu der Chri- 
stus-Wesenheit». Diese vorbereitende Stimmung der Menschenseele 
zu der Christus-Wesenheit, sie besteht darinnen, da$ die Seele — wenn 
sie das auch nicht mit klaren Worten aussprechen kann — fuhlt durch 
das, was sie in sich erleben kann: Ich habe mich so entwickelt seit 
Erdenanbeginn, dafi ich durch das, was ich in mir selbst habe, mein 
Entwickelungsziel nicht erreichen kann. Wo ist etwas, woran ich 
mich klammern kann, was ich in mich hereinnehmen kann, damit ich 
mein Entwickelungsziel erreiche? Sich so fiihlen, als ob das mensch- 
liche Wesen weit iiber das hinausginge, was die Seele durch ihre Kraft 
zunachst wegen ihrer bisherigen Erdenentwickelung erreichen kann, 
das ist die vorbereitende christliche Stimmung. Und wenn dann die 
Seele das findet, was sie mit ihrer Wesenheit notwendig verbunden 
wissen mul5, wozu sie aber die Kraft nicht in sich selbst findet, wenn 
dann die Seele das findet, was ihr diese Krafte gibt, dann ist dieses 
Gefundene der Christus. Dann entwickelt die Seele ihr Verhaltnis zu 
dem Christus, dann stent die Seele auf der einen Seite so, daft sie sich 
sagt: Im Erdenanbeginn ist mir eine Wesenheit vorherbestimmt ge- 
wesen, die in mir verfinstert worden ist im Laufe der Erdenentwicke- 
lung, und blicke ich jetzt in diese verfinsterte Seele, so fehlen mir die 
Krafte, diese Wesenheit zu verwirklichen. Aber ich wende den gei- 
stigen Blick hin zu dem Christus, der gibt mir diese Krafte. — Da 
steht denn die menschliche Seele, indem sie einerseits in der geschil- 
derten Art dasteht, und auf der anderen Seite den Christus an sich 
herankommen fuhlt, wie in einem unmittelbaren personlichen Ver- 
haltnis zu dem Christus. Da sucht sie den Christus und weifi, daft sie 



ihn nicht finden kann, wenn er sich nicht durch die menschliche Ent- 
wickelung der Menschheit selbst gibt, wenn er nicht von aufien an 
sie herankommt. 

Es gibt einen christlichen Kirchenvater, der ziemlich allgemein an- 
erkannt ist, und der nicht davor zuriickscheute, Heraklit, den grie- 
chischen Philosophen, Sokrates und Plato Christen zu nennen, Chri- 
sten, die es waren, bevor das Christentum begriindet worden ist. War- 
um tut das dieser Kirchenvater? Ja, dasjenige, was sich heute Kon- 
fession nennt, verdunkelt so manches auch von dem, was urspriinglich 
leuchtende christliche Lehren waren. Hat doch Augustinus selbst 
gesagt: «In alien Religionen war etwas Wahres, und dasjenige, was 
in alien Religionen wahr war, das war das Christliche in ihnen, bevor 
es ein Christentum dem Namen nach gab.» Augustinus durfte das 
noch sagen. Heute wiirde mancher verketzert, der innerhalb einer 
christlichen Konfession das gleiche sagen wiirde. 

Wir kommen am schnellsten zum Verstandnis dessen, was dieser 
Kirchenvater damit sagen wollte, daft er auch die aiten griechischen 
Philosophen Christen nannte, wenn wir einmal versuchen uns hinein- 
zuversetzen in das Gemut derjenigen Seelen, die in den ersten Jahr- 
hunderten verstandnisvoil ihr personliches Verhaltnis zu dem Christus 
zu bestimmen suchten. Diese dachten den Christus nicht so, als ob er 
vor dem Mysterium von Golgatha ohne Verbindung mit der Erden- 
entwickelung gewesen ware. Der Christus hatte immer mit der Erden- 
entwickelung etwas zu tun. Durch das Mysterium von Golgatha ist 
nur seine Aufgabe, seine Mission in bezug auf die Erdenentwickelung 
eine andere geworden, als sie friiher war. Den Christus in der Erden- 
entwickelung zu suchen erst seit dem Mysterium von Golgatha, das 
ist nicht christlich! Wahre Christen wissen, daft der Christus immer 
mit der Erdenentwickelung zu tun hatte. 

Wenden wir zunachst den Blick zum judischen Volke. Kannte das 
jiidische Volk den Christus? Ich spreche jetzt nicht davon, ob das 
jiidische Volk den Christus-Namen kannte, nicht davon, ob das jii- 
dische Volk ein Bewufltsein hatte von all dem, was ich Ihnen zu sagen 
habe, sondern davon spreche ich, ob ein wirklich das Christentum 
Verstehender sagen kann: Das Judentum hatte den Christus, das 



Judentum kannte den Christus. — Man kann ja auch irgendeinen 
Menschen in seiner Mitte haben, den man sozusagen seiner aufteren 
Gestalt nach sieht, aber dessen Wesenheit man nicht erkennt, den man 
nicht charakterisieren konnte, weil man nicht sich zu seiner Erkennt- 
nis aufgeschwungen hat. Ich mochte sagen: Im richtig christlichen 
Sinne hatte das alte Judentum den Christus, nur erkannte es ihn nicht 
seiner Wesenheit nach. — 1st das, was ich eben sagte, christlich? Es ist 
christlich, so wahr als es paulinisch ist. 

Wo war fur das alte Judentum der Christus? Es wird gesagt im Alten 
Testament, daft, als Moses die Juden aus Agypten in die Wiiste fuhrte 
(2. Mose 14), bei Tag eine Wolkensaule, bei Nacht eine Feuersaule ihnen 
voranzog. Es wird gesagt, daft die Juden durch das Meer zogen und 
daft das Meer sich ihnen teilte, so daft sie es durchwaten konnten, 
wahrend die Agypter hinterher ertranken, da das Meer sich schloft. 
Es wird erzahlt, daft die Juden murrten, weil sie kein Wasser hatten, 
daft aber auf die Aufforderung ihres Gottes Moses zu einem Pels 
gehen konnte, daft er aus dem Felsen Wasser herausschlagen konnte 
mit seinem Stabe und daft dieses Wasser die Juden labte. 

Wollten wir auf eine menschlich-verstandliche Weise diese Fiihrung 
der Juden durch Moses aussprechen, so wiirden wir sagen: Moses 
fuhrte die Juden, indem er selbst gefiihrt ward von seinem Gotte. 
Welches war dieser Gott? 

Antworten wir zunachst nicht selbst. Lassen wir Paulus antworten, 
wer der Gott war, der die Juden durch die Wiiste fuhrte. Wir lesen 
im ersten Korintherbrief, Kapitel 10, Verse 1-4, als die Worte des 
Paulus: 

«Ich will euch aber, lieben B ruder, nicht verhalten, daft unsere Vater 
sind alle unter der Wolke gewesen» — er meint die Wolken- und 
Feuersaule — «und sind alle durchs Meer gegangen, und sind alle auf 
Mose getauft mit der Wolke und mit dem Meer, und haben alle einer- 
lei geistige Speise gegessen, und haben alle einerlei geistigen Trank ge- 
trunken; sie tranken aber von dem geistigen Fels, der mitfolgte, 
welcher war Christus. » 

Wer also war bei Paulus derjenige, der die Juden gefiihrt hat, der 
mit Moses gesprochen hat, der das Wasser aus dem Felsen laufen lieft, 



der das Meer ablenkte von den Pfaden der Juden? Nur derjenige, 
der behaupten wollte, Paulus sei kein Christ, der diirfte behaupten, 
daft es unchristlich sei, in dem fiihrenden Gott des Alten Testaments, 
in dem Herrn des Moses den Christus zu sehen. 

Eine Stelle mufi, wie ich glaube, im Alten Testament wirklich fiir 
ein tieferes Nachdenken grofte Schwierigkeiten bereiten. Es ist eine 
Stelle, an die sich derjenige, der nicht gedankenlos das Alte Testament 
liest, sondern der es im Zusammenhang verstehen will, immer wieder 
und wieder wendet. Was mag diese Stelle bedeuten? sagt er sich. 
Es ist die folgende Stelle : 

«Und Moses hob seine Hand auf und schlug den Felsen mit dem 
Stabe zweimal. Da ging viel Wasser heraus, daft die Gemeinde trank 
und ihr Vieh. Der Herr aber sprach zu Moses und Aaron: Darum, 
daft ihr nicht an mich geglaubt habt, mich zu heiligen vor den Kindern 
Israels, sollt ihr diese Gemeinde nicht in das Land bringen, das ich 
ihnen geben werde.» (4. Mose 20, 1 1 -12) 

Nehmen Sie diese Stelle im Zusammenhang im Alten Testament. 
Der Herr befiehlt Moses, als das Volk murrt, mit dem Stabe an den 
Fels zu schlagen. Moses schlagt mit seinem Stabe an den Fels, Was- 
ser kommt heraus. Alles geschieht durch Moses und Aaron, was der 
Herr befohlen hat, und gleich darauf werden wir unterrichtet, daft 
der Herr dem Moses den Vorwurf macht — wenn es ein Vorwurf ist — , 
daft er nicht an ihn geglaubt habe. Was bedeutet das? Nehmen Sie 
alles durch, was an Kommentaren zu dieser Stelle geschrieben worden 
ist, und versuchen Sie mit diesen Kommentaren die Stelle zu verstehen. 
Man versteht sie eben so, wie man vieles in der Bibel versteht, namlich 
eigentlich nicht, denn hinter dieser Stelle verbirgt sich ein gewaltiges 
Geheimnis. Dasjenige verbirgt sich an dieser Stelle, was uns da besagen 
will : Der, der den Moses fuhrte, der dem Moses im brennenden Dorn- 
busch erschien, der das Volk durch die Wiiste fuhrte, der Wasser aus 
dem Felsen herausflieften lieft, das war der Herr, Christus ! Aber die 
Zeit war noch nicht gekommen, Moses erkannte ihn selbst nicht, 
Moses hielt ihn noch fiir einen anderen. Das bedeutet es: daft Moses 
nicht geglaubt habe an den, der ihm befohlen hat, mit dem Stabe an 
den Felsen zu schlagen. 



Wie erschien der Herr — Christus — dem Judenvolk? Nun, wir 
horen es ja, «bei Tage in einer Wolkensaule, bei Nacht in einer Feuer- 
saule», dadurch dafi er zu ihrem Heile das Wasser trennte; und vieles 
tat er noch, wir brauchen es nur nachzulesen im Alten Testament. 
Wir mochten sagen: In Wolken- und Feuererscheinungen, in der Luft, 
in den elementaren Ereignissen der Natur, da war er wirksam, aber 
niemals war den alten Juden aufgegangen: Dasjenige, was in der 
Wolkensaule, in der Feuersaule erschien, was Wunder wirkte wie 
etwa durch die Teilung des Meeres, das erscheint in seiner ureigensten 
Form auch in der Menschenseele. Warum war das den alten Juden 
niemals aufgegangen? Weil die Menschenseele die Kraft verloren 
hatte, ihr tiefstes Wesen in sich zu erfuhlen, ihre Kraft verloren hatte 
durch den Hergang, den die Entwickelung der Menschheit genommen 
hatte. So konnte die Judenseele in die Natur schauen, sie konnte die 
Herrlichkeit der Elementarereignisse auf sich wirken lassen. Da iiber- 
all konnte sie ihren Gott und Herrn vermuten; in sich selbst, so wie 
sie war, unmittelbar, konnte sie ihn nicht finden. 

Da haben wir im Alten Testament den Christus, da wirkte er, aber 
die Menschen haben ihn nicht erkannt. Wie wirkte er, der Christus ? 
Nun, sehen wir denn nicht, wenn wir das Alte Testament durchgehen, 
wie er wirkte? Das Bedeutsamste, was Moses durch Jahves Mund 
seinem Volke zu geben hatte, waren die Zehn Gebote. Er hatte sie 
erhalten aus der Kraft der Elemente heraus, aus der Jahve zu ihm 
sprach. Nicht stieg Moses in die Tiefen seiner eigenen Seele hinab, 
nicht fragte Moses etwa in einsamer Meditation: Wie spricht der Gott 
im eigenen Herzen? Hinauf ging er auf den Berg, durch die Kraft 
der Elemente enthiillte sich ihm der gottliche Wille. Wille, das ist der 
Grundcharakter des Alten Testaments. Man nennt diesen Grund- 
charakter auch oftmals den Gesetzes-Charakter. Wille wirkt durch die 
Menschheitsentwickelung, und er spricht sich aus in den Gesetzen, 
zum Beispiel im Dekalog, in den Zehn Geboten. Seinen Willen hat 
durch die Elemente der Gott den Menschen kundgegeben. Wille waltet 
in der Erdenevolution. Das ist gleichsam der Sinn des Alten Testa- 
mentes, und Unterwerfung unter diesen Willen fordert das Alte Testa- 
ment seinem ganzen Sinne nach von den Menschen. 



Stellen wir das vor unsere Seele, was wir eben betrachtet haben, 
darin konnen wir das Ergebnis, das Resultat von alledem zusammen- 
fassen mit den Worten: Es ward gegeben den Menschen des Herrn 
Wille, aber die Menschen haben den Herrn, haben das Gottliche nicht 
erkannt; nicht so haben sie es erkannt, daft sie es mit der eigenen 
Menschenseele verbunden gehabt hatten. 

Und nun wenden wir den Blick von den Juden hinweg zu den 
Heiden. Haben die Heiden den Christus gehabt? 1st es christlich, da- 
von zu sprechen, daft etwa auch die Heiden den Christus gehabt ha- 
ben? Die Heiden hatten ihre Mysterien. Die in den Mysterien Ein- 
geweihten wurden dahin gebracht, daft ihre Seele aus ihrem Leibe her- 
austrat, daft das Band, durch welches Leib und Seele verkniipft sind, 
gelost wurde. Und wenn die Seele aufterhalb des Leibes war, dann 
vernahm die Seele in der geistigen Welt die Geheimmsse des Daseins. 
Vieles war mit diesen Mysterien verbunden, mancherlei Kenntnisse 
stiegen den Einzuweihenden in den Mysterien auf. "Wenn man aber 
priift, was das Hochste war, das der Mysterienschiiler in sich auf- 
nehmen konnte, so war es das, daft er aufterhalb seines Leibes hinge- 
stellt wurde vor den Christus. Wie Moses hingestellt worden ist vor 
den Christus, so wurde der Mysterienschiiler in den Mysterien mit 
seiner Seele aufterhalb des Leibes hingestellt vor den Christus. Der 
Christus war auch da fur die Heiden, aber er war fiir sie nur da in 
den Mysterien; er enthullte sich ihnen nur, wenn die Seele aufterhalb 
des Leibes war. Und wenn auch die Heiden ebensowenig wie die 
Juden, bei denen auch der Christus war, die Wesenheit, von der jetzt 
eben gesprochen worden ist, die Wesenheit, vor welche die Mysterien- 
schiiler hingestellt worden sind, als den Christus erkannt haben, der 
Christus war fiir die Heiden da! Man konnte sagen: Fiir die Heiden 
waren Mysterien eingerichtet. In die Mysterien wurden diejenigen 
aufgenommen, die bereit und reif waren. Durch diese Mysterien wirkte 
der Christus auf die heidnische Welt. Warum wirkte er so? Er wirkte 
so, weil ja die Seele der Menschen in ihrer Entwickelung seit dem 
Erdenanbeginn in sich die eigene Kraft verloren hatte, durch sich ihre 
wahre Wesenheit zu finden. Es muftte diese wahre Wesenheit sich 
der Menschenseele enthullen, wenn sie nicht in den Banden der 



Menschheit, das heiftt, wenn sie nicht mit dem Leibe verbunden war. 
Da muftte der Christus die Menschen dadurch fuhren, daft der Mensch 
gleichsam seiner Menschlichkeit entkleidet wurde als Eingeweihter in 
den Mysterien. Der Christus war auch fur die Heiden da. Er fuhrte 
sie in den Einrichtungen der Mysterien. Aber niemals war es so, daft 
der Mensch hatte sagen konnen: Wenn ich meine eigenen Krafte ent- 
falte, dann finde ich der Erde Sinn. Dieser Sinn war verloren, war 
verfinstert. Die Krafte der Menschenseele waren in zu tiefe Regionen 
hinuntergedrangt worden, als daft die Seele durch ihre eigenen Krafte 
sich den Sinn der Erde hatte geben konnen. 

Wenn wir auf uns wirken lassen, was in den heidnischen Mysterien 
den Einzuweihenden, den Mysterienschulern gegeben wurde, dann 
ist es Weisheit. Den Juden wurde der Wille gegeben durch die Gesetze, 
den heidnischen Mysterienschulern wurde die Weisheit gegeben. 

Allein, blicken wir hin auf dasjenige, was diese heidnische Weisheit 
charakterisiert, konnen wir das nicht zusammenfassen in den Worten: 
durch Weisheit konnte der Erdenmensch als solcher — wenn er nicht 
aus seinem Leibe hinausging, indem er Mysterienschiiler wurde — sei- 
nen Gott nicht als solchen erkennen? Durch Weisheit ebensowenig 
wie durch Wille konnte sich die Gottheit fur den Menschen enthullen. 
Ja, wir finden ein Wort, das ganz wunderbar hallt durch das grie- 
chische Altertum wie eine gewaltige Forderung an die Menschheit, 
aber dieses Wort stand am Eingang des Apollinischen Heiligtums, 
also einer Mysterienstatte, das Wort: «Erkenne dich selbst.» Was be- 
sagt uns die Tatsache, daft an dem Mysterien-Heiligtum dieses Wort 
«Erkenne dich selbst» wie eine Auf forderung an den Menschen stand? 
Das besagt es uns, daft man uberall drauften, wo der Mensch als 
Mensch bleibt, was er seit Erdenanbeginn geworden ist, die Forderung 
«Erkenne dich selbst» nicht erfiillen konne, daft man etwas anderes 
werden miisse als Mensch, namlich, daft man in den Mysterien die 
Bande losen miisse, durch welche die Seele an den Leib gebunden ist, 
um sich selbst zu erkennen. So weist uns dieses Wort, das wie eine 
wunderbare Forderung am Apollinischen Heiligtum stand, ebenfalls 
darauf hin, daft Verfinsterung eingetreten war fur die Menschheit, 
mit anderen Worten, daft der Gott nicht durch Weisheit zu er- 



reichen war, ebensowenig wie er sich als Wille unmittelbar enthiillen 
konnte. 

Wie die einzelne Menschenseele fiihlen kann, daft sie in sich selbst 
nicht die Krafte aufbringen kann, die ihr den Erdensinn geben, so 
sehen wir im historischen Verlauf die Menschenseele dastehen in den 
Juden so, daft selbst Moses, der Fiihrer der Juden, den nicht erkannte, 
der ihn fiihrte. Und wir sehen an den Heiden, daft die Forderung 
«Erkenne dich selbst» nur in den Mysterien erfullt werden konnte, 
weil der Mensch, wie er geworden ist im Lauf e der Erdenentwickelung 
mit seinem Zusammenhang von Leib und Seele, die Kraft nicht zu 
entfalten vermag, durch die er sich selbst erkennen kann. Es tont her- 
iiber das Wort zu uns: «Nicht durch Wille und nicht durch Weisheit 
ist der Gott zu erkennen. » Durch was sollte der Gott erkannt werden? 

Wir haben ja den Zeitpunkt in seiner Wesenheit ofter charakteri- 
siert, in dem der Christus in die Entwickelung der Erdenmenschheit 
eintrat. Wir wollen uns jetzt einmal ganz genau den Sinn vor Augen 
fiihren, den es hat, wenn man davon spricht, daft eine gewisse Ver- 
finsterung der Menschenseele eingetreten war, daft weder durch Wille 
noch durch Weisheit zu enthiillen war das eigentlich Gottliche. Wel- 
chen Sinn hat denn das eigentlich? 

Ja, man spricht von so mancherlei Beziehungen des Menschlichen 
zu dem Gottlichen. Man spricht, wenn man von den Beziehungen des 
Menschlichen zu dem Gottlichen spricht und von dem Sinn, den das 
Menschliche in dem Gottlichen hat, man spricht davon so, daft wirklich 
oftmals nicht zu unterscheiden ist, wie das Menschliche zu dem Gott- 
lichen sich verhalt, und wie irgendein anderes Irdisches zum Beispiel 
sich zu dem Gottlichen verhalt. Heute finden wir ja noch immer, daft 
Philosophen sich durch reine Philosophie zu dem Gottlichen erheben 
wollen. Aber durch reine Philosophie kann man nicht zu dem Gott- 
lichen kommen. Gewifi kommt man durch reine Philosophie dazu, zu 
wissen, daft ein Gottliches in der Welt waltet, und sich verbunden zu 
fiihlen mit dem Weltenall; gewift kommt man dazu, zu wissen, daft die 
menschliche Wesenheit mit dem Tode irgendwie mit dem Weltenall ver- 
bunden werden miisse, allein wie sie verbunden wird, dazu kann man 
durch reine Philosophie nicht kommen. Warum nicht? Ja, wenn Sie den 



ganzen Sinn desjenigen, was wir heute schon besprochen haben, neh- 
men, so werden Sie sich sagen konnen: Das, was sich zunachst dem 
Erdenmenschen in seiner Seele enthullt zwischen Geburt und Tod, 
das ist eben in seinen Kraften zu schwach, um irgend etwas wahrzu- 
nehmen, das iiber das Irdische hinausgeht, das in das Gottlich-Geistige 
hineinfiihrt. Wir wollen, um uns das ganz deutlich zu machen, einmal 
forschen nach dem Sinn der Unsterblichkeit. 

Viele Menschen wissen heute schon gar nicht mehr, welches eigent- 
lich der Sinn menschlicher Unsterblichkeit sein kann. Viele Menschen 
reden heute vor alien Dingen von Unsterblichkeit auch dann, wenn 
sie nur zugeben konnen, daft die Menschenseele mit ihrer Wesenheit 
durch die Pforte des Todes hindurchgeht und dann etwa irgendwel- 
chen Platz im All findet. Das aber tut jedes Wesen. Dasjenige, was 
mit dem Kristall vereinigt ist, wenn er sich auflost, geht in das All 
iiber; die Pflanze, die hmwelkt, geht in das All iiber; das Tier, das 
abstirbt, geht in das All iiber. Fur den Menschen verhalt sich die 
Sache doch noch anders. Unsterblichkeit hat fur den Menschen nur 
einen Sinn, wenn er durch die Pforte des Todes sein Bewufttsein tragen 
kann. Denken Sie sich eine unsterbliche Menschenseele, die etwa nach 
dem Tode unbewuftt ware. Solche Unsterblichkeit hatte keinen Sinn, 
hatte nicht den geringsten Sinn. Bewufttsein muft die Menschenseele 
durch den Tod tragen, wenn sie von ihrer Unsterblichkeit sprechen 
soil. So wie die Seele mit dem Leibe vereint ist, kann sie nichts in sich 
finden, von dem sie sagen konnte: Das ist so, daft ich es bewuftt durch 
den Tod trage. Denn das Bewufttsein des Menschen ist eingeschlossen 
zwischen Geburt und Tod, es reicht ja nur bis zum Tode. So wie es 
die menschliche Seele zunachst hat, dieses Bewufttsein, so reicht es nur 
bis zum Tode. In dieses Bewufttsein leuchtet hinein der gottliche 
Wille, zum Beispiel in den Zehn Geboten. Lesen Sie im Buch Hiob, 
ob dieses Hineinleuchten den Menschen so weit hat bringen konnen, 
daft sein Bewufttsein etwa auf geriittelt worden ware und solche Kraf te 
aus sich herausgetrieben hatte, daft er sich hatte sagen konnen: Ich gehe 
mit Bewufttheit durch die Pforte des Todes. Oh, wie mutet uns an das 
Wort, das zu dem Hiob gesprochen worden ist: «Sage Gott ab und 
stirb!» (Hiob 2, 9) Wir wissen, der Mann ist unsicher, ob er mit Bewuftt- 



sein durch die Pforte des Todes geht. Und stellen wir dazu das grie- 
chische Wort, das uns des Griechen Furcht vor dem Tode vorstellt: 
Besser ein Bettler in der Oberwelt als ein Konig im Reiche der Schat- 
ten — dann haben wir auch aus dem Heidentum heraus den Beleg, 
wie unsicher man geworden war iiber menschliche Unsterblichkeit. 
Und wie unsicher sind selbst heute noch viele Menschen. Alle die 
Menschen, die da sprechen, daft der Mensch, indem er durch die 
Pforte des Todes geht, in dem All aufgehe, sich mit irgendeinem All- 
wesen verbinde, achten nicht darauf, was die Seele, wenn sie von 
ihrer Unsterblichkeit sprechen will, sich selbst zuschreiben mufi. 

Wir brauchen nur ein Wort auszusprechen, und wir werden er- 
kennen, wie der Mensch zu seiner Unsterblichkeit stehen muft. Dieses 
Wort ist das Wort Liebe. Und all dasjenige, was wir iiber die Unsterb- 
lichkeit gesagt haben, konnen wir jetzt mit dem in Zusammenhang 
bringen, was das Wort Liebe bezeichnet. Liebe ist nichts, was wir uns 
aneignen durch den Willen. Liebe ist nichts, was wir uns aneignen 
durch Weisheit. Liebe sitzt in der Region der Gefuhle. Aber wir 
wissen und miissen es uns gestehen, daft die menschliche Seele, wie sie 
sein sollte, nicjit sein konnte, wenn diese menschliche Seele nicht er- 
fiillt sein konnte von Liebe. Ja, man kommt darauf, wenn man in 
das Wesen der Seele eindringt, daft unsere Menschenseele nicht mehr 
Menschenseele sein wiirde, wenn sie nicht lieben konnte. 

Nun aber denken wir uns einmal, wir gingen durch die Pforte des 
Todes so, daft wir verloren unsere Menschenindividualitat, daft wir 
uns vereinigen wurden mit einer Allgottlichkeit. Dann waren wir in 
dieser Gottlichkeit darinnen, wir gehorten dazu. Wir konnten den 
Gott nicht mehr lieben, wir waren in ihm selbst. Liebe hatte keinen 
Sinn, wenn wir in dem Gotte waren. Zugeben miissen wir, wenn wir 
unsere Individuality nicht durch den Tod tragen konnten, daft wir 
im Tode die Liebe verlieren miiftten, daft die Liebe in dem Augenblick 
aufhoren miiftte, wo die Individuality aufhort. Lieben kann nur ein 
Wesen das andere, das von dem andern getrennt ist. Wollen wir 
unsere Gottesliebe durch den Tod tragen, dann miissen wir durch den 
Tod unsere Individuality tragen, dann miissen wir durch den Tod 
tragen dasjenige, was in uns die Liebe entziindet. Sollte dem Menschen 



der Sinn der Erde gebracht werden, dann muftte ihm Aufschluft ge- 
bracht werden iiber seine Unsterblichkeit so, daft sein Wesen als un- 
zertrennlich mit der Liebe gedacht werde. Nicht Wille und nicht 
Weisheit konnen dem Menschen geben, was er braucht; geben kann 
dem Menschen das, was er braucht, allein die Liebe. 

Was war denn verdunkelt worden im Laufe des Entwickelungs- 
ganges des Menschen iiber die Erde? Nehmen wir den Juden oder 
nehmen wir den Heiden: verdunkelt war worden das Bewufksein 
iiber den Tod hinaus. Bewufksein zwischen Geburt und Tod; aufter- 
halb von Geburt und Tod Dunkelheit, nichts verbleibt vom Bewufk- 
sein innerhalb des Erdenleibes. «Erkenne dich selbst!» am Eingang 
des griechischen Heiligtumes: heiligste Forderung dieses griechischen 
Heiligtums an die Menschheit. Aber der Mensch konnte sich nur die 
Antwort geben: Ja, ich kann mich, wenn ich so verbunden bleibe in 
meinem Leibe mit meiner Seele, wie ich es als Erdenmensch bin, nicht 
in jener Individualist erkennen, die iiber den Tod hinaus lieben kann. 
Das kann ich nicht! Erkenntnis, daft man iiber den Tod hinaus als 
Individuality lieben kann, das war es, was den Menschen verloren 
gegangen war. 

Tod ist nicht das Aufhoren des physischen Leibes. Dieses kann nur 
der Materialist sagen. Man denke sich nur einmal, daft der Mensch 
sein Bewufksein in jeder Stunde, in der er im Leibe lebt, so hatte, daft 
er so gewift wissen wiirde, was iiber den Tod hinaus liegt, wie er heute 
weift, daft morgen die Sonne aufgehen und iiber den Himmel gehen 
wird, dann hatte der Tod keinen Stachel fur den Menschen, dann ware 
der Tod nicht dasjenige, was wir den Tod nennen, dann wiiftten die 
Menschen im Leibe, daft der Tod nur eine Erscheinung ist, die von 
einer Form zur anderen fiihrt. Unter «Tod» verstand auch Paulus 
nicht das Aufhoren des physischen Leibes, sondern unter «Tod» ver- 
stand er die Tatsache, daft das Bewufksein nur bis zum Tode reicht, 
daft der Mensch, insofern er an den Leib gebunden war im damaligen 
Erdenleben, innerhalb seines Leibes sein Bewufksein nur bis zu dem 
Tode hindehnen konnte. Wir konnen iiberall hinzusetzen, wo Paulus 
vom Tode spricht: Mangel eines Bewufttseins iiber den Tod hinaus. 

Was gab dem Menschen das Mysterium von Golgatha? Stand mit 



dem Mysterium von Golgatha eine Summe von Naturereignissen vor 
der Menschheit, eine Wolkensaule, eine Feuersaule? Nein, ein Mensch 
stand vor den Menschen, der Christus Jesus. Erfiillte sich etwa mit 
dem Mysterium von Golgatha aus der geheimnisvollen Natur heraus 
so etwas, daft ein Meer sich spaltete, damit das Volk Gottes durch- 
ziehen konne? Nein, ein Mensch stand da vor den Menschen und 
machte Lahme gehend und Blinde sehend. Von einem Menschen ging 
das aus. 

Der Jude hatte in die Natur schauen miissen, wenn er denjenigen 
hat sehen wollen, den er seinen gottlichen Herrn nennt. Einen Men- 
schen konnte man jetzt sehen, von einem Menschen konnte man so 
reden, daft der Gott in ihm lebe. Der Heide hatte eingeweiht werden 
miissen, er hatte die Seele aus dem Leibe herausziehen miissen, um 
der Wesenheit gegeniiberzustehen, die der Christus ist. Er hat auf 
der Erde den Christus nicht vermuten konnen, er konnte nur wissen, 
daft der Christus aufterhalb der Erde ist. Das aber, was aufterhalb 
der Erde war, es ist auf die Erde gekommen, es hat einen Menschen- 
leib angenommen. 

In dem Christus Jesus stand als Mensch vor den Menschen diejenige 
Wesenheit, die sonst vor der leibbefreiten Seele in den Mysterien ge- 
standen hatte. Und was ist dadurch geschehen? Der Anfang ist damit 
gemacht worden, daft die Krafte, die der Mensch verloren hat in der 
Erdenentwickelung seit Erdenanbeginn, diese Krafte, durch die ihm 
seine Unsterblichkeit verbiirgt wird, durch das Mysterium von Gol- 
gatha wieder an ihn herankommen. In der Uberwindung des Todes 
auf Golgatha haben die Krafte den Ursprung genommen, die in der 
Menschenseele wieder anfachen konnen die verlorengegangenen Krafte. 
Und des Menschen Weg durch die Erdenentwickelung wird weiter so 
sein, daft, indem der Mensch den Christus immer mehr und mehr auf- 
nehmen wird, er in sich entdecken wird dasjenige, was in ihm iiber 
den Tod hinaus lieben kann, das heiftt, daft er als unsterbliche In- 
dividualist seinem Gott gegeniiberstehen kann. Darum ist erst seit 
dem Mysterium von Golgatha das Wort wahr geworden: «Liebe Gott 
iiber alles und deinen Nachsten als dich selbst.» (Lukas 10, 27) 

Wille wurde gegeben aus dem brennenden Dornbusch. Wille wurde 



gegeben durch die Gebote. Weisheit wurde gegeben durch die Myste- 
rien. Die Liebe aber wurde gegeben, indem der Gott Mensch geworden 
ist in dem Christus Jesus. Und die Biirgschaft, daft wir iiber den Tod 
hinaus lieben konnen, daft eine Liebesgemeinschaft gestiftet werden 
kann durch die wiedergewonnenen Krafte unserer Seele zwischen dem 
Menschen und Gott und alien Menschen untereinander, die Biirgschaft 
dafiir geht von dem Mysterium von Golgatha aus. Die Menschenseele 
hat in dem Mysterium von Golgatha dasjenige gefunden, was sie seit 
Erdenurbeginn verloren hat, indem ihre Krafte immer schwacher und 
schwacher geworden sind. 

Drei Krafte in drei menschlichen Seelengliedern: Wille, Weisheit 
und Liebe ! In dieser Liebe erlebt die Seele ihr Verhaltnis zum Christus. 

Von einer gewissen Seite her wollte ich Ihnen das vor Augen fiihren. 
Was aphoristisch geklungen hat in der heutigen Auseinandersetzung, 
es wird seinen Zusammenhang in den Betrachtungen der folgenden 
Tage finden. Das aber, glaube ich, konnen wir tief in unsere Seele 
schreiben, daft ein Fortschritt in der Christus-Erkenntnis ein realer 
Erwerb fur die Menschenseele ist, und daft auch dann, wenn wir die 
Beziehung der Menschenseele zu dem Christus betrachten, uns wieder- 
um so recht klar wird, wie gleichsam eine Hiille war zwischen der 
Menschenseele und dem Christus vor dem Mysterium von Golgatha, 
wie diese Hiille durchbrochen worden ist durch das Mysterium von 
Golgatha, und wie wir mit Recht sagen konnen: Durch das Mysterium 
von Golgatha ist eingeflossen eine kosmische Wesenheit in das Erden- 
leben, eine iiberirdische Wesenheit verband sich mit der Erde. 

Gestatten Sie, meine lieben Freunde, auch heute — vielleicht werden 
die nachsten Tage nochmals Gelegenheit dazu geben — eine Bemer- 
kung, die ich aber auch unter Ihnen machen mochte: 

Die Vorwurfe, die Gegnerschaften gegeniiber unserer geisteswissen- 
schaftlichen Lehre, sie werden immer starker und starker. Mit viel 
Wahrheit kampfen allerdings diese Gegnerschaften nicht, aber diese 
Gegnerschaften sind immerhin da. Oberlegen wir uns einmal ein Wort, 
das Sie in den letzten Tagen auch hier haben lesen konnen, das von 
anderer Seite gesprochen worden ist und das hier wiederholt worden 
ist, iiberlegen wir uns dieses Wort am Schlusse dieser Betrachtungen, 



die uns wiederum von einer anderen Seite her gezeigt haben, wie eine 
kosmische Wesenheit im Christus eine irdische Wesenheit wird — ich 
meine das Wort, das da gesprochen worden ist, als ob es irgend etwas 
Unchristliches hatte, von dem Christus als von einer kosmischen We- 
senheit zu sprechen. Ja, sogar so ist das Wort gesprochen worden, daf$ 
gesagt worden sein soil: «Diese theosophische oder anthroposophische 
Lehre, die sieht gar nicht, wie es unchristlich ist, von einem kosmischen 
Prinzip, von einer kosmischen Wesenheit zu sprechen, wahrend ge- 
rade dasjenige die Menschen gewonnen hat, was die Evangelien in 
ihren Einzelheiten u'ber das Menschliche des Jesus erzahlen.» Men- 
schen, die so etwas sagen, sie diinken sich recht christlich. Aber viele, 
die sich christlich diinken, bemerken gar nicht, dafi sie mit ihrer 
Christlichkeit alle Augenblicke der wahren Christlichkeit ins Gesicht 
schlagen. Unchristlich soli es sein, von Christus als einer Wesenheit 
zu sprechen, die eine kosmische Wesenheit ist, das heilk die nicht fur 
die Erde bloft, sondern fur den Kosmos Bedeutung hat! Das wurde 
gesagt von einer Seite, die das Christentum verteidigen will gegeniiber 
der Geistesforschung. Gesagt wurde: «Der Christus, so wie er uns 
entgegentritt, ohne dafi wir auf das Kosmische Riicksicht nehmen, 
der wird in Menschenseelen leben, solange die Erde steht.» Ich glaube 
nicht, dafi viele Leute merken, wie sonderbar unevangelisch die Zunge 
redet gerade mit solch einem Wort. Man wird vielleicht zuweilen 
merken: Da spricht Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft — 
nun ja, man kann das verstehen. Das ist eben so, daft da vom «christ- 
lichen Standpunkt» aus gesprochen wird. — Dieser christliche Stand- 
punkt aber, ist er ein wirklich christlicher Standpunkt ? Er verketzert 
uns — denn Verketzerung darf das schon genannt werden — , er nimmt 
das als sein Privilegium in Anspruch; er verketzert uns. Er findet 
unser Christentum oder, besser gesagt, unsere Anthroposophie als 
Christentum bedenklich. In ihm lebt nicht nur in seinem Begriff das 
wirkliche Christentum nicht mehr, sondern auch in seinen Seelen- 
lebensgewohnheiten lebt nicht das richtige Christentum. Denn die 
Seele, die richtig christlich ist, sie wird niemals sagen: Solange die Erde 
steht, wird der Christus, der da gemeint ist, in den Herzen der Men- 
schen leben. — Warum nicht? Weil ein Christ, der das sagt, einfach 



vergessen hat die Worte der Evangelien: «Himmel und Erde werden 
vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» (Matthaus 24, 35) 
Damit aber ist auch der Christus als kosmische Wesenheit hingestellt. 
Und derjenige, der wahr macht ein Wort, wie «Himmel und Erde 
werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen», der spricht 
christlich. Derjenige aber, dem im Augenblick gleich die Zunge aus- 
gleitet, wenn er sein Christentum gegen die Anthroposophie richten 
will, der siindigt gegen das Wort «Himmel und Erde werden vergehen, 
aber meine Worte werden nicht vergehen», indem er sagt: Wir wollen 
einen Christus, der da wirkt, solange die Erde steht; - der versteht 
nichts von dem wahren Christentum, das nicht blofi in den Biichern, 
sondern auch in den Sternen steht. 

Wir miissen uns schon zuweilen verstandigen, wessen Geistes man- 
che Angriffe sind, die heute von da oder dort gegen die Christlichkeit 
unserer Anthroposophie vorgebracht werden. Man merkt an dem 
Zungenausgleiten manchmal viel mehr, zu was das Christentum in 
solchen Seelen geworden ist, als durch das Lesen, wie es heute iiblich ist. 

Was die Menschenseele erleben kann mit ihrem Christus in sich, 
wir wollen dann in den allernachsten Tagen davon sprechen. 



ZWEITER VORTRAG 
Norrkoping, 14. Juli 1914 



Wenn wir den Tag iiber leben und wissen, zum Beispiel, was wir 
diesen Tag iiber der Sonne zu verdanken haben, wie unsere Lebens- 
aufgabe zusammenhangt mit dem Sonnenlicht, so denken wir nicht 
daran, dafi, gewissermafien unbewufk, durch diesen ganzen Genuft 
des Sonnenlichtes, durch die Befriedigung, die wir von dem Sonnen- 
licht haben, eines hindurchgeht: Wir wissen ganz gewift, daft am 
nachsten Morgen, wenn wir die Nacht hindurch geruht haben, uns 
die Sonne wieder aufgehen werde. Das ist ein Zeichen von dem, wie 
in unserer Seele ein Vertrauen lebt in die fortdauernde Wirklichkeit 
der Weltenordnung. Wir machen es uns vielleicht nicht immer klar, 
aber gefragt, wiirden wir ganz gewifi in dem Sinne antworten, der 
hier gemeint ist. Wir geben uns unserer Arbeit heute hin, weil wir 
wissen, dafi die Friichte dieser Arbeit fur morgen gesichert sind, weil 
nach durchruhter Nacht die Sonne wieder erscheinen wird und die 
Friichte der Arbeit ausreifen konnen. 

Wir wenden den Blick hin auf die Pflanzendecke der Erde. Wir 
bewundern in diesem Jahr, was die Pflanzendecke der Erde uns dar- 
bietet. Wir erhalten uns von den Friichten der Erde. Wir wissen, dafi 
es in der Wirklichkeit der Weltenordnung begriindet ist, daft aus dem 
Keim dieses Jahres die Pflanzen- und Friichtedecke des nachsten Jah- 
res hervorgehen werde. Und wiederum wiirden wir, gefragt, warum 
wir denn so sicher dahinleben, in entsprechender Lage die Antwort 
geben: Uns erscheint die Wirklichkeit der Weltenordnung verbiirgt, 
uns erscheint verbiirgt, dafi dasjenige, was als Keim heranreifte in den 
alten Saaten, auch im Reiche der Wirklichkeit wieder erscheint. — 
Aber es gibt etwas, dem gegeniiber wir eine Stiitze brauchen, wenn 
wir an die Verbiirgung durch die Wirklichkeit denken. Und das ist 
etwas, was fur unser inneres Seelenleben von ganz besonderer Bedeu- 



tung ist. Und es braucht nur ein einziges "Wort ausgesprochen zu wer- 
den, dann fiihlen wir alsogleich, wie es etwas im Leben gibt, wofiir 
wir eine solche Burgschaft brauchen, weil es unmittelbar eine solche 
Burgschaft fur den real Denkenden, fiir den real Fiihlenden doch nicht 
in sich tragt. Das ist das Wort: unsere Ideale. Was alles schliefk dieses 
Wort ein: unsere Ideale! Unsere Ideale, sie gehoren zu dem, was 
unserer Seele, wenn wir in einem hoheren Sinne denken und fiihlen, 
wichtiger ist als die aufiere Wirklichkeit. Unsere Ideale sind dasjenige, 
was unsere Seele innerlich befeuert, was unserer Seele in vieler Be- 
ziehung das Leben wertvoll und teuer macht. 

Und wenn wir in das aufiere Leben blicken, wenn wir hinblicken 
auf das, was uns die Realitat des Lebens verbiirgt, dann werden wir 
oftmals von dem Gedanken gequalt: Enthalt denn diese Wirklichkeit 
etwas, was uns gerade dieses Wertvollste im Leben, die Verwirk- 
lichung unserer Ideale, verbiirgt? 

Unzahlige Konflikte der Menschenseele gehen daraus hervor, daft 
die Menschen mehr oder weniger stark oder schwach zweifeln an der 
Verwirklichung dessen, an dessen Verwirklichung sie doch hangen 
mochten mit alien Fasern ihrer Seele: an der Verwirklichung ihrer 
Ideale. Wir brauchen ja nur die Welt des physischen Planes zu be- 
trachten, und wir werden, wenn wir unbefangen diesen physischen 
Plan betrachten, unzahlige Menschenseelen finden, welche die stark- 
sten, die herbsten Seelenkampfe durchmachen an dem Nichterreichten, 
das sie doch im idealen Sinne fiir wertvoll halten. Denn nicht in dem- 
selben Sinne konnen wir gleichsam heraussaugen aus der Evolution 
der Wirklichkeit, dafi sich unsere Ideale im Leben so als Keime fiir 
eine zukiinftige Realitat erweisen werden, wie sich zum Beispiel die 
Pflanzenkeime dieses Jahres als Anlage fiir die Pflanzendecke des 
nachsten Jahres erweisen. Richten wir den Blick hin auf diese Pflan- 
zenkeime, so wissen wir: In sich tragen sie dasjenige, was im nachsten 
Jahre in ausgebreitetstem Mafie Wirklichkeit sein wird. Richten wir 
nun den Blick hin auf unsere Ideale, dann konnen wir zwar den 
Glauben in unserer Seele hegen, daft diese Ideale irgendeine Bedeutung, 
dafi sie irgendeinen Wert fiir das Leben haben werden; aber in glei- 
chem Sinne eine Sicherheit haben, das konnen wir in bezug auf diese 



Ideale nicht. Wir mochten als Menschen, dafi sie die Keime seien fur 
spatere Zukunft, aber wir blicken vergeblich aus nach dem, was ihnen 
die sichere Realitat geben kann. So finden wir unsere Seele, schon 
wenn wir auf den physischen Plan blicken, mit ihrem Idealismus oft- 
mals in einer verzweifelten Lage. 

Und gehen wir aus der Welt des physischen Planes in die "Welt des 
Okkulten, in die Welt der verborgenen Geistigkeit: Derjenige, der 
ein Geistesforscher geworden ist, lernt erkennen die Seelen in der Zeit, 
die sie durchzumachen haben zwischen Tod und neuer Geburt. Und 
es ist bedeutungsvoll, den geistigen Blick hinzuwerfen auf diejenigen 
Seelen, welche gesattigt waren in dem Erdenleben mit hohen Idealen, 
mit Idealen, die sie aus dem Feuer und aus dem Licht ihres Herzens 
heraus geboren hatten. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes hindurchgegangen 
ist und das uns wohlbekannte Lebenstableau, das eine Erinnerung 
an das verflossene Erdenleben darstellt, vor sich hat, dann ist einge- 
woben diesem Lebenstableau auch die Welt der Ideale. Und diese 
Welt der Ideale, sie kann dem Menschen in einer solchen Weise nach 
dem Tode vor die Seele treten, dafi er ihr gegenuber etwas fiihlt, das 
man in die Worte kleiden mochte: Ja, diese Ideale, die mein Herz im 
Innersten befeuert und durchleuchtet haben, die ich als das Teuerste, 
als das innerste Gut meines Herzens betrachtet habe, diese Ideale, sie 
haben jetzt ein gar fremdartiges Ansehen. Sie sehen so aus, als ob 
sie nicht recht hingehorten zu alledem, dessen ich mich erinnere als 
wirklicher Erdenerlebnisse des physischen Planes. Und dennoch fiihlt 
sich der Tote wiederum wie magnetisch hingezogen zu diesen seinen 
Idealen, er fiihlt sich gleichsam gebannt an diese Ideale. Sie konnen 
etwas merkwiirdig Anziehendes fur den Toten haben, diese Ideale. 
Aber sie konnen etwas haben, was ihn wie mit einem gelinden Schrek- 
ken erfiillt, von dem er fiihlt, dafi es ihm gef ahrlich werden kann, dafi 
es ihn entfremden kann der Erdenevolution und dem, was auch fiir 
die Erdenevolution zusammenhangt in dem Leben zwischen Tod und 
neuer Geburt. 

Um mich ganz deutlich auszusprechen, mochte ich an konkrete 
Erlebnisse ankniipfen, mochte ankniipfen an Erlebnisse, die einige 



von den Freunden, die hier sitzen, ja schon kennen, aber die gerade 
von einer gewissen Seite her am heutigen Abend noch besonders be- 
leuchtet werden sollen, damit sie zusammengestellt werden konnen 
mit dem, was ich eben iiber die Natur der menschlichen Ideale aus- 
gesprochen habe. 

Uns hatte sich in den letzten Jahren eine dichterische Natur an- 
geschlossen. Aus einem Leben heraus, das gewidmet war dem reinsten 
Idealismus, das in der vortheosophischen Zeit schon eine mystische Ver- 
tiefung durchgemacht hatte, kam der betref f ende Mann herein in unsere 
anthroposophische Bewegung. Mit Herz und Seele widmete er sich, 
trotzdem seine Seele weilte in einem morschen, zerfallenden Leibe, un- 
serer geistigen Bewegung. Im Fruhling dieses Jahres haben wir ihn f iir 
das Erdenleben verloren: er ist durch die Pforte des Todes hindurch- 
gegangen. Er hat der Menschheit hinterlassen eine Serie wunderbarer 
Gedichte, die in einem Band veroffentlicht worden sind, der vor kur- 
zem, nach seinem Tode, erschienen ist. In gewisser Beziehung war er 
durch die Schwierigkeiten seines aufieren Leibesleben viele Zeiten raum- 
lich getrennt von unserer Bewegung, in einem einsamen schweizerischen 
Gebirgsorte oder sonst irgendwo, wo er fur seine Gesundung sorgen 
muftte. Aber er hing auch entfernt von uns an unserer Bewegung, und 
seine Dichtungen, die ja auch in gewissen anthroposophischen Kreisen 
immer wiederum und wiederum vorgetragen wurden, gerade in der letz- 
ten Zeit, sind gleichsam die dichterische Widerspiegelung dessen, was 
wir uns anthroposophisch erarbeitet haben durch mehr als ein Jahr- 
zehnt hindurch. Nun ist er durch die Pforte des Todes gegangen, und 
ein Merkwurdiges stellt sich heraus der okkulten Betrachtung der 
Seele dieses Mannes. Man kann sagen, die Bedeutung des Lebens der 
Seele in diesem morschen Korper lernt man erst nach dem Tode 
kennen. Dasjenige, was diese Seele aufnahm, wahrend sie geistig treu 
mitarbeitete an dem Fortgang der anthroposophischen Bewegung, das 
entwickelte grofiere Kraft, mochte man sagen, unter der Oberflache 
des allmahlich hinsterbenden Leibes. Der morsche Leib verdeckte das, 
solange die Seele selbst in diesem Leibe war. Und jetzt, wenn man mit 
dieser Seele zusammenkommt nach dem Tode, jetzt leuchten auf, so 
wie sie eben nur im geistigen Leben auf leuchten konnen, die Inhalte 



des Lebens, die diese Seele aufgenommen hat; und wie ein gewaltiges 
kosmisches Tableau ist, ich mochte sagen, die Wolke vorhanden, in 
der unser Freund nun, nachdem er die Pforte des Todes dur chschritten 
hat, lebt. Fur den okkulten Betrachter ist das ein eigenartiger Anblick. 
Man kann ja nun vielleicht sagen: Der okkulte Betrachter kann ja 
auch die Blicke umherschweifen lassen in dem ganzen weiten Umkreis 
der geistig-kosmischen Welt. Aber es ist noch etwas anderes, den Blick 
umherschweifen zu lassen in dem ganzen Umkreis der kosmischen 
psychischen Welt und dann noch abgesondert zu sehen aus einer be- 
sonderen Menschenseele heraus etwas, was sich wie ein gewaltiges 
Tableau ausnimmt, wie ein Gemalde desjenigen, was sonst sich selbst 
in der geistigen Welt zeigt. Wie wenn man die Welt des physischen 
Planes um sich herum hat und dann sie widergespiegelt sieht in den 
grofiartigen Gemalden eines Raffael, eines Michelangelo, so ist es in 
der geistigen Welt in dem Falle, von dem hier gesprochen wird. Wie 
man niemals sagt, wenn man einem Gemalde von Raffael oder 
Michelangelo gegeniibersteht: Ach, dieses Gemalde gibt mir nichts 
mehr, denn ich habe ja die grofie Wirklichkeit vor mir, so sagt man 
nicht, wenn man das Tableau betrachtet, das in einer Seele wider- 
spiegelt, was man sonst im Anschauen der geistigen Wirklichkeit 
sieht, daft das gewaltige Aufleuchten dieses Seelentableaus uns nicht 
eine unendliche Bereicherung sei. Und gesagt werden darf, daft man 
unendlich mehr noch lernt, als man aus dem unmittelbaren Anblick 
der weiten geistigen Wirklichkeit lernen kann, wenn man vor sich 
hat den Freund, der gestorben ist, der in seiner eigenen Seele nach 
dem Tode eine Widerspiegelung enthalt alles dessen, was geschildert 
werden durfte seit vielen Jahren aus den geistigen Weiten heraus. 

Dieses ist ein okkulter Tatbestand. Diesen okkulten Tatbestand 
habe ich ja unseren anthroposophischen Freunden schon wiederholt 
an anderen Orten auseinandergesetzt. Ich habe das jetzt herausge- 
hoben, was f iir unsere heutige Betrachtung wichtig sein kann. So, wie 
sich dieser okkulte Tatbestand dargestellt hat an Christian Morgen- 
stern, zeigt er mir noch etwas anderes. Man kann oftmals, wenn man 
sieht, welchen Widerstand heute die Verkiindigung der okkulten 
Lehre, wie wir sie meinen, noch findet, vielleicht die Frage stellen, 



ich will nicht sagen zweifeln, aber die Frage stellen: Welchen Fort- 
gang in den menschlichen Herzen, in den menschlichen Seelen wird 
diese okkulte Lehre finden? Gibt es eine Garantie, eine Biirgschaft 
dafiir, daft das, was wir uns heute erarbeiten innerhalb unserer An- 
throposophischen Gesellschaft, fortwirken werde im Verlauf der gei- 
stigen Menschheitsentwickelung? Der Anblick dessen, was die Seele 
unseres Freundes geworden ist, der gibt aus der okkulten "Welt heraus 
eine solche Biirgschaft. Warum? Unser Freund, der uns die Dichtun- 
genhinterlassenhat «Wir fanden einenPfad», erlebt in dem gewaltigen 
kosmischen Tableau, das wie eine Art Seelenleib ist fur ihn nach dem 
Tode. Er hat aber, wahrend er mit uns verbunden war innerhalb 
unserer anthroposophischen Stromung, aufgenommen dasjenige, was 
wir zu sagen haben iiber den Christus. Indem er aufnahm die anthro- 
posophische Lehre, indem er diese anthroposophische Lehre mit seiner 
Seele so verband, daft sie wirklich das geistige Herzblut seiner Seele 
wurde, hat er diese Lehre auch so in seiner Seele aufgenommen, daft 
diese anthroposophische Lehre fur ihn den Christus als Substanz in 
sich enthielt. Er hat sie mit der Christus- Wesenheit zugleich aufge- 
nommen. Der Christus, wie er in unserer Bewegung lebt, ist in seine 
Seele zugleich ubergegangen. 

Und nun stellt sich bei der Betrachtung des okkulten Tatbestandes 
das Folgende dar. Der Mensch, der durch die Pforte des Todes geht, 
ja, er kann in einem solchen kosmischen Tableau leben, er wird mit 
ihm schreiten durch das Leben, das zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt liegt; das wird wirken in seiner ganzen Wesenheit, das wird 
sich einverleiben seiner ganzen Wesenheit, besser wurde ich sagen 
«einverseelen» seiner ganzen Wesenheit, und es wird sein neues Erden- 
leben durchdringen, wenn er zu einem solchen Erdenleben wieder her- 
untersteigt. Es tragt insofern dazu bei, daft eine solche Seele selbst 
einen Keim von Vollkommenheit aufnimmt fur das eigene Leben, daft 
diese Seele selbst weiterschreitet in der Evolution des Erdendaseins. 
Das alles geschieht dadurch, daft eine solche Seele so etwas aufge- 
nommen hat, wie es gesagt worden ist. Aber nun hat diese Seele, wie 
es eben angefiihrt worden ist, das alles aufgenommen durchtrankt und 
durchgeistigt von der Christus-Wesenheit, von den Vorstellungen, die 



wir uns iiber die Christus- Wesenheit aneignen konnen. Dadurch aber 
ist das, was eine solche Seele aufgenommen hat, nicht bloft ein Gut, 
das zur Weiterentwickelung dieser Seele aliein dient, sondern ein Gut, 
das durch den Christus, der der ganzen Menschheit gemeinschaftlich 
ist, auf die ganze Menschheit wiederum wirkt. Und jenes Seelen- 
tableau, das sich dem hellsichtigen Auge entwickelt in der Seele, die 
diesen Friihling durch die Pforte des Todes gegangen ist, jenes Seelen- 
tableau, so wie es sich darstellt, durchchristet, es ist mir Biirgschaft 
dafiir, daft das, was heute gesprochen werden darf aus den geistigen 
Welten, herunterleuchten wird durch die Liebe des Christus in Seelen, 
die in spaterer Zeit kommen werden; diese Seelen, sie werden davon 
durchfeuert, sie werden davon inspiriert werden. Nicht allein wird 
unser Freund in seinem eigenen Leben die durchchristete Anthroposo- 
phie zur eigenen Vervollkommnung weiter tragen, sondern dadurch, 
daft er durchchristet sie aufgenommen hat, wird sie aus der geistigen 
Welt heraus ein Impuls den Seelen werden, die in den kommenden 
Jahrhunderten aufleben; in sie hineinstrahlen wird dasjenige, was 
durchchristet ist. Eure Seelen konnen das, was sie aus der durchchriste- 
ten Anthroposophie bekommen als ihr bestes Gut, nicht nur fiir sich 
selbst aufnehmen, sondern es durch spatere Evolutionszeiten tragen. 
Durchchristen sie es, so flieftt es, weil der Christus das Wesen ist, 
das der ganzen Menschheit gehort, als eine Saat hinein in die ganze 
Menschheit. Wo der Christus dabei ist, vereinzeln sich nicht die 
Guter des Lebens; sie bleiben fruchtbar fiir den Einzelnen, aber sie 
nehmen zugleich den Charakter eines Gutes fiir die ganze Mensch- 
heit an. 

Das ist es, was wir uns klar vor die Seele zu stellen haben. Dann 
sehen wir, welch bedeutender Unterschied waltet, ob wir Weisheit 
aufnehmen nicht durchchristet, oder ob wir Weisheit aufnehmen 
durchleuchtet von dem Christus-Licht. Wir sind ja nicht, wenn wir 
auf dem Felde unserer engeren Gemeinschaft zusammenkommen, 
dazu da, abstrakte Betrachtungen anzustellen, meine lieben Freunde, 
wir sind da, um ungescheut gegeniiber demjenigen, was die heutige 
Welt gegen den Okkultismus, gegen den wahren Okkultismus hat, 
diesen Okkultismus wirklich zu treiben. Daher darf auch dasjenige 



beriihrt werden, was eben nur durch das Forschen im Geistigen wirk- 
lich zu unserer Kenntnis kommen kann. 

Ein zweiter Fall soil angefiihrt werden. Wir waren veranlaftt, in 
den letzten Jahren in Miinchen mancherlei, was wir Mysterien nennen, 
aufzufiihren, und auch unsere schwedischen Freunde haben vielfach 
teilgenommen an diesen Mysterienauffiihrungen. Auch das, was ich 
jetzt sage, habe ich von einer gewissen Seite her schon manchen Freun- 
den mitgeteilt. Ja, bei diesen Mysterienauffiihrungen muftte manches 
anders getan werden als bei anderen Auffuhrungen. Es muftte ge- 
wissermaften die Verantwortung gefiihlt werden gegeniiber der gei- 
stigen Welt. Man konnte nicht wie an eine Theaterauffiihrung an 
diese Mysterienauffuhrung gehen. Gewift, was man macht in einem 
solchen Fall, das mufi gemacht werden aus den eigenen Seelenkraften 
heraus. Aber machen wir uns nur einmal klar, daft wir angewiesen 
sind auch im physischen Leben, wenn wir dieses oder jenes durch den 
Willen unserer Seele durchfuhren wollen, unsere Muskelkraft, die uns 
auch von aufien zukommt, die aber doch uns gehort, dazu zu gebrau- 
chen. Haben wir sie nicht, diese Muskelkraft, die uns von auften zu- 
kommt, so konnen wir gewisse Dinge ja nicht ausfiihren. In gewisser 
Weise gehort die Muskelkraft zu uns und doch wiederum nicht zu 
uns. So ist es mit unseren geistigen Fahigkeiten, nur daft uns dabei 
nicht helfen physische Krafte, Muskelkraft, wenn diese Fahigkeiten 
im Geistigen sich betatigen sollen, sondern daft uns da die Krafte der 
geistigen "Welt selbst zu Hilfe kommen mussen, daft uns da gleichsam 
durchstrahlen und durchsetzen mussen die Krafte, die aus der geistigen 
Welt in unsere physische Welt hineindringen. Und wahrhaftig, es 
mogen andere solche Unternehmungen, wie sie unsere Miinchener 
Spiele waren, mit einem anderen Bewufttsein beginnen, fur mich selbst 
wurde es klar, daft die Sache nur ausgefiihrt werden durfte im Laufe 
der Jahre, daft die verschiedenen Initiativen nur ergriffen werden 
durften, wenn ganz bestimmte, gerade nach dieser Richtung hin 
gehende geistige Krafte in unsere Menschenkrafte hineinflieften, wenn 
gewissermaften geistige Schutzengelkrafte in unsere menschlichen 
Krafte hineinflieften. 

Es war in den allerersten Zeiten, als wir begannen, in einem kleinen 



Kreise noch, geisteswissenschaftlich zu arbeiten. Es war em sehr 
kleiner Kreis, und man konnte ihn immer, wenn wir zusammenkamen 
im Beginn unseres Jahrhunderts in Berlin, seiner Kopfzahl nach leicht 
iiberzahlen. Aber eine treue Seele war fur kurze Zeit immer unter 
diesen, eine Seele, die durch ihr Karma ausgestattet war mit einem 
ganz besonderen Talent fur Schonheit und Kunst. Diese Seele hat, 
wenn auch nur kurze Zeit, aber doch mit uns gearbeitet, gerade in 
bezug auf alles Intimste, was dazumal zu durcharbeiten war auf dem 
geisteswissenschaftlichen Felde. Mit Innigkeit und mit einem abge- 
klarten inneren Feuer arbeitete diese Seele unter uns und nahm ins- 
besondere die Lehren auf, die dazumal aus der Geisteswissenschaft 
namentlich iiber gewisse kosmologische Zusammenhange gegeben wer- 
den konnten. Und ich wei£ heute noch, wie dazumal eine Tatsache 
zum Beispiel vor meine Seele trat, die vielleicht unbedeutend erschei- 
nen konnte, die aber doch hier angefiihrt werden darf: Als unsere an- 
throposophische Bewegung begann, da begann sie auch damit, dafi eine 
Zeitschrift, die damals aus wohlerwogenen Griinden heraus «Luzifer» 
genannt wurde, den Anfang machte. Ich schrieb dazumal einen Artikel 
unter dem Titel «Luzifer», einen Artikel, der enthalten sollte, wenig- 
stens der Anlage nach, die Richtlinien, unter denen wir arbeiten woll- 
ten. Ich darf wohl sagen, schon dieser Artikel ist, wenn es auch nicht in 
Worten ausgesprochen ist, in denjenigen Linien gehalten, in denen dann 
unsere Theosophische und jetzt AnthroposophischeGesellschaft gehalten 
werden mufi, und ich darf sagen: Auch dieser Artikel ist durchchristet. 
Man nimmt dasjenige, was christliches Lebensblut ist, auf, wenn man 
den Artikel aufnimmt. Ich darf heute vielleicht erwahnen, dafi dieser 
Artikel dazumal auch in dem Kreise der wenigen, die aus der alten theo- 
sophischen Bewegung heraus sich an uns angeschlossen hatten, die 
heftigste Opposition erfuhr. Alliiberall wurde dieser Artikel fur etwas 
genommen, was eigentlich ganz untheosophisch sei. Die Personlichkeit, 
von der ich eben sprach, war mit dem allerwarmsten Herzen und 
mit der tiefsten Innigkeit gerade bei diesem Artikel, und ich konnte 
mir sagen: Diese Zustimmung wiegt mehr fur den Fortgang der an- 
throposophischen Bewegung als die ganze iibrige Opposition, wenn 
es auf die Wahrheit ankommt. Kurz, ganz verwoben war diese Seele 



mit dem, was in unsere Geistesstromung hineinflieften sollte. Sie starb 
bald; sie ging durch die Pforte des Todes schon 1904. Sie hatte einige 
Zeit sich durchzuringen in der geistigen "Welt nach dem Tode zu dem, 
was sie eigentlich war. Und noch nicht 1907, aber von unseren Spielen 
in Miinchen, den Mysterienspielen von 1909 ab, dann immer steigend 
durch die folgenden Zeiten, da war es diese Seele, die immer hinter 
demjenigen schiitzend und klarend stand, was ich vornehmen durfte 
fur unsere Munchener Festspiele. Was diese Seele durch ihre Anlage 
in bezug auf Schonheit fur die kiinstlerische Verwirklichung unserer 
geistigen Ideale geben konnte, das wirkte herab aus der geistigen Welt 
wie von dem Schutzengel unserer Mysterienspiele kommend, so dafi 
man Kraft in sich fiihlte, diejenige Initiative zu ergreifen, die not- 
wendig war, weil, wie im Physischen unsere Muskelkraft uns unter- 
sttttzt, so die geistige Kraft, die aus den geistigen Welten herunter- 
stromt, in die eigene geistige Kraft hineinflofi. 

So wirken die Toten mit uns. So sind sie mit uns. Das war wieder 
ein Fall — und jetzt kommt die Wendung, von der ich insbesondere 
heute sprechen mu# — , das war wieder ein Fall, wo nicht blofi fur die 
betreffende Personlichkeit zu ihrem eigenen Fortschritt in ihrem in- 
dividuellen Leben das sichtlich beitrug, was sie aufgenommen hatte 
auf dem anthroposophischen Felde, sondern es flofi uns ja wiederum 
zuriick in etwas, was wir tun durften fur die ganze anthroposophische 
Bewegung. Es waren zwei Moglichkeiten vorhanden: die eine, dafi 
eben diese Personlichkeit aufgenommen hatte das, was sie aufnehmen 
konnte, dafi sie es in ihrer Seele hatte und daft sie es nun m ihrem 
weiteren Fortschreiten durch das Leben, auch durch das Leben nach 
dem Tode, fiir sich verwenden konnte. Das ist so recht, das soil so 
geschehen, denn die Menschenseele muft, wenn sie ihr gottliches Ziel 
erreichen soil, immer vollkommener und vollkommener werden; sie 
mufi alles tun, was zu dieser Vervollkommnung beitragen kann. "Weil 
aber auch diese Seele schon die ganze Gesinnung der Durchchristetheit 
in sich aufgenommen hatte, konnte das, was sie aufgenommen hatte, 
nicht nur fiir sie selbst wirken, sondern es konnte herunterfliefien zu 
uns, es konnte eine Art Gemeingut werden, Gemeingut in seiner 
Wirksamkeit. 



Das ist es, was der Christus macht, wenn er unsere Erkenntnis- 
friichte durchdringt. Er nimmt nicht weg, was diese Erkenntnisfriichte 
fur unsere Individuality darstellen, aber der Christus ist gestorben 
fiir alle Seelen, und wenn wir uns aufschwingen zu der Erkenntnis, 
welche die Erkenntnis des richtigen Erdenmenschen sein mufi: « Nicht 
ich, sondern der Christus in mir»; wenn wir gleichsam den Christus 
in uns wissen bei allem, was wir selbst wissen, wenn wir dem Christus 
zuschreiben die Krafte, die wir selbst verwenden, dann wirkt das, 
was wir in uns aufnehmen, nicht nur fiir uns allein, sondern fiir die 
ganze Menschheit. Dann wird es fruchtbar fiir die ganze Menschheit. 
Wo wir hinblicken auf dem Erdenrund zu Menschenseelen: fiir alle 
ist der Christus gestorben, und dasjenige, was die Menschenseelen in sei- 
nem Namen aufnehmen, das nehmen sie zu ihrer eigenen Vervollkomm- 
nung, aber auch als teure Wirkensgiiter fiir die ganze Menschheit auf. 

Nunmehr blicken wir zuriick zu dem, was in den Einleitungsworten 
des heutigen Abends gesprochen worden ist. 

Gesagt worden ist: "Wenn wir nach dem Tode zuriickblicken 
in unserem Lebenstableau auf dasjenige, was wir durchlebt haben, 
dann kommt es uns vor, als ob unsere Ideale etwas Fremdes haben 
konnten. Die Empfindung, die wir da durchmachen, ist diese, dafi 
wir diesen Idealen es anfiihlen: sie tragen uns eigentlich nicht hin zu 
dem allgemeinen Menschenleben, sie haben keine Eigenbiirgschaft fiir 
Realitat in dem allgemeinen Menschenleben; sie fiihren uns hinweg 
von dem allgemeinen Menschenleben. Es ist eine starke Gewalt, welche 
Luzifer hat gerade iiber unsere Ideale, weil sie so schon aus der mensch- 
lichen Seele herausquellen, aber eben nur aus der menschlichen Seele, 
und nicht in der aufieren Wirklichkeit wurzeln. Deshalb hat Luzifer 
eine solche Gewalt, und es ist eigentlich der magnetische Zug des 
Luzifer, den wir in unseren Idealen nach dem Tode spiiren. Luzifer 
kommt an uns heran, und gerade wenn wir Ideale haben, sind sie ihm 
besonders wertvoll, er kann uns auf dem Umweg durch diese Ideale 
zu sich hinziehen. Aber wenn wir dasjenige, was wir geistig durch- 
dringen, mit dem Christus durchziehen, wenn wir den Christus in uns 
erfiihlen, und wenn wir wissen: Dasjenige, was wir aufnehmen, nimmt 
der Christus mit in uns auf - «Nicht ich, sondern der Christus in mir» 



(Galater 2, 20) -, dann ist es, wenn wir durch die Pforte des Todes tre- 
ten, nicht so, dafi wir auf unsere Ideale so zuriickblicken, als ob sie ims 
der Welt entfremden wollten, sondern dann haben wir unsere Ideale 
gleichsam dem Christus ubergeben; dann erkennen wir, dafi der Christus 
es ist, der unsere Ideale zu seiner eigenen Sache macht. Er nimmt unsere 
Ideale auf sich. Und der Einzelne kann sich sagen: Nicht ich kann 
meine Ideale allein so auf mich nehmen, dafi sie ebenso sichere Keime 
fiir die Menschheit der Erde sind, wie die Pflanzenkeime des heutigen 
Sommers sichere Keime fiir die Pflanzendecke des nachstens Sommers 
sein werden; aber der Christus in mir kann es. Der Christus in mir 
durchzieht meine Ideale mit der Realitat der Substanz. — Und die 
Ideale, die wir so in uns hegen, daft wir uns sagen: Ja, als Mensch 
fassen wir sie, die Ideale, auf diesem Erdenrund, aber in uns lebt der 
Christus, und er ubernimmt unsere Ideale — diese Ideale sind reale 
Keime fiir zukunftige Wirklichkeit. Durchchristeter Idealismus ist 
mit dem Keim der Realitat durchsetzt. Und derjenige, der den Chri- 
stus wirklich versteht, der sieht auf diese Ideale so hin, daft er sagt: 
Jetzt haben Ideale noch nicht etwas in sich, was ihnen ihre Realitat, 
ihren Wirklichkeits-Charakter so verburgt, wie dem Pflanzenkeim der 
Wirklichkeits-Charakter fiir das nachste Jahr verburgt ist, aber wenn 
wir unsere Ideale so auffassen, daft wir sie dem Christus in uns uber- 
geben, dann sind sie reale Keime. Und derjenige, der ein wirkliches 
Christus-Bewufitsein hat, der das Paulinische Wort «Nicht ich, son- 
dern der Christus in mir — ist der Trager meiner Ideale» zu seiner 
Lebenssubstanz macht, der sieht so darauf hin, daft er sagt: Ja, da 
sind die reifen Saaten mit ihren Keimen, da sind Fliisse und Meere, 
da bilden sich Berge und Taler. Aber daneben ist die Welt des Idealis- 
mus; diese Welt des Idealismus ist von dem Christus ubernommen, 
und sie ist wie in der gegenwartigen Welt der Keim zur zukiinftigen 
Welt. Denn der Christus tragt unsere Ideale so hinuber in die zukiinf- 
tige Welt, wie hiniibertragt der Gott der Natur die Pflanzenkeime 
dieses Jahres in das nachste Jahr. 

Das gibt dem Idealismus Realitat, das benimmt der Seele jene her- 
ben, jene diisteren Zweifel, die in ihr aufsteigen konnen, wenn sie be- 
schlichen wird von dem Gefiihl: Was wird aus der Welt der Ideale, 



die innig mit der aufSeren Realitat verkniipft sind, die verkniipft sind 
mit all dem, was ich f iir wertvoll halten muii ? Das, was in der mensch- 
lichen Seele als Idealismus, als Weisheitsgut heranreift, das verspiirt 
derjenige, der den Christus-Impuls in sich aufnimmt, mit Realitat 
durchdrungen, mit Realitat durchsattigt. Und ich habe Ihnen die zwei 
Beispiele angefuhrt, um Ihnen daran zu zeigen aus der okkulten Welt 
heraus, wie anders wirkt dasjenige, was durchchristet der Seele an- 
vertraut wird, als das, was nur als Weisheit, die nicht durchchristet 
ist, der Seele anvertraut ist. Wahrhaftig, ganz anders dringt zu uns 
herunter das, was die Seele sich in diesem Erdenleben durchchristet 
hat, als das, was sie nicht durchchristet hat. 

Es macht einen erschiitternden Eindruck, wenn das hellsichtige 
Bewufitsein hinaufschaut in die geistige Welt und sieht fur ihre Ideale 
die Seel en kampfen, in denen in der letzten Inkarnation noch nicht 
das voile Christus-Bewufitsein aufgegangen ist, sieht die Seelen kamp- 
fen fur ihr Teuerstes, weil in ihren Idealen Luzifer eine Gewalt iiber 
sie hat, so dafi er sie abtrennen kann von den Friichten, die als reale 
Friichte die ganze Welt geniefien soli. Anders ist der Anblick bei 
denjenigen, die ihr Weisheitsgut, ihr Seelengut haben durchchristet 
sein lassen, die, wie einen Abglanz in uns hervorrufend, seelenbelebend 
schon in dieses Leben im Leibe herunterwirken. 

Was so empfunden werden kann wie teuerste innere Seelenwarme, 
wie Trost in den schwersten Lagen des Lebens, wie Stutze in den 
schwersten Abgriinden des Lebens, das ist eben das Durchdrungensein 
mit dem Christus-Impuls. Und warum ? Weil derjenige, der wirklich 
durchdrungen ist mit dem Christus-Impuls, fiihlt, wie in den Er- 
oberungen seiner Seele, mogen sie noch so unvollkommen sich aus- 
nehmen gegeniiber dem Erdenleben, dieser Christus-Impuls als die 
Gewahr und Burgschaft fur die Verwirklichung darinnen liegt. Des- 
halb ist der Christus ein solcher Trost in den Zweifeln des Lebens, 
eine solche Stutze der Seele. Wie vieles bleibt den Seelen auf der 
Erde unerfullt in dem Leben, wie vieles erscheint ihnen wertvoll, ohne 
dafi sie es anders ansehen konnen gegeniiber der aufieren physischen 
Welt als wie oftmals zerstorte Lenzeshoffnungen. Was wir aber so 
aufrichtig in unserer Seele fiihlen, was wir mit unserer Seele vereinigen 



als ein wertvoll gedachtes Gut, das konnen wir dem Christus iiber- 
geben. Und wie es auch aussehen mag fiir die Verwirklichung: wenn 
wir es dem Christus iibergeben haben, dann tragt er es auf seinen 
Fliigeln in die Wirklichkeit hinein. Man braucht das nicht immer zu 
wissen, aber die Seele, die den Christus in sich fuhlt, so wie der Leib 
sein Blut als belebendes Element in sich fuhlt, die fuhlt das Warmende, 
das Realisierende dieses Christus-Impulses gegeniiber alledem, was die 
Seele in der aufieren Welt nicht realisieren kann, aber realisieren 
mochte, berechtigterweise realisieren mochte. 

Dafi das helisichtige Bewufksein diese Dinge sieht, wenn es die 
Seelen betrachtet nach dem Tode, das ist eben nur ein Beweis dafttr, 
wie berechtigt das Gefiihl ist der Menschenseele, wenn sie bei allem, 
was sie tut, bei allem, was sie denkt, sich durchchristet fuhlt, den 
Christus als ihren Trost, als ihre Stiitze, als dasjenige in sich auf- 
nimmt, von dem sie sagt in diesem Erdenleben: « Nicht ich, sondern 
der Christus in mir.» Man sage dies «Nicht ich, sondern der Christus 
in mir» in diesem Erdenleben! 

Erinnern Sie sich an eine Stelle, die im Anfang meiner «Theosophie» 
steht, die einen derjenigen Punkte zeigen soil, wo verwirklicht wird 
auf einer gewissen Stufe des geistigen Lebens, was in dieser Welt des 
Erdenlebens die Seele durchdringt. Ich habe an einer bestimmten Stelle 
meiner «Theosophie» darauf aufmerksam gemacht, dafi das «Tat 
twam asi», «Das bist du», das die morgenlandischen Weisen medi- 
tieren, wie eine Wirklichkeit vor sie hintritt gerade in dem Momente, 
wo der Obergang aus der sogenannten Seelenwelt in die Geisteswelt 
geschieht. Sehen Sie nach an der betreffenden Stelle. 

Aber noch etwas anderes kann Wirklichkeit werden, Wirklichkeit 
werden in einer menschlich ungeheuer bedeutungsvollen Art, von dem, 
was diese Menschenseele, die sich durchchristet fuhlt, sich in diesem 
Leben sagen kann: das paulinische Wort «Nicht ich, sondern der 
Christus in mir». Weift man es so zu denken, dafi es innere Wahrheit 
ist, dieses Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann ver- 
wirklicht es sich nach dem Tode in einer gewaltigen, in einer bedeut- 
samen Weise. Denn was wir unter diesem Lebensgesichtspunkte in 
der Welt aufnehmen, unter dem Lebensgesichtspunkte des « Nicht ich, 



sondern der Christus in mir», das wird so unser Eigentum, das wird 
so unsere innere Natur zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, 
dafi wir durch das, was so unsere innere Natur geworden ist, es als 
Frucht der ganzen Menschheit zuerteilen diirfen. Was wir so auf- 
nehmen, dafi wir es aufnehmen unter dem Gesichtspunkte «Nicht 
ich», das macht der Christus zum Gemeingut der ganzen Menschheit. 
Was ich aufnehme unter dem Gesichtspunkte «Nicht ich», von dem 
darf ich nach dem Tode sagen und fiihlen: Nicht mir allein, sondern 
alien meinen Menschenbriidern ! Und dann allein darf ich das Wort 
aussprechen: J a, ich habe ihn geliebt iiber alles, auch iiber mich selbst, 
deshalb habe ich gehorcht dem Gebote: «Liebe deinen Gott iiber alles. » 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir.» 

Und ich habe es erfullt, das andere Gebot: «Liebe deinen Nachsten 
als dich selbst.» Denn dasjenige, was ich mir selbst erworben habe, 
das wird dadurch, daft es der Christus in die Realitat tragt, Gemein- 
gut der ganzen Erdenmenschheit. 

Man mufi solche Dinge auf sich wirken lassen, dann erfahrt man, 
was der Christus in der Menschenseele zu bedeuten hat, wie der Chri- 
stus der Menschenseele Trager und Sttttze, der Menschenseele Troster 
und Durchleuchter sein kann. Und man fiihlt sich allmahlich hinein 
in dasjenige, was man nennen kann die Beziehung des Christus zur 
menschlichen Seele. 

Davon wollen wir dann morgen weitersprechen. 



DRITTER VORTRAG 
Norrkoping,15.Julil914 



Einer derjenigen Begriffe, die uns aufstoften miissen, wenn die Rede 
ist von den Beziehungen des Christus zur menschlichen Seele, ist 
zweifellos der Begriff von Schuld und Siinde. Wir wissen ja, welch 
einschneidende Bedeutung die Begriffe von Schuld und Siinde haben 
etwa im Christentum des Paulus. Wir miissen allerdings sagen, unser 
gegenwartiges Zeitalter ist wenig geneigt, ein wirklich tiefes inneres 
Verstandnis zu haben fur den weiteren Zusammenhang auch, der uns 
bei Paulus entgegentritt zwischen den Begriffen Schuld und Siinde 
und Tod und Unsterblichkeit. Aber das liegt im Materialismus unserer 
Zeit begriindet. Wir brauchen uns nur an die Worte zu erinnern, die 
ich in der ersten Betrachtung, die ich hier anstellte, gesagt habe: daft 
ja eine Unsterblichkeit der Menschenseele ohne die Fortsetzung des 
Bewufttseins hinaus in die Zustande nach dem Tode keine wahre Un- 
sterblichkeit bedeuten wiirde. Eine Beendigung des Bewufttseins mit 
dem Tode wiirde gleichbedeutend sein mit der Tatsache, die man dann 
annehmen miiftte: daft eben der Mensch eigentlich nicht unsterblich 
sei. Denn des Menschen Wesenheit unbewuftt fortbestehend nach dem 
Tode wiirde bedeuten, daft das Allerwichtigste, das, was den Menschen 
zum Menschen macht, nach dem Tode nicht bestehen wiirde. Und 
eine unbewuftte Menschenseele, die den Tod iiberdauern wiirde, wiirde 
ja sozusagen nicht viel mehr bedeuten als die Summe von Atomen, 
welche auch der Materialismus annimmt, die bleiben sollen, auch 
wenn der menschliche Leib zerstort wird. 

Fur Paulus stand eben noch felsenfest, daft man von Unsterblich- 
keit nur reden konne bei Aufrechterhaltung des individuellen Bewuftt- 
seins. Und da er das individuelle Bewufttsein von Siinde und Schuld 
abhangig denken muftte, so konnte Paulus selbstverstandlich denken: 
Wenn des Menschen Bewufttsein umnebelt wird nach dem Tode von 



Siinde und Schuld oder von den Folgen von Sunde und Schuld, wenn 
also das Bewufitsein nach dem Tode gestort wird von Siinde und 
Schuld, so bedeutet das, daft Siinde und Schuld den Menschen wirklich 
toten, den Menschen als Seele toten, als Geist toten. Weit entfernt 
davon ist naturlich das materialistische Bewufitsein unserer Zeit, auch 
dasjenige vieler philosophischen Forscher der Gegenwart, die zufrie- 
den sind, von einem Fortleben der Menschenseele zu sprechen oder 
sprechen zu konnen, wahrend menschliche Unsterblichkeit nur iden- 
tifiziert werden darf mit bewu$tem Fortbestehen der Menschenseele 
nach dem Tode. 

Nun entsteht ja gewifi, insbesondere fur die anthroposophische 
Weltanschauung, leicht eine Schwierigkeit. Um auf diese Schwierig- 
keit zu kommen, braucht man nur aufmerksam zu machen auf das 
gegenseitige Verhaltnis der Begriffe «Schuld und Siinde» und «Kar- 
ma». Das wird ja von manchen Anthroposophen so erledigt, dafi sie 
einfach sagen: Wir glauben an Karma, das heiik: eine Schuld, die 
ein Mensch in irgendeiner Verkorperung begeht, die tragt er mit, mit 
seinem Karma, und tragt sie spater ab; es wird also im Verlauf der 
Inkarnationen ein Ausgleich geschaffen. — Und nun beginnt hier die 
Schwierigkeit. Die Anthroposophen sagen dann leicht: Wie kann das 
vereinbar sein mit dem als christlich angenommenen Begriff zum Bei- 
spiel von der Sundenvergebung durch Christus ? Und dennoch wieder- 
um, mit wahrem Christentum ist der Begriff der Sundenvergebung 
durchaus verbunden. Man braucht zum Beispiel nur an das eine zu 
denken: Christus am Kreuz, zwischen den beiden Verbrechern. Der 
Verbrecher links spottet iiber Christus: «Wenn Du Gott sein willst, hilf 
Dir und uns!» (Lukas 23, 39) Der Verbrecher rechts sagt darauf: der 
andere solle nicht so sprechen, denn sie beide hatten eben ein Schicksal 
mit dem Kreuzestod verdient, das ihren Taten angemessen sei, der aber 
sei unschuldig und miisse das gleiche Schicksal erleben. Und es fiigt hinzu 
der Verbrecher rechts: «Wenn Du in deinem Reiche bist, dann gedenke 
meiner.» Und es antwortet ihm Christus: «Wahrlich, ich sage dir, heute 
noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» (Lukas 23, 42 u. 43) Dieses 
Wort lafit sich gewifi aus den Evangelien nicht einfach wegleugnen, auch 
nicht wegdisputieren, sondern es ist ein wichtiges, ein bedeutungs- 



voiles Wort. Der Anthroposoph hat nun die Schwierigkeit, die ihm 
aus der Frage entsteht: Wenn der Verbrecher rechts dasjenige, was 
er angestellt hat, mit seinem Karma abzuwaschen hat, was soli es dann 
heiften, daft Christus, gleichsam ihm verzeihend, ihm vergebend sagt: 
«Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein» ? Der Anthroposoph 
kann sagen: Der Verbrecher rechts wird mit seinem Karma seine 
Schuld abzuwaschen haben wie der Verbrecher links. 

Warum wird da durch Christus ein Unterschied gemacht zwischen 
dem Verbrecher rechts und dem Verbrecher links ? Es ist ganz zweif el- 
los, daft hier fur die anthroposophische Karma-Auffassung eine 
Schwierigkeit vorliegt. Diese Schwierigkeit ist auch nicht leicht zu 
losen; sie lost sich aber, wenn man gerade mit geisteswissenschaftlicher 
Forschung tiefer in das Christentum hineinschurft, wenn man tiefer 
hineinzukommen versucht in das Christentum. Und ich will jetzt von 
einer ganz anderen Seite her die Sache angreifen, von einer Seite, 
deren Wesen Ihnen zwar schon bekannt ist, die uns aber doch nahe- 
bringen kann eigentumliche Verhaltnisse, die da vorliegen. 

Erinnern Sie sich nur einmal, meine lieben Freunde, wie wir oftmals 
sprechen von Luzifer und Ahriman, und erinnern Sie sich dabei, wie 
in meinen Mysteriendramen Luzifer und Ahriman dargestellt sind. 
In dem Augenblick, wo man beginnt, ich mochte sagen, menschlich- 
anthropomorphistisch die Sache anzusehen und einfach aus Luzifer so 
eine Art inneren und aus Ahriman eine Art aufteren Verbrecher macht, 
in diesem Augenblick wird man schwer zurechtkommen; denn ver- 
gessen wir nur nicht, daft gesagt werden muft, daft Luzifer neben dem 
Bringer des Ubels und so weiter in die Welt, des inneren Obels, das 
durch die Leidenschaften entsteht, auch der Bringer der Freiheit ist, 
daft Luzifer eine wichtige Rolle spielt im Weltenganzen. Ebenso muft 
von Ahriman gesagt werden, daft er eine wichtige Rolle spielt im 
Weltenganzen. Wir haben es ja, als begonnen wurde zuerst mehr iiber 
Luzifer und Ahriman zu sprechen, erlebt, daft Anthroposophen in 
einer gewissen Weise unruhig geworden sind. Sie haben auf der einen 
Seite, ich mochte sagen, noch solch ein Nachgefiihl von dem, was man 
immer aus Luzifer gemacht hat: daft das eigentlich ein schrecklicher 
Verbrecher in der Welt ist, vor dem man sich nur hiiten musse. In 



dieses Gefiihl gegeniiber Luzifer kann naturlich der Anthroposoph 
nicht so ohne weiteres einstimmen, weil er Luzifer erne wichtige Rolle 
zuerteilen mufi im Weltenganzen. Und dennoch wiederum, man mufi 
Luzifer hinstellen als einen Gegner der fortschreitenden Gotter, als 
einen Geist also, der den Schopfungsplan in einer gewissen Weise 
durchkreuzt, als einen Feind derjenigen Gotter, die wir eigentlich ver- 
ehren miissen. "Wir schreiben also im Grunde genommen, wenn wir 
so iiber Luzifer sprechen, einem Gotterfeind eine wichtige Rolle zu 
im Weltenganzen. Und in ahnlicher Weise miissen wir es ja auch bei 
Ahriman machen. 

Es ist begreiflich auf der einen Seite, dafi nun das menschliche Ge- 
miit kommt und sagt: Ja, was soil ich nun eigentlich mit diesem Luzi- 
fer und mit Ahriman anfangen; soil ich sie nun hassen oder lieben? 
Ich wei$ nicht recht, was ich mit ihnen anfangen soli ! — Woher kommt 
das alles? Nun, wenn man von Luzifer und Ahriman spricht, dann 
muft doch deutlich werden aus der Art, wie man iiber sie spricht, dafi 
man von ihnen spricht als von Wesen, die eigentlich in ihrer ganzen 
Eigentumlichkeit nicht dem physischen Plan angehoren, die gewisser- 
mafien ihre Mission und Aufgabe in der Welt haben aufterhalb des 
physischen Planes, in den geistigen Welten. Insbesondere das letzte- 
mal bei den Miinchener Vortragen habe ich stark hervorgehoben, dafi 
das Wesen dieser Sache darinnen liegt, dafi Luzifer und Ahriman ihre 
ihnen von den fortschreitenden Gottern zuerteilte Rolle in den gei- 
stigen Weiten haben, und dafi eine Diskrepanz, eine Disharmonie nur 
auftritt, wenn sie ihre Rolle hineintragen in den physischen Plan und 
sich Rechte anmafien, die ihnen eigentlich nicht zugeteilt sind. Aber 
wir miissen uns zu einem bequemen, meine lieben Freunde, zu dem die 
menschliche Seele sich nicht gerne bequemt, wenn man iiber diese 
Dinge redet, namlich dazu, dafi unser Urteil, unser menschliches Ur- 
teil, wie wir es fallen, eigentlich wirklich nur fiir den physischen Plan 
gilt, und dafi dieses Urteil, wie es fiir den physischen Plan richtig ist, 
nicht einfach iibertragen werden kann auf die hoheren Weiten. Des- 
halb miissen wir uns ja langsam und allmahlich in die Anthroposophie 
hineinfinden, um unser Urteil zu erweitern, um unsere ganze Begriffs- 
und Ideenwelt zu erweitern. Deshalb konnen die materialistisch den- 



kenden Menschen der Gegenwart, trotzdem alles an der Anthroposo- 
phie zu begreifen ist, sie so schwer begreifen, weil sie ihr Urteil nicht 
erweitern wollen, sondern stehenbleiben wollen bei dem Urteil, das 
fur den physischen Plan gilt. 

Wenn wir sagen: Eine Macht tritt der anderen feindlich gegeniiber, 
so ist es ganz richtig, wenn man auf dem physischen Plan stehen blei- 
ben will, zu sagen: Feindschaft ist etwas Ungehoriges, etwas, was 
nicht sein soil. Aber dasselbe gilt nicht fur die hoheren Plane. Da muft 
das Urteil sich erweitern. Damit die Welt in ihrer Ganze moglich ist, 
ist — ebenso wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Elektrizitat positive 
und negative Elektrizitat notwendig ist — auch geistige Gegnerschaft 
notwendig. Notwendig ist es, daft sich die Geister gegeniiberstehen. 
Hier wird wahr das Wort des Heraklit, daft nicht nur die Liebe, 
sondern auch der Streit das Weltall konstituiert. Nur wenn auf die 
Menschenseele Luzifer wirkt und durch die Menschenseele in die phy- 
sische Welt der Streit hineingetragen wird, dann ist dieser Streit un- 
recht. Aber es gilt nicht mehr dasselbe fur die hoheren Welten; da ist 
auch Gegnerschaft der Geister etwas, was zum ganzen Gefiige, zur 
ganzen Evolution der Welt dazugehort. Das heiftt, wir miissen, sobald 
wir in die hohere Welt hinaufkommen, andere Maftstabe anlegen, 
andere Farbungen des Urteils uns zu eigen machen. Daher ist es so 
schockierend, wie oftmals fiber Luzifer und Ahriman gesprochen wer- 
den muil, auf der einen Seite sie als Gottergegner hinstellend und auf 
der anderen Seite sie hinstellend wiederum so, daft sie im ganzen Gang 
der Weltenordnung notwendig sind. 

Also es muE vor alien Dingen das ins Auge gefaftt werden, daft 
der Mensch mit der Weltenordnung in Kollision kommt, wenn er 
das Urteil, das fur den physischen Plan gilt, fiir die hoheren Welten 
giiltig sein lafit. 

Nun, das ist aber gerade der Grundnerv, der immer betont worden 
ist: daft der Christus als Christus nicht zu den anderen Wesen des 
physischen Planes gehort, daft von dem Augenblick an, als die Jo- 
hannestaufe im Jordan eintritt, ein Wesen, das vorher nicht auf der 
Erde war, ein Wesen, das nicht zu den irdischen Wesen gehort, in die 
Leiblichkeit des Jesus von Nazareth eingezogen ist. Wir haben es also zu 



tun in dem Christus mit einem Wesen, das mit Recht zu den Jiingern 
sagen konnte: «Ich bin von oben, ihr aber seid von unten» (Johannes 8, 
23), das heiftt: Ich bin aus dem himmlischen Reich, ihr aus dem irdischen 
Reich. Und nun nehmen wir dasjenige, was daraus folgt. "Was daraus 
folgt, ist dieses: Was irdisches Urteil ist, was ganz berechtigt ist als 
irdisches Urteil, was jeder auf der Erde fallen mud als Urteil, sofern 
er ein Erdenwesen ist, mull das auch das Urteil jenes kosmischen 
Wesens sein, das in den Jesusleib als Christus eingezogen ist? Jenes 
Wesen, das bei der Taufe im Jordan in den Jesusleib eingezogen ist, 
das hat nicht ein irdisches, das hat ein himmlisches Urteil, das mufi 
anders urteilen, als Menschen urteilen mtissen. 

Und nun nehmen wir das ganze Schwergewicht des Wortes, das 
da auf Golgatha gesprochen wird. Der Verbrecher links glaubt nicht 
daran, daft mit dem Christus nicht nur eine irdische Wesenheit da ist, 
sondern eine Wesenheit eines besonderen Reiches, das nicht das irdi- 
sche Reich ist. Dem Verbrecher rechts aber kommt unmittelbar vor 
dem Tode das Bewufksein: Dein Reich, o Christus, ist ein anderes; 
gedenke meiner, wenn Du in Deinem Reiche bist. In diesem Augen- 
blick zeigt der Verbrecher rechts, daft er eine Ahnung davon hat, 
daft der Christus zu einem anderen Reiche gehort, wo ganz andere 
Urteilskraft herrscht als auf der Erde. Da kann der Christus ant- 
worten, aus dem Bewufksein her aus, daft er in seinem Reich steht: 
Wahrlich, dadurch daft du etwas ahnst von meinem Reiche, wirst du 
am heutigen Tage — namlich mit dem Tode — mit mir in meinem 
Reiche sein. Da haben wir den Hinweis auf die iiberirdische Christus- 
Kraft, die hinaufzieht die menschliche Individuality in ein geistiges 
Reich. Irdisches Urteil, menschliches Urteil muft selbstverstandlich 
sagen: In bezug auf das Karma wird der Verbrecher rechts seine 
Schuld abzutragen haben wie der Verbrecher links. — Aber fur das 
himmlische Urteil gilt ein anderes. Das ist aber erst der Anfang der 
Sache, denn selbstverstandlich konnen Sie nun sagen: Ja, dann steht 
einfach das himmlische Urteil mit dem irdischen Urteil in Wider- 
spruch. Wie kann der Christus verzeihen, wo das irdische Urteil eine 
karmische Gerechtigkeit fordert? 

Ja, meine lieben Freunde, dies ist eine schwierige Frage; wir wollen 



sie aber doch in der Betrachtung des heutigen Abends einmal uns 
naherbringen. Aber ich mache ausdriicklich darauf aufmerksam, daft 
wir damit erne der allerschwierigsten Fragen der okkulten Wissen- 
schaft streifen. "Wir miissen namlich eine Unterscheidung machen, 
welche die menschliche Seele nicht gerne machen wird, weil sie nicht 
gern bis in die letzten Konsequenzen einer Betrachtung mitgeht aus 
dem Grunde, weil einige Schwierigkeiten vorliegen. Also ich mache 
darauf aufmerksam, daft wir eine schwierige Betrachtung haben wer- 
den, und daft Sie vielleicht notwendig haben werden, dasjenige, was 
gesagt wird, oftmals in der Seele herumzudrehen, um auf die Sache 
eigentlich zu kommen. 

"Wir miissen zunachst eine Unterscheidung machen. Wir miissen 
das eine betrachten, was sich in einer objektiven Gerechtigkeit im 
Karma vollzieht. Da miissen wir uns ganz klar dariiber sein, daft der 
Mensch allerdings seinem Karma unterworfen ist, daft er dasjenige, 
was er als Unrecht getan hat, karmisch auszugleichen hat. Und bei 
tieferem Nachdenken wird der Mensch eigentlich nicht anders wollen, 
als daft es so sei. Denn nehmen Sie an, irgend jemand habe ein Unrecht 
getan. In dem Augenblick, wo er dieses Unrecht tun konnte, ist er 
unvollkommener, als wenn er es nicht getan hatte, und er kann den 
Grad von Vollkommenheit, den er hatte, bevor er das Unrecht tat, 
erst wiedererringen, wenn er das Unrecht ausgleicht. Er muft also 
wunschen, das Unrecht auszugleichen, denn nur indem man es aus- 
gleicht, indem man den Ausgleich erarbeitet, schafft man sich den 
Grad von Vollkommenheit, den man vorher hatte, bevor man die Tat 
vollbracht hat. So konnen wir um unserer eigenen Vervollkommnung 
willen gar nichts anderes wunschen, als daft das Karma als objektive 
Gerechtigkeit bestehe. Es kann also im Grunde genommen vor der 
Auffassung der menschlichen Freiheit gar nicht der Wunsch entstehen, 
es solle uns irgendwelche Siinde vergeben werden etwa in dem Sinne, 
daft wir zum Beispiel heute einem Menschen die Augen ausstechen 
und uns dann diese Siinde vergeben wird, wir dann diese Siinde in 
unserem Karma nicht mehr abzutragen brauchen. Ein Mensch, der 
einem anderen die Augen aussticht, ist unvollkommener als ein 
Mensch, der es nicht getan hat, und im weiteren Karma muft das ein- 



treten, dafi er eine entsprechende Guttat dafiir tut; dann erst ist er 
wiederum in sich der Mensch, der er war, bevor er die Tat vollbracht 
hat. Also es kann im Grunde genommen gar nicht der Gedanke auf- 
kommen, wenn man wirklich iiber das Wesen des Menschen nach- 
denkt, dafl, wenn man einem Menschen die Augen aussticht, einem 
das vergeben wird und dafi dann das Karma etwa ausgeglichen ware. 
So hat es mit dem Karma durchaus seine Richtigkeit, dafi uns gewisser- 
mafien kein Heller nachgelassen wird, dafi wir alles bezahlen miissen. 

Aber es gibt ja noch etwas anderes gegeniiber der Schuld. Die 
Schuld, die wir auf uns laden, die Siinde, die wir auf uns laden, die 
ist ja nicht blofi unsere Tatsache, das miissen wir jetzt unterscheiden, 
sondern sie ist eine objektive Weltentatsache, sie ist etwas auch fur 
die Welt. Dasjenige, was wir verbrochen haben, das gleichen wir in 
unserm Karma aus; aber da£ wir einem die Augen ausgestochen haben, 
das ist geschehen, das hat sich wirklich vollzogen, und wenn wir, 
sagen wir, in der jetzigen Inkarnation einem Menschen die Augen 
ausstechen und dann in der nachsten Inkarnation etwas tun, was dieses 
ausgleicht, so bleibt das doch fiir den objektiven Weltengang bestehen, 
dafi wir vor soundsoviel Jahrhunderten einem die Augen ausgestochen 
haben. Das ist eine objektive Tatsache im Weltenganzen. Fiir uns 
gleichen wir sie spater aus. Den Makel, den wir uns selbst zugefugt 
haben, gleichen wir im Karma aus, aber die objektive Weltentatsache, 
die bleibt bestehen, die konnen wir nicht ausloschen dadurch, dafi wir 
von uns selbst die Unvollkommenheit nehmen. 

Wir miissen unterscheiden die Folgen einer Siinde fiir uns selbst, 
und die Folgen einer Siinde fiir den objektiven Weltengang. 

Das ist aufierordentlich wichtig, dafi wir diese Unterscheidung 
machen. Und nun darf ich vielleicht eine okkulte Betrachtung ein- 
fiigen, welche die Sache etwas verstandlicher machen kann. 

Wenn man anblickt die Zeit der Menschheitsentwickelung seit dem 
Mysterium von Golgatha, und man kommt, ohne durchdrungen zu 
sein mit der Christus-Wesenheit, an die Akasha-Chronik heran, so 
wird man sehr leicht irre - sehr leicht wird man irre. Denn in dieser 
Akasha-Chronik zeigen sich Aufzeichnungen, die sehr haufig nicht 
stimmen mit dem, was man in der karmischen Evolution der einzelnen 



Menschen findet. Ich meine das Folgende: Nehmen wir an, im Jahre 
733 meinetwillen habe irgendein Mensch gelebt und habe dazumal 
eine schwere Schuld auf sich geladen. Nun untersucht man die Akasha- 
Chronik, zunachst ohne daft man irgend etwas von einer Verbindung 
hat mit dem Christus. Und siehe da, man kann die betreffende Schuld 
nicht finden in der Akasha-Chronik. Geht man aber jetzt auf den 
Menschen ein, der weiter gelebt hat, und untersucht sein Karma, dann 
findet man: Ja, auf dieses Menschen Karma ist noch etwas, was er 
abzutragen hat; das muftte an einem bestimmten Zeitpunkt in der 
Akasha-Chronik darinnen stehen; es steht aber nicht darinnen. 

Wenn man das Karma untersucht, sieht man: Ja, er hat es abzu- 
tragen, man miilke in jener Inkarnation die Schuld in der Akasha- 
Chronik finden, sie steht aber nicht darinnen. Welch ein Widerspruch! 
Eine ganz objektive Tatsache, die in zahlreichen Fallen sich ergeben 
kann. Ich kann heute einem Menschen begegnen. Wenn es mir durch 
Gnade gegeben wird, etwas zu wissen iiber sein Karma, so kann ich 
vielleicht finden, da£ irgendein Ungliick oder em Schicksalsschlag, 
der ihn trifft, auf seinem Karma steht, daft es der Ausgleich ist fur 
eine friihere Schuld. Gehe ich der Sache nach in fruhere Inkarnationen 
und priife, was er dazumal gemacht hat, so sehe ich in der Akasha- 
Chronik diese Tatsache nicht verzeichnet. Woher kommt denn das? 

Das kommt davon her, dafi der Christus tatsachlich auf sich ge- 
nommen hat die objektive Schuld. In dem Augenblick, wo ich mich 
mit dem Christus durchdringe, wo ich mit dem Christus die Akasha- 
Chronik durchforsche, finde ich die Tatsache! Christus hat sie in 
sein Reich genommen und tragt sie als Wesenheit weiter, so daft, wenn 
ich von Christus absehe, ich sie nicht finden kann in der Akasha- 
Chronik. Man mulS sich diesen Unterschied merken: 

Es bleibt bestehen die karmische Gerechtigkeit, aber in bezug auf 
die Wirkungen einer Schuld in der geistigen Welt tritt der Christus 
ein, der diese Schuld in sein Reich hiniibernimmt und weitertragt. 

Der Christus ist derjenige, der in der Lage ist, weil er einem anderen 
Reiche angehort, unsere Schulden und unsere Siinden in der Welt zu 
tilgen, sie auf sich zu nehmen. 

Wie sagt dann also im Grunde genommen der Christus am Kreuze 



auf Golgatha zu dem Verbrecher links? Er spricht es ja nicht aus, 
aber dafi er nicht spricht, darin liegt es; er sagt dem Verbrecher zu 
seiner Linken: Was du getan hast, es wird weiterwirken auch in der 
geistigen, nicht blofi in der physischen Welt. — Dem Verbrecher zu 
seiner Rechten aber sagt der Christus: «Heute noch wirst du mit mir 
im Paradiese sein.» Das heifit: Ich bin bei deiner Tat; du wirst ja 
durch dein Karma spater das fur dich zu tun haben, was die Tat fur 
dich bedeutet. Aber was die Tat fur die Welt bedeutet — wenn es trivial 
ausgedriickt werden darf — , das ist meine Sache ! sagt der Christus. — 
Es ist allerdings eine sehr wichtige Unterscheidung, die wir da machen, 
und die Sache hat nicht nur eine Bedeutung fur die Zeit nach dem 
Mysterium von Golgatha, sondern auch fur die Zeit vor dem Myste- 
rium von Golgatha. 

Eine Anzahl unserer Freunde werden sich erinnern, dafi ich darauf 
aufmerksam gemacht habe in friiheren Vortragen, wie das keine blofie 
Legende ist, dafi der Christus wirklich nach dem Tode zu den Toten 
heruntergegangen ist. Dadurch hat er aber auch etwas getan fur die 
Seelen, die Schuld und Sunde in vorhergehenden Zeiten auf sich ge- 
laden haben. Der Irrtum tritt nun auch ein, wenn man sich der 
Akasha-Chronik widmet und die Zeit der Erdenentwickelung vor 
dem Mysterium von Golgatha durchforscht, ohne von dem Christus 
durchdrungen zu sein. Man wird dann iiberall in der Akasha-Chronik 
auf Irrtiimer stolen. Mich hat es daher gar nicht gewundert, dafi zum 
Beispiel Leadbeater, der von Christus gar nichts weilS in Wirklichkeit, 
zu den abstrusesten Behauptungen kam iiber die Erdenentwickelung 
in seinem Buche «Der Mensch, woher und wohin». Denn erst das 
Durchdrungensein mit dem Christus-Impuls macht die Seele fahig, die 
Dinge wirklich zu sehen, wie sie sind, die sich hingeordnet haben in 
der Erdenentwickelung — auch vor dem Mysterium von Golgatha — 
auf dieses Mysterium von Golgatha. 

Karma ist eine Angelegenheit der aufeinanderfolgenden Inkarna- 
tionen des Menschen. Dasjenige, was die karmische Gerechtigkeit be- 
deutet, mufi mit dem Urteil gesehen werden, das unser irdisches Urteil 
ist. Dasjenige, was der Christus tut fur die Menschheit, das raufi mit 
einem Urteil gemessen werden, das anderen Welten als der Erdenwelt 



angehort. Und wenn das nicht so ware? Wenn das nicht so ware? 
Gedenken wir des Erdenendes einmal, gedenken wir der Zeit, wann 
die Menschen ihre irdischen Inkarnationen werden durchgemacht 
haben. Gewifi wird das eintreten, daft alles bezahlt sein muft bis auf 
den letzten Heller. Die menschlichen Seelen werden ihr Karma in 
einer gewissen Weise ausgeglichen haben miissen. Aber stellen wir 
tins einmal vor, daft alle Schuld bestehen geblieben ware in der Erde, 
daft alle Schuld wirken wiirde in der Erde. Dann wvirden am Ende 
der Erdenzeit die Menschen ankommen mit ihrem ausgeglichenen 
Karma, aber die Erde ware nicht bereit, sich zum Jupiter hiniiber- 
zuentwickeln und die ganze Erdenmenschheit ware da ohne Wohn- 
platz, ohne die Moglichkeit, sich hinuberzuentwickeln zum Jupiter. 
Daft die ganze Erde sich mitentwickelt mit den Menschen, das ist 
die Folge der Tat des Christus. Alles dasjenige, was fur die Erde sich 
anhaufen wiirde als Schuld, das wiirde die Erde in die Finsternis 
stoften, und wir wiirden keinen Planeten haben zur Weiterentwicke- 
lung. Fur uns selbst konnen wir im Karma sorgen, nicht aber fur die 
ganze Menschheit und nicht fur dasjenige, was in der Erdenevolution 
mit der ganzen Menschheitsevolution zusammenhangt. 

So seien wir uns denn klar dariiber, daft das Karma zwar nicht von 
uns genommen wird, wohl aber, daft getilgt werden unsere Schulden 
und Siinden fur die Erdenentwickelung durch dasjenige, was einge- 
treten ist durch das Mysterium von Golgatha. Nun miissen wir uns 
ja natiirlich klar sein, daft das alles selbstverstandlich nicht dem Men- 
schen zuflieften kann ohne sein Zutun, daft es ihm nicht zuflieften 
kann ohne seine Mitwirkung. Und das wird uns ja sogar in der 
Rede am Kreuz von Golgatha, die ich angefiihrt habe, recht klar- 
lich vorgefuhrt. Es wird uns recht deutlich vorgefiihrt, wie der Ver- 
brecher zur Rechten in seine Seele aufnimmt eine Ahnung von einem 
iiberirdischen Reich, in dem es anders zugeht als in dem bloft irdi- 
schen Reich. Der Mensch muft sich erfiillen in seiner Seele mit dem 
Substanzgehalt der Christus- Wesenheit; er muft gleichsam von dem 
Christus in seine Seele etwas aufgenommen haben, so daft der Chri- 
stus in ihm wirksam ist und ihn hinauftragt in ein Reich, in dem der 
Mensch zwar nicht die Macht hat, sein Karma unwirksam zu machen, 



aber in dem durch den Christus das geschieht, daft unsere Schuld und 
unsere Siinden getilgt werden fiir die Auftenwelt. 

Bildlich ist das im Grunde genommen wunderbar selbst in der 
Malerei dargestellt worden. ¥em mochte nicht einen grofien Eindruck 
machen der Christus als Richter des «Jiingsten Gerichtes» zum Bei- 
spiel auf einem solchen Bilde, wie das von Michelangelo in der Six- 
tinischen Kapelle ist? Was liegt denn eigentlich dem zugrunde? Nun, 
nehmen wir nicht die tiefe esoterische Tatsache, sondern das Bildliche, 
das sich da vor unsere Seele hinstellt. Da sehen wir die Gerechten und 
sehen die Sunder. Es gabe eine Moglichkeit, dieses Bild noch anders 
darzustellen, als es Michelangelo tut als Christ, namlich die Moglich- 
keit, daft die Menschen am Erdenende oder nach dem Erdenende 
sehen wiirden ihr Karma, daft sie sich sagen wiirden: Ja, mein Karma 
habe ich zwar ausgetilgt, aber da stehen uberall im Geistigen geschrie- 
ben auf ehernen Tafeln meine Schulden, und die Schulden bedeuten 
Schwere fiir die Erde, sie miissen die Erde vernichten. Fiir mich habe 
ich es ausgeglichen, aber da steht es uberall. — Es ware aber keine 
Wahrheit; es konnte so dastehen, aber es ware keine Wahrheit. Denn 
dadurch, daft der Christus auf Golgatha gestorben ist, wird der 
Mensch nicht sehen seine Schuldentafeln, sondern er wird den sehen, 
der sie ubernommen hat; sehen wird er vereinigt in der Wesenheit des 
Christus alles dasjenige, was sonst ausgebreitet ware in der Akasha- 
Chronik. Der Christus steht statt der Akasha-Chronik vor ihm, er 
hat das alles auf sich genommen. 

Wir sehen da in tiefe Geheimnisse des Erdenwerdens hinein. Aber 
was ist notwendig, um den wahren Tatbestand zu durchschauen auf 
diesem Gebiet? Das ist notwendig, daft die Menschen die Moglichkeit 
haben, gleichgiiltig ob sie Sunder oder Gerechte sind, auf den Christus 
hinzuschauen, daft sie keine leere Stelle da sehen, wo der Christus 
stehen soli. Der Zusammenhang mit dem Christus ist notwendig. Und 
selbst dieser Verbrecher zur Rechten bezeugt uns in seiner Rede seinen 
Zusammenhang mit dem Christus. Und wenn der Christus denjenigen, 
die in seinem Geiste wirken, gewissermaften den Auftrag gegeben hat, 
Siinden zu vergeben, so ist damit nie und nimmer gemeint, Karma zu 
beeintrachtigen, wohl aber ist damit gemeint, daft gerettet wird das 



Erdenreich fiir denjenigen, der mit dem Christus in Beziehung steht, 
vor den Folgen, den geistigen Folgen der Schuld und Siinde, die ob- 
jektive Tatsachen sind, auch wenn sie im spateren Karma ausgeglichen 
worden sind. 

Was bedeutet es fiir die menschliche Seele, wenn im Auftrage 
Christi derjenige spricht, der sprechen darf: «Deine Siinden sind dir 
vergeben» (Matthaus 9, 2) ? Das heifk, der Betref fende weift zu bekraf- 
tigen: Du hast zwar deinen karmischen Ausgleich zu erwarten, aber 
deine Schuld und Siinde wandte der Christus urn, so daft du spater 
nicht das ungeheure Leid zu tragen hast, zuriickzuschauen auf deine 
Schuld so, daft du damit ein Stuck Erdendasein vernichtet hast. - Der 
Christus tilgt sie aus. Dazu aber ist ein gewisses Bewufitsein notwendig, 
welches gefordert wird, welches der, der die Siinden vergeben will, der 
Siindenvergeber, fordern darf: Bewufttsein der Schuld und Bewufttsein 
dessen, daft der Christus die Schuld auf sich nehmen kann. Dann be- 
deutet eine kosmische Tatsache der Ausspruch: «Deine Siinden sind dir 
vergeben», und nicht eine karmische Tatsache. 

Der Christus zeigt an einer Stelle so wunderbar, daft es uns tief, 
tief ins Herz hineinschneidet, wie er zu dieser Frage steht. Denjenigen, 
die verdammend vor ihn mit der Ehebrecherin kommen — wir malen 
uns hin in der Seele diese Szene, wie sie vor ihn die Ehebrecherin 
bringen (Johannes 8, 1 - 1 1 ) mit zweierlei tritt ihnen der Christus ent- 
gegen: mit dem einen, daft er in die Erde hineinschreibt, mit dem an- 
deren, daft er vergibt, daft er uberhaupt nicht urteilt, nicht verdammt. 
Warum schreibt er in die Erde hinein? Weil das Karma wirkt, weil das 
Karma die objektive Gerechtigkeit ist. Fiir die Ehebrecherin kann ihre 
Tat nicht ausgeloscht werden, Christus schreibt sie in die Erde hinein. 
Anders ist es aber mit der geistigen, mit der mcht-irdischen Folge; 
die nimmt der Christus auf sich. «Er vergibt» heiftt nicht, daft er sie 
austilgt im absoluten Sinn, sondern daft er auf sich nimmt die Folgen 
desjenigen, was objektiv getan ist. 

Nun denken wir einmal, was es fiir die Menschenseele bedeutet, wenn 
sie sich sagen kann: Ja, ich habe dieses oder jenes in der Welt getan. 
Es beeintrachtigt meine Fortentwickelung nicht, denn ich bleibe nicht 
so unvollkommen wie ich war, als ich die Tat begangen habe. Ich 



darf meme Vollkommenheit im weiteren Verlauf meines Karma wie- 
der erringen, indem ich die Tat ausgleiche. Aber ungeschehen kann 
ich sie ja nicht machen fiir die Erdenentwickelung. — Unsagliches 
Leid miifke man mittragen, wenn nicht ein Wesen mit der Erde sich 
verbunden hatte, welches das, was von uns nicht mehr abgeandert 
werden kann, fiir die Erde ungeschehen machte. Dieses Wesen ist der 
Christus. Nicht subjektives Karma, aber die geistigen objektiven Wir- 
kungen der Taten, der Schuld, die nimmt er uns ab. Das ist dasjenige, 
was wir, wie gesagt, in unserem Gemut weiterverfolgen miissen. Dann 
werden wir es erst verstehen, da£ der Christus im Grunde genommen 
diejenige Wesenheit ist, die mit der ganzen Menschheit im Zusammen- 
hang steht, mit der ganzen Erdenmenschheit; denn die Erde ist um 
der Menschheit willen da. Also auch mit der ganzen Erde steht der 
Christus im Zusammenhang. Und das ist des Menschen Schwache, 
die eingetreten ist infolge der luziferischen Verfuhrung, dafi der 
Mensch zwar imstande ist, sich subjektiv im Karma zu erlosen, dafi 
er aber nicht imstande ware, die Erde mitzuerlosen. Das vollbringt 
das kosmische "Wesen, der Christus. 

Und jetzt begreifen wir, warum manche Theosophen so gar nicht 
verstehen konnen, dafi das Christentum mit der Karma-Idee vollig 
in Einklang steht. Das sind die Theosophen, die hineintragen in die 
Theosophie den vollsten Egoismus, einen hoheren Egoismus; die es 
zwar nicht aussprechen, aber die im Grunde genommen doch fiihlen 
und denken: Wenn ich mich nur in meinem Karma selbst erldse, was 
geht mich dann die ganze Welt an; die mag machen, was sie will! 
Und diese Theosophen sind zufrieden, wenn sie nur von dem karmi- 
schen Ausgleich sprechen konnen. Aber damit ist es nicht getan. Der 
Mensch ware ein rein luziferisches Wesen, wenn er nur an sich denken 
wiirde. Der Mensch ist ein Glied der ganzen Welt, und der Mensch 
mufi hingebungsvoll gegeniiber der ganzen Welt denken. So mufi er 
dariiber denken, dafi er zwar sich selbst fiir sich egoistisch erlosen 
kann durch das Karma, dafi er aber nicht das ganze Erdensein mit- 
erlosen konnte. Da tritt der Christus ein. Und in dem Augenblick, 
wo wir uns entschliefien, nicht nur an unser Ich zu denken, miissen wir 
an etwas anderes noch denken als an unser Ich. Aber an was miissen 



wir denken? An den Christus in mir, wie Paulus sagt. Dann sind wir 
eben mit ihm mit dem ganzen Erdensein verbunden, dann denken wir 
nicht an unsere Selbsterlosung, sondern wir sagen: Nicht ich und meine 
Selbsterlosung - nicht ich, sondern der Christus in mir und die Erden- 
erlosung! 

Meine lieben Freunde ! Man mujS wahrhaf tig eigentlich recht wenig 
christlichen Sinn haben, wenn man das Christentum so interpretiert, 
wie es viele machen, die da glauben, sich echte Christen nennen zu 
diirfen, und die andere, zum Beispiel anthroposophische Christen, ver- 
ketzern. Man mufi dazu wenig christlichen Sinn haben. Es darf ja viel- 
leicht die Frage erlaubt sein: 1st es denn wirklich christlich, zu denken, 
dafi ich alles tun darf und der Christus eigentlich nur in die Welt 
gekommen ist, urn mir das alles abzunehmen, um mir meine Siinde 
zu vergeben, so dafi ich mit meinem Karma, mit meiner Siinde nichts 
mehr zu tun habe? Ich glaube, es ist ein anderes "Wort anwendbar 
auf eine solche Denkweise als das Wort «christlich»; vielleicht ware 
das Wort «bequem» besser als das Wort «christlich». Bequem ware 
es ja allerdings, wenn man blofi zu bereuen hatte, und ausgeloscht 
ware dadurch fiir sein ganzes spateres Karma alles das, was man in 
der Welt verbrochen hat. Nein, aus dem Karma ist es nicht ausge- 
loscht, aber davon kann es ausgeloscht werden, wohin wir wegen der 
menschlichen Schwache, durch die luziferischeVerftihrung, nicht selbst 
dringen konnen: von der Erdenentwickelung. Und das tut der Chri- 
stus. Dieses Leid wird uns genommen mit der Siindenerlosung: daf$ 
wir fiir ewige Zeiten der ganzen Erdenentwickelung eine objektive 
Schuld zugefugt haben. Dafiir miissen wir natiirlich ein ernstes Inter- 
esse haben. Dann aber, wenn wir die Sache so auffassen, dann wird 
sich wahrhaftig auch in vielen anderen Dingen ein kraftiger Ernst 
verbinden mit einer echten, wahren Christus- Auf fassung. Ein tiefer 
Ernst wird sich mit ihr verbinden, und manches wird abfallen von 
mancher Christus -Auf fassung, das demjenigen, der den ganzen Ernst 
der Christus-Auffassung in seine Seele nimmt, geradezu als eine Art 
Frivolitat und Zynismus erscheinen konnte, Denn alles, alles, was 
heute gesprochen worden ist und was Punkt fiir Punkt gerade mit 
wichtigsten Stellen aus dem Neuen Testament belegt werden kann, 



das spricht uns ja dafiir: Alles das, was uns der Christus ist, ist er uns 
dadurch, daft er nicht ein Wesen ist wie andere Menschen, sondern 
ein Wesen, das von oben, das heiftt aus dem Kosmos, bei der Johannes- 
taufe im Jordan in die menschliche Erdenentwickelung eingeflossen 
ist. Alles spricht fur die kosmische Natur des Christus. Und wer im 
tiefen Sinne auffaftt, wie der Christus sich stellt zu Sunde und Schuld, 
der mochte so sagen: Es muftte, eben weil der Mensch ini Laufe des 
Erdendaseins seine Schuld nicht tilgen konnte fur die ganze Erde, ein 
kosmisches Wesen heruntersteigen, daft es doch moglich gemacht 
werde, daft die Erdenschuld getilgt werde. 

Wahres Christentum kann gar nicht anders, als den Christus als 
ein kosmisches Wesen ansehen. Dann aber werden wir in unserer Seele 
tief, tief durchdrungen werden von dem, was eigentlich die Worte 
bedeuten: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Denn dann strahlt 
von dieser Erkenntnis in unsere Seele etwas iiber, was ich nicht anders 
bezeichnen kann, als mit den Worten: Wenn ich mir erlaube zu sagen 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir», so gestehe ich mir in diesem 
Augenblick, daft ich der Erdensphare enthoben werde, daft in mir 
etwas lebt, was fur den Kosmos Bedeutung hat, daft ich gewiirdigt 
werde als Mensch, in meiner Seele etwas zu tragen, was aufierirdisch 
ist, wie ich in meiner Anlage von Saturn, Sonne und Mond her ein 
aufterirdisches Wesen in mir trage. 

Und eine ungeheure Bedeutung wird iibergehen in das Bewufttsein 
des Menschen, durchchristet zu sein. Und er wird verbinden mit die- 
sem Paulinischen Ausspruch «Nicht ich, sondern der Christus in mir» 
auch das Gefiihl, daft er nun tiefsten, tiefsten Ernst machen muft 
gegeniiber seiner innerlichen Verantwortlichkeit dem Christus gegen- 
iiber. Das aber wird die Anthroposophie in das Christus-Bewufttsein 
hineinbringen, daft dieses Verantwortlichkeitsgeftihl auftritt, daft wir 
nicht bei jeder Gelegenheit uns herausnehmen zu sagen: Ja, ich habe 
das ja geglaubt, und weil ich es geglaubt habe, durfte ich es auch 
sagen. — Unser materialistisches Zeitalter geht immer weiter in diesem 
«Ich war davon iiberzeugt und deshalb durfte ich es sagen !» Aber ist 
es denn nicht eine Schandung des Christus in uns, eine neuerliche 
Kreuzigung des Christus in uns, wenn wir so kurzfiihlend sind, daft 



wir daraufhin, daft wir irgend etwas in irgendeinem Momente glauben, 
wir es hinausschreien in die Welt, oder hinausschreiben in die Welt, 
ohne es untersucht zu haben ? 

Das Gefiihl wird entstehen in der Menschheit, wenn sie es ernst 
nimmt mit dem Christus, daft man sich dieses Christus, der in uns 
lebt, wiirdig erweisen soil dadurch, daft man es immer gewissenhafter 
und gewissenhafter nimmt mit diesem Christus, diesem kosmischen 
Prinzip in uns. 

Ja, man kann es recht gerne glauben, daft diejenigen den Christus 
nicht als kosmisches Prinzip nehmen wollen, die bei jeder Gelegenheit 
ihr Vergehen bereuen wollen, erst hiibsch liigen iiber die Mitmenschen, 
und dann austilgen mochten diese Liigen. Derjenige, der sich des Chri- 
stus in seiner Seele wiirdig erweisen will, der wird erst priifen, ob er 
eine Sache sagen darf, auch wenn er augenblicklich von ihr iiber- 
zeugt ist. 

Vieles wird sich andern, wenn eine wahre Christus-Auffassung in 
die Welt kommt. Alle die unzahligen Leute, die heute schreiben — oder 
mit schmutziger Druckerschwarze Papier verunstalten — , indem sie 
flink hinschreiben das, was sie nicht wissen, die werden sich klar 
werden dariiber, daft sie damit den Christus in der menschlichen Seele 
schanden. Und aufhoren wird die Entschuldigung: Ja, ich habe es 
so geglaubt, ich habe es im guten Glauben gesagt. Der Christus will 
nicht bloft den «guten Glauben», der Christus will die Menschen in 
die Wahrheit leiten. Selbst hat er gesagt: «Die Wahrheit wird euch 
frei machen!» (Johannes 8, 32) Wo aber hatte der Christus einmal ge- 
sagt, daft es moglich ist, wenn man in seinem Sinne denkt, dies oder 
jenes, ohne daft man etwas weift, in die Welt hinauszuschreien und 
hinauszuschreiben ? 

Vieles wird anders werden! Gewift wird ein grofter Teil unseres 
heutigen Schrifttums nicht weiter existieren konnen, wenn die Men- 
schen von dem Grundsatze ausgehen, sich wiirdig zu erweisen des 
Wortes «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Aber der Krebs- 
schaden unserer Niedergangskultur wird ausgeloscht sein, wenn auf- 
horen werden die Stimmen zu sprechen, die leichthin, ohne reale Ober- 
zeugung alles in die Welt hinausschreien, weiftes Papier verunzieren 



mit Druckerschwarze, indem sie etwas hinausschreiben, ohne dafi sie 
sich davon iiberzeugt haben, ob es der Wahrheit entspricht. 

Haben wir ja gerade auf diesem Gebiet auch vieles in der theo- 
sophischen Bewegung und in bezug auf die theosophische Bewegung 
erleben miissen. Und wie leicht ist man bei der Hand mit der Ent- 
schuldigung: «Ja, der oder die Betreffende waren eben in dem ent- 
sprechenden Augenblick davon iiberzeugt !» 

Als was erweist sich oftmals eine solche «Uberzeugung», meine 
lieben Freunde? Als der grofite Leichtsinn, als die purste Frivolitat! 
Wahrhaftig nicht aus einem personlichen Grunde, sondern aus dem 
Ernst der Lage darf vielleicht auch darauf aufmerksam gemacht wer- 
den, dafi es keine Entschuldigung gibt, wenn an wichtiger Stelle vor 
der Theosophischen Gesellschaft von der Prasidentin dieser Gesell- 
schaft die frivole Unwahrheit hingestellt wird von dem Jesuiten- 
marchen. Gewi£, es kann langst abgetan sein, aber zur Charakteristik 
der Tatsache darf wohl noch einmal darauf hingewiesen werden. 
Nachtraglich haben die Leute gesagt: Die Prasidentin habe es ja zu- 
ruckgenommen nach wenig Wochen! Um so schlimmer, wenn man 
an verantwortungsvoller Stelle etwas hinausposaunt, was man in 
wenigen Wochen zuriicknehmen mulS, denn da beginnt die Weltbe- 
urteilung und nicht die personliche Beurteilung. 

Und fugen wir auch eine solche Erkenntnis hinzu zu jener Unter- 
scheidung, die wir treffen miissen zwischen dem subjektiven, im Ego 
des Menschen sich abspielenden Karma und dem, was wir als ein Ob- 
jektives bezeichnen konnen. Da soli kein Wort verloren werden: es 
muft jeder Mensch den Schaden, den er mit sich angerichtet hat, auch 
wieder ausgleichen. Da haben wir nicht hineinzureden, da nehmen 
wir den Tatbestand, wie Christus ihn nahm bei der Ehebrecherin: 
er schrieb die Siinde in die Erde. Darauf aber mufi aufmerksam ge- 
macht werden, dafi der Egoismus iiberwunden werden mufi auf dem 
Gebiet der geisteswissenschaftlichen Bewegung. Da mufi man sich klar 
sein, daft nicht nur subjektive Beurteilung, sondern eine objektive 
Beurteilung gegeniiber der Welt notwendig ist. 

Dasjenige, was man in einem gewissen Sinne christliches Gewissen 
nennen kann, das wird, wenn der Christus immer mehr und mehr 



einzieht in die Seelen, auch einziehen; das wird einziehen, wenn die 
Seelen sich der Anwesenheit des Christus bewufit werden, wenn das 
Paulus-Wort wahr wird: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» 

Immer mehr und mehr wird in die Seelen hineinziehen das Bewulk- 
sein, dafi man nicht nur sagen soil, was man glaubt, sondern, daft man 
zu priifen hat an den objektiven Tatsachen das, was man sagt. 

Der Christus wird der Seele sein ein Lehrer der Wahrheit, ein Lehrer 
der hoheren Verantwortlichkeit. Damit wird er die Seelen durch- 
dringen, wenn die Seelen immer mehr und mehr das ganze Schwer- 
gewicht des Wortes: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», spiiren 
werden. 



VIERTER VORTRAG 
Norrk6ping,16. Juli 1914 



Die Menschheit braucht fortwahrend Wahrheiten, die nicht zu jeder 
Zeit vollstandig verstanden werden konnen. Wahrheiten in sich auf- 
nehmen, bedeutet namlich nicht nur etwas fiir die Erkenntnis, sondern 
Wahrheiten als solche enthalten Lebenskraft. Und indem wir uns mit 
der Wahrheit durchdringen, durchdringen wir uns in unserem See- 
lischen mit einem Elemente der Welt, wie wir uns durchdringen miis- 
sen in unserem Leiblichen fortwahrend mit der von auften aufgenom- 
menen Luft, damit wir leben konnen. Das ist der Grund, warum in 
den religiosen Urkunden tiefe Wahrheiten ausgesprochen werden, 
aber in solcher Form, dafi die Menschen sie oftmals ihrer eigentlich 
inneren Bedeutung nach erst viel, viel spater erkennen konnen, als 
sie geoffenbart werden. 

Sehen Sie, das Neue Testament ist geschrieben worden, das Neue 
Testament liegt als eine Urkunde fiir die Menschheit, man mochte 
sagen, ausgebreitet da; aber die ganze Erdenentwickelung, die noch 
kommen soli, wird notwendig sein, um dieses Neue Testament voll- 
standig zu verstehen. Man wird in der Zukunft noch iiber die auftere 
Welt vieles erfahren, man wird vieles erfahren auch iiber die geistige 
Welt, und alles wird dazu beitragen konnen, wenn man es im richtigen 
Lichte sehen wird, das Neue Testament zu verstehen. Das Verstandnis 
kommt nach und nach, aber das Neue Testament ist geschrieben in 
einer einfachen Form, so dafi es aufgenommen werden kann und spater 
nach und nach verstanden werden kann. Denn es ist nicht bedeutungs- 
los, wenn wir uns durchdringen mit der Wahrheit, die eben im Neuen 
Testament liegt, auch wenn wir diese Wahrheit noch nicht in ihrem 
tiefsten Innern verstehen. Spater wird die Wahrheit Erkenntniskraft, 
vorher ist sie aber schon Lebenskraft, indem sie aufgenommen wird, 
man mochte sagen, in einer mehr oder weniger kindlichen Form. Und 



gerade die Fragen, die wir gestern angefangen haben zu betrachten, 
sie erfordern, wenn sie so verstanden werden sollen, wie sie im Neuen 
Testament mitgeteilt sind, eine immer tiefer und tiefer gehende Er- 
kenntnis, ein Hineinblicken in die geistige Welt und ihre Geheimnisse. 

Wenn wir die gestern begonnenen Betrachtungen fortsetzen wollen, 
dann miissen wir heute schon ein wenig in einzelne okkulte Geheim- 
nisse hineinblicken, denn die werden uns ein Fiihrer sein konnen, die 
Frage, das Ratsel von Sunde und Schuld, noch weiter zu verstehen, 
um so gerade von diesem Gesichtspunkte aus einiges Licht zu werfen 
auf das Verhaltnis des Christus zur menschlichen Seele. 

Vor alien Dingen ist uns ja ofter schon ein Gesichtspunkt aufge- 
stoften im Verlauf unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, ein Ge- 
sichtspunkt, den wir in eine Frage kleiden konnen — er ist auch schon 
ofter von uns in diese Frage gekleidet worden: Warum ist Christus 
gestorben in einem menschlichen Leibe? Diese Frage, die im Grunde 
genommen die Frage des Mysteriums von Golgatha ausdnickt: War- 
um ist der Christus gestorben, warum ist der Gott gestorben in einem 
menschlichen Leibe? 

Der Gott ist gestorben, weil durch die Weltenentwickelung die 
Notwendigkeit vorlag, daft der Gott in den Erdenmenschen einziehen 
konne, daft ein Gott der oberen Welten der Fiihrer der Erdenent- 
wickelung werden konnte. Dazu muftte der Christus todverwandt 
werden. Todverwandt, meine lieben Freunde ! Man mochte, daft dieses 
Wort recht tief, tief von Menschenseelen verstanden werde. 

Der Tod tritt ja dem Menschen in der Regel nur entgegen, wenn 
der Mensch den Menschen selber sterben sieht oder auch noch bei an- 
deren Erscheinungen, die man ahnlich dem Tode in der Welt findet, 
oder in der Gewiftheit, daft man selbst zu gehen hat durch die Pforte 
des Todes, wenn die gegenwartige Inkarnation abgelaufen sein wird. 
Aber dieses ist im Grunde genommen nur der auftere Aspekt des Todes. 
Der Tod ist noch ganz anders in der Welt vorhanden, in der wir 
leben, und auf das muft aufmerksam gemacht werden. Gehen wir von 
einer ganz gewohnlichen alltaglichen Erscheinung aus. Wir atmen die 
Luft ein und atmen sie wieder aus. Aber die Luft macht eine Ver- 
anderung in uns durch. Wenn sie ausgeatmet ist, diese Luft, dann 



ist sie Todesluft; als ausgeatmete Luft kann sie nicht welter geatmet 
werden, die ausgeatmete Luft ist totend. Ich will das nur andeuten, 
damit Sie verstehen, was durch den okkulten Satz ausgesprochen wird: 
«Indem die Luft in den Menschen einzieht, stirbt sie.» Wahrhaftig, 
dasjenige, was in der Luft lebendig ist, das stirbt, indem es in den 
Menschen einzieht. Der Tod zieht mit jedem Atemzuge fur die Luft ein, 
indem der Mensch die Luft atmet. Aber das ist nur eine Erscheinung. 
Der Lichtstrahl, der in unser Auge dringt, mufi ebenso sterben, und 
wir wiirden nichts in der Welt von Lichtstrahlen haben, wenn unser 
Auge sich nicht, wie unsere Lunge der Luft, dem Lichtstrahl entgegen- 
stellte. Und jedes Licht, das in unser Auge dringt, stirbt in unserem 
Auge, und vom Tode des Lichtes in unserem Auge haben wir es, dafi 
wir sehen konnen. So stirbt dasjenige, was im Lichte lebendig ist, in- 
dem es in unser Auge eindringt. In unserem Auge wird der Lichtstrahl 
getotet. Wir morden ihn, damit wir die Wahrnehmungen des Auges 
haben. Wir sind so angefiillt mit demjenigen, was in uns ersterben 
mufi, damit wir unser menschliches Erdenbewufksein haben. Korper- 
lich toten wir die Luft, wir toten auch den Lichtstrahl, der in uns 
eindringt, und so toten wir in vielfacher Beziehung. 

Wir unterscheiden, wenn wir die Geisteswissenschaft zu Hilfe 
rufen, den Erdenstoff, den Wasserstoff, den Luftstoff, den Warme- 
stoff. Wir treten dann in die Welt des Lichtathers, wir sprechen von 
Warmeather, von Lichtather. Bis zum Lichtather hinauf toten wir 
dasjenige, was in uns dringt, wir morden es fortwahrend, damit wir 
unser Erdenbewufksein haben. Etwas aber konnen wir nicht toten 
durch unser Erdendasein. Wir wissen, daft es iiber dem Lichtather 
gibt den sogenannten Chemischen Ather und dann den Lebensather. 
Das sind die beiden Atherarten, die wir nicht toten konnen. Aber 
dafiir haben diese beiden Atherarten auch keinen besonderen Anteil 
an uns. Wiirden wir in der Lage sein, auch den Chemischen Ather zu 
toten, dann wiirden fortwahrend in unseren physischen Leib die Wel- 
len der Spharenharmonie hereintonen, und wir wiirden diese Wellen 
der Spharenharmonie mit unserem physischen Leben fortwahrend in 
uns ertoten. Und konnten wir auch den Lebensather toten, so wiirden 
wir das kosmische Leben, das der Erde zustromt, fortwahrend in uns 



selber ertoten. Uns ist im irdischen Ton ein Surrogat gegeben, aber 
das ist nicht zu vergleichen mit demjenigen, was wir horen wurden, 
wenn uns iiberhaupt als physischer Mensch der chemische Ather hor- 
bar ware. Denn der physische Ton ist ein Produkt der Luft, und er 
ist nicht der geistige Ton; er ist nur ein Surrogat des geistigen Tones. 

Als die luziferische Versuchung kam, da waren die fortschreitenden 
Gotter genotigt, den Menschen in eine Sphare zu versetzen, wo vom 
Lichtather nach abwarts in seinem physischen Leibe der Tod lebt. 
Aber dazumal sagten diese fortschreitenden Gotter — und das Wort 
ist wohl in der Bibel verzeichnet -: «Die Unterscheidung von Gut und 
Bose hat sich der Mensch angeeignet, aber das Leben, das soil er nicht 
haben. Vom Baume des Lebens soil er nicht essen.» (l.Mose 3, 22) Und 
ein anderes Wort kann im Sinne des Okkultismus dazugefiigt werden; 
die Fortsetzung dieses Wortes «Vom Baume des Lebens soil der Mensch 
nicht essen» wiirde heiften: «Und vom Geiste des Stoffes soli er nicht 
horen.» Vom Baume des Lebens soli der Mensch nicht essen, und vom 
Geiste des Stoffes soil der Mensch nicht horen! Diese Regionen sind 
diejenigen, die dem Menschen verschlossen wurden. Nur durch eine 
gewisse Prozedur in den alten Mysterien wurden den Einzuweihenden, 
als sie vorausnehmend den Christus sehen durften aufter dem Leibe, 
auch die Tone der Spharenmusik erschlossen und das durch die Welt 
pulsende kosmische Leben. Daher sprechen die alten Philosophen von 
der Spharenmusik. 

Indem wir auf dieses aufmerksam machen, weisen wir zu gleicher 
Zeit hin auf diejenigen Regionen, aus denen der Christus zu uns ge- 
kommen ist bei der Johannestaufe im Jordan. Woher kam der Chri- 
stus ? Aus denjenigen Regionen kam er, die dem Menschen verschlossen 
worden sind durch die Versuchung des Luzifer, aus der Region der 
Spharenmusik, aus der Region des kosmischen Lebens. Diese Regionen 
hat der Mensch vergessen miissen am Erdenurbeginn durch die luzi- 
ferische Versuchung. Der Christus aber zog bei der Johannestaufe im 
Jordan in einen Menschenleib ein, und dasjenige, was diesen Men- 
schenleib durchsetzte, das war das Geistige der Spharenmusik, das 
war das Geistige des kosmischen Lebens, das war dasjenige, was zur 
Menschenseele noch gehorte wahrend ihrer ersten Erdenzeit, woraus 



aber die Menschenseele verbannt werden muike durch die luziferische 
Versuchung. So ist der Mensch auch in diesem Sinne geistverwandt. 
Er gehort eigentlich an mit seiner Seele der Region der Spharenmusik 
und der Region des Wortes, des lebendigen kosmischen Xthers. Aber 
er wurde daraus vertrieben. Und wiedergegeben sollte es ihm werden, 
so daft er sich nach und nach mit dem, woraus er verbannt worden 
war, wiederum durchdringen konne. Deshalb bertihren uns auch vom 
Standpunkt der Geisteswissenschaft so tief die Worte des Johannes- 
Evangeliums: Im Urbeginne, als der Mensch der Versuchung noch 
nicht unterlegen war, da war der Logos. Der Mensch gehorte dem 
Logos an. Der Logos war bei Gott, und der Mensch war mit dem 
Logos bei Gott. Und durch die Johannestaufe im Jordan trat der 
Logos in die menschliche Entwickelung ein, er wurde Mensch. 

Hier haben wir den Zusammenhang, den bedeutungsvollen Zusam- 
menhang. Lassen wir einmal diese Wahrheit dastehen und versuchen 
wir uns der Frage noch von einer anderen Seite her zu nahern. 

Das ganze Leben zeigt sich uns ja nur von der Auftenseite, meine 
lieben Freunde. Wenn es sich nicht bloft von der Aufienseite zeigen 
wiirde, so wiirde der Mensch fortwahrend wissen, wie er den Leich- 
nam des Lichtes in sein Auge einsaugt, indem er sieht. 

Was mufke denn der Christus iibernehmen, damit moglich wurde 
die Erfullung des Paulinischen Ausspruches «Nicht ich, sondern der 
Christus in mir» ? Es mulke ja moglich sein, daft der Christus die 
Menschennatur durchdringe; aber die Menschennatur ist erfiillt mit 
dem, was durch die Menschennatur im Erdendasein ertotet wird, vom 
Lichtather abwarts, der im Auge erstirbt. Mit Tod angefullt ist die 
Menschennatur, nur entzogen wurde ihr dasjenige, was in den beiden 
hochsten Atherarten liegt, damit nicht auch deren Tod die menschliche 
Natur anfullen konne. Damit aber der Christus in uns wohnen konnte, 
mufite er todverwandt werden, verwandt dem Tode, verwandt alle- 
dem, was in der Welt ausgebreitet ist, vom Licht anfangend bis hin- 
unter in die Tiefen der Stofflichkeit. Der Christus mufite einziehen 
konnen in dasjenige, was wir als den Leichnam des Lichtes, den Leich- 
nam der Warme, den Leichnam der Luft und so weiter in uns tragen. 
Nur dadurch hat er menschenverwandt werden konnen, daft er tod- 



verwandt geworden ist. Und wir miissen in unserer Seele fiihlen, dafi 
der Gott sterben muftte, damit er uns, die wir uns den Tod erobert 
haben durch die luziferische Versuchung, erfiillen konnte, und wir 
sagen konnen: Der Christus in uns. 

Aber noch manches andere verbirgt sich hinter dem sinnlichen Da- 
sein fur den Menschen. Der Mensch richtet seinen Blick auf die Pflan- 
zenwelt; er sieht, wie das Licht der Sonne die Pflanzen hervorzaubert 
aus den Erdengriinden. Die Wissenschaft lehrt uns, daft das Licht zum 
Wachstum der Pflanzen notwendig ist. Ja, meine lieben Freunde, das 
ist aber nur die eine Halfte der Wahrheit. Derjenige, der mit hell- 
sichtigem Blick die Pflanzen ansieht, der sieht aus den Pflanzen auf- 
steigen lebendige Geistes-Elemente. Das Licht taucht namlich in die 
Pflanzen unter und steigt wiederum auf als lebendiges Geistes-Ele- 
ment. Das Licht steigt in die Pflanzen hinein, um sich in ihnen zu 
verwandeln, um in ihnen wiedergeboren zu werden als lebendiges 
Geistes-Element. In die Tiere steigt der chemische Ather hinein, den 
der Mensch nicht wahrnehmen kann; er wiirde geistig tonen, wenn 
der Mensch ihn wahrnehmen konnte. Und die Tiere verwandeln die- 
sen Ather in Wassergeister. Die Pflanzen verwandeln das Licht in 
Luftgeister, die Tiere verwandeln den Geist, der im chemischen Ather 
wirkt, in Wassergeister. Der Mensch aber verwandelt dasjenige, was 
im kosmischen Ather, im Lebensather liegt, dasjenige, was macht, dafi 
er iiberhaupt leben kann, und von dem verhindert worden ist, daft er es 
toten konne in sich, das verwandelt er in Erdgeister. Ja, in Erdgeister 
verwandelt er es. 

Ich habe einmal bei einem Zyklus in Karlsruhe von dem mensch- 
lichen Phantom gesprochen. Es ist hier nicht die Zeit, die Verbin- 
dungslinien zu ziehen zwischen dem, was hier zu sagen ist und dem, 
was dort iiber das menschliche Phantom gesagt worden ist, aber es 
gibt eine solche Verbindungslinie. Sie werden sie vielleicht selbst fin- 
den, wenn Sie betrachten das heute Gesagte mit dem dort Gesagten. 
Heute rnufi ich die Sache von einer anderen Seite darstellen. 

Fortwahrend erzeugt sich im Menschen auch etwas Geistiges. Das- 
jenige, was als Leben im Menschen lebt, das geht gleichsam fortwah- 
rend in die Welt hinaus. Der Mensch verbreitet eine Aura um sich, 



eine Strahlungs-Aura, wodurch er das erdgeistige Element der Erde 
fortwahrend bereichert. In diesem Erdgeist-Element der Erde, da ist 
aber enthalten, indem es der Mensch hinuberschickt in die Erde, all 
dasjenige, was der Mensch an moralischen und an sonstigen erwor- 
benen, im Leben erworbenen menschlichen Qualitaten in sich tragt. 
Wahr ist es, durchaus wahr: Fiir den hellsichtigen Blick zeigt es sich, 
wie der Mensch fortwahrend in die "Welt hinausschickt seine mora- 
lische und intellektuelle und asthetische Aura, und wie diese Aura als 
Erdengeist in der Erdengeistigkeit weiterlebt. Wir ziehen nach uns 
durch das ganze Erdenleben, wie der Komet seinen Schweif durch das 
Weltall nach sich zieht, dasjenige, was wir gleichsam an Geistes-Aura 
ausdiinsten, was sich wahrend unseres Lebens zusammenfugt, phan- 
tomhaft, aber zugleich unser moralisches und intellektuelles Seelengut 
in die Welt hinausstrahlt. 

Das Leben ist kompliziert, und auch dieses ist eine Erscheinung 
des Lebens. 

Wenn wir zuriickgehen in der okkulten Betrachtung vor das My- 
sterium von Golgatha, da finden wir, dafi die Menschen dazumal 
dieses phantomartige Wesen, das ihre moralischen Qualitaten enthielt, 
einfach hinausgeschickt haben in die aufiere "Welt, in die aufiere gei- 
stige Aura der Erde. Aber die Menschheit entwickelte sich im Laufe 
des Erdendaseins, und es war zu einem gewissen Stadium dieser Ent- 
wickelung gerade in bezug auf dieses phantomartige Wesen, das der 
Mensch ausstrahlt, in den Zeiten gekommen, in denen das Mysterium 
von Golgatha in der Erdenentwickelung geschah. Man mochte sagen: 
Friiher war das phantomartige "Wesen, das der Mensch ausstrahlte, 
viel fluchtiger. Es wurde dichter, gestaltenartiger in der Zeit, in der 
das Mysterium von Golgatha iiber die Erde kam. Und der Mensch 
mischte als einen Grundcharakter diesem phantomartigen Wesen das- 
jenige bei, was er an Tod in sich aufnimmt, indem er den Lichtstrahl, 
der in das Auge eindringt, totet und so weiter, wie ich es auseinander- 
gesetzt habe. Gewissermafien ein totgeborenes Geisteskind sind diese 
erdgeistartigen Wesen, die der Mensch von sich ausstrahlt, weil der 
Mensch ihnen seinen Tod mitgibt. 

Und stellen wir uns vor, der Christus ware nicht auf die Erde ge- 



kommen, dann wiirden die Menschen wahrend des Aufenthaltes ihrer 
Seelen im Erdenleibe fortwahrend solche Wesen ausstrahlen, denen 
der Tod eingepragt ist. Und mit diesem Tode verbunden waren die 
moralischen Qualitaten der Menschen, von denen wir gestern ge- 
sprochen haben: objektive Schuld und objektive Siinde, die waren da 
drinnen, da drinnen lagen sie. Nehmen wir an, der Christus ware nicht 
gekommen, - was ware geschehen in der Erdenentwickelung? Von der 
Zeit an, in die also sonst das Mysterium von Golgatha fallt, hatten 
die Menschen dichte Gestalten geistig geschaffen, denen sie den Tod 
eingegeben hatten. Und diese dichten Gestalten, sie waren dasjenige 
geworden, was mit der Erde nach dem Jupiter hatte hiniiberziehen 
miissen. Der Mensch hatte der Erde den Tod erteilt. Eine tote Erde 
hatte einen toten Jupiter geboren ! 

Denn so hatte es kommen miissen, weil dem Menschen, wenn das 
Mysterium von Golgatha nicht gekommen ware, die Moglichkeit ge- 
fehlt hatte, das, was so ausstrahlt von ihm, zu durchdringen mit dem, 
was in der Spharenmusik liegt und mit dem, was im kosmischen Leben 
liegt. Die waren nicht dagewesen, waren nicht eingestromt in das, was 
der Mensch von sich ausstrahlt. Diese aber hat der Christus gebracht 
mit dem Mysterium von Golgatha. Und indem sich, wenn wir den 
Christus aufnehmen in uns, erfullt das «Nicht ich, sondern der Chri- 
stus in mir», belebt sich, indem wir zu dem Christus Beziehungen in 
uns entwickeln, dasjenige, was so von uns ausstrahlt, was sonst tot 
ware. Weil wir den Tod in uns tragen, mufi uns der lebendige Christus 
durchdringen, damit er das, was wir als geistiges Erdenwesen zuriick- 
lassen, belebe. In das, was sich von uns loslost als objektive Siinde, als 
objektive Schuld, was wir nicht im Karma weitertragen, in das dringt 
der lebendige Logos, der Christus ein und belebt es, und indem er es 
belebt, wird eine lebendige Erde zu einem lebendigen Jupiter hinuber 
sich entwickeln. Das ist die Folge des Mysteriums von Golgatha. 

Unsere Seele aber kann, wenn sie solches bedenkt, den Christus 
empfangen in der folgenden Weise. Sie kann sich sagen, diese Seele: 
Ja, da gab es einmal eine Zeit, in welcher der Mensch im Schofte des 
gottlichen Logos war. Aber der Mensch mufke der luziferischen Ver- 
suchung unterliegen. Er nahm den Tod in sich auf. Er nahm damit 



den Keim dazu auf, dafi eine tote Erde einen toten Jupiter zur Ge- 
burt gebracht hatte. Zuriickgeblieben ist dasjenige, was die Menschen- 
seele vor der Versuchung fiir ihr Erdendasein hatte mit empfangen 
sollen. Mit dem Christus ist es wieder eingezogen in das menschliche 
Erdendasein. 

Und wenn der Mensch nun aufnimmt den Christus in sich, so daft 
er sich durchdrungen fuhlt mit diesem Christus, dann kann er sich 
sagen: Dasjenige, was die Gotter mir zugeteilt haben vor der luzi- 
ferischen Versuchung, das aber dadurch, daft die luziferische Ver- 
suchung eintrat, hat zuriickbleiben mussen im kosmischen All, das 
zieht mit dem Christus in meine Seele ein. Die Seele wird erst dadurch 
wieder vollstandig, daft sie den Christus in sich aufnimmt. Da bin 
ich erst ganz Seele, da bin ich erst wiederum, wozu ich durch den 
gottlichen Ratschluft von Urbeginn der Erde an bestimmt war. - 
Bin ich denn wahrhaft eine Seele ohne den Christus ? fragt man sich. 
Man fuhlt, man wird erst durch den Christus die Seele, die man hatte 
werden sollen nach dem Ratschluft der fiihrenden Gotter. Das ist das 
wunderbare Heimatgefuhl, das die Seelen haben konnen mit diesem 
Christus. Denn aus der uralten kosmischen Heimat der Seele ist der 
kosmische Christus herabgekommen, um der Menschenseele dasjenige 
wieder zu geben, was sie auf der Erde durch die luziferische Ver- 
suchung verlieren muftte. Hinauf fiihrt der Christus die Seele wieder 
zu ihrer uralten Heimat, die ihr von den Gottern zugeteilt worden ist. 

Das ist das Begliickende, das Beseligende des wirklichen Erlebens 
des Christus in der Menschenseele. Das war es, was zum Beispiel so 
begliickend auf gewisse christliche Mystiker des Mittelalters gewirkt 
hat. Mogen sie auch manches geschrieben haben, das an und fiir sich 
in ihren Vorstellungen zu sinnlich war, aber es lag da Geistiges zu- 
grunde. Solche christlichen Mystiker, die sich anschlossen zum Bei- 
spiel an Bernhard von Clairvaux und andere, sie empf anden die mensch- 
liche Seele wie eine Braut, die ihren Brautigam verloren hat beim 
Erdenurbeginn; und wenn der Christus einzog in ihre Seelen, sie durch- 
lebend, durchseelend, durchgeistigend, dann empf anden sie den Chri- 
stus als den Seelenbrautigam, der sich mit der Seele verband und den 
sie einstmals verloren hatten, in der uralten Heimat der Seele, die sie 



verlassen hat, urn durch Luzifer den Weg der Freiheit zu gehen, den 
Weg der Unterscheidung des Guten und des Bosen zu gehen. 

Wenn sich die Menschenseele wirklich einlebt in den Christus, 
wenn sie den Christus als das lebendige Wesen empfindet, das aus- 
geflossen ist vom Tod auf Golgatha in die geistige Erdenatmosphare 
und das einflieften kann in die Seele, dann fiihlt sie sich in der Tat 
durch diesen Christus innerlich belebt. Sie fiihlt einen Ubergang von 
einem Tode zum Leben! 

Nicht konnen wir — weil wir ja bis in unsere fernere Erdenzeit irdi- 
sches Leben absolvieren miissen in Menschenleibern — die Spharen- 
musik unmittelbar horen, nicht konnen wir das kosmische Leben un- 
mittelbar in uns erleben, aber wir konnen erleben dasjenige, was von 
dem Christus ausfliefit, und haben stellvertretend damit dasjenige, 
was uns sonst aus der Spharenmusik und dem kosmischen Leben zu- 
kommen wiirde. 

Der alte Pythagoras hat von der Spharenmusik gesprochen. Warum 
hat er davon gesprochen, meine lieben Freunde ? Nun, er war ein Ein- 
geweihter der alten Mysterien. Er hat durchgemacht jenen ProzelS, 
durch den die Seele herausging aus dem Leibe. Wenn die Seele heraus 
war aus dem Leibe, da konnte er entruckt werden in die geistigen 
Wei ten; da sah er den Christus, der erst spater in die Erde kommen 
sollte. So kann der Mensch nach dem Mysterium von Golgatha nicht 
von der Spharenmusik sprechen wie Pythagoras gesprochen hat, aber 
er kann, auch wenn er nicht aufSerhalb des Leibes lebt mit seiner Seele, 
in anderer Weise sprechen von der Spharenmusik. Als Eingeweihter 
konnte er auch heute sprechen wie Pythagoras; aber der gewohnliche 
Erdenmensch in seinem physischen Leibe kann von Spharenmusik und 
vom kosmischen Leben nur sprechen, wenn er in seiner Seele erlebt 
das «Nicht ich, sondern der Christus in mir», denn das ist, was in 
der Spharenmusik gelebt hat, das ist, was im kosmischen Leben gelebt 
hat. Aber wir miissen wirklich auch den Prozefi durchmachen in uns, 
wir miissen wirklich den Christus in unsere Seele aufnehmen. 

Nehmen wir an, der Mensch wiirde sich strauben, den Christus in 
seiner Seele aufzunehmen, er wiirde den Christus nicht in seiner Seele 
aufnehmen wollen. Dann wiirde er an das Erdenende ankommen, und 



er wiirde am Erdenende in dem, was sich aus den im Laufe der Mensch- 
heitsentwickelung entstandenen Erdengeistern herausgebildet hat, in 
jenem Geistnebelgebilde, das sich dann aus der Erde gebildet haben 
wird, all diese phantomartigen Wesen haben, die aus ihm herausge- 
gangen sind in den friiheren Inkarnationen. Die wiirden alle da sein. 
Das, was so da sein wiirde, das wiirde eine tote Erde sein und tot zum 
Jupiter hinubergehen. Ein Mensch konnte sein Karma vollstandig aus- 
getragen haben, getilgt haben, das heiik, er konnte subjektiv alles das 
ausgleichend sich angeeignet haben, was er an Unvollkommenheiten 
veriibt hat, am Ende der Erdenzeit; er konnte vollkommen geworden 
sein in seinem Seelischen, in seinem Ego, aber objektiv wiirde Schuld 
und Siinde dastehen in dem, was da zuriickbleibt. Das ist durchaus 
eine Wahrheit, denn wir leben nicht nur fur uns selbst, wir leben nicht 
dafur, daft wir durch Ausgleich unseres Karma uns egoistisch voll- 
kommener machen, wir leben fur die Welt, und am Ende der Zeiten 
werden dastehen die Reste unserer Erden- Inkarnationen wie ein mach- 
tiges Tableau, wenn wir nicht den lebendigen Christus in uns aufge- 
nommen haben. Denn wenn wir das, was wir gestern gesagt haben, 
verbinden mit dem, was heute gesagt worden ist — es ist im Grunde, 
nur von zwei Seiten gesehen, dasselbe — , so ersehen wir, wie der Chri- 
stus Schuld und Siinde der Erdenmenschheit, insofern sie objektive 
Schulden und Siinden sind, auf sich nimmt. Und haben wir innerlich 
ergriffen dieses «Nicht ich, sondern der Christus in mir, der Christus 
in uns», so ubernimmt er das, was aus uns herauszieht, und unsere Reste 
stehen da von dem Christus belebt, von dem Christus durchlebt und 
durchstrahlt. Ja, unsere Inkarnationen stehen da, das heifk, die ge- 
schilderten Reste dieser Inkarnationen. Und was geben sie alle zu- 
sammen ? 

Dadurch, dafi der Christus sie alle vereinigt, der Christus, der ja 
aller Menschheit gehort in Gegenwart und in Zukunft, pressen sich 
ineinander alle diese Reste der einzelnen Inkarnationen. Jede Men- 
schenseele lebt in aufeinanderfolgenden Inkarnationen. Nehmen wir 
eine Inkarnation: bestimmte Reste bleiben da, wir haben sie geschil- 
dert. Nehmen wir die nachste Inkarnation: bestimmte Reste bleiben 
da, wir haben sie geschildert; weitere Inkarnationen: bestimmte Reste 



bleiben da, und so weiter bis zum Ende der Erdenzeiten. Die einzelnen 
Inkarnationen lassen ihre Reste zurikk bis zum Ende der Erdenzeiten. 
Sind diese Reste durchchristet, so driicken sie, pressen sie sich zu- 
sammen. Dadurch aber, dafi sich das Dunne zusammenprefit, wird 
es dicht — auch Geistiges wird dicht — und unsere samtlichen Erden- 
Inkarnationen, sie sind zu einem Geistesleib vereinigt. Der gehort 
uns, den brauchen wir, indem wir zum Jupiter hinuber uns entwickeln, 
denn er ist der Ausgangspunkt unserer Verkorperung auf dem Jupiter. 
Wir werden dastehen mit unserer Seele am Ende der Erdenzeit — mag 
sie mit ihrem Karma wie immer stehen — , wir werden dastehen vor 
unseren vom Christus gesammelten Erdenresten und werden uns mit 
ihnen zu vereinigen haben, um mit ihnen gemeinschaf tlich zum Jupiter 
hiniiberzugehen. 

Auferstehen werden wir im Leibe, in dem aus den einzelnen Inkar- 
nationen verdichteten Erdenleibe. Wahrhaftig, meine lieben Freunde, 
mit tief bewegtem Herzen spreche ich es hier aus: Auferstehen werden 
wir im Leibe! 

Sechzehnjahrige und noch jiingere Leute f angen heute an, ihr eigenes 
Glaubensbekenntnis zu fordern und davon zu reden, dafi sie «gliick- 
lich hinaus sind iiber solchen Unsinn wie — Auferstehung des Leibes». 
Diejenigen aber, die sich vertiefen okkultistisch in die Geheimnisse der 
Welt, die heben sich allmahlich hinauf zum Verstandnis dessen, was 
den Menschen gesagt worden ist; weil es ihnen — wie ich es im Ein- 
gang des Vortrages ausgefuhrt habe — zuerst gesagt werden mufite, 
damit sie es als Lebenswahrheit ergriffen, um es dann hinterher zu 
verstehen. Die Auferstehung der Leiber ist eine Wirklichkeit, aber 
unsere Seele mufi es empfinden, dafi sie auferstehen will gegeniiber 
den vom Christus gesammelten Erdenresten, gegeniiber dem Geistes- 
leib, der durchchristet ist. Das mufi unsere Seele verstehen lernen. 
Denn, nehmen wir an, wir konnten dadurch, dafi wir den lebendigen 
Christus nicht in uns aufgenommen haben, an diesen Erdenleib mit 
seiner Schuld und seiner Siinde nicht herantreten und uns mit ihm 
vereinigen. Hatten wir den Christus zuriickgewiesen, so wurden am 
Ende der Erdenzeit unsere einzelnen Inkarnationsreste zerstreut da- 
stehen; die waren verblieben, die waren nicht gesammelt worden von 



dem die ganze Menschheit durchgeistenden Christus. Wir standen als 
Seele am Ende der Erdenzeiten erdgebunden da, wir waren an das- 
jenige in der Erde gebunden, was tot zuriickbleibt in unseren Resten. 
Unsere Seele ware zwar im Geiste fur sich egoistisch befreit, aber wir 
konnten nicht an unsere leiblichen Reste heran. Solche Seelen, meine 
lieben Freunde, die sind die Beute Luzifers, denn er strebt danach, 
das eigentliche Erdenziel zu durchkreuzen, er strebt danach, die Seelen 
ihr Erdenziel nicht erreichen zu lassen, sie in der geistigen Welt zu- 
riickzubehalten. Und Luzifer wird in die Jupiterzeit hinubersenden 
dasjenige, was zerstreute Erdenreste geblieben sind, als toten Einschlufi 
Jupiters, der dann als Mond, der sich nicht abtrennt vom Jupiter, im 
Jupiter darinnen sein wird und immer hinauftreiben wird diese Erden- 
reste. Und diese Erdenreste werden von den Seelen oben als von Gat- 
tungsseelen belebt werden miissen auf dem Jupiter. 

Und jetzt erinnern Sie sich, was ich vor Jahren schon ausgesprochen 
habe: dafi das Menschengeschlecht auf dem Jupiter sich spalten wird 
in ein solches, bei dem die Seelen ihr Erdenziel erreicht haben, die das 
Jupiterziel erreicht haben werden, und in solche Seelen, die ein Mittel- 
reich bilden werden zwischen dem Menschenreich des Jupiter und 
dem Tierreich des Jupiter. Das werden Seelen sein, die luziferisch, 
das heiik blofi geistig da sind; ihren Leib werden sie unten haben, 
dieser Leib wird ein deutlicher Ausdruck sein ihres ganzen Seelen- 
innern, sie werden inn aber nur von aufien dirigieren konnen. Zwei 
Rassen, die Guten und die Bosen, werden sich auf dem Jupiter von- 
einander unterscheiden. — Das ist schon vor Jahren ausgefiihrt wor- 
den; heute wollen wir es tiefer betrachten. 

Dem Jupiterdasein wird ja noch ein Venusdasein folgen, und ein 
Ausgleich wird geschaffen werden wiederum durch die weitere Evo- 
lution des Christus, aber der Mensch soil gerade auf dem Jupiter des- 
sen ansichtig werden, was es heifien soil: nur in seinem eigenen Ego 
vollkommen werden wollen und nicht die ganze Erde zu seiner An- 
gelegenheit machen! Das soli der Mensch einmal durch den ganzen 
Jupiter-Zyklus hindurch erfahren, indem ihm alles dasjenige dann 
vor das geistige Auge treten kann, was er im Erdendasein nicht durch- 
christet hat. 



Nehmen wir das alles zusammen, meine lieben Freunde, und ge- 
denken wir von diesem Gesichtspunkte aus des Christus- Wortes, mit 
dem er hinausschickte seine Jiinger in die Welt, zu verkiindigen seinen 
Namen und in seinem Namen die Siinden zu vergeben. (Johannes 20, 23) 
Warum in seinem Namen die Siinden zu vergeben? Weil diese Siinden- 
vergebung mit seinem Namen zusammenhangt; weil die Siinde nur ge- 
tilgt und zu lebendigem Leben umgeschaffen werden kann, wenn der 
Christus mit unseren Erdenresten verbunden sein kann, wenn wir ihn 
zuerst wahrend unseres Erdendaseins im Sinne des Paulinischen Wortes: 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir» in uns getragen haben, 

Und wenn irgendwo ein religioses Bekenntnis in seinen aufteren 
Handlungen ankniipft an dieses Christus- Wort, um den Seelen immer 
wiederum und wiederum das zu vergegenwartigen, was mit dem 
Christus zusammenhangt, dann miissen wir darin auch diese tiefere 
Bedeutung suchen. Wenn in irgendeinem religiosen Bekenntnis, gleich- 
sam im Auftrage Christi einer seiner Diener spricht von Vergebung 
der Siinden, so heifk das nichts anderes als: derjenige, der mit seinen 
Worten der Siindenvergebung ankniipft an die Vergebung der Siinden 
durch den Christus, der deutet der Seele, die getrostet sein will, an: 
Ja, ich habe gesehen, du hast dein lebendiges Verhaltnis zu dem Chri- 
stus entwickelt, du vereinigst mit dem, was objektive Siinde und 
Schuld ist und einziehen soli als objektive Siinde und Schuld in deine 
Erdenreste, dasjenige, was dir der Christus ist. Weil ich erkannt habe, 
dafi du dich durchdrungen hast mit dem Christus, so darf ich sagen: 
«Deine Siinden sind dir vergeben. » 

Immer ist stillschweigend darinnen, dafi derjenige, der in irgend- 
einem religiosen Bekenntnis von Siindenvergebung spricht, sich die 
Oberzeugung verschafft hat: Der Betreffende halt es mit seinem Chri- 
stus, er will seinen Christus in seinem Herzen und seiner Seele tragen. 
Deshalb darf er ihn trosten, wenn der andere schuldbewufit ihm ent- 
gegentritt: Der Christus wird dir verzeihen, und ich darf dir sagen, 
dafi dir in seinem Namen deine Siinden vergeben sind. 

So ist es eine schone Ankniipfung an den einzigen Siindenvergeber 
— weil er der Siindentrager, weil er das die menschiichen Erdenreste 
belebende Wesen ist — , wenn diejenigen, die ihm dienen wollen, jene 



Seelen, denen gegeniiber sie sich iiberzeugen konnen, daft sie in ihrem 
Innern sich mit dem Christus verkniipft fiihlen, trosten konnen mit 
den Worten: «Deine Siinden sind dir vergeben.» Denn es ist gleich- 
sam eine neue Bekraftigung des Verhaltnisses der Seele zum Christus, 
wenn diese Seele hort: Ich habe meine Schulden, meine Siinden so 
aufgefaftt, daft mir gesagt werden darf, der Christus nehme sie auf 
sich, er durchwirke sie mit seinem Wesen. Immer ist in dem Unterton 
— wenn das Wort von der Siindenvergebung ein "Wahrheitswort sein 
soil — das enthalten, daft der Sunder, der Schuldige, wenn er auch 
seinen Bund mit dem Christus nicht neuerdings schlieftt, wenigstens 
an sein Schlieften erinnert wird. Denn ein so inniger Bund mufi ge- 
schlossen werden zwischen der Seele und dem Christus, daft die Seele 
nicht oft genug das Bewufttsein von diesem Bund erneuern kann. 
Und weil der Christus in der geschilderten Weise mit objektiver 
Schuld und objektiver Siinde der Menschenseele verbunden ist, so 
kann die Seele ihr Verhaltnis zu dem Christus im alltaglichen Leben 
am besten dadurch stets sich zum Bewufttsein bringen, daft sie ge- 
rade in dem Moment der Siindenvergebung sich an das Dasein des 
kosmischen Christus im Erdendasein immer wieder und wiederum 
erinnert. 

Es werden diejenigen, die sich im echten Geiste die durchchristete 
Geisteswissenschaft aneignen — nicht bloft in einem aufteren Sinne, 
sondern im echten Geiste — , ganz gewift auch ihre eigenen Beichtvater 
werden konnen. Ganz gewift werden sie durch die Geisteswissenschaft 
den Christus immer mehr und mehr so intim kennen lernen, so intim 
sich mit ihm verbunden fiihlen, daft sie unmittelbar seine geistige 
Gegenwart empfinden. Und sie werden, indem sie sich neuerdings 
ihm angeloben als dem kosmischen Prinzip, ihm im Geiste die Beichte 
verrichten und in ihrer stillen Meditation die Siindenvergebung von ihm 
erlangen konnen. Solange aber die Menschen sich noch nicht in diesem 
tiefen geistigen Sinne mit der Geisteswissenschaft durchdrungen ha- 
ben, muft mit Verstandnis hingewiesen werden auf dasjenige, was 
gleichsam in einem aufteren Zeichen in den verschiedenen Religionen 
der Welt als Siindenvergebung herrscht. Geistig freier und freier wer- 
den ja die Menschen, und indem sie geistig freier und freier werden, 



wird auch ihr Verkehr mit dem Christus immer unmittelbarer und 
unmittelbarer werden. 

Und Toleranz soli geiibt werden ! 

Gleich wie derjenige, der dadurch, daft er den Geist des Mysteriums 
von Golgatha, den Christus, in seinem Innern so tief ergriffen zu 
haben glaubt, daft er unmittelbar, man mochte sagen, Zwiesprache 
mit diesem Christus pflegen kann, mit Verstandnis hinblicken muft 
auf die, welche die positiven Satzungen eines Bekenntnisses brauchen, 
welche den Christus-Diener brauchen, der ihnen immer wieder und 
wiederum Trost mit den Worten gibt: «Deine Siinden sind dir ver- 
geben», so sollten auf der anderen Seite tolerant sein diejenigen, wel- 
che sehen, daft Menschen da sind, die schon mit sich selber fertig 
werden. — Das mag alles ein Ideal sein im Erdendasein, aber wenig- 
stens der Anthroposoph darf zu einem solchen Ideal aufblicken. 

Meine lieben Freunde, ich habe Ihnen gesprochen von geistigen 
Geheimnissen, die sich enthiillen und die wohl den Menschen doch 
auch, wenn er schon vieles von Anthroposophie in sich aufgenommen 
hat, noch tiefer hineinblicken lassen in das ganze Wesen unseres Seins. 
Ich habe Ihnen gesprochen von jener Uberwindung des Egoismus des 
Menschen, von jenen Dingen, deren Verstandnis uns auch erst ein 
richtiges Karma- Verstandnis gibt. Ich habe Ihnen gesprochen von 
dem Menschen, insofern er nicht nur ein Ich- Wesen ist, sondern dem 
ganzen Erdendasein angehort und dazu berufen ist, das gottliche 
Erdenziel mit zu fordern. Der Christus ist nicht etwa bloft dafiir in 
die Welt gekommen und durch das Mysterium von Golgatha durch- 
gegangen, damit er jedem einzelnen von uns etwas sein kann in un- 
serem Egoismus. Furchtbar ware es zu denken, daft der Christus etwa 
so aufgefaftt wiirde, daft das Paulinische Wort « Nicht ich, sondern 
der Christus in mir» nur einen hoheren Egoismus fordern wiirde. Der 
Christus ist fiir die ganze Menschheit gestorben, fur die Erdenmensch- 
heit ! Der Christus ist der zentrale Geist der Erde geworden, der alles 
Erdengeistige, das von Menschen ausflieftt, fiir die Erde zu retten hat. 

Man kann heute Werke von Theologen lesen — und diejenigen, 
welche diese Werke gelesen haben, werden bestatigen konnen, was 
ich jetzt sage — , die etwa sagen: Ja, gewisse Theologen des neun- 



zehnten und zwanzigsten Jahrhunderts haben endlich ausgerottet den 
mittelalterlichen Volksglauben, dafi der Christus in der Welt erschie- 
nen ist, um die Erde dem Teufel zu entreifien, urn die Erde dem Luzi- 
fer zu entreifien. — Es gibt ja audi innerhalb der Theologie heute 
einen aufgeklarten Materialismus, der sich nur nicht frank und frei 
als solcher bekennen will und besonders aufgeklart tut. Ja, so sagen 
sie, in diesem finsteren Mittelalter, da haben die Leute davon ge- 
sprochen, dalS der Christus in der "Welt erschienen ist, weil er die Erde 
dem Teufel hat entreifien sollen. — Die wahre Aufklarung fiihrt uns 
zu diesem einfachen, schlichten Volksglauben zuriick ! Denn von der 
Erde gehort Luzifer all dasjenige, was durch den Christus nicht be- 
freit wird. Und alles Menschliche, was in uns mehr ist als das, was 
blofi beschlossen ist in unserem Ego, es wird geadelt, es wird fruchtbar 
gemacht fur die ganze Menschheit, wenn es durchchristet ist. Und 
indem ich am Ende der Betrachtungen dieser Tage vor Ihnen stehe, 
meine lieben Freunde, mochte ich nicht unterlassen, zu jeder einzelnen 
Seele derer, die da vereinigt waren in diesen Tagen, auch diese Worte 
noch zu sprechen: 

Zukunftshoffnung und Vertrauen in die Zukunft unserer Sache, 
sie konnen wohnen in unseren Herzen, weil wir uns bemuht haben, 
von Anfang unserer Arbeit an, zu durchdringen dasjenige, was wir 
zu sagen haben, mit dem Willen des Christus. Und Hoffnung und 
Vertrauen gibt, dafi gesagt werden darf: Schlieftiich ist unsere Lehre 
selbst dasjenige, was uns der Christus hat sagen wollen, erfullend sein 
Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» 
(Matthaus 28, 20) Wir haben nur horchen wollen auf dasjenige, was von 
Ihm kommt. Und das, was Er uns inspiriert hat nach seinem Verspre- 
chen, wir wollen es in unsere Seele aufnehmen als unsere Geisteswissen- 
schaft. Nicht, weil wir von irgend etwas Christlich-Dogmatischem 
durchsetzt fiihlen unsere Geisteswissenschaft, betrachten wir sie als 
christlich, sondern weil wir, in uns durchchristet, sie als eine Offenba- 
rung des Christus in uns selbst betrachten. Deshalb bin ich auch iiber- 
zeugt, dafi das, was so als echte, wahre Geisteswissenschaft aufkeimt in 
den Seelen, die mit uns zusammen diese unsere durchchristete Geistes- 
wissenschaft aufnehmen wollen, fruchtbar wird fur die ganze Mensch- 



heit und fiir diejenigen wiederum, die diese Friichte empfangen sollen, 
insbesondere. 

Vieles von dem, was gut ist, geistig gut ist in unserer geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung, wenn man es hellsichtig betrachtet, zeigt sich 
so, dafi es herriihrt von denen, die mit uns unsere durchchristete 
Geisteswissenschaft aufgenommen haben, und die, nachdem sie durch 
die Pforte des Todes gegangen sind, das, was Friichte sind dieser 
durchchristeten Geisteswissenschaft, wiederum zu uns herunterschik- 
ken. Das lebt schon in uns, was uns herunterschicken aus den geistigen 
Welten diejenigen, die durchchristete Geisteswissenschaft aufgenom- 
men haben. Denn sie behaiten es nicht zu ihrer eigenen Vervollkomm- 
nung, in ihrer eigenen karmischen Strdmung, sie konnen es einstromen 
lassen in Seelen, die es aufnehmen wollen. Trost und Hoffnung fiir 
unsere Geisteswissenschaft erbluht uns daraus, dafi wir wissen: auch 
unsere sogenannten Toten arbeiten mit uns. 

In einem gewissen Zusammenhang wurde schon vorgestern von 
solchen Dingen hier gesprochen. Aber heute, da ich am Schlusse dieser 
Betrachtungen stehe, meine lieben Freunde, darf ich, ich mochte sagen, 
personlich, auch zu Ihren Seelen noch das eine Wort sagen: 

Indem ich gesprochen habe zu diesem Zweige unserer Gesellschaft 
hier in Norrkoping, da konnte ich nicht anders als immer fiihlen den 
guten Geist derjenigen, die ja so innig verkniipft war mit dem, was 
wir hier unseren Norrkopinger Zweig nennen. Wie ein guter Engel 
dieses Zweiges schaut der Geist Frau Danielsons auf all das, was dieser 
Zweig unternehmen will. Und es war im geschilderten Sinne auch 
christlicher Geist. Die Seelen, die ihn erkennen, werden sich niemals 
getrennt von ihm fiihlen. Moge er als Schutzgeist weiter iiber diesem 
Zweige waken. Er wird es gerne wollen; er will es sicher gern, wenn 
die Seelen, die in diesem Zweige arbeiten, ihn aufnehmen. 

Mit diesen aus tiefstem Herzen her aus gesprochenen Worten, meine 
lieben Freunde, schliefie ich diese Vortrage ab und hoffe, dafi wir 
in den eingeschlagenen Geistesbahnen miteinander weiter arbeiten 
werden. 



ANTHROPOSOPHIE UND CHRISTENTUM 



ANTHROPOSOPHIE UND CHRI STENTUM 
Norrkoping, 13.Julil914 



Vor alien Dingen bitte ich Sie um Entschuldigung, dafi ich nicht 
in der Lage bin, in der Sprache des Landes am heutigen Abend zu 
Ihnen zu sprechen. Allein die Freunde, die Mitglieder unserer Anthro- 
posophischen Gesellschaft sind, in deren Mitte ich in diesen Tagen, 
in dieser Woche Vorlesungen iiber Geisteswissenschaft halten darf, 
waren der Meinung, daft ich auch offentlich in deutscher Sprache in 
dieser Stadt iiber einen Gegenstand der Geisteswissenschaft sprechen 
konne. Auch das Thema, welches der Betrachtung dieses Abends zu- 
grunde liegen soil, ist dem "Wunsche unserer werten Mitglieder in 
dieser Stadt entsprungen. Ich soil sprechen iiber die Beziehung der 
Geisteswissenschaft oder, wie man die hier gemeinte Geisteswissen- 
schaft auch nennen kann, iiber die Beziehung der Anthroposophie 
zum Christentum. Dabei wird es allerdings notwendig sein, daft ich 
einiges vorausschicke iiber das Wesen und iiber die Bedeutung dessen, 
was hier mit Geisteswissenschaft gemeint ist, iiber den Gesichtspunkt, 
von dem aus gesprochen werden soil. 

Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, strebt nicht an die Be- 
griindung irgend einer neuen Religion oder irgend einer neuen reli- 
giosen Sekte oder dergleichen. Geisteswissenschaft will sein oder 
glaubt sein zu diirfen dasjenige, was unserer gegenwartigen Kultur 
auferlegt ist in geistiger Beziehung. 

Wenn wir gegenwartig auf einem Gebiete, auf dem es notwendig 
ist, Fortschritte machen sollen in der Kulturentwickelung der Mensch- 
heit, welche in ahnlicher "Weise auf einem anderen Gebiete gemacht 
worden sind vor drei, vier, f iinf Jahrhunderten, als die neuere Natur- 
wissenschaft in ihrer Morgenrote eingezogen ist in das menschliche 
Kulturleben, so miissen wir sagen: Was fur die Erkenntnis der aufteren 
Natur, was fiir das Leben durch die Erkenntnis der aufteren Natur- 



gesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das 
mochte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze 
unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser 
Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im 
allerweitesten Kulturleben; das mochte sie werden fiir unsere Gegen- 
wart und fiir die nachste Zukunft. Und so viel man auch diese Geistes- 
wissenschaft notwendigerweise noch verkennen muft, ganz begreif- 
licherweise verkennen muft, so entnimmt sie das Vertrauen in ihre 
Wahrheit, auch das Vertrauen in ihre Wirksamkeit in der Mensch- 
heitskultur, der Betrachtung des Schicksals der Naturwissenschaft 
beim Aufgange des neueren Geisteslebens. Auch der Naturwissen- 
schafter stand ja gegenuber jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Vor- 
urteilen; aber die Wahrheit hat Krafte, die ihr in der Art, wie es 
angemessen ist im Menschenleben, immer zum Siege verhilft gegen 
alle widerstrebenden Krafte. 

Und so sei denn, nachdem von diesem Vertrauen des Geisteswissen- 
schafters in die Wahrheit und "Wirksamkeit seiner Arbeit einige Worte 
gesprochen worden sind, sogleich eingegangen auf das Wesen, auf die 
Art der Forschung, welche der hier gemeinten Geisteswissenschaft 
zugrunde liegt. 

Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstel- 
lungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. Aber 
da sich diese Geisteswissenschaft auf ein ganz anderes Gebiet erstreckt 
als die Naturwissenschaft, namlich nicht auf das Gebiet dessen, was 
sinnenfallig wahrgenommen werden kann, auf das Gebiet der aufieren 
Natur, sondern auf das Gebiet des Geistes, so muft es ja einleuchtend 
sein, daft gerade eine naturwissenschaftliche Denkweise da, wo es sich 
darum handelt, das Gebiet des Geistigen zu erforschen, sich wesent- 
lich modifizieren mufi, zu etwas anderem werden mufi als auf dem 
Gebiete der Naturwissenschaft. Und obgleich die Methode, die For- 
schungsweise der Geisteswissenschaft ganz so gehalten ist in dem 
Geiste der Naturwissenschaft, dafi jeder naturwissenschaftlich Ge- 
bildete, der heute Naturwissenschaft ohne Vorurteile nimmt, sich auf 
den Boden dieser Geisteswissenschaft stellen kann, so muB doch gesagt 
werden, dafi allerdings, solange man die naturwissenschaftlichen Me- 



thoden in ihrer Einseitigkeit nimmt, wie es vielfach heute geschieht, 
Vorurteil iiber Vorurteil gegen die Anwendung naturwissenschaft- 
licher Vorstellungsart auf das geistige Leben erwachsen kann. Mufi 
doch naturwissenschaftliches Denken, man mochte sagen, naturwissen- 
schaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen 
wohl am nachsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen 
ist, mufi doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen 
des Menschen selbst. Mufi doch der Mensch in der Geisteswissenschaft 
sich selber untersuchen, und mufi er doch auch zu dem einzigen Werk- 
zeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfiigung steht, 
namlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, dafi 
der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die 
Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren mufS, dafi er 
etwas mit sich vornehmen mufi, das ihn in die Lage versetzt, in 
die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltaglichen 
Leben. 

Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem natur- 
wissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soil, der nur ver- 
deutlichen soli, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungsart ganz 
auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. In der 
Natur tritt uns zum Beispiel das Wasser entgegen. Wenn wir das 
Wasser ansehen, wie es uns draufien entgegentritt, so stellt es sich 
zunachst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit 
seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns 
das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Ja, was macht da der 
Naturwissenschafter aus dem Wasser? Das Wasser brennt bekannt- 
lich nicht. Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser her- 
aus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der aufierlich das 
Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, da£ da Wasserstoff 
drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften 
haben als das Wasser. 

Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der 
Mensch, wenn er dem Menschen gegenubersteht im Leben, erkennen, 
was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, 
der Naturwissenschafter, kommt und uns das Wasser zerlegt in 



Wasserstoff und Sauerstoff, so mufi, allerdings jetzt in einem inner- 
lichen SeelenprozefS, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vor- 
bereiten mul$, der Geisteswissenschafter kommen und mufi dasjenige, 
was sich im aufieren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann 
der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den 
Menschen in das Aufterlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. 
Zunachst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft 
aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. 
Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem 
Aufierlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Was- 
serstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser heraus- 
gezogen wird. 

Es ist heute sehr oft der Fall, dafi in dem Augenblick, wo man 
beginnt, in dieser Art zu sprechen, einem gesagt wird: Das verstofit 
doch wider den Monismus, an dem man unbedingt festhalten mufi. 
Nun, der Monismus darf ja auch den Chemiker nicht hindern, daft er 
das Wasser zerlegt in eine Zweiheit. Der Monismus wird gar nicht 
dadurch angefochten, dafi dasjenige, was in Wirklichkeit geschehen 
kann, geschieht: daft durch die Geistesforschung, durch die geistes- 
forscherischen Methoden abgetrennt wird von dem Leiblich-Korper- 
haften das Geistig-Seelische. Nun aber sind diese Methoden aller- 
dings nicht solche, die man im Laboratorium, im physikalischen Ka- 
binett, in der Klinik vollziehen kann, sondern es sind Vorgange, die 
in der Seele selber vollzogen werden miissen. Es sind aber keine Vor- 
gange der Seele, die Wunder darstellen, sondern es sind nur Steige- 
rungen desjenigen, was der Mensch im gewohnlichen Leben beobachten 
kann. Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigen- 
schaften, die der Mensch im alltaglichen Leben in einem gewissen 
Mafte hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern mufi, wenn er zum 
Geistesforscher werden soil. Und da ich nicht in allgemeinen Redens- 
arten herumreden will, so will ich gleich in die Betrachtung der Sache 
selbst eintreten. 

Jeder kennt dasjenige, was man im menschlichen Seelenleben nennt 
das Erinnerungsvermogen, das Gedachtnis. Jeder weifi ja, wieviel von 
dem Gedachtnis im Grunde genommen abhangt. Man stelle sich ein- 



mal vor, wir wiirden eines Morgens aufwachen und keine Ahnung 
haben, was friiher um uns und in uns war. Wir wiirden dadurch die 
ganze menschliche Wesenheit verlieren. Unser Gedachtnis, das in sich 
zusammenhangt von einem gewissen friihen Zeitpunkt in der Kind- 
heit an, das gehort notwendig zu unserem menschlichen Leben. Nun 
werden schon die Philosophen der Gegenwart gegeniiber der Unter- 
suchung der Gedachtniskraft stutzig. Sie haben jetzt schon Person- 
iichkeiten in ihrer Mitte, die gerade, indem sie das Gedachtnis be- 
trachten, von einer materialistisch-monistischen Weltanschauung ab- 
kommen, indem sie durch genaue Untersuchung finden, dafi, wenn 
man auch die Sinnesempfindungen, soviel man das nur sagen kann 
von Seelentatigkeit, in aufierlicher Weise gebunden findet an den Leib, 
man das Gedachtnis nie als an den Leib gebunden wird anerkennen 
konnen. Darauf brauche ich ja nur aufmerksam zu machen. Denn ein 
Mann, der wahrhaftig keine Neigung hat, in die Geisteswissenschaft 
einzudringen, der franzosische Philosoph Bergson, hat auf diese gei- 
stige Art des Gedachtnisses hingedeutet. 

Wie aber tritt uns im Leben das Gedachtnis, die Erinnerungskraft 
entgegen ? Langst vergangene Ereignisse kommen in Bildern in unsere 
Seele herein. Die Ereignisse sind langst vergangen, aber die Seele hat 
es mit sich selbst zu tun. Sie hat es damit zu tun, daf? sie heraufzaubert 
das vergangene Erlebnis aus den Tiefen des inneren Lebens. Und man 
kann das, was da heraufkommt aus den Seelentiefen, mit dem ur- 
spninglichen Erlebnis vergleichen. Blafi sind die Erinnerungen gegen- 
iiber den Bildern, die uns die Wahrnehmung der Sinne bietet. Aber 
mit der Integritat des Seelenlebens hangen sie zusammen. Und wir 
konnten uns in der Welt nicht zurechtfinden, wenn wir nicht das 
Gedachtnis hatten. Diesem Gedachtnis aber liegt die Kraft des Ge- 
dachtnisses zugrunde. Die Seele kann dasjenige, was in ihren Erinne- 
rungen verborgen ist, durch die Kraft des Gedachtnisses heraufholen. 
Aber da gerade setzt nun Geisteswissenschaft ein. Nicht das Gedacht- 
nis als solches — ich bitte ins Auge zu fassen, was ich sagen will — , nicht 
das Gedachtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Herauf- 
holen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, 
diese Kraft kann verstarkt werden, ins Unbegrenzte verstarkt werden, 



so daft sie im Leben der Seele nicht blofi verwendet wird, um durch- 
gemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daft sie zu 
etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht aufiere Methoden, 
die im Laboratorium verfolgt werden konnen, nicht das, was man 
durch die aufieren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistes- 
forscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgange, die jeder 
durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvor- 
gange ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit 
im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des 
Gedankenlebens. 

Was ist diese Konzentration des Gedankenlebens? 

Ich kann heute nur in einer kurzen einstundigen Betrachtung die 
Prinzipien dessen anfuhren, um was es sich handelt. Das Nahere kon- 
nen Sie nachlesen in meinen Buchern «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» im zwei- 
ten Teil; diese Biicher sind ja auch iibersetzt. Ferner in dem Buche 
«Die Schwelle der geistigen Welt». Aber den Prinzipien nach will ich 
die ersten Vornahmen der Seele auseinandersetzen, die eine unbe- 
grenzte Steigerung dessen sind, was fur das menschhche Leben not- 
wendig ist, eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit 
mufi in unbegrenzter Weise gesteigert werden, damit Geistesforschung 
in die Seele eintreten konne. 

Was macht denn der Mensch in der Regel, wenn er der Auftenwelt 
gegeniibertritt ? Er nimmt die Dinge wahr; er verarbeitet die Dinge 
durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Dann macht 
er sich Vorstellungen iiber das Wahrgenommene. Und in der Regel 
ist er zufrieden, wenn er die aufteren Vorstellungen in der Seele be- 
wahrt. Da, wo das Alltagsleben aufhort, da beginnen die Methoden 
der Geisteswissenschaft, da beginnt dasjenige, was man Konzentration 
des Denkens nennen kann. Derjenige, der ein Geistesforscher werden 
will, der mufi den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er ge- 
wohnlich im aufieren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir 
uns selbst bilden, die wir genau uberschauen konnen, am besten sinn- 
bildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht notig haben, die Ober- 
einstimmung mit der Auftenwelt zu priifen, sie stellen wir in den 



Horizont unseres Bewufttseins; Vorstellungen, die wir entweder fin- 
den, aus der Praxis der Geisteswissenschaft hervorgegangen, oder zu 
denen uns der Geistesforscher raten kann, sie stellen wir in den Mittel- 
punkt des ganzen Bewufitseins, so dafi wir durch langere Zeit die 
Aufmerksamkeit der Seele von allem AulSeren ablenken und uns nur 
konzentrieren auf eine Vorstellung. Wahrend man sonst nicht bei 
einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Krafte seiner Seele 
zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in 
seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. Wenn man den Men- 
schen betrachtet bei einer solchen Vornahme, so vollzieht er im Grunde 
genommen etwas, was dem Schlafe gewissermafien ahnlich ist, und 
was doch auch wiederum radikal verschieden ist. Denn, soli solche 
Konzentration fruchtbar werden, so mu& der Mensch in der Tat wie 
ein Schlafender werden. 

Wenn wir einschlafen, da fiihlen wir zuerst, wie die Willenskrafte 
in unseren Gliedern ruhig werden, wie eine gewisse Dammerung um 
uns auftritt, wie die Sinne in ihrer Tatigkeit abebben. Dann gehen 
wir iiber in Bewulklosigkeit. Alles Auftere mufi so werden in der Kon- 
zentration wie beim Schlafe. Die Sinne mussen vollstandig frei werden 
von alien Eindriicken der Aufienwelt. Das Auge darf so wenig sehen 
wie im Schlafe; das Ohr so wenig horen wie im Schlafe und so weiter. 
Dann wird das ganze Seelenleben zusammengenommen und auf eine 
Vorstellung konzentriert; das ist der radikale Unterschied vom Schlafe. 
Man konnte den Zustand nennen ein bewuikes Schlafen, ein voll- 
bewufites Schlafen.Wahrend im Schlafe die Finsternis der Unbewufit- 
heit sich ausdehnt im Seelenleben, lebt in einem erhohten Seelenleben 
derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Er strengt alle Krafte 
des Seelenlebens an und wendet sie auf eine Vorstellung. Nicht darauf 
kommt es an, dafi wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur 
eine Gelegenheit, unsere Seelenkrafte zusammenzuraffen, zusammen- 
zudrangen. Auf dieses Zusammendrangen der Seelenkrafte kommt es 
an. Denn dadurch gelangen wir allmahlich dazu — ich mufi da wieder- 
um auf das Nahere in meinen Buchern verweisen — , wirklich das 
Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, 
herauszureiften aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom 



Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu 
erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten 
Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn 
auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt 
wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, hochstens durch 
Teile einer Stunde festhalten, aber man mufS sie immer und immer 
wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Krafte, die sonst 
nur schlummern in der menschlichen Natur — die im Alltagsleben ja 
auch da sind, die aber schlummern — , so zu verstarken, daft sie wirk- 
sam werden in unserer Seele und herausreiften das Geistig-Seelische 
aus dem Physisch-Leiblichen. 

Da ich, wie gesagt, nicht herumreden mochte in abstrakter Art, 
sondern Ihnen Tatsachen mitteilen mochte, so sei es gleich gesagt, daft, 
wenn es dem Geistesforscher gelingt, durch Energie und Ausdauer, 
durch Hingabe an seine Obungen wirklich zur Frucht seiner Obungen 
zu kommen, er dann zu einem Erlebnis gelangt, das zunachst genannt 
werden konnte ein Erlebnis des rein inneren Bewufttseins. Man weift 
mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu 
verbinden mit dem Worte, das vorher sinnlos war: Ich weift mich 
aufterhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres 
erlebend, aufterhalb meines Leibes. 

Ich will Ihnen von diesem Erlebnis im einzelnen erzahlen. Zunachst 
verspiirt man, daft wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Ver- 
richtungen des Alltags sich regt, sich losldst vom Leibe. Dumpf ist 
zunachst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daft man seine Natur 
erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weift zuerst dann, wenn man 
wiederum zuruckkehrt in seinen Leib — das mochte ich zunachst 
charakterisieren — , wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das 
die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, 
dieses Gehirn. Man weift: Mit dem Alltagsdenken denkt man so, daft 
das Gehirn das Instrument ist; jetzt war man aber drauften. Dann 
kommt man allmahlich dazu, einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: 
Du erlebst dich im Seelisch-Geistigen. Man erlebt, wie das eigene 
Haupt umkleidet ist gewissermaften mit seinen Gedanken. Man weift, 
was es heiftt, das Seelisch-Geistige abgetrennt zu haben vom aufteren, 



physisch-leiblichen Leben. Zuerst lernt man den Widerstand kennen, 
den das leibliche Leben bietet. Dann lernt man erkennen das selb- 
standige Leben aufierhalb des Leibes. Es ist wahrhaftig so, wie wenn 
der Wasserstoff einmal sich selbst aufierhalb des Wassers wahrnehmen 
sollte. So ist es mit dem Menschen, wenn er solche Obungen durch- 
macht. Und dann, wenn er solche Obungen getreulich fortsetzt, dann 
tritt der grofte, der bedeutungsvolle Augenblick ein, an dem man so- 
zusagen den Ausgangspunkt der eigentlichen Geistesforschung hat. 
Ein Augenblick, der tief erschiitternd ist, der ungeheuer bedeutungs- 
voll ins ganze Leben eingreift. Dieser Augenblick kann in der ver- 
schiedensten Art sich einstellen. Er kann tausendfach verschieden 
sein. Ich will ihn aber typisch charakterisieren, wie er doch seiner 
Charakteristik nach meistens sein wird. 

Hat man so eine gewisse Zeit hindurch geiibt, hat man gewisser- 
maften aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus die eigene 
Seele so behandelt, dann kommt der Moment, der eintreten kann ent- 
weder im alltaglichen Leben, oder auch mitten im Schlafe, so daft 
man aus dem Schlafe aufwacht und weifS: man traumt nicht, man 
erlebt eine neue Wirklichkeit. Man kann das zum Beispiel so erleben, 
dafi man sich sagt: Was ist doch um mich? Es ist, wie wenn ich mich 
in einer Umgebung befande, die sich von mir loslost, wie wenn die 
Elemente blitzartig einschlugen und wie wenn mein Leib zerstort 
wiirde durch die Elemente und ich mich aufrecht erhalte gegentiber 
diesem Leibe. Man lernt erkennen, was alle Geistesforscher durch alle 
Zeiten hindurch mit einem bildlichen Ausdruck genannt haben: an 
die Pforte des Todes gelangen. Denn das erlebt man, dafi man jetzt 
weift durch das Bild — also nicht durch die Wirklichkeit, diese erlebt 
man nur im Tode — , man erlebt durch das Bild, daft man jetzt weift, 
wie der Mensch geistig-seelisch ist, wenn er nicht durch das Instrument 
seines Leibes sich und die Welt wahrnimmt, sondern wenn er nur im 
Geistig-Seelischen lebt. 

Das ist zunachst das Erschutternde; man weifi: Du hast dich mit 
deiner Denkkraft losgelost von deinem Leibe. Und ebenso konnen 
andere Krafte losgelost werden von dem Leibe, so dafi der Mensch 
immer reicher, immer innerlicher mit Bezug auf sein Seelenleben wird. 



Aber es geniigt die eine Obung nicht, welche ich mit dem Ausdruck 
Konzentration oder unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit be- 
zeichnet habe. Durch diese Obung erlangt man das Folgende: Wenn 
man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, 
dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen 
kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden 
von den Bildern des gewohnlichen Gedachtnisses. Wahrend das ge- 
wohnliche Gedachtnis nur dasjenige in Bildern hat, was aufierlich 
erlebt worden ist, steigen jetzt Bilder auf aus den grauen Seelentiefen, 
die nichts gemein haben mit dem, was man in der aufteren Sinneswelt 
erleben kann. Alle Einwande, dafi man sich leicht tauschen konne, 
dafi das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Remi- 
niszenzen des Gedachtnisses sein konnten, alle diese Einwande sind 
hinfallig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden 
zwischen dem, was das Gedachtnis heraufrufen kann, und dem, was 
radikal verschieden ist von allem, was im Gedachtnis stehen kann. 
Allerdings, eines muft bedacht werden, wenn von diesem Punkte des 
Eintretens in die geistige Welt gesprochen wird. Es ist dasjenige, dafi 
zur Geistesforschung wenig sich solche Personen eignen, welche an 
Halluzinationen, an Visionen oder ahnlichen krankhaften Seelenge- 
bilden und Seelenzustanden leiden. Je weniger der Mensch dazu neigt, 
was ja doch nur eine Reminiszenz des Tageslebens ist, desto sicherer 
kommt er vorwarts auf dem Gebiete der Geistesforschung. Und darin 
besteht ein grofier Teil der Vorbereitung zur Geistesforschung, daft 
man alles dasjenige, was nur irgendwie unbewulk aus der Menschen- 
seele sich aufdrangen konnte in solch krankhafter Art, genau unter- 
scheiden lernt von dem, was als ein neues Element, als eine geistige 
Wirklichkeit durch die geisteswissenschaftliche Ausbildung der Seele 
eintreten kann. 

Ich mochte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen 
dem Visionaren, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistes- 
forscher erschaut. Warum ist es denn so, dafi so viele Menschen glau- 
ben, schon in der geistigen Welt drinnen zu stehen, wenn sie nur Hallu- 
zinationen und Visionen haben? Ja, die Menschen lernen so ungern 
etwas wirklich Neues kennen! Sie halten so gerne an dem Alten, in 



dem sie schon drinnen stehen, fest. Im Grunde genommen treten uns 
in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so 
entgegen, wie uns die aufiere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie 
sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermafien nichts 
dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistes- 
forscher gegeniiber seinem neuen geistigen Element nicht. Ich habe 
davon gesprochen, dafi der Geistesforscher alle Krafte seiner Seele, 
die im gewohnlichen Leben schlummern, konzentrieren, heraufarbei- 
ten raufi. Das erfordert aber, dafi er eine seelische Energie, eine see- 
lische Starke anwendet, die im aufieren Leben nicht da ist. Aber diese 
Starke mufi er immer festhalten, wenn er eintritt in die geistige Welt. 
Der Mensch bleibt passiv, er braucht sich nicht anzustrengen: das ist 
das Charakteristische der Halluzinationen, der Visionen. In dem Au- 
genblick, wo wir der geistigen Welt gegeniiber auch nur einen Moment 
passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir miissen unausgesetzt 
tatig, aktiv dabeisein. Daher konnen wir uns auch nicht tauschen, 
denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, 
wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. Wir miissen 
uberall mit unserer Tatigkeit dabeisein, bei jedem Atom desjenigen, 
was uns aus der geistigen Welt entgegentritt. Wir miissen wissen, 
wie es sich damit verhalt. Diese Aktivitat, dieses fortlaufende Tatig- 
sein, das ist notwendig fur die wirkliche Geistesforschung. Dann aber 
tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der 
physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige We- 
sen, geistige Tatsachen um uns sind. 

Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Dafi man losreifk die Seele 
vom Leibe, das geschieht in der geschilderten Weise. Das zweite aber, 
es kann wiederum durch einen naturwissenschaf tlichen Vergleich klar 
gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zu- 
nachst fur sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen 
Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muft sich vollziehen 
mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Die- 
ses Geistig-Seelische mufi sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht 
in der Sinneswelt sind. Es mufi mit ihnen eins werden; dadurch nimmt 
es sie wahr. 



Die erste Stufe der Geistesforschung ist das Abtrennen des Seelisch- 
Geistigen vom Physisch-Leiblichen. Die zweite Stufe ist das Eingehen 
von Verbindungen mit Wesen, die hinter der Sinneswelt sind. Das 
letztere ist etwas, was einem in der Gegenwart nicht verziehen wird, 
weit weniger verziehen wird als das Reden von einem «Geiste ; m 
allgemeinen». Es gibt ja heute schon viele Menschen, die wissen, dafi 
es sie drangt, ein Geistiges anzunehmen. Sie sprechen aber von einem 
Geiste, der hinter der Welt ist und sind froh beseelt, wenn sie Pan- 
theisten sein konnen. Aber fur den Geistesforscher ist der Pantheismus 
gerade dasselbe, wie wenn man jemand in die Natur fiihrt und sagt 
zu ihm: Schau nur, das alles, was dich hier umgibt, es ist Natur! 
wenn man ihm nicht sagt: Das sind Baume, das sind Wolken, das ist 
eine Lilie, das ist eine Rose, sondern: das ist alles Natur! Wenn man 
den Menschen also von einem Vorgang zum anderen Vorgang, von 
einem Wesen zum anderen Wesen fiihrt und ihm sagt: Es ist das alles 
Natur ! — damit ist ja nichts gesagt. Im einzelnen, im Konkreten mufi 
auf die Tatsachen eingegangen werden. Es wird einem heute verziehen, 
wenn man von einem Geiste spricht, der in allem darinnen ist. Der 
Geistesforscher kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Er tritt 
ja ein in eine Welt, die besteht aus einer Welt von geistigen Wesen- 
heiten, geistigen Tatsachen, die differenziert sind so, wie die aufiere 
Welt konkret differenziert ist, indem sie besteht aus Wolken, Bergen, 
Talern, aus Baumen, Blumen und so weiter. Dafi man aber davon 
spricht, daft nicht nur die natiirlichen Vorgange differenziert sind in 
Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, sondern daft man, wenn der 
Mensch in eine geistige Welt eintritt, auch dort von konkreten Einzel- 
heiten und Tatsachen spricht, das wird einem heute nicht verziehen. 
Aber der Geistesforscher kann nicht anders als darauf aufmerksam 
machen, daft, wenn er so in die geistige Welt eintritt, er eintritt in 
eine Welt wirklicher, konkreter geistiger Wesenheiten und geistiger 
Vorgange. 

Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der 
Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewohnlichen Leben oder 
im gesteigerten gewohnlichen Leben in der religiosen Frommigkeit 
empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert mufi das ent- 



wickelt werden, dafi der Mensch wirklich dazu kommt, dafi er gleich- 
sam im Strome des Weltgeschehens hingebungsvoll ruht wie im 
Schlafe. Im Schlafe vergifit er jede Regung des eigenen Leibes, so 
mufi der Mensch jede Regung des eigenen Leibes vergessen in der 
Kontemplation oder Meditation. Es ist dies die zweite Obung, die 
abwechseln mufi mit der ersten Ubung. Der Ubende vergifit seinen 
Leib vollstandig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, dafi 
er auch alle Gemiitsregungen und Willensregungen abzusondern ver- 
mag, so wie er sich im Schlafe abzusondern vermag von jeder Reg- 
samkeit des Leibes. Aber bewufit mufi dieser Zustand herbeigefiihrt 
werden. Indem der Mensch diese Hingabe hinzufugt zu der ersten 
Ubung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen 
Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt 
durch die aufieren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. 
Eine neue "Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der 
der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. Dann aber wird 
fur den Menschen etwas zur Tatsache. Zur Tatsache wird es, so sagte 
ich, fur die Innenbeobachtung, was heute noch durchaus zuriickge- 
wiesen wird von den Vorurteilen unserer Zeit, was aber ebenso ein 
Ergebnis einer streng wissenschaftlichen Forschung ist, wie die Evo- 
lutionslehre der neueren Zeit es ist: der Mensch lernt seinen seelisch- 
geistigen Wesenskern kennen, und zwar so lernt er ihn kennen, dafi 
er weifi: Bevor ich vor der Empfangnis und vor der Geburt in dieses 
Leben eingetreten bin, das mich mit dem Leibe bekleidete, war ich 
geistig-seelisch in einem geistigen Reiche. Indem ich durch die Pforte 
des Todes schreiten werde, wird mein Leib abf alien, aber dasjenige, 
was ich jetzt kennen gelernt habe als geistig-seelischen Wesenskern, 
dasjenige, was aufier dem Leibe leben kann, das wird durch die Pforte 
des Todes schreiten. Das gehort, nachdem es durch die Pforte des 
Todes geschritten ist, zu einer geistigen Welt, das geht in eine geistige 
Welt ein. - Man lernt, mit anderen Worten, die unsterbliche Seele ken- 
nen schon in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Man lernt 
kennen dasjenige, wovon man weifi, dafi es auf den Leib nicht ange- 
wiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele 
nach dem Tode eintritt. Aber man lernt diesen geistig-seelischen 



Wesenskern des Menschen in einer solchen Weise erkennen, wie es 
sich wiederum wissenschaftlich-anschaulich beschreiben laftt. 

Wenn wir die Pflanze betrachten, wie der Keim sich entwickelt, 
wie die Blatter und Bliiten entstehen, wie die Frucht sich bildet, aus 
der dann wiederum ein Keim hervorgeht, dann werden wir gewahr, 
daft das Leben dieser Pflanze sich zuspitzt in diesem Keim. Man sieht 
das Abf alien der Bliiten und Blatter, man sieht, daft der Keim bleibt, 
der in sich tragt eine neue Pflanze. So wird man gewahr: In dieser 
Pflanze, die man vor sich hat, da lebt der Keim, der Kern zu einer 
neuen Pflanze. So lernt man erkennen, indem man das Leben zwischen 
Geburt und Tod betrachtet, daft sich im Geistig-Seelischen dasjenige 
entwickelt, was durch die Pforte des Todes geht, was aber der Keim, 
der Kern eines neuen Lebens ist. So gewift wie der Pflanzenkeim die 
Anlage hat, eine neue Pflanze zu werden, so gewift hat dasjenige, was 
sich in dem Alltagsleben als Seelisch-Geistiges verbirgt, was sich aber 
der Geisteswissenschaft zeigt, die Anlage zu einem neuen Menschen. 
Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Oberein- 
stimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den 
wiederholten Erdenleben. Man weift, daft das gesamte Menschenleben 
besteht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und aus dem Leben, 
das verlauft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aus dem 
dann der Mensch wiederum in ein neues Erdenleben eintritt. Das 
einzige, was eingewendet werden konnte gegen das eben Gesagte, ist, 
daft ja der Pflanzenkeim auch zugrunde gehen konnte, wenn die Be- 
dingungen nicht da sind, die ihn zu einer neuen Pflanze aufrufen. 
Dieser Einwand erledigt sich fiir die Geisteswissenschaft dadurch, daft 
allerdings der Pflanzenkeim, weil er angewiesen ist auf die auftere 
Welt, auch zugrunde gehen kann. In der geistigen Welt aber, in der 
der menschliche Seelenwesenskern heranreift zu einem neuen Erden- 
leben, da gibt es kein Hindernis dafiir, daft dasjenige, was als Seelen- 
kern im Erdenleben reift, in einem anderen Erdenleben wiederum zum 
Vorschein kommt. Ich kann nur fluchtig in kurzen Worten andeuten, 
wie der Geistesforscher, festhaltend an der naturwissenschaftlichen 
Forschungsart, zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben 
kommt. 



Man hat die Geisteswissenschaft angeklagt des Buddhismus, weil 
sie von den wiederholten Erdenleben spricht. Nun, die Geisteswissen- 
schaft holt das, was sie zu sagen hat, wahrhaftig nicht aus dem Bud- 
dhismus, sondern sie steht voll und ganz auf dem Boden der neueren 
Naturwissenschaft. Aber, sie dehnt diese neuere Naturwissenschaft 
auf das geistige Leben aus. Und sie kann nichts dafur, daft sie, ohne 
irgendwie auf den Buddhismus Riicksicht zu nehmen, zu der An- 
schauung von den wiederholten Erdenleben kommt. Sie kann nichts 
dafiir, daft der Buddhismus in uralten Zeiten aus alten Traditionen 
heraus gesprochen hat von den wiederholten Erdenleben. 

In diesem Zusammenhange mochte ich darauf aufmerksam machen, 
daft Lessing aus seinem reifen und erfahrungsreichen Denken heraus 
dazu gekommen ist, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen. 
Nach einem arbeitsreichen Leben hat Lessing seine Abhandlung 
«Uber die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, und da ver- 
tritt er diese Lehre von den wiederholten Erdenleben. Er sagt ungefahr 
das Folgende: Sollte denn diese Lehre deshalb zu verwerfen sein, weil 
sie in den ersten Morgenstunden der Menschheit aufgetreten ist, als 
noch keine Vorurteile der Schulen sie getriibt haben ? So wenig Lessing 
sich beirren lieft dadurch, daft diese Lehre von den wiederholten 
Erdenleben in der Morgenrote der Menschheit aufgetreten ist und 
dann spater durch die Vorurteile der Schulen in den Hintergrund ge- 
drangt worden ist, so wenig braucht die Geisteswissenschaft vor dieser 
Lehre zuriickzuschrecken, weil diese Lehre auch im Buddhismus vor- 
kommt. Es ist durchaus unbegriindet, die Geisteswissenschaft deshalb 
des Buddhismus zu zeihen. Geisteswissenschaft bekennt sich zu der 
Lehre von den wiederholten Erdenleben aus ihren eigenen Quellen 
heraus, und der Mensch wird hingewiesen durch diese Geisteswissen- 
schaft darauf, daft er mit dem gesamten Menschheitsleben auf Erden 
in Zusammenhang steht. Denn diese Seelen, die in uns leben, sie waren 
schon oftmals da, sie werden noch oftmals da sein. Wir blicken zuriick 
auf uralte Kulturepochen, auf Zeiten zum Beispiel, wo die Augen der 
Menschenhinaufgeblickt haben zu den Pyramiden. Wirwissen: Unsere 
Seelen haben schon dazumal gelebt, und wiederum werden sie er- 
scheinen in der Zukunft; sie nehmen teil an alien Menschheitsepochen. 



Es ist heute noch durchaus zu verstehen, wenn die Vorurteile der 
Menschen sich gegen eine solche Lehre wenden. Es gibt ja auch Men- 
schen, die sich alles so zurechtlegen, wie sie es gerne mogen. Daft 
Lessing ein grofter Mensch war, ist bekannt. Daft er sich auf der Hohe 
seines Lebens zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben bekannt 
hat, das ist manchen Menschen unbequem und sie sagen deshalb: Nun 
ja, Lessing ist eben auch schwach geworden im Alter! Das ist den 
Menschen bequemer zu denken, als zu denken: der Mensch steht in 
Verbindung mit der gesamten Erdenkultur. 

Nun, in welchem Sinne will die Geisteswissenschaft dasjenige, was 
soeben auseinandergesetzt worden ist, vor die ganze Menschheits- 
kultur hintragen? In keinem anderen Sinne, als die neuere Natur- 
wissenschaft ihre Erkenntnisse vor die Menschheit bringt. Aber indem 
diese Geisteswissenschaft in dieser Art gegenwartig vor die Mensch- 
heitskultur hintritt, ist sie denselben Vorurteilen ausgesetzt, denen 
dasjenige ausgesetzt war, was die neuere naturwissenschaftliche Den- 
kungsweise gebracht hat. Erinnern wir uns nur an Kopernikus, an 
Galilei, an Giordano Bruno. Wie war es denn dazumal, als Kopernikus 
auftrat mit der Ansicht, daft die Erde nicht stille steht, sondern daft 
sie sich dreht um die Sonne, daft die Sonne in Wahrheit gegeniiber der 
Erde stille steht? Was hatte man geglaubt? Man hatte geglaubt, daft 
jetzt die Religion auf dem Spiel stehe, daft durch solche Fortschritte 
des Wissens die religiose Frommigkeit der Menschen gefahrdet sei. 
Gewisse kirchliche Bekenntnisse haben bis zum neunzehnten Jahr- 
hundert gebraucht, um die Lehre des Kopernikus vom Index abzu- 
setzen und im Schofte ihrer Weltanschauung anzuerkennen. Geistiger 
Fortschritt hat zu jeder Zeit gegen alte Vorurteile zu kampfen gehabt. 
Nicht anders, als das neue naturwissenschaftliche Wissen dazumal in 
die Menschheitskultur eingetreten ist, will das neue Geisteswissen in 
die Menschheitskultur eintreten. Daft man etwas wissen kann iiber 
den Geist, und daft die Menschheit dazu reif ist, dieses Wissen sich 
anzueignen, das will Geisteswissenschaft so betonen, wie betont wor- 
den ist durch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, daft ein neues 
Wissen notwendig geworden war, fur das die Menschheit reif war, 
in bezug auf die Natur. Und wie man dazumal selbst den christlichen 



Domherrn Nikolaus Kopernikus angeklagt hat, kein Christ zu sein, 
so hat man es ja auch in gewissen Punkten leicht, die neuere Geistes- 
wissenschaft nun wiederum anzuklagen, daft sie unchristlich sei. Ich 
mufi bei einer solchen Anklage immer wiederum eines Priesters ge- 
denken, der, als er einmal sein Universitatsrektorat angetreten hat, 
einen Vortrag hielt iiber Galilei, und der dazumal sagte: Es waren 
eben religiose Vorurteile dazumal unter den Menschen, als sie Koper- 
nikus entgegengetreten sind. Derjenige aber, der wahrhaft Religiositat 
in sich hat, der weift, daft die Herrlichkeit und das Licht der Gottheit 
nicht vermindert wird dadurch, daft man in die Geheimnisse des Welt- 
alls wissend eindringt; er weift, daft die Grofte der Gottesanschauung 
der Menschen nur zugenommen hat dadurch, daft der Mensch sein 
Wissen ausdehnte iiber den Sinnenschein hinaus zu einem Berechnen 
der Sternenbahnen und der Gestirne Eigentumlichkeiten. — Daft Reli- 
gion nur gewinnen kann, wenn sie sich wissenschaftlich vertieft, das 
kann das wahrhaft religiose Gemut einsehen. Und Geisteswissenschaft 
will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. 
Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine 
Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die 
Zeit der Propheten ist voriiber. Die Menschheit ist reif geworden. Und 
Menschen, die mit Prophetennatur in der Zukunft vor die Menschheit 
hintreten wollten, sie werden ein anderes Schicksal haben als die alten 
Propheten. Die alten Propheten, sie sind mit Recht nach den Eigen- 
arten ihrer Zeit als hervorragende Menschen verehrt worden. Pro- 
pheten der Gegenwart, die es in dem alten Sinne sein wollten, werden 
ihr Schicksal erfahren: sie werden ausgelacht werden! Geisteswissen- 
schaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer 
ganzen Natur nach auf dem Boden, daft dasjenige, was sie zu sagen 
hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in 
welchedieMenschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und 
dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher 
erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig 
ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, 
findest du es selbst ! Und immer mehr und mehr werden sich die Zeiten 
nahern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wird als schlichter 



Forscher, so wie der Chemiker, der Biologe als Forscher anerkannt 
werden auf ihrem Gebiete; nur daft der Geistesforscher auf dem Ge- 
biete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht. 

Ich konnte ja heute nur skizzieren, was bei der Forschung auf diesem 
Gebiete herauskommt. Aber wenn Sie darauf eingehen, so werden Sie 
sehen, daft das die Erforschung der fur die Menschenseele wichtigsten 
Fragen ist: der Menschheits- und Schicksalsfragen, der beiden Fragen, 
die die Menschen tief bewegen konnen, stiindlich, taglich - derjenigen 
Fragen, die die Menschenseele stark machen zur Arbeit. Und weil die 
Gegenstande der Geistesforschung mit den Tiefen der Menschenseele 
zu tun haben, daher ist es ihr eigen, daft sie die Menschen ergreif t, daft 
sie sich verbindet mit dem tiefsten Innern des Menschen, und daft sie 
dadurch sein religioses Empfinden vertieft, daft sie den Menschen 
religioser macht in seinem Empfinden, als er sonst gewesen ware. 

Geisteswissenschaft will nicht das Christentum ersetzen, aber ein 
Instrument zum Ergreifen des Christentums will sie sein. Und gerade 
dadurch wird uns durch die Geisteswissenschaft klar, daft dasjenige 
Wesen, das wir den Christus nennen, in den Mittelpunkt alles Erden- 
daseins zu stellen ist, daft dasjenige, was wir das christliche Bekenntnis 
nennen, die letzte der Religionen ist, die fur die Erdenzukunft ewige 
Religion ist. Gerade das zeigt uns die Geisteswissenschaft, daft die 
vorchristlichen Religionen aus ihrer Einseitigkeit herausgewachsen 
sind, zusammengewachsen sind in die Religion des Christentums. 
Geisteswissenschaft will nicht etwas anderes an die Stelle des Christen- 
tums setzen, sondern sie will nur dazu helfen, das Christentum defer, 
inniger zu verstehen. 

Kann man sagen, daft Kopernikus, als er in seinem stillen Kammer- 
lein ein neues astronomisches Weltensystem aufstellte, die Natur ura- 
schaffen wollte? Wahnsinn ware es, solches zu sagen. Die Natur ist 
geblieben, was sie war; aber die Menschen haben verstehen gelernt 
in einer Weise, wie es der neuen Kultur geziemte, iiber die Natur zu 
denken. Ich habe mir erlaubt, mein Buch, das ich vor vielen Jahren 
geschrieben habe iiber das Christentum, zu nennen: «Das Christen- 
tum als mystische Tatsache». Derjenige, der gewohnt ist, iiber die 
Dinge auch nachzudenken, die er der Welt iiberliefert, wahlt einen 



solchen Titel nicht ohne Bedenken. Warum habe ich diesen Titel ge- 
wahlt? Nun, um zu zeigen, dafi das Christen turn nicht eine blofie 
Lehre ist, die man so oder so verstehen kann, sondern daft es als eine 
Tatsache, die nur geistig zu verstehen ist, in die "Welt eingetreten ist. 
So wahr die Natur keine andere geworden ist durch Kopernikus, so 
wahr wird die Tatsache des Christentums keine andere, wenn Geistes- 
wissenschaft zum Instrument wird, diese Tatsache des Christentums 
in einem vollen Sinne zu verstehen, besser zu verstehen, als das in 
abgelebten Zeiten mogHch gewesen ist. 

Nur ein Punkt aus der geisteswissenschaftlichen Erforschung des 
Christentums sei mir gestattet hervorzuheben. Ich habe zwar die Zeit 
schon uberschritten, die mir gesetzt war, aber ich bitte Sie, noch auf 
diesen einen konkreten Punkt der christlichen Geistesforschung hin- 
weisen zu diirfen. 

Wenn man die alten Kulturen, die vorchristlichen Kulturen mit 
dem Blicke des Geistesforschers verfolgt, dann findet man, daft diese 
vorchristlichen Kulturen iiberall das hatten, was man die Mysterien 
nennt, Statten, von denen man sagen kann, daft sie religiose Statten, 
Kunststatten und Wissenschaftsstatten zugleich waren. Wahrend die 
auftere Kultur so beschaffen war, daft in den alten Zeiten der Mensch 
niemals dazu gekommen ist, so, wie ich es geschildert habe, durch die 
geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt einzudringen, 
wahrend die auftere Kultur nie eindringen lieft in die geistige Welt, 
konnten die einzelnen Menschen aufgenommen werden in die Myste- 
rien. Da waren die Schiiler, die man auch nannte die Einzuweihenden. 
Sie wurden dazu gebracht, das zu erlangen, was heute geschildert 
worden ist, namlich aus ihrem physischen Leibe herauszugehen. Sie 
wurden sozusagen durch die Kunst der Mysterien dazu gebracht, ein 
leibfreies Seelenleben zu entwickeln. Und was erlangten sie durch 
dieses leibfreie Seelenleben? Sie erlangten die Moglichkeit, die geistige 
Welt zu erleben und diesen Mittelpunkt der Erdenmenschheitsge- 
schichte, das Christus-Ereignis, zu erleben. Man beriicksichtigt in der 
aufteren Wissenschaft viel zu wenig, was aus den Schiilern der My- 
sterien geworden ist, aber man konnte vieles anfuhren, um dieses dar- 
zustellen. Nur das Eine lassen Sie mich erwahnen wie ein Symptom, 



ein Wort des Kirchenvaters Augustinus. Er sagte: Christen gibt es 
nicht nur, seitdem der Christus auf Erden erschienen ist, Christen gab 
es auch schon vorher ! Wenn man das heute sagt, wird man als Ketzer 
angeklagt; aber ein christlicher Kirchenvater durfte es sagen, daft es 
vor dem Christus, vor dem Erscheinen des Christus auf Erden Christen 
gab; und es ist das auch die Anschauung des Augustinus selber. Warum 
sagte dieser christliche Lehrer solche Worte ? Man erlangt ein gewisses 
Bewulksein davon, warum er das sagte, wenn man zum Beispiel bei 
Plato liest, wie er die Mysterien schatzt, wie er spricht iiber die Be- 
deutung der Mysterien fiir das ganze Wesen und Leben der Mensch- 
heit. Ein Wort, das uns hart erscheinen kann, ist uns iiberliefert von 
Plato: Die Menschenseelen leben wie im Schlamm, leben wie im 
Sumpfe, solange sie nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht sind. 
Er sagte das, weil er uberzeugt war, daf$ die Menschenseele eigentlich 
ihrem "Wesen nach geistig-seelisch ist, dafi aber nur derjenige, der her- 
ausnimmt seine Seele aus dem physischen Leibe, durch die Mysterien 
ansichtig wird der geistigen Welt. Als jemand, der seinem wahren 
Wesen entzogen ist, erscheint dem Plato der Mensch, der nicht in die 
Mysterien eingedrungen ist. Und das ist das Wesentliche: Der einzige 
Weg, aus dem Physisch-Sinnlichen in das Geistige hereinzugelangen, 
war in alten Zeiten der Weg durch die Mysterien. 

Das ist aber heute nicht mehr so. Ein gewaltiger Unterschied ist 
vorhanden in bezug auf das Verhaltnis der Menschenseele zu der 
geistigen Welt gegeniiber den vorchristlichen Zeiten. Dasjenige, was 
ich Ihnen heute erzahlt habe, und was jede Seele vornehmen kann mit 
sich, um ihren Einzug in die geistige Welt zu halten, das ist erst mog- 
lich in der Welt seit der Begriindung des Christentums. Seither erst kann 
jede Seele, die dasjenige anwendet, was ich heute und in den genann- 
ten Buchern dargestellt habe, durch Selbsterziehung hinaufgelangen in 
die geistige Welt. Vor der Begriindung des Christentums brauchte 
man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der 
Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. Und 
wenn die Geisteswissenschaft gefragt wird: Worauf beruht dieser 
Umschwung? - dann hat sie aus ihren Forschungen heraus zu ant- 
worten: Dieser Umschwung ist moglich geworden durch das Myste- 



rium von Golgatha. Durch die Begrundung des Christentums ist eine 
Tatsache, die nur im Geiste erforscht werden kann, in die Menschheit 
eingetreten. Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn 
der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus 
selbst, er ist nach der Begrundung des Christentums von jeder Men- 
schenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleich- 
sam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit 
dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist alien 
Menschenseelen zuteil geworden. Woher ist das gekommen? Die- 
jenigen, von denen man wufite, daft sie durch die Mysterien gegangen 
sind, Heraklit, Plato, sie nennt der Kirchenlehrer «Christen», weil sie 
durch die Mysterien die geistige Welt gesehen haben. 

Die Geisteswissenschaft zeigt uns, dafi, indem Jesus gelebt hat in 
der Art, wie Sie es in den Evangelienbiichern finden konnen, fur Jesus 
ein Moment eintritt in seinem Leben — es ist die Taufe im Jordan — , 
wo dieser Jesus sich umgewandelt hat, wo etwas eingetreten ist in ihm, 
das friiher nicht da war, das dann in ihm lebte wahrend dreier Jahre. 
Und dasjenige, was da in ihn eingezogen ist, es geht durch das My- 
sterium von Golgatha hindurch. Es ist jetzt nicht die Zeit hier, die 
Einzelheiten des Mysteriums von Golgatha zu schildern. Aber die 
Geisteswissenschaft bestatigt dasjenige, was in den Evangelien ge- 
schrieben ist, von ihrem Gesichtspunkte aus, von ihrem vollstandig 
wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus. Durch dasjenige, was auf Gol- 
gatha geschieht, verbindet sich etwas, das vorher nur in den geistigen 
Hohen zu erreichen war, mit der Erdenmenschheit selbst. Es lebt seit 
der Zeit, da der Christus durch den Tod gegangen ist auf Golgatha, 
in alien menschlichen Seelen drinnen. Es ist die Kraft, durch welche 
jede Seele den Weg in die geistige Welt hinein finden kann. Das 
Menschengeschlecht auf Erden ist in bezug auf seine Seele ein anderes 
geworden durch das Mysterium von Golgatha. Der Christus ist, wie 
er selber sagt, «von oben», aber er ist eingezogen in die Menschen- 
Erdenwelt. 

Man wirft der Geisteswissenschaft vor, da£ sie sagt, der Jesus sei 
nicht immer der Christus gewesen, sondern erst im dreiftigsten Jahre 
des Jesus hatte das Christus-Leben auf Erden begonnen. Oberflach- 



lichkeit iiber Oberflachlichkeit, aus dem Vorurteil der Menschheit 
herausgeboren, tritt der Geisteswissenschaft entgegen; wenn man die 
Tatsache zugibt, tritt einem gleich ein Vorurteil entgegen. Und so ist 
es fast mit allem, was gesagt wird von der Gegnerschaft in bezug auf 
die Stellung der Geisteswissenschaft zum Christentum. 

Miissen wir nicht sagen: Erst im dritten Lebensjahr ungefahr kann 
der Mensch beginnen, sich zu erinnern. Sagt man aber deshalb, daft 
dasjenige, was spater im Menschen lebt, nicht friiher schon in ihm 
war? Wenn man spricht von dem Einzuge des Christus in den Jesus, 
leugnet man deshalb, daft der Christus mit dem Jesus von der Geburt 
an verbunden war? Ebensowenig leugnet man dieses, wie man leugnet, 
daft die Seele im Kinde ist, bevor die Seele sozusagen aufersteht in 
diesem Kinde im Laufe des dritten Jahres. Man muft nur verstehen, 
was die Geisteswissenschaft sagt, dann wird man nicht mehr ihr 
Gegner sein. 

Ferner wird der Geisteswissenschaft vorgeworfen, daft sie aus dem 
Christus ein kosmisches Wesen macht. Sie tut nichts anderes, als den 
Blick des Erdenmenschen erweitern iiber die bloften irdisch-physischen 
Angelegenheiten hinaus in die Weiten des Weltenalls, daft er auch 
geistig das Weltenall umfasse mit seinem Wissen, so wie Kopernikus 
die auftere Welt umfafit hat mit seinem Wissen. Daft die Geistes- 
wissenschaft das Bediirfnis hat, einzubeziehen, was ihr das Heiligste 
ist, in dieses ihr Wissen, das entspricht nur einem religiosen Gefiihl 
und zugleich einem tief wissenschaftlichen Gefiihl. Geurteilt haben 
die Menschen iiber die Bewegungen im Weltenall nach dem, was sie 
sahen, vor Kopernikus; unabhangig von der Sinneswelt haben sie ge- 
lernt zu urteilen. Ist es strafbar, wenn Geisteswissenschaft dasselbe 
tut in bezug auf die geistigen Angelegenheiten der Menschheit? Ge- 
urteilt haben die Menschen in einer gewissen Weise iiber das Christen- 
tum, iiber das Leben des Christus Jesus, wie sie bisher urteilen konnten. 
Geisteswissenschaft will erweitern den Blick in die kosmisch-geistigen 
Weiten. Sie fiigt zu dem bisher Gewuftten hinzu, was sie aus der 
Geisteswissenschaft heraus iiber den Christus zu sagen hat. Geistes- 
wissenschaft erkennt in dem Christus ein Wesen, das ewig ist; ein 
Wesen, das nur einmal eingezogen ist in einen menschlichen Leib, das 



sich dadurch unterscheidet von den iibrigen Menschen, dafi es nicht 
wiederholte Erdenleben durchmacht. Der Christus ist nur einmal ein- 
gezogen in einen Menschenleib und ist nun vereinigt mit den Seelen 
der Menschen. 

Einen merkwurdigen Fehler machen diejenigen, die die Geistes- 
wissenschaft vom Standpunkte des Christentums aus bekampfen. Man 
frage einmal bei der Geisteswissenschaft an, ob sie dasjenige, was sie 
innerhalb des Christentums finden kann, bekampf t ! Sie sagt zu allem 
Ja, wozu das Christentum Ja sagt. Aber sie sagt noch etwas anderes 
dazu. Dieses andere verbieten, das heiik nicht, auf seinem Christentum 
bestehen, sondern das heilk bestehen auf der Beschranktheit des Chri- 
stentums; das heilk so operieren, wie diejenigen operiert haben, die 
iiber Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno so gesprochen haben, wie 
ich es angefuhrt habe. Welcher logische Fehler da zugrunde liegt, 
das kann man leicht einsehen. Diejenigen, die da kommen und sagen: 
Ihr redet ja von einem kosmischen Christus, der auch in den Welten- 
weiten lebt, daher seid Ihr Gnostiker — begehen ungefahr denselben 
Fehler, den einer begeht, der sagt: Ja, der Mann, der mir jetzt Geld 
gab, er ist mir 30 Kronen schuldig, er hat mir aber 40 Kronen gegeben, 
weil er mir 10 dazu leiht. Wenn ich jetzt komme und sage: Der Mann 
hat mir die Schuld nicht bezahlt, er hat mir ja die 30 Kronen nicht 
gegeben, sondern 40 Kronen, begehe ich da nicht einen torichten 
Fehler?! Wenn aber die Leute kommen und sagen zu den Vertretern 
der Geisteswissenschaft: Ihr sagt uns nicht nur das, was wir iiber den 
Christus sagen, sondern ihr sagt noch etwas dazu — dann merken es 
die Leute nicht, welch ungeheuren Fehler sie machen, weil sie aus ihrer 
Leidenschaft heraus sprechen und nicht wirklich objektiv. Meinet- 
wegen mag man polemisieren dagegen, da$ das, was Geisteswissen- 
schaft iiber das Christentum gibt, etwas sein kann oder nicht sein 
kann fiir die Menschen. Das hangt davon ab, was die Menschen brau- 
chen. Man konnte ja auch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno zu- 
rikkweisen. Aber man darf nicht sagen, Geisteswissenschaft gebe 
weniger iiber das Christentum oder Geisteswissenschaft trete gegen 
das Christentum auf. 

Und noch eines ist es, was ausgesprochen werden mufi, wenn iiber 



das Verhaltnis von Geisteswissenschaft zum Christentum die Rede 
ist: Die Menschheit andert sich, indem sie in den einzelnen Menschen- 
leben von Epoche zu Epoche gebt. Unsere Menschenseelen haben 
durchgemacht Erdenleben in Zeiten, wo der Christus noch nicht mit 
der Erde vereinigt war, und sie werden durchmachen nocb fernere 
Erdenleben, in denen der Christus mit der Erde vereint ist. Der Chri- 
stus lebt nunmehr in den Menschenseelen selbst. Dann aber, wenn die 
Menschenseele sich immer mehr und mehr vertief t, wenn die Menschen- 
seele immer wieder und wiederum durch wiederhoite Erdenleben geht, 
dann wird sie immer selbstandiger und selbstandiger, immer innerlich 
freier und freier. Daher ist es so, daft sie immer neue Instrumente 
braucht, um die alten Wahrheiten zu verstehen, daft sie aus dieser 
inneren Freiheit heraus immer weiter und weiter vorzudringen hat. 
So mufi gesagt werden: Das Christentum wird gerade durch die 
Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen 
Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daft die Geistes- 
wissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form 
diese alten christlichen Wahrheiten verkiindigt. Mogen diejenigen, 
die nur bei ihren Vorurteilen stehenbleiben wollen, glauben, daft 
Geisteswissenschaft dem Christentum Abbruch tue. Wer in die Kultur 
der Gegenwart eindringt, der wird finden, daft gerade diejenigen Men- 
schen, die nicht mehr in der alten Weise Christen sein konnen, durch 
Geisteswissenschaft wiederum von der Wahrheit des Christentums 
iiberzeugt werden. Denn dasjenige, was die Geisteswissenschaft iiber 
das Christentum zu sagen hat, das darf sie sagen zu jeder Seele, weil 
den Christus, von dem sie spricht, jede Seele in sich selbst finden kann. 
Aber sie darf auch sagen, daft sie den Christus findet als das Wesen, 
das einmal wirklich durch die Tatsache des Mysteriums von Golgatha 
eingetreten ist in die Menschenseelen, in die Erdenwelt. Der Glaube 
hat nichts zu furchten von dem Wissen, denn die Gegenstande des 
Glaubens, wenn sie zum Geiste aufsteigen, haben das Licht des Wis- 
sens nicht zu scheuen. Und so wird Geisteswissenschaft dem Christen- 
tum diejenigen Seelen erobern, die ihm nicht anders werden gewon- 
nen werden konnen als dadurch, daft man zu ihnen nicht spricht wie 
ein prophetischer Religionsstifter, sondern wie ein schlichter "Wissen- 



schafter, der aufmerksam macht auf dasjenige, was auf geisteswissen- 
schaftlichem Gebiete gefunden werden kann, und der die Saiten, die 
in jeder Seele sind, zum Mitschwingen bringt. 

Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; die Wege da- 
zu konnen Sie in den genannten Biichern angegeben finden. Aber 
auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahr- 
heit in unbefangener Weise auf sich wirken lafit, von dieser Wahrheit 
durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich 
eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen 
liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegen- 
heit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu iiberschauen; 
aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinnes- 
welt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geistes- 
wissenschafter auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen 
geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er dar- 
auf, dafi es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen konnen, weil 
sie in jeder Seele vorhanden sind. 

Da ich zum Schlusse noch aufmerksam machen mochte, wie die 
Geisteswissenschaft sich hineinstellt in das Kulturleben, so mochte ich 
noch das Folgende sagen: Geisteswissenschaft stimmt wirklich uberein 
mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart und Denkungsart, 
und nicht anders will sie sich hinstellen vor die Kultur der Gegenwart, 
als sich der kirchliche Domherr Kopernikus, als sich Galilei, als sich 
Giordano Bruno hingestellt haben vor ihre Gegenwart. Vergegen- 
wartigen wir uns Giordano Bruno. Was hat er eigentlich getan ? Bevor 
er auftrat und seine fiir die Menschheitsentwickelung so bedeutungs- 
vollen Worte sprach, blickten die Menschen ins Weltenall hinein. Sie 
sprachen von den Sternenspharen so, wie sie glaubten, sie zu sehen. 
Sie sprachen von der blauen Himmelskugel, die das Weltall begrenzt. 
Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, sie hatten den Mut, den Sinnen- 
schein zu durchbrechen und eine neue Denkungsweise zu begriinden. 
Was war es denn im Grunde genommen, was Giordano Bruno vor 
seinen Zuhorern sagte? Er sagte: Seht euch die blaue Himmelskugel 
an; das Firmament, ihr macht es selbst durch die Begrenztheit eurer 
Erkenntnis. Eure Augen sehen nur bis dahin, und eure Augen sind es, 



die sich diese Grenze schaf fen ! Ober diese Grenzen hinaus erweiterte 
Giordano Bruno den Blick der Menschen. Er glaubte darauf hinweisen 
zu dtirfen, daft eingebettet sind in die Raumesweiten ewige Sternen- 
welten. 

Was muE der Geistesforscher tun? Lassen Sie es mich bescheiden im 
Sinne der neueren Geistesentwickelung aussprechen. Hinweisen mufi 
der Geistesforscher auf das Zeitenfirmament, hinweisen muft er auf 
die Grenzen von Geburt und Tod des Menschenlebens, sagen mufi er: 
Die auftere Anschauung sieht Geburt und Tod als ein Zeitenfirma- 
ment durch die Begrenztheit des menschlichen Verstandes und Wahr- 
nehmungsvermogens. Aber wie Giordano Bruno mulS er darauf hin- 
weisen, daft dieses Zeitenfirmament nicht da ist, sondern daft es nur 
herriihrt von der Begrenztheit der menschlichen Anschauung. Wie 
Giordano Bruno hinausweist iiber die Begrenztheit des Raumes, wie er 
darauf hinweisen muft, wie unendliche Welten eingebettet sind in die 
Weiten des Raumes, so muft der Geistesforscher darauf hinweisen, 
daft hinter den nicht vorhandenen Grenzen von Geburt und Tod die 
Zeitenunendlichkeit liegt, und daft darin eingebettet ist der Menschen- 
seele Ewigkeit, die ewige Wesenheit des Menschen, wie sie von Leben 
zu Leben geht. In vollem Einklang mit dem, was fur die Naturwissen- 
schaft geschehen ist, steht die Geisteswissenschaft da. 

Und noch einmal sei es mir gestattet, auch in dieser Stadt darauf 
aufmerksam zu machen, wie die Geisteswissenschaft keine Religion 
stiften will, wie sie aber das Seelenleben religioser stimmt, und wie 
sie gerade zu der Wesenheit im religiosen Mittelpunkte, zu dem Chri- 
stus hinfiihrt. Wiederholt sei es mir gestattet, darauf aufmerksam zu 
machen, wie Geisteswissenschaft, obzwar sie keine neue Religions- 
gemeinschaft stiften will, sie doch die Menschenseele tief religios 
stimmt, wie sie aus der Wissenschaft des Geistes heraus nicht eine 
neue Religion, aber ein vertieftes religioses Bewufttsein herbeifiihrt. 
Und derjenige, der sich fiirchtet vor der Geisteswissenschaft so, als 
ob sie zerstoren konnte das religiose Bewufttsein, der gleicht einem 
Menschen, der etwa vor Kolumbus hingetreten ware, als er nach 
Amerika gefahren ist — gestatten Sie, daft ich diesen Vergleich ge- 
brauche — und gesagt hatte: Warum entdeckst du Amerika? Hier in 



unserem alten Europa geht so schon die Sonne auf; wissen wir denn, 
ob in Amerika auch die Sonne aufgehen wird und die Menschen warmt 
und die Erde beleuchtet? Derjenige aber, der in den Sinn des physi- 
schen Erdendaseins eingetreten ist, der wird gewuftt haben, daft in 
alien Landern die Sonne leuchtet. Wer da aber fiir sein Christentum 
fiirchtet, der gleicht einem solchen Menschen, der die Entdeckung 
eines neuen Landes fiirchtet, weil er meint, es konne vielleicht dort 
die Sonne nicht scheinen. Wer wahrhaft Christus-Sonne in seiner 
Seele tragt, der weift, daft die Christus-Sonne in jedem Lande leuchten 
wird. Und welche Gebiete auch noch entdeckt werden mogen, sei es 
auf Gebieten der Natur oder auf Gebieten des Geistes, das Amerika 
des Geistes wird niemals entdeckt werden, wenn nicht das wahrhaft 
religiose Leben in Zugehorigkeit zum Mittelpunkt des Erdendaseins, 
zur Christus-Sonne sich hinneigen wird, und wenn nicht diese Chri- 
stus-Sonne, die Seelen erleuchtend, die Seelen erwarmend, die Seelen 
befeuernd scheinen wird. Nur derjenige, der schwach ist in seinem 
religiosen Fiihlen, kann fiirchten, daft dieses religiose Fiihlen ersterben 
oder erlahmen konnte in einer neu entdeckten Lage. Wer aber stark 
ist in seinem echten Christus-Gefiihl, der wird nicht Furcht haben 
vor dem Wissen, der wird nicht fiirchten, daft in irgendeiner Weise 
gefahrdet werden konnte der Glaube durch das Wissen. 

In diesem Vertrauen lebt Geisteswissenschaft. In diesem Vertrauen 
spricht Geisteswissenschaft zur Kultur der Gegenwart. Denn sie weift, 
daft das wahr ist, daft wahres religioses Denken und Fiihlen durch keine 
Forschung gefahrdet werden kann, sondern nur eine schwache Reli- 
giositat etwas zu fiirchten hat. Sie weift, daft man Vertrauen haben 
darf zum Sinn der Wahrheit. Und weil der Geistesforscher durch die 
erschiitternden Ereignisse seines Seelenlebens, durch das, was er objektiv 
durchgemacht hat, weift, was in den Tief en der Menschenseele lebt, und 
weil er durch seine Forschungen Vertrauen zur Menschenseele gewinnt, 
weil er sieht, daft die Menschenseele die innigste Verwandtschaft hat 
mit der Wahrheit, so glaubt er, wie auch die Zeichen in der Gegenwart 
gegen die Geisteswissenschaft sprechen mogen, doch an den endlichen 
Sieg der Geisteswissenschaft. Und er erhof f t ihn von dem wahrheitslie- 
benden und auch von dem echten religiosen Leben der Menschenseele. 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

Zu den Vortragen: Ein Text zur Einladung zu den Kopenhagener Vortragen 
«Uber den Sinn des Lebens» lag den Herausgebern nicht vor. Die Einladung zu 
den Norrkopinger Vortragen iiber «Theosophische Moral» lautet wie folgt: 

Theosophische Freunde! 

Im Anschlufi an die Generalversammlung der Skandinavischen Sektion 
der Theosophischen Gesellschaft, welche am 26. und 27. Mai in Norr- 
koping, Schweden, stattfindet, wird Herr Dr. Rudolf Steiner am 28., 29. 
und 30. Mai drei Logenvortrage halten iiber das Thema: 

Theosophische Moral. 
Anmeldungen werden friihzeitig erbeten und sind an Frau A. Wager 
Gunnarsson, Norrkoping, Stathoga zu richten. 

Es wird bemerkt, dafi unmittelbar nach den Vortragen in Norrkoping 
Dr. Steiner nach Kristiania reist, wo ein Zyklus vom 2. - 11. Juni ab- 
gehalten wird. 

Teosofiska Logen 
Norrkoping, Schweden 
Nya Radstugatan 24 

und die Einladung zu den Vortragen «Christus und die menschliche Seele» 
lautet: 



Zu den Vortragen, die Herr Dr. Rudolf Steiner vom 12. bis 16. Juli 1914 
in Norrkoping, Schweden, halten wird, werden hiermit die Mitglieder 
der Anthroposophischen Gesellschaft auf das freundschaftlichste ein- 
geladen. 

Es werden stattfinden: 
Am 12., 14., 15. und 16. Juli abends 8 Uhr Vortrage fur die Mitglieder 
iiber das Thema: «Christus und die menschliche Seele» 
Lokal: Norrkopings Kontoristforening. 

Am 13. Juli abends 8 Uhr ein offentlicher Vortrag iiber das Thema: 
« Theosophie und Christentum» 
Lokal: Norrkopings Horsal. 

r • * 

Anthroposophische Gesellschaft, Norrkopingsgruppe 

Hinter den Ausfiihrungen der Vortrage steht die gro£e Auseinandersetzung 
mit der Christus-Anschauung der ftihrenden Personlichkeiten der Theosophi- 
schen Gesellschaft, die zuletzt zur Trennung von der Theosophischen Gesell- 



schaft und zur Begriindung der Anthroposophischen Gesellschaft fuhrte. Man 
vergleiche hierzu z. B. die Ausfiihrungen Rudolf Steiners im 5. Vortrag des 
Zyklus «Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewe- 
gung im Verhaltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft» (GA 258, S. 106f.) 
und das Vorwort, das Marie Steiner zur ersten buchfdrmigen Ausgabe der 
Vortrage «Christus und die menschliche Seele» 1933 geschrieben hat (in «Marie 
Steiner, Gesammelte Schriften I: Die Anthroposophie Rudolf Steiners. Gesam- 
melte Vorworte zu Erstveroffentlichungen von Werken Rudolf Steiners», 
Dornach 1967). 

Zu bemerken ist noch, dafi die Kopenhagener Vortrage «Uber den Sinn des 
Lebens» und die Norrkopinger Vortrage iiber «Theosophische Moral» in ihrer 
Thematik in dem sich unmittelbar anschliefienden Vortragszyklus «Der Mensch 
im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie», gehalten vom 2. bis 
12. Juni 1912 in Kristiania (Oslo), eine Fortsetzung, Erweiterung und Zusam- 
menfassung gefunden haben. 

Textunterlagen: Von alien Vortragen dieses Bandes liegt jeweils nur eine Nie- 
derschrift vor. Die Norrkopinger Vortrage vom Juli 1914 sind von Hedda 
Hummel nachgeschrieben worden. Die Nachschreiber der anderen Vortrage 
sind namentlich nicht bekannt. 

Titel des Bandes und der Vortrage: Der Haupttitel des Bandes, «Christus und 
die menschliche Seele», stammt von Rudolf Steiner, desgleichen die Titel «Uber 
den Sinn des Lebens», «Theosophische Moral» und «Anthroposophie und 
Christentum». 

Die Herausgabe der 1. Auflage besorgten Paul Jenny und Johann Waeger. 

Die Inhaltsangaben wurden fur die 2. Auflage erstellt. 

Einzelausgaben: 

Norrkoping, 12., 14., 15., 16. Juli 1914, «Christus und die menschliche Seele» 
(Zyklus 34): Berlin 1915, Dornach 1933, 1949, 1960, 1966, 1983. 

Kopenhagen, 23. und 24. Mai 1912, «Uber den Sinn des Lebens»: Berlin 1912, 
1913, Dornach 1952, (zusammen mit «Theosophische Moral») 1960, 1982. 

Norrkoping, 28., 29., 30. Mai 1912, «Theosophische Moral»: Berlin 1912, 
Dornach 1952, (zusammen mit «Uber den Sinn des Lebens») 1960, 1982. 

Norrkoping, 13. Juli 1914, «Anthroposophie und Christentum»: Dornach 1960, 
1973, 1990. 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schluli des Bandes. 

Zu Seite 

24 Raffael, eigentlich Raffaelo Santi, 1483 - 1520. 

Tizian, eigentlich Tiziano Vecellio, 1489/90(?) - 1576, bedeutendster Maler der 
Venetianischen Schule. 

26 Giovanni Santi, gest. 1491; vgl. iiber ihn Aug. Schmarsow, «Giovanni Santi, der 
Vater Raphaels*, Berlin 1887. 

30 der deutscbe Dichter Novalis: Eigentlich Friedrich Freiherr von Hardenberg, 1772 
bis 1801, Dichter der Roman tik. 

33 eine Broschiire die ein deutscher Physiologe geschrieben hat: Konnte bis jetzt 
nicht aufgefunden werden. 

37 «Wie erlangt man Erkenntnisse der boheren Welten?» (1904/05), GA 10. 

53 «Wahrheit und Wissenschaft». Vorspiel einer <Philosophie der Freiheit>» (1892), 
GA 3. 

Ich kenne einen spajiigen Herrn: Konnte bis jetzt nicht nachgewiesen werden. 

57 Angelus Silesius, eigentlich Johannes Scheffler, 1624 - 1677; der angefiihrte Aus- 
spruch stammt aus «Cherubinischer Wandersmann». 

58 «In deinem Denken leben Weltgedanken ...»: In «Die Priifung der Seele», I. Bild. 
Siehe «Vier Mysteriendramen» (1910 - 13), GA 14. 

60 ein bertibmter Schriftsteller: Georg Christoph Lichtenberg, 1742 - 1799. 

Ein einziges Land Freie Wiedergabe des Lichtenbergschen Aphorismus: «Es sind 
zuverlassig in Deutschland mehr Schriftsteller, als alle vier Weltteile uberhaupt zu 
ihrer Wohlfahrt no tig haben.» 

69 Arthur Schopenhauer, 1788 - 1860. 

Moral predigen ist leicht Schopenhauer in seiner «Preisschrift iiber die Grand - 
lage der Moral», in «Samtliche Werke» in zwolf Banden, mit Einleitung von Dr. 
Rudolf Steiner, Stuttgart 1894, Bd. 7, S. 133. 

77 Hartmann von Aue, geb. zwischen 1 160 und 1 165, gest. 1213, mittelhochdeutscher 
Minnesanger und Epiker. Sein episcb.es Gedicht «Der arme Heinrich» ist um 1190 
- 1197 entstanden. 

78 Franz von Assisi, eigentlich Giovanni Bernardone, 1182 - 1226, der heilige Fran- 
ziskus, der «seraphische Vater» (Pater seraphicus), Stifter der Franziskaner. 

79 die heilige Hildegard, 1089 - 1179, Abtissin zu Rupertsberg bei Bingen. 



94 Attila, in der germanischen Sage als Etzel bekannt, Konig der Hunnen 434 - 453, 
gest. 453; schuf mit seinem Bruder Bleda (gest. 445) das grofie Hunnenreich. 

99 die ersten Lebensjahre: Siehe hierzu Rudolf Steiner, «Die Erziehung des Kindes 
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» (1907), in «Lucifer - Gnosis. Ge- 
sammelte Aufsatze aus den Zeitschriften <Luzifer> und <Lucifer - Gnosis> 1903 - 
1908», GA 34. 

105 Plato, 427 - 347 v. Chr.; iiber die drei Tugenden vgl. seine Schrift «Politeia» 
(Staat), 4. Buch. 

110 Aristoteles, 384 - 322 v. Chr,, griechischer Philosoph; iiber seine Tugendlehre vgl. 
seine beiden Schriften «Nikomachische Ethik» und «Eudemische Ethik». 

114 «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche 
Ergebnisse iiber die Menschheits-Entwickelung» (1911), GA 15. 

120 William Shakespeare, getauft 1564, gest. 1616; seine Tragodie «Timon von Athen» 
(Timon of Athens) ist vermutlich zwischen 1606 und 1609 entstanden. 

130 das Gewissen: Uber «die Entstehung des Gewissens» handelt der sechste Vortrag 
des Zyklus «Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewufitseins» 
(7 Vortrage Berlin 1909/10), GA 116. 

134 Herzog Karl August von Sacbsen-Weimar, 1757 - 1828. 

«Die verniinftige Welt ...»: In seinem Brief an Friedrich August von Beulwitz vom 
18. Juli 1828; siehe die Weimarer Ausgabe oder Sophien-Ausgabe von Goethes 
Werken, Abt. IV: Briefe, 44. Bd. (1909), S. 210. 

147 Aurelius Augustinus, 354-430. 

«ln alien Religionen war etwas Wakres ... »: Freie Wiedergabe der nachfolgenden 
Stelle: «Was man gegenwartig die christliche Religion nennt, bestand schon bei 
den Alten und fehlte nicht in den Anfangen des Menschengeschlechts und als 
Christus im Fleische erschien, erhielt die wahre Religion, die schon vorher vor- 
handen war, den Namen der christlichen.» «Retractationes» I, XIII, 3; siehe auch 
«De civitate dei», VIII, 9. 

155 Besser ein Bettler in der Oberwelt ... : Homer im 11. Gesang der «Odyssee». 

164 eine dichterische Natur: Christian Morgenstern, 1871 - 1914; siehe hierzu auch 
Rudolf Steiner « Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens iiber den Tod», 
Dornach 1935. 

168 Mysterienaufftihrungen: Das erste Mysteriendrama wurde von Rudolf Steiner im 
Jahre 1910 verfafit; 1911 folgte das zweite Drama, 1912 und 1913 das dritte und 
vierte Drama. Die Urauffiihrungen der vier Mysteriendramen fanden unter der 
Leitung von Rudolf Steiner in Miinchen als geschlossene, nur fur Mitglieder der 
Theosophischen, 1913 der Anthroposophischen Gesellschaft zugangliche Veran- 
staltungen statt: Die Pforte der Einweihung im Schauspielhaus am 15. August 1910, 
Die Priifung der Seele im Gartnerplatz-Theater am 17. August 1911, Der Hiiter 
der Schwelle im Gartnerplatz-Theater am 24. August 1912, und Der Seelen 
Erwachen im Volks-Theater am 22. August 1913; enthalten in «Vier Mysterien- 
dramen*, GA 14. 



169 eine Seele, die durch ihr Karma ausgestattet war mit einem ganz besonderen Talent 
fur Schdnheit und Kunst: Maria Spettini, Schauspielerin am Deutschen Kaiserli- 
chen Theater in St. Petersburg, das wahrend der Regierungszeit Alexanders II. 
eine Bliitezeit hatte. 

«Luzifer»y «Zeitschrift fur Seelenleben und Geistes-Kultur - Theosophie». Der 
Artikel «Luzifer» von Rudolf Steiner bildete die Einleitung des 1. Heftes dieser 
Zeitschrift (1903); siehe «Luzifer-Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur Anthropo- 
sophie und Berichte aus den Zeitschriften <Luzifer> und <Lucifer-Gnosis> 1903 - 
1908» 5 GA 34. 

173 die . . . seelenbelebend schon in dieses Leben im Leibe herunterwirken: Diese in der 
Nachschrift offensichtlich korrumpierte Stelle wurde in der Ausgabe von 1933 
von Marie Steiner wie folgt wiedergegeben: die ... seelenbelebend schon in diesem 
Leben im Leibe wirken. 

174 an einer bestimmten Stelle meiner «Tbeosophie»: Im Kapitel «Der Geist im Gei- 
sterlande nach dem Tode» in «Theosophie». Einfiihrung in iibersinnliche Welt- 
erkenntnis und Menschenbestimmung» (1904), GA 9. 

179 bei den Miinchener Vortragen: Siehe den Vortragszyklus «Die Geheimnisse der 
Schwelle» (8 Vortrage, 24. bis 31. August 1913), GA 147. 

180 Heraklit von Ephesos, geb. etwa 540 (544), gest. 480 (483) v. Chr., griechischer 
Philosoph. 

das Wort des Heraklit: «Das auseinander Strebende vereinigt sich und alles ent- 
steht durch den Streit» (Fragment B8 in H. Diels, «Fragmente der Vorsokratiker»). 

185 daft der Christus wirklich nach dem Tode zu den Toten heruntergegangen ist: 
Siehe z. B. den Schlufi des 3. Vortrages in «Geisteswissenschaftliche Menschen- 
kunde» (19 Vortrage Berlin 1908/09), GA 107 

Charles Webster Leadbeater, 1847 - 1934, fiihrender englischer Theosoph; «Man: 
Whence, How and Whither», London 1913. 

187 Michelangelo Buonarroti, 1475 - 1564; die Fresken des «Jungsten Gerichts» in der 
Sixtinischen Kapelle entstanden 1536 - 1541. 

193 Jesuitenmdrchen: Die von Annie Besant in die Welt gesetzte Luge, Rudolf Steiner 
sei ein Jesuitenzogling; siehe auch den Vortrag «Skizze eines Lebensabrisses», 
gehalten in Berlin am 4. Februar 1913, in Rudolf Steiner, «Briefe I», 2. Aufl., 
Dornach 1955. 

200 Ich habe einmal bei einem Zyklus in Karlsruhe von dem menschlichen Phantom 
gesprochen: In dem Zyklus « Von Jesus zu Christus* (11 Vortrage 1911), GA 131. 

203 Bernhard von Clairvaux, geb, um 1090, gest. 1153. 

204 Pythagoras von Samos, geb. um 580, gest. um 496 v. Chr., griechischer Philosoph. 

205 was wir gestem gesagt haben: In dem offentlichen Vortrage «Anthroposophie und 
Christentum», gehalten in Norrkoping am 13. Juli 1914; siehe den vorliegenden 
Band Seite 215. 



207 was ich vor Jahren schon ausgesprocben habe: Siehe hierzu z. B. die Notizen von 
der esoterischen Stunde in Munchen vom 16. Januar 1908, in «Anweisungen fur 
eine esoterische Schulung», GA 245, Seite 117f. 

219 Henri Bergson, 1859 - 1941; siehe hierzu «Matiere et memoire», 1896 (deutsch 
1908). 

220 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?» (1904/05), GA 10. 
«Die Geheimwissenscbaft im Umrifi» (1910), GA 13. 

«Die Schwelle der geistigen Welt. Aphoristische Ausfuhrungen» (1913), GA 17. 

229 Gotthold Epbraim Lessing, 1729 - 1781; seine Abhandlung «Die Erziehung des 
Menschengeschlechts» erschien 1780. 

230 Nikolaus Kopernikus, 1473 - 1543, Astronom. 
Galileo Galilei, 1564 - 1642, italienischer Naturforscher. 
Giordano Bruno, 1548 - 1600, italienischer Renaissance-Philosoph. 

231 Rektoratsrede iiber Galilei: Laurenz Miillner, 1848 - 1911, «Die Bedeutung Gali- 
leis fur die Philosophie», Inaugurationsrede, gehalten am 8. Nov. 1894 in Wien. 

232 «Das Cbristentum ah mystiscbe Tatsache und die Mysterien des Altertums» (1902), 
GA 8. 

234 ein Wort des Kircbenvaters Augustinus: Siehe Hinweis zu Seite 147. 

Ein Wort ... ist uns Uberliefert von Plato: In dem Dialog «Phaidon» sagt Sokrates 
im Gesprach mit Simmias: «Und fast scheint es, dafi diejenigen, welche uns die 
Weihen angeordnet haben, gar nicht schlechte Leute sind, sondern schon seit 
langer Zeit uns andeuten, dafi, wer ungeweiht und ungeheiligt in der Unterwelt 
anlangt, in den Schlamm zu liegen kommt; der Gereinigte aber, und der Geweihte, 
wenn er dort angelangt ist, bei den Gottern wohnt. <Denn>, sagen die, welche mit 
den Weihen zu tun haben, <Thyrsustrager sind viele, doch echte Begeisterte nur 
wenige>. Diese aber sind, nach meiner Meinung, keine anderen, als die sich auf 
recbte Weise der Weisheit beflissen haben, deren einer zu werden auch ich nach 
Kraften im Leben nicht versaumt, sondern mich auf alle Weise bemiiht habe.» (13. 
Kap.) 

239 Was Giordano Bruno vor seinen Zuhdrern sagte: Siehe die Dialoge «Vom unend- 
lichen All und den Welten», in Giordano Bruno, «Gesammelte Werke», hg. von L. 
Kuhlenbeck, Bd. 3, Jena 1904. 



NAMENREGISTER 
* = ohne Nennung im Text 



Adam 13, 133 

Aeschylos 130 

Angelus Silesius 57 

Aristoteles 70, 110, 114f., 119, 124 

Attila 94 

Augustinus 147, 234f. 

Bergson, Henri 219 
Bernardone, Giovanni 78-81 
Bernardone, Pica (Donna Pica) 79f. 
Bernhard von Clairvaux 203 
Besant, Annie 193* 
Bruno, Giordano 230, 237, 239f. 
Buddha 13,21,95-98,229 

Danielson, Frau 212 
Darwin, Charles 33 

Elias, Prophet 23, 26, 30 
Euripides 130 

Franz von Assisi 78 - 85, 95, 98 - 1 04, 
120f. 

Galilei, Galileo 230, 237, 239 
Goethe, Johann Wolfgang von 25, 134 

Hartmann von Aue 77f . 

Heraklit von Ephesos 147, 180, 235 

Hildegard von Bingen 79 

Hiob 154 

Homer 155* 

Johannes, Evangelist 66f., 181 
Johannes der Taufer 23f., 26, 28, 30, 
180, 181*, 191,235* 

Karl August, Herzog 134 
Kolumbus, Christoph 240 
Kopernikus, Nikolaus 230 - 233, 236f., 
239 

Leadbeater, Charles Webster 185 
Leonardo da Vinci 29 
Lessing, Gotthold Ephraim 29, 229f. 
Lichtenberg, Georg Christoph 60* 

Michelangelo Buonarroti 1 87 
Morgenstern, Christian 164*, 165f. 



Moses 148 - 151, 153 
Miillner, Laurenz 231* 

Novalis 30 

Paulus, Apostel 82, 98, 145f., 148, 156, 

176, 190 
Petrus, Apostel 82 
Plato 22, 70, 105f., 114f., 117, 119, 124, 

128, 147, 234f. 
Pythagoras von Samos 204 

Raffaelo Santi 24-31 

Santi, Giovanni 26 - 28 
Schopenhauer, Arthur 69 
Shakespeare, William 120 
Sokrates 105, 147 
Spencer, Herbert 70 
Spettini, Maria 169*, 170* 
Sudhodana, Konig 21, 95 

Tizian Vecellio 24 

Steiner, Rudolf 
Schriften: 

Wahrheit und Wissenschaft (GA 3) 53 
Das Christentum als mystische Tat- 

sache (GA 8) 232 
Theosophie (GA 9) 174 
Wie erlangt man Erkenntnisse der 

hoheren Welten ? (GA 1 0) 37, 220 
Die Geheim wissenschaft im Umrifi 

(GA13) 220 
VierMysteriendramen(GA14) 168* 
Die Priifung der Seele (in GA 14) 

58, 61 

Die geistige Fiihrung des Menschen 
und der Menschheit (GA 15) 1 14 

Die Schwelle der geistigen Welt 
(GA 17) 220 

Lucifer-Gnosis (GA 34) 169 

Vortrage: 

VonJesuszuChristus(GA131) 200* 
Die Geheimnisse der Schwelle 
(GA 147) 179* 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergeb- 
nisse vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zwei- 
tens eine grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck 
gedacht und verkauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spa- 
ter Anthroposophischen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies 
Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht 
worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht von mir 
korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn 
miindlich gesprochenes Wort miindlich gesprochenes Wort geblieben 
ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so 
kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so 
hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» nicht 
zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie sek mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, 
wie sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privat- 
drucke in das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen 
der Anthroposophie vor das Bewufksein der gegenwartigen Zeit 
verfolgen will, der mul? das an Hand der allgemein veroffentlichten 
Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, 
was an Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, 
was sich mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum 
Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in un- 
vollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und 
dabei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus 
der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben 
hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was 
aus der Mitgliedschaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehn- 
sucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien 
und den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt 
zu horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man 
wollte in Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarun- 
gen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, 
die ich fiir die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an 
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schrif- 
ten, in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden 
stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was 
in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der 
Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was 
ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was 
nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. 
Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen 
der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke 
liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthropo- 
sophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die 
Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der Ein- 
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mit- 
gliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil uber den Inhalt eines solcben Privatdruckes wird ja 
allerdings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, 
was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fiir die 
allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Er- 
kenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der 
Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposo- 
phische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich 
findet.